Leihmutterschaft: „Wir sind so dankbar für unser 3. Kind“

Leihmutterschaft

Foto: pixabay

Ihr Lieben, das Thema Leihmutterschaft emotionalisiert viele Menschen, die Argumentation ist komplex, es geht um Menschenwürde, um die Kommerzialisierung von Körpern, um den Vorwurf der Ausbeutung auf der einen Seite… und auf der anderen Seite um die Erfüllung eines lang gehegten Kinderwunsches.

Unsere Leserin Jessika hat sich mit ihrem zweiten Mann für diesen Weg entschieden und erzählt uns hier, was all das für sie und ihre Familie bedeutet hat. Denn, wenn wir uns kein Bild von dem Thema machen, können wir uns ja auch kein Urteil dazu bilden. Zu Jessikas Familie gehören ihr drei Jahre jüngerer Mann, ihr leibliches Kind mit 14 Jahren, ihr adoptiertes Kind mit 11 und nun auch ihre kleine Tochter, die bald eins wird.

Liebe Jessika, dein zweites Kind ist adoptiert, wie kam es nach deinem ersten Kind dazu, dass ihr euch für diesen Weg der Familienerweiterung entschlossen habt? 

Leider konnte ich nach meinem ersten Kind aufgrund einer missglückten Plazentarestausschabung keine Kinder mehr bekommen. Daraufhin habe ich das Asherman Syndrom (Verklebungen der Gebärmutterwand) bekommen und trotz intensiver Behandlung war eine erneute Schwangerschaft nicht mehr möglich.

Ich wollte aber schon immer mehrere Kinder haben – am liebsten drei–, da ich auch zwei Geschwister habe, mit denen ich mich sehr gut verstehe. Als feststand, dass ich keine Kinder mehr bekommen kann, ist also für mich erstmal eine Welt zusammengebrochen. Schon damals habe ich mich mit Leihmutterschaft beschäftigt, jedoch kam das für meinen damaligen Mann nicht infrage. Da wir aber gerne unsere Familie erweitern wollten, haben wir schlussendlich den Weg der Adoption eingeschlagen.

Wie war es dann, als ihr euer zweites Kind in der Armen halten konntet? War da sofort Liebe und ein Gefühl des „Du gehörst zu uns“? 

Das Gefühl war überwältigend. Unser Sohn war erst 45 Minuten auf der Welt, als ich ihn das erste Mal in den Armen gehalten habe. Ich hatte nach meinem ersten Sohn gefühlt noch so viel Liebe übrig und er war einfach so ein süßes Kind, man musste ihn einfach sofort ins Herz schließen. Auch der große Bruder war so glücklich über seinen kleinen Bruder und hat ihm ständig Küsschen gegeben.

Wann hast du gemerkt, dass da aber immer noch ein Kinderwunsch in dir schlummert? 

Nachdem wir unseren zweiten Sohn adoptiert hatten, war ich so glücklich, dass es überhaupt geklappt hatte, dass ich zufrieden war mit den zwei Jungs. So geriet der Wunsch nach einem weiteren Kind zunächst ins Abseits, da ich auch wusste, dass eine weitere Adoption einfach so gut wie unmöglich gewesen wäre.

Es war eh schon ein riesiges Glück, dass wir nach nur zehn Monaten Wartezeit, ein Adoptivkind in unsere Familie aufnehmen konnten. Wie viele Menschen möchten denselben Weg gehen und warten jahrelang vergeblich. Dennoch haben einige meiner Freundinnen drei Kinder und ich habe mich immer wieder mal dabei erwischt, wie ich dachte, dass ich auch immer gern ein drittes Kind gehabt hätte.

Ihr seid dann auf die Idee der Leihmutterschaft gekommen, was ging dem voraus? 

Nach einigen Jahren, haben mein Exmann und ich uns friedlich getrennt. Ein Jahr später bin ich mit meinem zweiten Ehemann zusammengekommen. Dieser hatte noch keine eigenen Kinder und wir wünschten uns beide, zusammen noch ein Baby zu bekommen. Er war allerdings derjenige, der schon nach sehr kurzer Zeit das Thema Leihmutterschaft ansprach. 

Hattet ihr auch moralische Bedenken?

Natürlich macht man sich im Vorfeld viele Gedanken zu dem Thema. Uns hat es sehr geholfen, dass wir uns mit mehreren Familien ausgetauscht haben, einige hatten sogar bereits zweimal gute Erfahrungen mit Leihmutterschaft gemacht und meldeten uns nur Positives zurück. Alle Familien waren bis dato in Kontakt mit der Leihmama und das Verhältnis war bei allen sehr herzlich. Allein in unserer Stadt kennen wir drei Familien, die diesen Weg auch gegangen sind.

Wie habt ihr euch dann organisiert? Wie wählt man die Frau aus, die den Embryo eingesetzt bekommt? 

Eine Familie hat uns die Agentur, mit der sie die Leihmutterschaften in der Ukraine gemacht haben, empfohlen. Wir haben diese dann per WhatsApp kontaktiert und erste Fragen gestellt. Wir hatten eine englischsprachige Koordinatorin und der Kontakt lief die gesamte Zeit über Handynachrichten, was schnell und reibungslos verlief. Auch wurden uns immer alle Untersuchungsergebnisse sowie später alle Ultraschallbilder und -videos geschickt.

Welche Emotionen überkamen dich, als es losging? 

Ex
Foto: pixabay

Die Emotionen waren heftig, besonders, nachdem der Embryo eingesetzt worden war. Ich weiß noch, dass wir zehn Tage nach dem Einsetzen morgens das positive Ergebnis bekamen und ich vor Freude geweint habe. Zuletzt hatte ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand, als ich mit meinem ersten Sohn schwanger war und die Emotionen waren sehr ähnlich.

Waren da auch Ängste dabei? 

Natürlich waren da auch Ängste. Bleibt die Schwangerschaft bestehen, gerade in den ersten Wochen ist die Gefahr einer Fehlgeburt immer sehr hoch. Bei jeder Nachricht unserer Koordinatorin habe ich gehofft, dass alles gut ist. Das ist definitiv nichts für schwache Nerven, Updates nur per WhatsApp zu erhalten. Zudem lief zu dem Zeitpunkt leider schon der Krieg in der Ukraine und auch das bereitete uns natürlich Sorgen, auch wenn es zu dem Zeitpunkt kaum Angriffe gab.

Hattet ihr die ganze Zeit Kontakt? Welche Gefühle hattest du der Leihmama gegenüber? 

Ab dem vierten Monat durften wir mit unserer Leihmama Kontakt haben, was sehr schön war. Wir hatten eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe mit ihr, meinem Mann, unserer Koordinatorin und mir. Natürlich war es anfangs komisch, mit ihr zu schreiben, da wir nur Fotos von ihr kannten, aber nach und nach haben wir uns kennengelernt, Bilder unserer Kinder ausgetauscht und auch viel Privates geschrieben.

Man hat das Gefühl bekommen, sich sehr gut zu kennen. Irgendwann hat unsere Bauchmama uns geschrieben, dass sie unsere Tochter das erste Mal gespürt hat, das war so ein tolles Gefühl. Sie hat uns sehr an der Schwangerschaft teilhaben lassen, hat uns Fotos und Videos des Bauchs geschickt und auch geschrieben, wie es ihr geht. Dafür sind wir ihr bis heute dankbar. Nach und nach wurde sie für mich wie ein weiteres Familienmitglied.

Habt ihr die Leihmama vor der Geburt persönlich getroffen?

Ja, eine Woche vor der Geburt waren wir mit ihr und der Koordinatorin, die übersetzt hat, in einem Restaurant essen. Dieser Moment, als ich sie das erste Mal mit unserer Tochter im Bauch gesehen habe, war so überwältigend. Ich habe nur geweint und auch bei meinem Mann, der Leihmama und der Koordinatorin blieben die Augen nicht trocken. Während des Treffens hat sie fast durchgängig meine Hand gehalten. Auch wenn wir beide nicht die Sprache des jeweils anderen sprechen konnten, so war die Körpersprache ganz eindeuztig und hat uns sehr verbunden in diesem Moment. 

Nach der Geburt haben wir sie auch noch zweimal zum Essen getroffen. So konnte sie unsere Tochter kennenlernen und wir hatten genug Gelegenheit, uns noch einmal ausgiebig auszutauschen. Zudem hatten wir für sie und ihre Familie Geschenke mitgebracht, die wir ihr dabei übergaben. 

Wie war es dann, als du hörtest, dass die Geburt losgeht? 

Die Geburt war auf Wunsch der Leihmama ein geplanter Kaiserschnitt. Dieser sollte morgens stattfinden. Wir wurden abgeholt und in das Entbindungsheim gefahren. Dort mussten wir gefühlt eine Ewigkeit warten. Die Emotionen in dieser Zeit sind kaum in Worte zu fassen. Als unsere Tochter dann endlich zu uns in den Raum gebracht wurde, war das auf der einen Seite so surreal und auf der anderen Seite einfach überwältigend. 

Wie war der erste Moment mit eurem Baby? 

Wir haben sofort Bonding betrieben, sie ausgezogen und auf meine nackte Brust gelegt. Später war mein Mann dran. Es waren wunderschöne erste Stunden mit ihr.

Wie war der Moment, euer Kind mit nach Hause zu nehmen?

Baby
Foto: pixabay

Nach der Geburt mussten wir noch zwei Wochen in der Ukraine bleiben, da erstmal alle Dokumente erstellt und apostilliert werden mussten, die man für den Ausweis des Kindes bei der Deutschen Botschaft benötigt. Diese Zeit haben wir sehr genossen. Abseits vom Alltagsstress, nur zu dritt. Wir haben viel in Kiew unternommen, andere Familien getroffen, lecker gegessen, Sehenswürdigkeiten angeschaut.

Der Alltag lief dort ganz normal weiter. Allerdings hatten wir während unserer Zeit dort auch einen heftigen Angriff, der uns mehrere Stunden in den Keller zwang und ein paar mal Luftalarm. Daher war die Erleichterung, endlich nach Hause zu dürfen, schon sehr groß. Am meisten aber, weil ich meine Jungs sehr vermisst habe und wir uns so gefreut haben, ihnen ihre kleine Schwester vorzustellen.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert, dass du plötzlich ein Baby hattest, obwohl es vorher keinen dicken Bauch gesehen hat?

Wir sind damit von Anfang an sehr offen umgegangen. Leute, die es nicht mitbekommen hatten, waren erst sehr überrascht, haben dann aber positiv reagiert. Generell hat unser gesamtes Umfeld super positiv auf die Leihmutterschaft reagiert, was uns natürlich sehr gefreut hat.

Wie geht es euch heute?

Uns geht es sehr gut. Die Jungs lieben ihre kleinen Schwester abgöttisch, wir genießen abwechselnd die Elternzeit und mit unserer Leihmama sind wir nach wie vor in engem Kontakt. Wir hoffen sehr, dass der Krieg in der Ukraine bald endet und wir dann wieder in die Ukraine reisen können, um uns wiederzusehen. Sie hat sich von dem Geld übrigens ein eigenes Haus für sich und ihren Sohn gekauft und freut sich, wenn sie mit der Renovierung fertig ist. 

fcc24353fc0443ecab6544a042c73da4