Vera Zischke: Geschichten über Last, Leere und Liebe von Müttern

Vera Zischke

Vera Zischke

Ihr Lieben, hier kommt ein Fan-Girl-Moment: Ich liebe Vera Zischke als Autorin. Und falls ihr ihr Debüt „Ava liebt noch“ noch nicht gelesen habt, MÜSST ihr das wirklich unbedingt tun, denn hier gibt es keine Weichzeichner, dafür den komplett authentischen Alltag einer Dreifachmutter zum Wiedererkennen, der aber in einer mitreißenden Romanze mit dem viel viel jüngeren Schwimmlehrer ihrer Tochter mündet, nachdem sich Ava in ihrer nach außen hin super wirkenden Ehe über Jahre übersehen gefühlt hat.

Ein Traum von einem Buch, wirklich. Aber Vera wäre nicht Vera, wenn sie, die sie selbst Kinder hat und als Zeitungsredakteurin arbeiten würde, nicht nachts auch noch immer weiterschreibt. Und so ist nun doch tatsächlich ihr zweites Buch auf dem Markt… und Leute! Es hat schon wieder so einen tollen Titel und so ein tolles Cover UND einen so besonders wichtigen Inhalt.

Es heißt „Pina fällt aus“ und auch Pina ist eine Mama. Ein ziemlich alleingelassene auch noch. Die ihren autistischen Sohn komplett allein betreut und begleitet und irgendwann… ausfällt. Wer kümmert sich, wenn sie es nicht mehr kann? Was passiert mit der Gesellschaft drumherum, wenn da plötzlich jemand ist, der Hilfe braucht, aber ganz anders ist als die anderen? Es wird ein Reigen buntester Nachbarschaftshilfe, so viel will ich verraten und es wird am Ende klar: Ein Jeder Mensch bereichert unsere Gesellschaft. Je schräger, desto besser….

Liebe Vera, mit Ava liebt noch hast du den Nerv sooo vieler Mütter getroffen. Eine Dreifachmutter mit okayer Ehe, in der aber vor allem alltagsfunktioniert statt geliebt wird, verknallt sich in den viel jüngeren Schwimmlehrer ihrer Tochter… und plötzlich sind all ihre Lebensgeister wieder geweckt. Sie fühlt sich gesehen, begehrt, wieder back in the game… wo kam das bei dir her?

Portrait Zischke 1
Vera Zischke mit „Ava liebt noch“

Als ich Ava geschrieben habe, saß ich mit drei Kindern zu Hause, hatte einen schrecklichen Job, niemand nahm mich als Teilzeit-Mutti ernst und als ich es wagte, mein Hadern mit der Fremdbestimmung als Mutter laut auszusprechen, sagte jemand zu mir: Hast du dir doch ausgesucht. Und ich dachte: Ich habe mir meine Kinder ausgesucht, ja. Aber doch nicht, dass ich in dieser Mutterrolle komplett verschwinde. Ich habe mich mit „Ava liebt noch“ freigeschrieben und wieder sichtbar gemacht.

Was war da bei dir zuerst da: Der Gedanke, mal zu zeigen, wie einsam so eine Zweckfamiliengemeinschaft machen kann und was so ein paar Schmetterlinge bewirken können oder waren da erst Ava und Kiran mit ihrer verbotenen Liebe?

Ich wollte eine mitreißende Liebesgeschichte mit einer erschöpften Dreifachmutter in der Hauptrolle, die an einem verdammten Windelregal beginnt. Ich bin dafür von einigen Verlagen ziemlich belächelt worden, aber ich habe fest daran geglaubt, dass es da draußen ganz viele Frauen wie Ava gibt, die sich denken: endlich sieht mich mal jemand. Zum Glück sah das meine Lektorin bei Ullstein genauso.

Hast du dich beim Schreiben selbst ein bisschen in Kieran verliebt, wie es vielen Leserinnen ging oder hast du dich in diese heiße Parallelwelt verguckt, die Ava plötzlich wieder so viel Energie für alles andere schenkte?

Klar habe ich mich in Kieran verknallt, und wie. Ich habe die Nächte durchgeschrieben, weil ich selbst wissen musste, wie es mit ihm weitergeht.

Ava lernt Kieran in einem Drogeriemarkt zwischen Windelregalen kennen, in derangiertem Flodderlook. Wie man halt aussieht, wenn man nur kurz neue Pampers braucht… diese Echtheit überrascht – und schafft Identifikationsfläche. War das geplant oder ist das einfach so passiert?

Ich wollte den Alltag einer Mutter so echt wie möglich beschreiben. Ich habe damals selbst so oft in meinem Haushalt gestanden und gedacht, dass ich zu Staub zerfalle, wenn ich noch ein einziges Mal die Spülmaschine ausräume. Vor allem aber habe ich diese Welt damals nicht in der Literatur gefunden. Mental Load war damals etwas, was Coaches auf Instagram besprochen haben. Ich wollte aber keine Drei-Punkte Anleitung für mehr Self-Care, sondern eine künstlerische Auseinandersetzung mit diesem bisweilen doch recht skurrilen Alltag.

Die Sehnsucht nach Kieran fühlt die Leserin ab Sekunde 1 mit. Das kann doch nicht ausgedacht sein, denkt man da… Was sagt dein Mann dazu, dass das alles so real wirkt, als hättest du so etwas selbst schon mal erlebt?

Das ist eine lustige Frage, denn im Gegensatz zu allen anderen muss mein Mann ja nicht rätseln, was echt und was erfunden ist. Und als Autorin denkt man ja so auch nicht über seinen Stoff. Ich schreibe die Geschichte so, wie sie geschrieben werden muss, um herauszufinden, was ich herausfinden will. Und meine Frage war: Wie viel Freiheit kann sich eine Mutter erlauben?

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Kieran ist erfunden. Es gibt ihn leider nicht, ich kann euch keine Telefonnummer zustecken. Für mich sind Ava und Kieran aber eigenständige Wesen und manchmal sehne ich mich danach, mich zu ihnen in die Küche zu setzen und mit Ava Wein zu trinken, während Kieran Spaghetti Carbonara kocht.

Schade 😉 Aber: Nun hast du ein weiteres Buch nachgelegt, wieder so ein schönes Cover, wieder ein Mütterthema im entferntesten Sinne. Es heißt: Pina fällt aus. Und allein der Titel erklärt eigentlich schon alles: Was alles auf uns Müttern lastet und was eigentlich passiert, wenn das mal nicht mehr so klappt… 

Das stimmt, ich bin nicht nur dreifache Mutter wie Ava, ich bin auch pflegende Mutter wie Pina. Es begann also mal wieder mit der Erkenntnis, dass es keine Mutter wie diese als Hauptfigur eines Romans gibt.

Pina fällt aus
Pina fällt aus

Pina hat einen autistischen Sohn und klappt irgendwann einfach zusammen und landet im Koma. Ich denke, so viel darf ich verraten. Wer kümmert sich nun um ihn, der kaum spricht und Rituale braucht?

Ich habe zwei Jahre an diesem Roman herumgeschrieben und versucht, den Alltag einer pflegenden Mutter mit einem schwer autistischen Sohn zu beschreiben. Aber etwas stimmte nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht wirklich das auslösen kann, was ich auslösen will. Und dann kam die Erkenntnis blitzartig. Wenn ich diese Lebenswelt wirklich nachfühlbar machen will, muss ich die Mutter rausnehmen. Was passiert dann? Wer kümmert sich?

Es ist ein Buch über Gemeinschaft geworden, über eine Hausgemeinschaft, die einspringt und in der jede (auf ihre eigene Art schräge) Person anders von dem jungen autistischen Mann profitiert. Nicht verklärend, sondern augenöffnend und wieder: so lebendig… 

Ich glaube, wir sind ein bisschen eingerostet, was das Gründen von Gemeinschaften angeht. Wir sind alle durch Technik und Dienstleister so unabhängig voneinander geworden und wollen uns nicht zur Last fallen. Aber wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander so oder so. Und wir können so unglaublich viel von Menschen wie Leo lernen, die quer zu unserer Leistungsgesellschaft stehen.

Zu guter Letzt: Wo kommen die Geschichten her? Fliegen sie dir zu oder ist es harte und auch mal quälende Nachtarbeit? 

Es ist immer ein elendiges Herumwühlen. Ernsthaft, warum tue ich mir das an? Ich habe gerade 230 Seiten meines dritten Romans verworfen und von vorne angefangen. Aber das Gefühl, mich endlich zum Kern dessen vorgeschrieben zu haben, was ich erzählen will, ist mit nichts zu vergleichen. Das Leiden lohnt sich also und jede verworfene Zeile war am Ende ein Steinchen auf dem gelben Ziegelweg zum Ziel.

Ein letzter Mutmacher gern noch an alle Mütter da draußen:

Du machst das toll! Du bist genug! Deine Mutterschaft ist deine persönliche Angelegenheit. Gestalte sie so, dass es für dich und euch passt. Und ja, Eis ist eine Mahlzeit!

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