Zwillinge: Wenn einem immer alles leichter fällt als dem anderen…

Zwillinge

Foto: AdinaVoicu für Pixabay

Ihr Lieben, Carina hat Zwillinge, die sich zwar sehr ähnlich sehen, aber ganz unterschiedlich ticken und unterschiedliche Stärken haben. Das führt beim jüngeren Zwilling oft zu Frustrationen…

Liebe Carina, du hast 10-jährige Zwillingsjungs kannst du dich noch daran erinnern, was dein erster Gedanke war, als du erfahren hast, dass du Zwillinge bekommst?

Das fand ich großartig, da ich mir tatsächlich immer Zwillinge gewünscht hatte. 

Wie waren die beiden denn als Babys?

Als Babys waren sie noch recht ähnlich. Beide eher „pflegeleicht“. Sie waren immer gleich groß, von der Geburt an bis heute, allerdings war der Ältere immer ein bisschen schwerer. Beide haben gut getrunken und relativ gut geschlafen (also naja, was man bei Babys halt gut schlafen nennt;-)). Sie haben sich gegenseitig beruhigt, man hat auf jeden Fall immer gesehen, dass die Anwesenheit des jeweils anderen geholfen hat. Dass sie zu zweit waren, gab ihnen eine Grundsicherheit, denke ich.

Wie ist die Verbindung zwischen den Brüdern?

Da fallen mir direkt diese Klischees ein: Wie Feuer und Wasser; sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Die Jungs können toll miteinander spielen, aber es kommt auch regelmäßig zu Streit. Dann hauen sie sich buchstäblich die Köpfe ein, tragen ihre Kämpfe also sehr körperlich aus. Als sie noch kleiner waren, hatte immer mindestens einer Bissspuren vom anderen. Ich hoffe, das ändert sich mit zunehmendem Alter…

Du hast gesagt, dass die Jungs sich zwar ähnlich sehen, aber doch recht unterschiedlich sind. Erzähl mal, wo genau.

Der (2 Minuten) ältere Zwilling kann so gut wie alles besser als sein Bruder. Das führt natürlich zu Rivalität und Frustration beim jüngeren Zwilling. Man kann nicht verhindern, dass die beiden überall verglichen werden und das ist tatsächlich für den Jüngeren ein Problem. Der Ältere ist Klassenbester, gut in verschiedenen Sportarten, fröhlich und beliebt. Er war immer schon sehr harmoniebedürftig und gibt bei Streit oder zur Streitvermeidung schnell nach.

Der Jüngere ist sehr autonomiebedürftig. Er will immer das Gefühl haben, selbst zu entscheiden. Er ist auch sehr begabt, aber im Vergleich zum Bruder eben „schlechter“ (ein „Zweier-Schüler“). Er ist auch im Sport nicht so gut wie sein Bruder und er hat auch nur eine geringe Frustrationstoleranz. Er möchte dann lieber Schiedsrichter sein und alles bestimmen.

Wenn es dann aber nicht nach seiner Nase geht, wird er sauer. Ich kann es oft verstehen, es spricht ständig diese Frustration aus ihm, dass er den „besseren“ Bruder immer vor der Nase hat. Ich bin daher sehr froh, dass er nun endlich einen Sport für sich gefunden hat, den er ohne den Bruder macht. Dort fühlt er sich wohl und es ist sehr wichtig, dass er da nicht verglichen wird. 

Und der Große hat es auch ein bisschen leichter, Freundschaften zu schließen, richtig?

Ja genau. Der Ältere hat es auch leichter, in Gruppen Anschluss zu finden, er hat viele Freunde. Der Jüngere hat es da viel schwerer und steht sich manchmal selbst im Weg. Er möchte „cool“ und „krass“ sein, aber treibt die anderen Kinder damit von sich weg. Auch in der Schule eckt er an und es gibt viel Streit mit den Mitschüler*innen.

So war der Ältere etwa 10 Mal zu Kindergeburtstagen eingeladen im letzten Jahr, der Jüngere nur einmal. Das bricht mir das Herz. Wenn wir den Geburtstag der Zwillinge feiern, ist es auch immer schwierig. Wir laden für den Jüngeren fast immer die gleichen Kinder ein, aber es kommen so gut wie keine Gegeneinladungen. Das fühlt sich nicht gut an.  

Was macht das mit den Brüdern, dass der eine scheinbar „beliebter“ ist?

Es führt zu dieser Dynamik einer ständig unter der Oberfläche schwelenden Frustration. Die sich dann zu allen passenden oder unpassenden Gelegenheiten entlädt. Der Ältere ist sich dessen gar nicht so bewusst, denke ich. Aber er bekommt vom Jüngeren ständig Sticheleien – die sich dann schnell in körperliche Auseinandersetzungen steigern.

Und was macht das mit dir?

Ich weiß oft nicht, wie ich das jeweilige Kind unterstützen kann, wenn das andere dabei ist. Allein-Zeit mit den Jungs einzeln wäre sehr wichtig, lässt sich aber leider nicht so oft realisieren. Sie wollen das auch kaum, da sie immer Angst haben, „etwas zu verpassen“.

Ich gehe jetzt mit zunehmendem Alter mehr in die Zuschauerrolle. Es ist toll, ihnen beim Großwerden zuzuschauen, aber man wünscht sich doch, dass beide glücklich sind. Und den einen ständig ausflippen zu sehen wegen einer schwelenden Eifersuchtsproblematik ist schwierig. Weil ich ihm nicht helfen kann (psychologische Untersuchungen, Testungen etc. haben wir gemacht. Es ist ein „soziales Problem“). Der Bruder ist nunmal da und da muss der jüngere Bruder lernen, seinen Weg zu finden. Ich hoffe, dass es mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule entzerrt wird. Ich hoffe sehr auf neue Freunde für den Jüngeren!

Was wünschst du dir für deine Söhne?

Dass sie beide ihren Weg gehen und erkennen, was sie aneinander haben. Dass sie ein tolles Team sind und sich immer aufeinander verlassen können.

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7 comments

  1. Sehr interessanter Artikel, meine Zwillingsjungs werden 14 und ich hab krasse Ähnlichkeiten gefunden aber auch totale Gegensätze. Meine beiden sehen sich sehr ähnlich, sind aber total verschieden. Aber mit dem Kopf durch die Wand wollen beide gleich. Keiner gibt nur einen mm nach. Freunde haben sie unterschiedliche, aber auch gemeinsame. Wir haben die beiden schon im Kindergarten getrennt weil wir nicht wollten das die beiden in die gleiche Klasse kommen. Gerade da werden sie noch mehr miteinander verglichen was bei Zwillingen so schon krass ist. Es war die beste Entscheidung für uns. Mittlerweile sind sie an verschiedenen Schulen und jeder hat andere Interessen oder Fähigkeiten. Einer ist z.b eher draußen und handwerklich und der andere eher indoor und technisch, nur den Sport betreiben sie zusammen. Wir haben sie bewusst nicht gleich angezogen und haben anfangs auch andere Sportarten gesucht um jeden Kind die Möglichkeit zu bieten sich zu einem eigenen Charakter zu entwickeln. Viele haben sich nicht die Mühe gemacht das Individuum zu sehen, es waren immer nur die Zwillinge. Ein Familienmitglied sagte mal, es sei doch egal wen man anspricht, wer es ist, aber nein, es ist nicht egal wer jemand ist. Dadurch verstärken sich solche Rivalitäten noch mehr. Gerade Jungs müssen sich messen und beweisen. Alles Gute allen Eltern und tschakka 😊

  2. Bei Zwillingen stelle ich mir die Konkurrenzsituation schon besonders krass vor und man kann Unterschiede naturgegeben nicht mit „ist älter/jünger“ „relativieren. Aber den „ich bin schon da-“ Effekt kenne ich sogar zwischen meinem 7 Jahre älteren Bruder und mir. Kommentare wie: Du kannst ja nichtmal richtig laufen (bei altersgerecht aufgeschlagenen Knien) und krasse körperliche Überlegenheit, die auch voll ausgespielt wurde, waren an der Tagesordnung. Später fortgesetzt beim Sport, fotografieren, etc.
    Nicht, dass ich mich hätte messen wollen, aber das Gefühl, dass ich mir gerade mit Freude etwas erschließe, was jemand anderes immer schon eher und besser kann, hat mich lange begleitet. Es ist erst besser geworden, als ich mir komplett eigene Tätigkeitsfelder erschlossen habe oder auch mal bei Überschneidungen meinen Bruder in der Kompetenz rechts überholt habe.

  3. Ich wundere mich, dass sowohl im Ursprungsartikel, als auch in einem Kommentar so viel Wert darauf gelegt wird, wer der jüngere ist. Ist das nicht schon Teil des Problems und eigentlich irrelevant? Da kann doch kein ursächlicher Zusammenhang bestehen?

  4. Das klingt für den Jüngeren, und in der Folge dann auch für den Älteren, tatsächlich schwierig. Dieser ständige Vergleich, bei dem er keine Chance hat, muss ja frustrieren.
    Gibt es denn Möglichkeiten, wie beide mehr Erfahrungen und Erlebnisse alleine, ohne den jeweils anderen sammeln können? Dass sie getrennt Sport machen, ist ja ein guter Anfang. Wie sieht es denn in der Schule aus? Besuchen sie die gleiche Klasse? Bei der beschriebenen Dynamik wäre es ja sicher besser, sie zu trennen.

    Ich wünsche euch alles Gute und dass es deinen Söhnen irgendwann gelingt, das Tolle, was die Verbindung zwischen Zwillingen bieten kann, wahrzunehmen.

  5. Aus dem Text geht es zwar nicht direkt hervor, aber gehen die beiden eigentlich in dieselbe Klasse? Die allgemeine Empfehlung lautet ja meist, Zwillinge bewusst zu trennen – und meiner Erfahrung nach tut das gerade den jüngeren Zwillingen oft unheimlich gut, um eine eigene Identität zu entwickeln. Ich kenne selbst ein Beispiel, bei dem ein Zwilling nach der Trennung innerhalb kürzester Zeit ein tolles Selbstbewusstsein aufgebaut und dadurch sogar seinen Sprachfehler komplett abgelegt hat.

  6. Wow, das klingt genau wie bei meinem 1. und meinem 3. Sohn (3 Jahre auseinander).
    Der jüngere ist frustriert da er dem älteren Bruder nicht das Wasser reichen kann – es kommt auch zu körperlichen Rangeleien, die der jüngere Bruder natürlich verliert. Und sie sticheln und dissen sich permanent.
    Ich weiß auch nicht mehr was ich noch tun soll, hoffe es legt sich irgendwann (sind jetzt 15 und 12) 🙈

    Dir alles Gute!

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