Digitale Pubertät: Kinder brauchen Aufklärung statt Aufregung

Digitale Pubertät

Madita Oeming. Foto: Paula Winkler/OSTKREUZ

Ihr Lieben, über 80 Prozent der 12-Jährigen haben heute ein eigenes Smartphone und sind damit allein im Internet unterwegs, wo ihnen früher oder später sexuelle Inhalte begegnen: ob gewollt beim neugierigen Stöbern nach Pornos, bei ersten verliebten Sexting-Versuchen oder aber ungewollt im Klassenchat und beim Online-Zocken mit Fremden. Sexual- und Medienpädagogin Madita Oeming nennt es „Digitale Pubertät“ und bietet Eltern und Bezugspersonen nun mit ihrem Buch Aufgeklärt statt aufgeregt Hilfen und konkreten Rat, wie sie Kinder und Jugendliche im Umgang mit sexuellen Medien souverän begleiten können.

Dabei sind drängende Fragen wie: Mit welchen Online-Risiken wird mein Kind konfrontiert? Wie initiiere ich ein offenes Gespräch über Pornos? Wie stärke ich mein Kind gegenüber den Gefahren von Cybergrooming und Deepfakes? Wie ermutige ich es dazu, sensibel mit Bildern und Daten umzugehen und die eigenen sowie die Grenzen anderer zu wahren? Und das Beste: Ihre Beispiele sind unaufgeregt, selbstsicher und bieten einen aufgeklärten Umgang mit Pornos, Sexting und anderen Themen. Wir durften ihr dazu auch ein paar Fragen stellen.

Aufgeregt statt aufgeklärt
Aufgeklärt statt aufgeregt

Liebe Madita, du redest „so selbstverständlich über Pornos wie andere über die Tomatenpflanzen auf dem Balkon“ schreibt die FAZ. Dann mal los: Wie initiiere ich denn ein offenes Gespräch mit meinem Teenager über Pornos?

Das kommt natürlich immer auf das Alter und die Eltern-Kind-Beziehung an. Im Idealfall wurde schon früh eine gemeinsame Gesprächskultur über Sexualität und Körper sowie über Medien im Allgemeinen etabliert. Darauf kann man dann aufbauen. Um konkret über Pornos ins Gespräch zu kommen, gibt es zwei Einstiegsmöglichkeiten. Entweder über den digitalen Alltag. Gerade Kinder kommen oft ungewollt zum ersten Mal damit in Kontakt. Man kann also fragen: „Ist dir online schonmal was begegnet, was dich verunsichert hat?“

Alternativ kann man auch über die Erfahrungen anderer gehen, um direkt deutlich zu machen. Das passiert oft und ist nicht deine Schuld. Indem Eltern zum Beispiel sagen: „Ich habe gelesen, dass in Klassenchats ganz oft Pornos landen. Ist das bei euch schonmal passiert?“ Bei älteren Jugendlichen kann man anders herangehen und sagen: „Mir ist bewusst, dass du in deinem Alter bestimmt schon Pornos begegnet bist. Ich verstehe, dass das spannend ist. Mir ist nur wichtig, dass du nicht damit allein bleibst, wenn du Fragen oder Sorgen dazu hast“.

Was sollte ich mit meinem Kind besprechen, bevor es ein eigenes Handy in die Hand bekommt? 

Ich würde vorher Absprachen treffen, wie das Kind das Gerät nutzen kann. Sich einigen, welche Apps schon okay sind, welche nicht, welche Geräteeinstellungen notwendig sind. Und dabei immer wieder deutlich machen, dass es um den Schutz des Kindes geht. Kindern sollte bewusst  sein, warum sie zum Beispiel sensibel mit ihren Daten umgehen sollten. Man kann gemeinsam überlegen, welches Profilbild oder welcher Profilname sich eignet, um nicht zu viel preiszugeben. Wenn Eltern es schaffen, gemeinsam mit ihrem Kind zum Team gegen mögliche Online-Risiken zu werden, ist das ideal.

Themen wie Cybergrooming oder Sextortion müssen altersgemäß nicht unbedingt ausgeführt, aber schon deutlich gemacht werden: „Es gibt Erwachsene im Internet, die sich als Gleichalte ausgeben, und dir nicht unbedingt Gutes wollen. Also hör auf dein Bauchgefühl, wenn sich etwas komisch anfühlt!“ Der kontinuierliche Austausch zählt. In welchen digitalen Räumen bewegt sich das Kind? Welchen Menschen und Inhalten begegnet es dort? Die wichtigste Botschaft lautet: „Was immer dir online passiert, du kannst mit mir darüber sprechen und ich werde dich nicht dafür bestrafen“.

Was genau meinst du, wenn du von „Pornokompetenz“ sprichst? 

Pornokompetenz ist quasi eine pornobezogene Medienkompetenz. Es geht darum, pornografische Inhalte kritisch reflektieren und einordnen zu können, aber auch für sich selbst in der Lage zu sein, einen Umgang damit zu finden, der sich gut anfühlt.

Es beinhaltet also zum einen ein Bewusstsein für die Gemachtheit der Bilder, also das Wissen, dass das Fantasiefilme für Erwachsene sind, kein Abbild von oder eine Anleitung für Sex. Damit hängt auch zusammen, sich nicht mit den Körpern oder der gezeigten Sex-Performance zu vergleichen. Zum anderen gehört aber auch dazu, die eigenen Grenzen zu kennen und zu kommunizieren und die anderer zu respektieren. Also zum Beispiel nicht einfach ungefragt anderen pornografische Inhalte zu schicken. Und genauso selbst zu spüren, ob sich Bilder gut oder schlecht anfühlen.

Wenn mein Kind mir erzählt, dass es in einem Gaming-Chatraum eine komische Konversation gab mit Nachfragen zu Masturbation… wie reagiere ich als Elternteil darauf? 

Handysucht
Foto: pixabay

Erstmal ruhig. „Danke, dass du mir das erzählst“ sollte der erste Satz sein, um das Kind darin zu bestärken, das wieder zu tun. Und dann vielleicht nachfragen: „Warum kam dir das komisch vor? Was weißt du über die andere Person?“ Und so weiter. Dabei möglichst wertfrei bleiben und unbedingt Sätze vermeiden wie „Warum hast du das überhaupt gemacht?“

Dein Kind hat zu diesem Zeitpunkt vermutlich eh schon das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Je nach Situation kann man dann gemeinsam überlegen, wie weiter vorzugehen ist. Soll der Kontakt blockiert werden? Ist es ein Fall für eine Anzeige? Es sollte möglichst nichts über den Kopf des Kindes entschieden werden. Außerdem kann man gemeinsam schauen, ob in Zukunft solche Kontakte vielleicht vermieden werden können. Beispielsweise durch andere Einstellungen oder einen anderen Server.

Du giltst auch als Deepfakes-Expertin, was genau sollten wir Eltern über die „digitale Pubertät“ wissen, um unsere Kinder gut begleiten zu können?

Eltern sollte vor allem bewusst sein, dass aus einem einzigen, harmlosen Bild heute problemlos täuschende, auch diffamierende oder sexualisierende, KI-manipulierte Inhalte hergestellt werden können. Dementsprechend sensibel sollten Kinder mit ihren eigenen Bildern haushalten. Sich also zum Beispiel gut überlegen, was für ein Profilbild sie wählen und in welchen Kreisen sie Bilder teilen. Klingt hart, aber: jedes Bild kann heute einfach missbraucht werden.

Das gilt natürlich auch für die Bilder, die Eltern teilen. „Sharenting“ ist ein Problem. Was ich auf vielen Eltern-Social-Media-Accounts finde, würde problemlos reichen, um zum Beispiel sexuell explizite Deepfakes daraus zu machen. Das ist keine Theorie, sondern bereits pädokriminelle Praxis. Hier wünsche ich mir mehr Awareness von Erwachsenen. Kinder sind kein Content.

Welche Regeln hältst du in Sachen Cybergrooming für essentiell wichtig? 

Kinder, die alleine im Internet unterwegs sind, ob an ihrem eigenen Smartphone oder auf Gaming Servern,  sollten vor allem wissen, dass es dieses Phänomen gibt. Auch, um überzeugend zu erklären, warum manche Regeln sinnvoll sind. Eine Absprache kann zum Beispiel sein, keine Kontaktanfragen von Menschen anzunehmen, die man nicht zuordnen kann. Oder auch Profilnamen zu wählen, die nichts über Alter, Geschlecht oder Wohnort preisgeben. Außerdem kann man Warnsignale vermitteln, wie: „Wenn jemand dich zu Informationen oder Bildern drängt oder immer wieder darauf beharrt, zu einem anderen Kanal zu wechseln, sollte dich das skeptisch machen“.

Kindern muss dazu unbedingt bewusst sein, dass sie ein Gespräch jederzeit verlassen können, wenn es sich komisch anfühlt. Dafür ist es auch wichtig, sie nicht immer und überall nur auf Höflichkeit zu trimmen. Die wichtigste „Regel“ ist und bleibt aber auch hier: „Du kannst immer zu mir kommen, wenn du dir unsicher bist mit einer Erfahrungen oder einer Begegnung im Internet!“.

Du schreibst auch über Pornografie-Mythen. Welche halten sich da am hartnäckigsten?

Oh, das sind etliche. Dass nur Männer bzw. Jungs das schauen zum Beispiel. Dass darin immer nur erniedrigte Frauen zu sehen wären. Dass Pornonutzung die meisten Menschen süchtig mache. Oder dass Jugendliche durch frühe Kontakte automatisch hypersexualisiert würden. Es gibt  potentielle Risiken von Pornos, klar, aber sie werden tendenziell überschätzt. Und über moralisch gespeiste Annahmen wird oft geredet, als wären es empirisch belegte Fakten. Das ärgert mich. Besonders wenn dadurch, wie auch unter rechten Kampfbegriffen wie „Frühsexualisierung“, sexuelle Bildung erschwert wird, die ein effektiver Schutz vor tatsächlichen möglichen Negativwirkungen von Pornokontakten darstellt.

Hat dich selbst die viele Arbeit mit dem Thema verändert? Falls ja: wie?

In vielerlei Hinsicht, ja. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass dieses Buch ein ganz schöner Kraftakt war und mich einige der Themen auch nachhaltig belasten. Schließlich habe ich mich täglich mit Gewaltthemen beschäftigt, das habe ich unterschätzt. Aber ich bin gleichzeitig gestärkt. Ich fühle mich witziger Weise viel sicherer, obwohl ich alle Gefahren viel präsenter auf dem Schirm habe. Auch mir hilft Wissen, um mich zu orientieren. Vor allem aber hat es meinen hoffnungsvollen und liebevollen Blick auf die Kinder und Jugendlichen ‚von heute‘ bekräftigt. Die kriegen so viel so gut hin, selbst wenn wir sie damit im Stich lassen. Das berührt mich.

Aufgeklärt statt aufgeregt
Madita Oeming. Foto: Paula Winkler/OSTKREUZ

Welche Chancen siehst du für unsere Kids aber auch im Netz (Outings doch heut viel leichter, weil man Gleichgesinnte findet, oder)? 

Digitale Räume haben auch viele Potentiale für die sexuelle Entwicklung. Sie können ein Möglichkeitsraum sein, in dem sich Jugendliche in vergleichsweise kontrollierbaren Settings an erste sexuelle Begegnungen herantasten können. Sofern sie die entsprechenden Kompetenzen an die Hand bekommen. Online kann ich wegklicken, blockieren oder zwei Stunden mit meiner Antwort warten. Ich kann leichter bei mir und meinen Grenzen sein. Ein digitales Nein fällt vielen leichter. Und ein ja auch. 

Gerade für all diejenigen, die in analogen Räumen eingeschränkt sind, weil sie queer sind, mit Behinderungen leben, unter strenger elterlicher Kontrolle stehen oder schlichtweg schüchtern sind, kann das Internet zu einem wertvollen Ort werden. Ich hätte mir für meine Jugend diese Möglichkeiten sehr gewünscht und bin überzeugt, dass es mir einige negative analoge Erfahrungen erspart hätte.

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3 comments

  1. Ich habe das Buch auch bestellt und gerade die ersten Seiten gelesen. Es ist genau der Ratgeber, nach dem ich gesucht habe. Einfach toll. Wenn man Kinder hat, die bald ihr erstes eigenes Smartphone in Händen halten, ist dieses Buch Gold wert und unbedingt vorher zu lesen. Vielen Dank für diese wertvolle Hilfe!!!!

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