Ihr Lieben, war für euch immer klar, dass ihr Kinder haben möchtet, kamen sie unverhofft in euer Leben oder habt ihr euch nach langer Überlegung dafür entschieden? Verena Kleinmann ist an einem Punkt in ihrem Leben, an dem viele ihrer Freundinnen Kinder bekommen.
Und für sie selbst gehörten Kinder lange unhinterfragt zu ihrem Lebensentwurf – obwohl da eigentlich kein Kinderwunsch war. Trotzdem fragt sie sich natürlich: Werde ich es bereuen, wenn ich keine Kinder bekomme? Bin ich dann einsamer oder unglücklicher? Welche gesellschaftlichen Erwartungen beeinflussen eigentlich meine Entscheidung? Und wer ist eigentlich mal meine Familie, wenn ich keine Kinder bekomme? Sie hat ein Buch darüber geschrieben: Alle kriegen Kinder, ich zweifle.
Liebe Verena, welche Frage zum Thema Kinderkriegen ist grad die lauteste in deinem Kopf?
Vermutlich die, wie mein Buch zu dem Thema ankommen wird. Aber darauf wolltest du vermutlich nicht hinaus 😉 Aktuell haben die allermeisten meiner engen Freundinnen kleine Kinder. Die Freundinnen, die ich am längsten kenne und die mir entsprechend nah sind, wohnen dazu noch in anderen Städten.
Mich treibt es um, wie wir es schaffen, uns trotz der unterschiedlichen Lebensmodelle beim Thema Kinder nicht zu verlieren. Ich habe darüber mit einigen gesprochen und wir haben uns überlegt, dass wir um dem entgegenzuwirken, trotz dass wir so unterschiedliche Leben führen, gerne mal gemeinsam Kurzurlaub ausprobieren wollen.
Für dein Buch hast du Dutzende Interviews geführt. Wie war die Quintessenz? Gibt es Möglichkeiten, ein ebenso erfülltes Leben außerhalb der klassischen Kleinfamilie zu führen?
Puh, es gibt so viele „Quintessenzen“. Vorneweg: Ja klar, kann man ein erfülltes Leben auch ohne klassische Kleinfamilie führen. Das gilt auch umgekehrt: Nicht allein die klassische Kleinfamilie führt dazu, dass man zwangsläufig ein erfülltes Leben führt. Das ist ja kein Selbstläufer. Schon allein, weil „Erfüllung“ ja für jede und jeden ganz unterschiedlich aussieht. Jetzt zu den Quintessenzen.
Eine ist: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten unser Leben zu führen. Ich bin davon überzeugt, dass jede Variante Schönes, Tragisches, Tolles, Verrücktes, Trauriges, etc. mit sich. Mit und ohne Kinder. Es ist also aus meiner Sicht wirklich völliger Quatsch zu denken, dass die, die die klassische Kleinfamilie gegründet haben, alles richtig gemacht haben und für immer „happily ever after“ leben.
Das ist in der Realität wie bereits gesagt so natürlich nicht. Wir haben das aber so unter anderem durch Filme und Märchen beigebracht bekommen und internalisiert. Deshalb sind wir dann auch so überrascht oder entsetzt, wenn sich Paare wie gerade Collien Fernandes und Christian Ulmen trennen. Dabei gibt es in allen Familien- und Lebensmodellen kleine und große Herausforderungen.
Eine andere Quintessenz ist: Man bringt sich immer selbst mit. Heißt, wenn ich zweifle, was ich gut kann, kann ich das an allem tun. Also auch in egal welchem Lebens- oder Familienmodell ich mich befinde. Heißt für mich: Nicht so viel im Defizit denken, sondern viel mehr zu sehen, was ich habe. Und wenn mir was fehlt, schauen, ob ich die Ressourcen dazu habe, es zu ändern.
Gab es auch Mütter, die du befragt hast, für die Mutterschaft nicht nur Erfüllung, sondern auch Aufopferung bedeutete? Die mit den patriarchalen Strukturen hadern, in der wir auch heute noch Familie leben?
Ja, klar. Ich habe mit vielen Frauen gesprochen, die vor allem rückblickend bemerken, wie sehr sie sich aufgeopfert haben; dass sie erschöpft sind; dass sie immer für den emotionalen Frieden in ihren Familien da waren und dass sie sich viele Jahre ziemlich vergessen haben. Die Frauen, von denen ich gerade spreche, sind älter als ich. Ich kann (noch) nicht einschätzen, wie stark das meine Freundinnen, die so alt sind wie ich und die noch jüngere Generation von Müttern treffen wird.
Meine Einschätzung ist aber, dass sich da (noch) nicht ausreichend viel geändert hat. Was mich daran am wütendsten macht: In den meisten Fällen, die ich kenne, sehen die Männer nicht, wie viel ihre Frauen – die Mütter ihrer Kinder – geleistet haben und noch leisten. Gerade, wenn es zu Trennungen kommt, versuchen sie sich gerade auch finanziell zu retten. Diese Männer verstehen einfach weiter nicht, wie viel unbezahlte Sorgearbeit von ihren Frauen geleistet wurde. Das macht mich wirklich so sauer und traurig.
Fehlen dir, solltest du kinderlos bleiben, so ein bisschen auch die Vorbilder?
Ja, total! Es gibt kaum kinderlose Vorbilder außerhalb der Katzenlady oder der Karriere-Frau ohne Kinder. Dabei geben uns Vorbilder Orientierung. Durch sie lernen wir Möglichkeitsräume kennen. Wenn wir immer nur die aufopfernde, kochende, staubsaugende Mama, die in Teilzeit arbeitet, sehen, dann denken wir natürlich, dass das wohl das ist, was man dann so als Frau später mal macht.
Das war jetzt natürlich überzeichnet und entspricht nicht mehr komplett der Realität. Dass wir Vorbilder brauchen gilt auch fürs kinderlos Altsein. Deshalb fand ich es so schön in Altenheimen mit kinderlosen Frauen zu sprechen. Alle haben mir gesagt, dass sie sich nicht einsam fühlen. Das fand ich total beruhigend. Im Übrigens sind Risikofaktoren für Einsamkeit wenig Bildung und zu wenig finanzielle Mittel. Kinderlosigkeit ist kein Risikofaktor.
Welche Ambivalenz spürst du selbst noch in der Frage, ob du Mutter werden solltest oder nicht?
Ich sehe die große Liebe, die meine Freundinnen und auch ihre Partner gegenüber ihren Kindern empfinden und ich sehe auch, wie gerne ich Zeit mit ihnen und ihren Kindern verbringe. Dann denke ich schon ab und zu, dass das natürlich superschön ist und auch so tief. Das habe ich nicht. Dann bin ich wieder zuhause und genieße mein freies Leben sehr und sehe natürlich auch wie viel Kraft, Verantwortung und Aufopferung es bedeutet, wenn man Kinder hat. Ich glaube, das ist das Spannungsfeld, das vermutlich niemals weggehen wird. Ich bin aber auch sehr gut darin, immer verschiedene Perspektiven zu sehen.
Welche Zweifel und Tabus gibt´s denn noch in Sachen Kinderwunsch oder kein Kinderwunsch?
In der Gruppe der Mütter ist es wohl so, dass man weiterhin nicht sagen darf, dass man die Mutterrolle bereut. Das haben mir auf alle Fälle zwei Frauen, die sich zur Gruppe „Regretting Motherhood“ zählen, so gesagt. Auf der Seite der Frauen, die sich ein Kind wünschen, ist wohl immer noch ein Tabu ins Kinderwunschzentrum zu gehen. Das hat mir eine Kinderwunschärztin in einem Interview gesagt.
Die Gynäkologin meinte: „Die Leute reden über Anal-Bleaching, Brüste straffen und sonst was; das Thema Kinderwunschzentrum ist ein größeres ein Tabu.“ Das fand ich einerseits sehr lustig ausgedrückt, aber natürlich auch echt krass. Das sind nur zwei von vielen Tabus bei dem Thema. Ich denke, dass das auch daran liegt, dass da so viel Emotionen, Scham, Verletzlichkeit, etc. drinstecken.
Dein Fazit nach dem Schreiben des Buches ist so ein bisschen, dass es vor allem eines braucht: Bindungen. Wie genau meinst du das?
Ja, Bindungen sind laut Studien der zentrale Faktor für ein glückliches Leben. Wir brauchen Menschen, auf die uns verlassen können und die sich auf verlassen können. Für tiefe Beziehungen sind vor allem zwei Faktoren wichtig: Beziehungsarbeit, in Form von gemeinsam verbrachter Zeit und gemeinsamen Erlebnissen und Kompatibilität. Diese Bindungen kann man in der biologischen Familie finden, muss man aber nicht. Deshalb ist es mir auch so wichtig wieder mehr Zeit mit meinen längsten Freundinnen verbringen. 😊
Mit welchem Blick schaust du in deine Zukunft? Was fürchtest du, auf was freust du dich?
Ich bin super gespannt, welche Wendungen mein Leben noch so machen wird. Im nächsten Schritt steht bei mir ein Umzug an. Wenn ich daran denke, dann spüre ich einerseits Vorfreude und andererseits auch etwas Anspannung. Die generell größte Angst von mir als Hypochonderin ist, dass ich eine schlimme Krankheit bekomme oder mein Kopf nicht mehr funktioniert. Wenn das nicht passiert, kann ich mir eigentlich ganz gut trauen, dass ich ziemlich gut darin bin, mir es schön zu machen. Heißt, dass da auch hoffentlich noch ganz viel kommt, auf das ich mich freuen kann. Neben der ganzen Zweifel in allen Lebensbereichen natürlich. 😉


6 comments
Ich freue mich gerade über die Kommentare, die weg gehen vom MütterOpferKult, der hier in letzter Zeit doch viel Raum gegunden hat.
Es ist schön, andere Stimmen zu hören .Danke
Ich bin auch glückliche Mama von 5 Kindern und empfinde das mamasein grundsätzlich auch nicht als aufopfernd. Ich liebe es, meine Kindern beim aufwachsen begleiten zu dürfen, Zeit mit ihnen zu verbringen und finde das sehr erfüllend.
Ich hole meine Kids auch mittags ab, weil mir die Zeit mit ihnen wertvoll ist und die Zeit sowieso so schnell vergeht. Ich denke, Menschen empfinden da unterschiedlich. Für mich ist es einfach mit das schönste.
Ich kann die Autorin verstehen. Als Mutter von 2 Schulkindern ist mein Fazit: in dieser Gesellschaft und den Rahmenbedingungen in Kita und Kindergarten würde ich kein Kind mehr bekommen. Deutschland ist bei Kinder- und Familienpolitik in den 50er Jahren stecken geblieben. Und damit meine ich nur die Institutionen, Ehegattensplitting, sondern vor allem das mindest von Frauen und Müttern: die Überzeugung, dass Mutti die Beste ist und sich aufopfern muss ist so tief verankert. Das Verhalten ist dementsprechend: ja, die Kita und OGS sind schon ok, ABER ICH hole mein Kind lieber mittags ab und mache Homeoffice nebenbei und fahre quer durch die Stadt für 30min Tanzen, Singen, Turnen. Deshalb mein Fazit; lieber keine Kinder, wenn es kein existentieller Wunsch ist. Es gibt so viel andere Möglichkeiten, sich als Frau zu verwirklichen, Kinder sind nicht alles.
Ich fühle mich (teilweise) angesprochen: Ich fahre meine Kinder quer durch die Stadt zur Musikschule (und noch sonstwo hin), weil sie das möchten und ich das für (das ganze Leben) sehr glücklich machende Hobbies halte und sie darin sehr gerne bestärke und unterstütze. Das hat aber nichts mit Aufopfern oder Selbstverwirklichung zu tun. Ich bin da bei Franzi: Ich wollte schon immer gerne Kinder und jetzt habe ich sie (was nicht selbstverständlich ist) und mein Mann und ich gucken, dass sie möglichst glücklich groß werden. Dabei opfert sich hier keiner auf, sondern wir sind gerne zusammen (meistens😜) und jeder tut was für den anderen und jeder ist mal wichtig: Heißt, mal sind die Kinder bei Oma oder in der Kernzeit oder müssen irgendwohin, weil mein Mann und ich unsere Bedürfnisse voranstellen und mal gehen wir zum trölften Turnier und jubeln an der Seite😊.
Hab mich jedenfalls noch nie „aufgeopfert“ und mein Partner auch nicht?!
Danke Anne! So sehe ich das auch- und so handhaben wir das auch. Wir sind eine Familie und jeder hat mal Priorität.
Für mich war immer klar, dass ich Kinder möchte, weiß ich natürlich nicht, wieso das so war- ich hatte selbst eine ganz schöne Kindheit und hab das nie so hinterfragt. Habe 3 Kinder, die nun schon zwischen 12 und 21 sind, bin selbst Ende 40 und froh, dass das für mich alles so selbstverständlich war, ich einen Partner habe, der da immer am selben Strang gezogen hat und ich das nicht so viel zerdenken musste.
Ich kann für mich erfreulicherweise sagen, dass diese Themen, wie sehr sich Mütter aufopfern, zeitweise ihr eigenes Leben verlieren und so weiter, für mich nie so relevant waren. Habe ich da einfach Glück gehabt, ticke ich anders, ist es meine Herkunft aus dem ehemaligen Ostdeutschland? Ich habe studiert und bin in den Job eingestiegen – und habe währenddessen 3 Kinder bekommen. Das war immer eine gleichberechtigte Sache zwischen meinem Mann und mir, mal blieb ich zuhause, mal er, immer im Wechsel, zwischen 9 Monaten und 2 Jahren kamen alle 3 in die Kita/Krippe, bei keinem war es problematisch. Unsere Jobs (beide Lehrer) waren immer gut zu den Kindern kompatibel. Meine Freundinnen waren mir immer wichtig, auch die kinderlosen, wahrscheinlich sogar grade die, weil ich es immer eher nervig fand, wenn sich Gespräche nur noch um die Kinder drehten. Weiß auch nicht, ob ich das im Nachhinein alles zu beschönigend sehe, aber merke echt, dass dieses Thema der überforderten Mutter nicht meins ist und auch nie war, zum Glück.