Erzieherin: Ich musste den Job wechseln, sonst wäre ich ausgebrannt

Erzieherin

Foto: Freepik

Ihr Lieben, dass die Ansprüche und Herausforderungen an Erzieher*innen starke gestiegen sind, wissen wir alle. Und auch, dass es in dieser Branche enormen Personalmangel gibt. Unsere Leserin Christina war viele Jahre lang Erzieherin, hat aber irgendwann gemerkt, dass sie nicht mehr kann. Nun schult sie gerade um. Hier kommt ihre ganze Geschichte.

Liebe Christina, du warst viele Jahre lang Erzieherin. Warum hast du dich damals für diesen Beruf entschieden?

Bevor ich mich für den Beruf der Erzieherin entschieden habe, war ich 13 Jahre lang als Verkäuferin tätig. Da in in diesem Bereich die Arbeitszeiten überwiegend am Nachmittag und am Samstag lagen und sich dazu noch sehr unflexibel gestalteten, wollte ich den Beruf gerne wechseln und einen Arbeitsplatz wählen, welcher sich mehr mit Kind und Familie vereinbaren ließ.

Mein (mittlerweile erwachsener) Sohn hat ADHS und benötigte bei vielen Dingen im Alltag zuhause eine 1:1-Betreuung und wir hatten nachmittags Termine für Ergotherapie, Verhaltenstherapie und Lerntherapie.

Da mein Kind ja auch eine Kita besuchte, kam ich sehr viel in Kontakt mit Erzieherinnen und Erziehern und aus den Gesprächen erwuchs der Gedanke, selbst Erzieherin zu werden. Damals (2010) wurden ja auch händeringend nach Erziehern und Erzieherinnen gesucht. Also ein Job mit einer guten Perspektive.

In was für Einrichtungen hast du gearbeitet und wie haben sich im Laufe der Jahre die Anforderungen an Erzieher*innen verändert?

Ich habe in drei verschiedenen Kitas gearbeitet, unter anderem auch als Integrationserzieherin. Es mussten Förderpläne detailliert mit Datum, Uhrzeit und Förderziel angelegt werden – völlig egal, ob ich am Montag um 10 Uhr z. B. auf Grund von Personalmangel überhaupt ein Förderangebot anbieten konnte oder das betreffende Kind Lust dazu hatte.

Elterngespräche mussten protokolliert werden, besonders schwierig bei Menschen ohne Deutschkenntnisse. Ich hab oft den Google-Übersetzer meines Handys benutzen müssen. 

Wie haben sich im Laufe der Jahre die Kinder verändert – und was glaubst du, warum diese Veränderungen stattfinden?

Es war definitiv so, dass immer mehr Kinder Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten zeigten, dazu immer mehr Eltern ohne Deutschkenntnisse – und das alles sollte mit viel zu wenig Personal aufgefangen werden.

Ich denke, dass die Zunahme von Auffälligkeiten bei Kindern daran liegt, dass die meisten Eltern Vollzeit arbeiten (müssen). Gemeinsame Zeit als Familie wird immer weniger und wenn es diese Zeit gibt, sind viele Eltern vom Job und ihren täglichen Herausforderungen ausgelaugt. Außerdem wird den Eltern vom Staat (Stichwort Ganztagsbetreuung) suggeriert, dass sämtliche Verantwortung an Kitas und Schulen abgegeben werden könne.

Ich habe beobachtet, dass vielen Eltern heute das instinktive Gefühl, was (ihre) Kinder brauchen, fehlt. Oft werden Kinder bis zur Grundschule wie Babys behandelt und dürfen nicht selbständig sein. All das müssen Erzieher und Erzieherinnen in Kitas und Schulen dann auffangen.

Du hast auch als Integrationserzieherin gearbeitet. Kannst du da mal mehr dazu erzählen?

Ich habe als Integrationserzieherin in einer kleinen Kita gearbeitet und hatte ein Integrationskind, welches unsere Kita im Alter von 2,5 Jahren bis 5 Jahren besucht hat. Dieser Junge war sehr verhaltensauffällig. Die Eltern waren früh mit dem SPZ in Kontakt, der Verdacht lag auf ASS. Während der gesamten Zeit in unserer Kita gab es aber keine Diagnose, auf die sich die Ärzte sicher festlegen konnten.

Der Junge hatte in Minutenabständen heftige Wutanfälle, bei denen er laut schrie, Spielzeug aus den Regalen fegte und auch Stühle durch den Raum schmiss. Beim Essen wurde der Teller auf den Boden geworfen, Kinder in seiner Nähe wurden dann gebissen oder geschlagen.

Da ich als Integrationserzieherin immer bei ihm war, um sofort zur Stelle zu sein, wurde auch ich häufig gebissen. Ich musste das Kind immer aus der Situation nehmen, da das Geschrei sehr belastend war und die anderen Kinder auch ein Recht auf Schutz hatten.

Ich war dann mit dem Jungen immer ein einer ruhigen Ecke oder einem leeren Raum, bis er sich beruhigt hat. Er brauchte dann Zuwendung und konnte nie sagen, warum er sich so verhielt. Diese Wutanfälle kamen aus dem Nichts. Es gab nur ganz selten Momente, wo meine Kollegen oder ich schon vorher aktiv werden konnten, damit sich die Situation nicht verschärfte. 

Da ich also immer an dem Kind dran war oder in seiner Nähe, mussten meine Kollegen die restlichen Kinder allein betreuen oder Angebote durchführen. Besonders in den Momenten, wenn ich mit dem Kind den Raum verlassen musste. Diese 1:1-Betreuung war im Personalschlüssel gar nicht vorgesehen, offiziell war ich auch für alle anderen Kinder in der Kita zuständig.

Wann und wie hast du gemerkt, dass du in diesem Beruf nicht mehr arbeiten kannst?

Vor zwei Jahren habe ich dann gemerkt, dass die Belastungen zu viel werden und dass ich diesen Job nicht bis zur Rente machen kann. Zudem habe ich nochmal ein Kind bekommen, daher wollte ich auch gerne einen Job mit Home Office-Option, damit ich mein Kind nicht zu früh zu lange in die Betreuung geben muss.

Wie war dein Gefühl, nachdem du den Beruf verlassen hast?

Im Januar 2024 las ich ein interessantes Ausbildungsangebot und wurde dort tatsächlich auch angenommen. Da meine letzte Kita im Juli 2024 geschlossen wurde, habe ich gekündigt und zum 1.8.2024 meine neue Ausbildung angefangen. Das hat mir den Abschied schon sehr erleichtert, weil ich die Kita sowieso hätte wechseln müssen. Ich habe mich aber auch sehr auf den neuen beruflichen Abschnitt gefreut. 

Wie hast du dich nun beruflich umorientiert? 

Ich absolviere gerade den Vorbereitungsdienst im mittleren nicht-technischen Verwaltungsdienst (Beamtenlaufbahn) in der Bundesverwaltung.

Was magst du an deinem neuen Job?

An meinem neuen Job mag ich die Ruhe, die Aufgabengebiete, welche ich schon in drei verschiedenen Praktika kennenlernen durfte und die sehr flexiblen Arbeitszeiten mit bis zu 3 Tagen in der Woche im Home Office.

Was hast du durch all das gelernt? 

Ich habe gelernt, die Reißleine zu ziehen und auch an mich und meine Bedürfnisse zu denken. Ich habe Kolleg*innen erlebt, die ihre Überforderung an den Kindern ausgelassen haben und soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Außerdem habe ich meine Reflexionsfähigkeit extrem erweitert, da diese ja ein Grundpfeiler in der pädagogischen Arbeit bildet. Das kommt mir in vielen Lebenslagen zu Gute.

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10 comments

  1. Es ist schade, dass nicht einfach ein Kommentar mit „Danke für das Teilen deiner Eindrücke“ beginnt. Stattdessen direkt Kritik an ihrer Wahrnehmung und Gegenargumente. Dabei hat sie es ja so erlebt und so wahrgenommen und eben davon berichtet, und dafür ist diese Plattform doch auch da. Anstatt dass wir Frauen uns zusammen dafür stark machen, dass die Bedingungen in der Betreuung besser werden, stecken wir Energie darein, einer Person, die direkt in einem nicht funktionierenden System gearbeitet hat, ihre Wahrnehmung kleinzureden und direkt „dagegen“ zu halten.. So nehme ich das jedenfalls wahr 😉 Schöne Weihnachten!

    1. Sorry, aber wenn ich schreibe, dass es nicht daran liegt, dass Eltern arbeiten gehen, wenn es viele verhaltensauffällige Kinder gibt, dann habe ich einfach das Bedürfnis, etwas richtig zu stellen. Da geht es eben nicht um Eindrücke und Meinungen, die ihre Berechtigung haben, sondern um falsche Behauptungen. Da muss sorgfältig unterschieden werden zwischen Beobachtung und Erklärung.
      Frohe Weihnachten!

    2. @Heike: es steht Dir do frei das zu tun. Stattdessen „steckst Du Deine Energie in die Kritik“ von Kommentaren, die du nicht gut findest. Wo ist der Unterschied?

  2. Ich finde auch, dass die Argumentation im Artikel nicht ganz stringent ist.
    Erzieherin ist die Autorin ja erst geworden, als es besser als der vorangegangene Job zum Familienleben passte. Und genauso hat sie auch wieder damit aufgehört, weil nun etwas anderes sich eher für ihr Familienmodell eignete. Völlig legitim, aber die Kritik am Betreuungskonzept Kita kommt mir doch recht vorgeschoben vor.

    1. vielleicht nicht vorgeschoben, weil sich systembedingt schlecht um Kinder kümmernd auch für die Erwachsenen zermürbend ist, aber sicherlich nicht der einzige Grund.

  3. Ich denke, es kommt bei einer längen fremdbetreuung sehr auf die betreuungsqualitat an. Dass sich eine schlechte personalsituation (zu wenig Personal, wechselnde bezugspersonen usw.) negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken kann, das denke ich schon. Und dass gerade sensible ubd weniger resilient Kinder „unter die Räder kommen“, denke ich auch.
    Ich denke, es kommt sehr auf die Bedingungen an!

  4. Ich tue mich schwer damit, die Schuld bei Entwicklungsverzögerungen der Ganztagsbetreuung in die Schuhe zu schieben. Das würde ja bedeuten, dass in vielen anderen Ländern nahezu alle Kinder entwicklungsverzögert sind, da es dort seit Jahrzehnten völlig normal ist, dass beide Eltern in Vollzeit arbeiten. Oder ist deren Betreuung so viel besser als unsere?
    Ich war als Kind in den 80er auch definitiv mehr im Kindergarten als meine Kinder. Zwar war ich zum Mittagessen daheim (damals gab es ja keine Ganztagsbetreuung), aber meine Mutter hat mich jeden Nachmittag wieder in die Betreuung gegeben, obwohl sie nicht gearbeitet hat. So machten es auch die anderen Mütter in der Nachbarschaft, die alle zum Großteil daheim waren.
    Ich denke der Knackpunkt liegt in Ihrem anderen Aspekt, dass Eltern ihren Kindern nichts mehr zutrauen. In den 80er waren wir außerhalb vom Kindergarten immer alleine in Kindergruppen unterwegs, ohne dass auch nur ein Erwachsener in der Nähe war. Es gab ein paar Ältere, die aufgepasst und natürlich zum teil.auch das Kommando hatten. Irgendwann war man dann selbst die Ältere usw. das fehlt meiner Meinung nach unseren Kindern, das freie spielen und erkunden der Welt.

    1. Ich finde es schade dass die Frau den Beruf Erzieherin verlassen hat. Frustrierenden Erlebnisse im Beruf haben sie diesen Schritt gehen lassen. Beim Lesen habe ich den Eindruck gehabt dass vor allem die Uberforderung mit einem Integrationskind die Ursache ist. vielleicht wäre ein Wechsel der Einrichtung besser gewesen. Die Arbeitszufriedenheit in diesem Beruf hängt sehr stark mit guten Arbeitsbedingungen zusammen. Ich arbeite seit 25 Jahre als Erzieherin und ich liebe meinen Beruf sehr. Man muss seine. Passion in diesem Beruf finden. ich brenne für die Frühe Bildung und begleite Kinder und Familien auf ihrem Weg durch die Kindergartenzeit. Ich lese in dem Artikel heraus dass die Personelle Besetzung schlecht war . Bei uns in BW ( privater Träger)haben wir in einer Gruppe mit 25 Kinder immer drei Mitarbeiterinnen . Kinder mit Integrationbedarf haben zusätzlich eine Integrationskraft die stundenweise unsere Arbeit unterstützt.
      Das ist mir Bewusst.

  5. Die Beobachtung, dass es mehr auffällige Kinder gibt, teile ich. Die Erklärung, dass es an vollzeitarbeitenden Eltern und Ganztagsbetreuung läge, ist aber nicht zutreffend und entbehrt jeder Grundlage.Dieses Klischee wird aber immer wieder gern reproduziert.

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