Anschlag in Magdeburg: „Die ersten 3 Monate waren die Hölle“

Anschlag in Magdeburg

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Ihr Lieben, als ich vor ein paar Tagen bei Instagram fragte, ob ihr schon auf dem Weihnachtsmarkt wart oder ob Heiligabend für euch in diesem Jahr eher plötzlich kommt, meldete sich auch eine Leserin bei uns, die schrieb, dass bei ihr schon Weihnachtsstimmung da sei, dass sie nach dem Anschlag in Magdeburg auf dem Weihnachtsmarkt am 20.12. des letzten Jahres, bei dem sie mit ihren drei Kindern dabei war, den Weihnachtsmarkt dort nicht mehr besuchen kann.

„Mir geht es zum Glück wieder gut, doch die ersten drei Monate danach waren Horror…“. Wir haben sie gefragt, ob sie uns mehr dazu erzählen würde, was der Anschlag für sie und ihre Familie bedeutet hat und sie willigte ein, wenn sie anonym bleiben darf, was wir ihr natürlich sofort zusagten. Hier kommt ihre Geschichte.

Ein Jahr nach dem Anschlag in Magdeburg

Kinderintensivstationen
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Du Liebe, du bist zwar in Weihnachtsstimmung, kannst aber nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg gehen, nachdem du im letzten Jahr dabei warst, als der Anschlag geschah. Was ist das für ein Gefühl in dir, wenn du heute an den 20.12.24 zurückdenkst?

Es bringt ein Gefühl von tiefer Traurigkeit in mir hoch, weil uns als Familie das Erlebnis „Weihnachtsmarkt“ genommen wurde, sowie die Leichtigkeit bei großen Menschenansammlungen unbekümmert dabei zu sein.

Erzähl mal, wer alles dabei im letzten Jahr und wie es davor war, habt ihr euch einfach mit Freunden verabredet dort?

Wir hatten ca. drei Wochen zuvor diesen Tag ausgemacht, um nochmal als Familie vor Weihnachten auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Wir waren insgesamt 9 Personen. Mein Mann, meine drei Kinder (7, 4, 0), Oma & Opa, Tante & Onkel.

Habt ihr dort noch was gegessen oder getrunken, bevor sich die Situation dann änderte? 

Wir hatten uns zunächst auf einem angrenzenden kleineren Weihnachtsmarkt zu 18 Uhr verabredet, da es dort meistens ein bisschen gemütlicher ist und nicht ganz so voll. Es war so, dass sich alle etwas verspäteten und ich noch schnell in die Apotheke im Kaufhaus nebenan gehuscht bin. Die anderen tranken einen Glühwein, die Kinder machten ein Bild mit dem Weihnachtsmann, der dort auch gerade eine kleine Pause machen wollte, sich ihnen aber dennoch widmete, sie waren hellauf begeistert.

Es war an diesem Tag sehr kalt, sodass wir nicht lange stehen bleiben und weiterziehen wollten. Die ersten mussten allerdings auf die Toilette, bei der es sehr voll war, sodass es eine Weile dauerte, bis wir wieder zusammen waren. Danach holten wir eine Portion Schmalzkuchen, die beiden großen Kinder gingen mit der Oma zum ersten Karussell. Im Anschluss waren wir auf der bekannten Gasse, durch welche das Auto fuhr. 

Wir gingen nochmal zu den Buden auf der anderen Seite, da die Kinder Dosenwerfen wollten, doch wir konnten sie im ersten Moment nicht finden. Mein Mann wollte sich Kartoffelchips holen und blieb an einem Stand stehen, der Rest von uns überquerte nochmals die Gasse und wir kamen endlich beim Dosenwerfen an. Die Kinder spielten und durften sich danach für ihre Punkte einen Preis aussuchen. Diesen präsentierten sie stolz ihren Großeltern und ihrer Tante. Der Kleinste saß im Wagen und wurde gerade unruhig, ich wollte etwas zum Trinken aus meinem Rucksack holen.

Wie habt ihr dann mitbekommen, dass etwas nicht stimmt? 

Es folgte ein nicht identifizierbares Geräusch, etwas Lautes, Schnelles. Im ersten Moment dachte ich an Pferde, meine Mama beschrieb es im Nachhinein als Windhose. Doch an ein Auto hat keiner von uns gedacht.

Du musst keine Details erzählen, aber was habt ihr dann vor Ort erlebt? Gibt es da Erinnerungsfetzen, die immer wieder hochkommen?

Es ging dann alles ziemlich schnell. Wir standen an der Bude vom Dosenwerfen und schauten in die Richtung, von der das Geräusch kam. Plötzlich sah ich das Auto, welches direkt auf uns zukam. Es fuhr nah an den Buden entlang, auf der Seite, auf der auch wir uns befanden. Direkt neben uns stand eine Metalltonne, die als Stehtisch umfunktioniert wurde. Diese war dann zwischen uns und dem Auto, als sich der Fahrer entschied, die Richtung nochmal zu ändern und mitten in die Gasse einzulenken. Das war unser Glück, denn sonst hätten wir keine Chance gehabt.
Ich stand wie erstarrt da und schaute dem Auto hinterher. Er fuhr direkt über die Personen, die unmittelbar hinter uns standen. Ich schaute in das Auto, schaute mir den Mann genau an, er verzog keine Miene. Dann war das Auto weg und es herrschte Panik. Menschen schrien, riefen um Hilfe, die Personen, die am Boden lagen, sahen schlimm aus.

Ich drehte mich zu meinen Kindern, schnappte die Beiden und hob sie wieder hoch auf den Tresen von der Bude, nahm sie in den Arm. Die Große fing an zu weinen und zu schreien, ich versuchte sie zu beruhigen. In dem Moment schaute ich in die Richtung meines Mannes, zu dem Stand, an dem er geblieben war. Dort lagen viele Menschen auf dem Boden, mir wurde einfach nur schlecht, da ich sofort Angst hatte, ihm sei etwas passiert.

Ich sagte zu meiner Familie, dass ich nach meinem Mann schauen werde und sie auf die Kinder aufpassen sollten, doch ich konnte mich nicht von den Kindern entfernen. Kurz darauf drehte ich mich in die andere Richtung und sah ihn unweit von uns stehen, auf sein Handy starren. Er versuchte, mich zu erreichen. Er hatte vergessen, wo wir hin wollten und lief dem Auto sofort hinterher.

Wir schauten uns an und wussten beide, dass wir wegmussten. Er nahm den Mittleren auf den Arm, ich die Große an die eine Hand und mit der anderen schob ich den Kinderwagen. Wir gingen zunächst auf die Parallel-Gasse und sammelten uns dort alle. Meine Mama wurde von einer verletzten Frau direkt angesprochen, sogar festgehalten und leistete erste Hilfe. Ich ging zu ihr zurück und wollte sie holen, doch sie meinte, sie könne nicht weg. Ich sagte ihr, dass wir zum Auto gehen würden und hier wegmüssten, sie blieb.

Wir liefen dann zum nächstgelegenen Parkhaus, wo auch unser Auto stand. Allerdings liefen wir zur Ausfahrt. Der Eingang befindet sich direkt am Weihnachtsmarkt. Ich sagte meinem Mann, dass ich dort auf keinen Fall mit den Kindern hingehen würde und er bitte alleine das Auto holen sollte. Es dauerte keine fünf Minuten, da war er mit dem Auto bei uns, wir stiegen ein und fuhren los. Auf dem Weg nach Hause rief ich unsere nächsten Angehörigen an und sagte, dass sie sich keine Sorgen machen sollten, dass es uns gut gehe.

Hattet ihr vor Ort Hilfe durch Notfallseelsorger oder andere Menschen?

Nein, da wir aber auch sehr schnell dort weg wollten. Ich hatte das Gefühl, dass es noch nicht vorbei war, dass ein weiteres Auto oder eine andere Gefahr kommen könnte. Dieses Gefühl, Angst um sein Leben haben zu müssen, war einfach nur grauenvoll. 

Wie haben die Kinder reagiert und wie seid ihr dann dort weggekommen?

Die Kinder haben viele Fragen gestellt, mein Sohn (damals 4) wollte wissen, ob die Frau den Abdruck von dem Reifen nie wieder aus ihrem Gesicht kriegen wird oder warum kein Krankenwagen kam, um den Verletzten zu helfen. Sie wollten wissen, warum dort ein Auto langfährt, obwohl ja dort die Menschen spazieren gehen und ja eigentlich sonst dort keine Autos sind. Ob denn der Mann nicht wusste, wo die richtige Straße sei.

Was war das für eine Stimmung danach zu Hause, habt ihr da schon in Gänze verstanden, was passiert ist?

Meine Schwiegereltern kamen sofort zu uns, da sie nicht weit von uns wohnen und wir verbrachten den Abend gemeinsam. Die Kinder wollten unsere Nähe und wir ihre, wir hielten uns ganz fest in den Armen und ließen uns nicht mehr los, weil wir so froh waren, dass uns nichts passiert war. Man hatte immer wieder die gleiche Szene vor Augen und es kamen die Gedanken auf, was wäre gewesen, wenn… Ich denke, in Gänze verstehen kann man es nie, wie ein Mensch anderen so viel Leid antun kann.

Wir sagten den Kindern, dass sie mit jedem Gefühl zu uns kommen und mit uns reden können. Das machten sie dann auch ein paar Tage lang, meistens aus dem Nichts. Was sie immer wieder sagten, war, dass sie dort nie wieder hingehen möchten. Als sie sich dann auch wieder für andere Dinge interessierten, thematisierten wir es nicht weiter und beobachteten nur. Wir hatten ein gutes Gefühl, dass sie durch den Heiligabend und die Feiertage gut abgelenkt waren.

Ich habe dann dennoch eine bekannte Psychologin kontaktiert und sie um Hilfe gebeten. Sie kam dann im neuen Jahr vorbei, sprach mit den Kindern und bestätigte unser Gefühl, dass sie es gut verarbeitet hatten. 

Es hatte sich allerdings herumgesprochen, dass wir auf dem Weihnachtsmarkt waren, sodass die Große am ersten Schultag damit konfrontiert wurde. Davor hatte ich Angst, aber auch das hat sie gut gemeistert. Wir redeten dann nochmal über das Erlebte und sie sagte nicht, dass es ihr damit schlecht gehe oder sie oft daran denken müsse. Bei dem Mittleren war es gar kein Thema mehr. 

Wie habt ihr die ersten Tage danach gestaltet? Wie hat euer Umfeld reagiert? 

Viele Freunde und Familie kamen ohne Ankündigung vorbei und wollten uns einfach nur in den Arm nehmen. Zwei Tage danach war der 4. Advent. Ich lud die Familie ein, mit dem Gedanken, dass wir froh sein können, uns alle zu haben, andere waren nicht mehr in der Lage dazu. Ganz ungeplant stand dann auch eine meiner engsten Freunde vor der Tür, wir guckten uns an, brachen in Tränen aus und hielten uns einfach nur fest. Das war ein sehr emotionaler Moment. 

Du sagst, die ersten drei Monate waren die Hölle, was hast du da durchgemacht – und was hat dir geholfen?

Ich konnte nicht mehr alleine sein, am schlimmsten war es im Dunkeln. Selbst den Müll rauszubringen fiel mir schwer. Ich konnte meinen Säugling nicht ins Bett bringen. In diesem dunklen Zimmer zu liegen, mit geschlossener Tür und den Rest meiner Familie nicht zu hören, war grauenvoll. Ich hatte Angst vor Geräuschen, die ich nicht gleich identifizieren konnte, teilweise wurde ich panisch. Das passiert mir teilweise auch heute noch.

Die Leichtigkeit, meine Freude und mein Humor waren weg und ich hatte Angst, all das würde nie wieder zurückkommen. In unserem Ort hat dann im Zuge der Amokfahrt eine Frau eine Hypnosetherapie angeboten. Ich schrieb sie an, war einmal dort und das half mir schon sehr. Ein paar Wochen später war ich zu einem Hautscreening bei meinem Hausarzt und sprach meine Situation an. Ich war zu der Zeit noch in Elternzeit und sollte im Februar wieder in den Beruf einsteigen.

Die Ärztin nahm sich sofort meiner Situation an und suchte mir Hilfe. Ein paar Wochen später war ich wöchentlich in Behandlung, um das Erlebte zu verarbeiten. Danach hatte ich keine Flashbacks mehr und es war „lediglich“ eine Erinnerung ohne viele Emotionen.

Würdest du sagen, das Ereignis hat euch nachhaltig verändert? 

Ich denke, wir werden vorerst keinen Weihnachtsmarkt mehr besuchen, zumindest nicht diesen. Ich hatte Angst, dass ich meine Tochter nicht mehr allein zur Schule schicken kann, um den Weg alleine zu gehen, aus Angst, ich könnte sie bei Gefahr nicht beschützen. Zum Glück haben sich diese Ängste wieder gelegt und ich habe sie nicht auf meine Kinder übertragen. 

Wie geht es euch heute damit, erzählen die Kinder noch davon? Gibt es unterschiedliche Arten der Verarbeitung?

Heute ist es eine schreckliche Erinnerung, doch als nun die Weihnachtsmärkte wieder begannen, war es nie Thema, dort hingehen zu wollen. Mit meinem Mann habe ich viel darüber geredet, ebenso mit meiner Mama und meiner Schwester, die dabei waren. Manchmal lassen wir es Revue passieren und sind einfach nur froh, dass uns nichts passiert ist, reden darüber, was für ein unfassbar großes Glück wir hatten.  

Einige Angehörige von Opfern sind nicht zur Gedenkveranstaltung gegangen, andere haben die Politiker vor Ort ausbuht, weil ihnen die Aufarbeitung nicht schnell genug geht, verstehst du sie? 

Auch meine Familie war eingeladen, doch wir wollten und konnten nicht hin. Für die Aufarbeitung sind andere zuständig und es wird seine Gründe geben, warum manches schnell und manches nicht so schnell geht. Dass das Frustration mit sich bringt, ist auch verständlich, aber beeinflussen können wir es nicht, sodass ich mich damit eher wenig beschäftige.

Kam jetzt zum Jahrestag alles nochmal hoch? Wie schaust du jetzt ein Jahr danach auf das, was da geschehen ist und auf das, was es mit eurer Familie gemacht hat? Was macht das Wort Vertrauen (in die Welt) mit dir? Und mit welchem Blick schaust du in die Zukunft?

Es macht mich traurig, dass immer wieder Menschen Anderen Leid zuführen müssen, um ihre Meinung/ihren Standpunkt zu bestimmten Themen kundzutun. Ich habe Angst, dass wir oder uns nahestehende Personen in Zukunft ein weiteres Mal zur falschen Zeit am falschen Ort sein werden und sie kein Glück haben werden. Die Leichtigkeit, zu Konzerten, ins Kino, Sportveranstaltungen und anderen Events zu gehen, ist einfach weg. Ich schaue nun immer, wie ich am besten und schnellsten weg komme und mich in Sicherheit bringen könnte.

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