Ihr Lieben, das Thema Mobbing ist uns sehr wichtig, weil wir wissen, wie weitreichende Konsequenzen Mobbing für die betroffenen Personen hat. Nach Daten der OECD, die im Rahmen der PISA-Studie 2022 erhoben wurden, sind in Deutschland knapp sieben Prozent aller 15-jährigen Schülerinnen und Schüler sehr häufigem Mobbing ausgesetzt. Zwölf Prozent werden mindestens mehrmals im Monat durch Mitschülerinnen und Mitschüler gemobbt.
Wie Mobbing die Opfer bis ins Erwachsenenalter prägt, hat uns Nadine erzählt. Ihr Bruder hat eine Behinderung und das machte sie selbst zur Zielscheibe für jahrelanges Mobbing. Heute ist sie 41 Jahre alt, hat zwei Kinder, wovon eins eine angeborene Sprechstörung hat. Deshalb ist es ihr so wichtig, über das Thema Mobbing aufzuklären:
Liebe Nadine, du hast einen Bruder mit Behinderung. Welche Behinderung hat er?
Mein Bruder hat einen Hydrozephalus (krankhafte Erweiterung der Hirnventrikel durch Stauung von Hirnwasser (Liquor), was zu erhöhtem Druck im Kopf führt), hypotone Muskulatur, er ist also Rollstuhlfahrer und er hat Züge von ASS (Autismus-Spektrum-Störung). Aufgrund seines Hydrozephalus hat er eine kognitive Beeinträchtigung, er kann weder lesen noch schreiben. Er ist geistig heute im Alter von 48 Jahren auf dem Stand eines Kindergartenkindes.
Wie würdest du eure Beziehung zueinander in der Kindheit beschreiben?
Ich bin 7 Jahre jünger als mein Bruder, es gibt nur uns beide, wir haben keine weiteren Geschwister. Mein Bruder und ich hatten eine „normale“ Geschwisterbeziehung. Wir haben miteinander gespielt, wir haben uns gestritten und geärgert. Es gibt viele schöne gemeinsame Erinnerungen an unsere Kindheit.
Das habe ich auch meinen Eltern zu verdanken. Sie haben immer versucht darauf zu achten, dass meine Bedürfnisse neben der Pflege meines Bruders nicht zu kurz kamen. „Pflichttermine“, wie zum Beispiel Termine beim Psychologen oder das Warten bei Therapien, wurden oft mit etwas Positivem verbunden: Mal ein Spielplatzbesuch, mal ein Stadtbummel oder „Alleinzeit“ mit dem anderen Elternteil.
Meine Eltern sind sehr offen mit der Behinderung meines Bruders umgegangen. Sie haben auf meine Fragen oder Fragen meiner Freunde immer ehrlich kindgerecht geantwortet. Mein Bruder war in unserer Familie und Nachbarschaft voll integriert und eigentlich überall dabei.
Wann ist dir bewusst geworden, dass dein Bruder anders ist?
Einen genauen Zeitpunkt kann ich gar nicht nennen. Ich glaube, das passierte Stück für Stück… Als ich Fahrradfahren gelernt habe und bemerkt habe, dass mein Bruder ein Therapie-Dreirad hatte. Oder wenn ich die Blicke von Fremden in der Stadt gesehen habe.
Und als ich dann in die Grundschule kam und Lesen, Rechnen und Schreiben gelernt habe, mein Bruder es aber nicht konnte, da wurde es mir schon richtig bewusst. Ich habe dann sehr früh begonnen, Bücher zum Thema Behinderung zu lesen, um das alles besser zu verstehen.
Du hast uns gesagt, dass du in der Schule auch wegen deines Bruders gemobbt wurdest. Was genau ist passiert?
Das Mobben fing in der Grundschule an. Wir wohnten zu dem Zeitpunkt in einem kleinen Dorf mit ca. 3.000 Einwohnern. Jeder kannte jeden. Es gab Kinder, die sagten: „Dein Bruder ist so dumm, der wäre besser nicht geboren“.
In der 2. Klasse hab ich mich dann erstmals auf dem Schulhof mit einem Mitschüler geprügelt. Dieser Mitschüler hat zu mir über Wochen immer wieder „Behindi“, „Krüppel“ und viele andere schlimme Dinge gesagt – in der Schule, aber auch immer, wenn er mich außerhalb der Schule gesehen hat. Irgendwann habe ich mich dann gewehrt… Mein Fahrrad wurde mehrmals kaputt gemacht, mir wurden Jacke und Rucksäcke geklaut, immer mit Beschimpfungen in Richtung meines Bruders.
Als ich in die Realschule im Nachbarort kam, ging es aber leider weiter. Die Kinder aus meinem Dorf ärgerten weiter und verschreckten Freunde von mir, so dass kaum jemand mit mir spielen wollte. Im Schulbus wurde ich getreten mit den Worten „Dann kannst du auch den Rollstuhl deines Bruders benutzen“. Es wollte sich keiner mehr neben mich setzen mit der Frage, „ob ich ansteckend sei“.
Das Ganze ging bis zur 10. Klasse. Oft habe ich mittags vom Sekretariat aus zu Hause anrufen lassen, weil ich Bauchschmerzen hatte. Als Ausrede, um nicht mit dem Bus fahren zu müssen. Mit Abschluss der 10. Klasse war es vorbei, da wir alle auf unterschiedliche Schulen wechselten und ich dann kurz später umgezogen bin.
Was hat dieses Mobbing mit dir als Kind und Jugendliche gemacht?
Ich habe als Kind früh gelernt, still und leise und angepasst zu sein. Bloß nicht aufzufallen und meine eigenen Wünsche hinten anzustellen. Mir war es immer wichtig, es allen recht zu machen. Dadurch war es besser zu ertragen. Außerdem habe ich gelernt, vieles in mich „reinzufressen“ und mit mir selbst auszumachen. Ich habe mich immer schnell entschuldigt, hatte Schuldgefühle. Auch für Dinge, an denen ich eigentlich keine Schuld hatte. Bis heute habe ich ein eher geringes Selbstbewusstsein.
Hattest du gar keine Hilfe von LehrerInnen?
Hilfe von Lehrkräften hatte ich mal mehr, mal weniger. Da ich Vieles still ertragen habe, kannten viele Lehrer das ganze Ausmaß gar nicht. In der Grundschule gab es immer mal Gespräche, aber es gab keine Änderung. In der 5./6. Klasse hatte ich eine tolle Klassenlehrerin, die das Thema Mobbing immer wieder angesprochen hat. Aber danach gab es keinerlei Hilfe.
Hatte das Mobbing auch Einfluss auf die Beziehung zu deinem Bruder?
In der Grundschule nicht, aber in meiner Pubertät hat es sich auf unsere Beziehung ausgewirkt. Ich war zeitweise richtig sauer, habe ihm die Schuld an meiner Situation gegeben und an meinem anstrengenden Leben. Dies habe ich ihn auch leider spüren lassen durch abweisendes und ignorierendes Verhalten. Je älter ich wurde und dank psychologischer Gespräche wurde es aber wieder gut.
Beeinflusst dich diese schwere Zeit bis heute?
Definitiv! Gewisse Verhaltensweisen, wie zum Beispiel das ständige Entschuldigen, habe ich bis heute noch. Auch, dass ich es allen recht machen möchte und meine eigenen Wünsche hinten anstelle, ist leider immer noch vorhanden. Aber ich arbeite an mir und durch das Geschwisternetzwerk für erwachsene Brüder und Schwestern psychisch erkrankter Menschen habe ich einen guten Austausch.
Wenn du einen der Mobber von früher heute wieder treffen würdest – was würdest ihnen sagen?
Puh, schwierige Frage… Ich würde ihn vermutlich fragen, wie er rückblickend an diese Zeit und über sein Verhalten denkt. Und wie er sich fühlen würde, wenn jemand das heute mit seinen Kindern machen würde…

11 comments
Ein enorm wichtiges Thema, danke für den Beitrag! Vor allem die Sensibilisierung ist entscheidend, damit sowohl wir Erwachsenen als auch die Kinder frühzeitig eingreifen können. Ich versuche meinen Kindern zwei Dinge als Kompass mitzugeben: Empathie für andere und den Mut, den Mund aufzumachen, wenn sie Ungerechtigkeit beobachten.
Ich sage das heute aus einer Position der Stärke heraus: Ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben, habe eine tolle Familie und leite als Chefin ein Team von 50 Menschen. Aber auch ich wurde als Kind gemobbt. Diese Erfahrung hat mich geprägt – heute nutze ich diese, um in meinem Umfeld (privat und beruflich) sofort und konsequent einzuschreiten, wenn Grenzen überschritten werden. Wir müssen Verantwortung übernehmen, egal in welcher Position wir sind
„a“ hat kein Mobbing erlebt. Denn wer gemobbt wird, lebt keinesfalls in Frieden. Die Gefahr ständig physisch wie psychisch attackiert zu werden ist real! Und zwar sowohl für den Körper, wie für das Eigentum. Ja für einen einzelnen und nicht für die Gesellschaft. Die Folgen trägt dann die Gesellschaft, weil Therapien folgen. Also vielleicht, falls die Krankenkasse einsehen hat…
Mich würde interessieren, ob die Autorin Unterstützung in bezug auf das Mobbing von ihren Eltern bekommen hat, bzw. was sie sich von ihren Eltern gewünscht hätte.
Manchmal fängt Mobbing ja im ganz kleinen an und da stellt sich für Eltern schnell die Frage: einmischen oder nicht?
Ich kann den Kommentar nicht nachvollziehen! Das ist doch ein total wichtiges Thema. Wenn man sich mehr Artikel über andere Themen wünscht, kann man das doch in anderer Form bei Lisa und Katharina loswerden. Das hier in die Kommentare zu schreiben, kommt so rüber, als ob es unnötig wäre, diesem Thema eine Plattform zu geben.
Ich finde dieser Kommentar sehr unpassend. Ich denke, wer das so schreibt, hat absolut gar keine Ahnung was Mobbing mit einem Menschen machen kann und wie ihn dies sein Leben lang begleitet. Ich finde es sehr wichtig, dass dieses Thema hier Platz findet. Das hat nicht nichts mit „Negativ-Fokussierung“ zu tun.
Liebe Alessandra,
ich weiß, was Mobbing macht. Und ich arbeite jeden Tag beruflich dagegen an, Weil es mir wichtig ist. Dafür habe ich extra einige freiwillige Fortbildungen besucht, weil es nicht das Kernarbeitsgebiet ist, für das ich ausgebildet worden bin.
Und ich bin der Meinung, dass es trotzdem nicht wichtiger ist als die ganzen positiv wirkenden Dinge.
Wäre es der erste Text zu Mobbing,hätte ich meinen Kommentar nicht geschrieben.
LG
a
Ich will das Thema Mobbing nicht Kleinreden. Selbstverständlich ist das ein Problem an dem es sich lohnt zu arbeiten und zu schreiben. Und/Aber ich bin gleich über den ersten Satz gestolpert
„Ihr Lieben, das Thema Mobbing ist uns sehr wichtig, weil wir wissen, wie weitreichende Konsequenzen Mobbing für die betroffenen Personen hat.“
Warum sind nur die „negativen Themen“ wichtig?
Wir leben in Deutschland
*in Frieden
*mit sauberer Wasser aus der Leitung
*mit funktionierender Abwasserentsorgung
* mit ausreichend funktionierendem ÖPNV (sodass man ohne Auto und Führerschein gut leben kann)
* mit einem Überangebot an Lebensmitteln im Supermarkt
* mit zugänglicher sozialer Krankenversicherung
* mit noch 1000 positiven Sachen mehr, die für die hier lebenden Personen weitreichende positive Konsequenzen im Alltag haben.
Diese Negativfokussierung mag die Klickzahl erhöhen. Aber sie tut nicht gut.
Danke, der Kommentar spricht mir aus der Seele
Ganz einfach: Mobbing hat weitreichende Folgen und trägt sehr dazu bei, dass die heutige Gesellschaft psychische Probleme hat.
Und nein, Therapie können sich die Meisten eben NICHT leisten, da das Gesundheitssystem sich DARUM nicht wirklich schert. Deswegen kann man nicht oft genug über Mobbing reden.
ich vermute mal,
Du hast noch kein Kind regelmäßig weinend zuhause sitzen gehabt wegen des Themas
Du bist nicht besorgt wegen ständiger Bauchschmerzen
Dein Kind freut sich nicht darüber krank zu sein und nicht in die Schule zu müssen?
Du hast nicht zuhause gewartet und gehofft, dass deinem Kind nicht wieder etwas Schlimmes passiert ist.
Du hast nicht verzweifelt nach einem Therapeuten für dein, wegen Mobbings, seelisch fragilem bzw. geschädigten Kind gesucht
Du hast nicht hilflos zugesehen, wie all das immer schlimmer wird
Du hast nicht von deinem Kind gehört, dass es lieber aus dem Fenster springen will, als wieder in die Schule zu gehen.
Sei dankbar und lass andere zufrieden, bzw. lass sie einfach über ihre Probleme sich austauschen. Auch wenn es für dich first World problems sind!
Liebe Jacqueline,
das stimmt. Meine Kids haben das nicht erlebt. Sondern ich.
Lieben Gruß
a