Drei Jahre mit dem Rad um die Welt – dann wurde Franzi schwanger

Welt

Ihr Lieben, Franzi und Fabian haben das gemacht, wovon viele träumen: Alles hinter sich lassen und um die Welt reisen. Vor drei Monaten wurde dann Söhnchen Pablo geboren, der das Leben der beiden jetzt erstmal auf den Kopf stellt. Aber es ist auch schon klar: Franzi und Fabian wollen bald wieder losziehen, trotz oder eher gerade wegen Pablo. Vielen Dank für dieses spannende Interview und alles Liebe für eure kleine Familie!

Ihr wart drei Jahre in der ganzen Welt unterwegs. Erzählt doch mal ein bisschen was dazu.

Die Idee einer Weltreise kam uns Ende 2019, als uns nach einigen Häuserbesichtigungen und Gesprächen mit Banken plötzlich klar wurde, das wir diesen Schritt gerade nur machen, weil es gesellschaftlich jetzt angezeigt ist, sich auf die Suche nach einem Eigenheim zu machen.

Als dann noch Fabians katastrophales Spermiogramm dazu kam und wir wussten, dass wir keine Kinder bekommen können, haben wir und gedacht: „Lass uns etwas ganz verrücktes machen.“ Auf Netlix hatte ich die Doku „Pedal the world“ angeschaut, da geht es um einen normalen Typ aus der Pfalz, der ein Jahr mit dem Fahrrad um die Welt radelt. Ich war sofort Feuer und Flamme und mit einiger Überredungs- und Überzeugungskunst war auch Fabian irgendwann einverstanden.

Wir fingen an alles zu verkaufen, wirklich alles! Die Wohnung wurde immer leerer, wir behielten nur Ausgewähltes mit ideellen Wert für uns und nur so viel, wie unsere alten Kinderzimmer jeweils aufnehmen konnte. Nach dem Verkaufsmarathon folgten Kündigungen beider Festanstellungen (das wär während der Pandemie, die Leute hielten uns spätestens da für völlig übergeschnappt) und die Kündigung der Wohnung.

Im April 2021 war es dann endlich so weit, nach über einem Jahr Vorbereitung (der erste und zweite Lockdown kam uns noch dazwischen) radelten wir mit den Fahrrädern und voll gepackten Taschen los. Tatsächlich wurden insgeheim hinter unserem Rücken Wetten abgeschlossen, wann wir wieder vor der Tür stehen würden – man gab uns großzügig drei Wochen.

Die Wette habt ihr definitiv gewonnen!

Absolut! Aus drei Wochen wurden drei Jahre. Wir erkundeten mit dem Fahrrad über 20 Länder und fuhren ummotorisiert über 30.000 Kilometer. Das erste Jahr westwärts bis nach Portugal und rüber nach Marokko, dann Tief in den Norden über den Polarkreis hoch ans Nordkap und über Finland und das Baltikum zurück nach Deutschland.

Von dort fliegen wir im Dezember 2023 mit den Rändern bis ans Ende der Welt –nach Neuseeland. Dort radelten wir beide Inseln ab und setzten unsere Reise in Australien fort. Auf dem roten Kontinent fuhren wir mitten durch das Outback, unser größtes Abenteuer bisher und wir liebten es. Wir beide würden es jederzeit ohne zu zögern noch einmal machen. In Indonesien war dann das erste mal Fahrradpause angesagt, Bali sollte eigentlich Urlaub werden, Entspannung und Relaxen.

Das hört sich so an, als käme jetzt ein dickes ABER!

Stimmt. Wir fanden fast tote Hundewelpen, nahmen sie auf, arbeiteten mit dem Tierarzt vor Ort zusammen, sammelten Spenden, sterilisierten mehrere Streuner und vermittelten die drei Welpen letztendlich nach Deutschland ,nachdem wir über GoFundme über 4000€ Spenden gesammelt hatten.

Drei Jahre auf dem Rad – wo habt ihr denn geschlafen? Wenn man mit dem Camper unterwegs ist, ist das ja einfacher…

Wir haben in diesen drei Jahren größtenteils im eigenen Zelt geschlafen, haben unser Essen auf dem Benzinkocher gekocht, hatten alles, was wir brauchten in unseren Fahrradtaschen dabei. Finanziert haben wir das Ganze durch Erspartes, unseren YouTube-Kanal und irgendwann durch das, was wir unterwegs gelernt haben: mit wenig glücklich zu sein. Warum wir das gemacht haben? Weil wir raus wollten aus dem Hamsterrad. Wir haben die Freiheit gesucht und erfolgreich gefunden– und wollten sie eigentlich nicht mehr so schnell hergeben.

Und dann wurde Franzi schwanger. Das muss doch eine riesen Überraschung gewesen sein.

Wir waren schon wieder zurück in Deutschland, nachdem wir die Welpen aus Indonesien gerettet hatten. Leider kam es in Franzis Familie zu einem schweren Schicksalsschlag und an weiteres Reisen war erst einmal nicht zu denken. Franzi hatte einen Termin beim Frauenarzt, weil sie dachte, dass sie durch den ganzen Stress und die Trauer vielleicht schon in die Wechseljahre gekommen sei. Aber der Arzt sagte dann: „Ne, Sie sind schwanger!“

Das war echt eine riesen Überraschung, denn nach sieben Jahren „Unfruchtbarkeit“ und null Verhütung rechnet ja keiner mehr mit sowas. Uns war aber dann relativ schnell auch klar, dass wir das Reisen nicht aufgeben wollen.

Wie habt ihr entschieden, wo und wie euer Baby zur Welt kommen soll?

Wir haben kurz überlegt, ob wir unseren Sohn nicht in Deutschland auf die Welt bringen sollen. Nach einiger Recherche entschieden wir uns dann aber anders. Unser Kind heißt nun Pablo und mit Zweitnamen Antonio, sollten wir später in unserem Lieblingsland Portugal „stecken“ bleiben, fällt Pablo dort namentechnisch also gar nicht weiter auf 🙂

Nun wohnt ihr auf 28 Quadratmetern im Dachgeschoss – dazu habt ihr ein Reel gemacht, das ich total spannend fand. Die häufigste Frage unter dem Reel war: Warum tut ihr euch das an, auf so engem Raum zu leben?

Ja, die Frage hören wir ständig! Aber ehrlich gesagt: Für uns fühlt es sich gar nicht nach Verzicht an. Wir haben auf Reisen monatelang in einem Zelt gelebt – 28 Quadratmeter sind dagegen purer Luxus. Fließend, warmes Wasser, eine Heizung die sofort anspringt, eine Tür, die man zumachen kann. So viel Komfort und Privatsphäre hatten wir die letzten Jahre nicht. 

Wir mögen die Minimalschiene. Es zwingt uns, bewusst zu leben, nichts zu horten und das Wesentliche im Blick zu behalten. Außerdem sparen wir dadurch Geld, Zeit und Energie – und gewinnen dafür Freiheit. Wir mögen den Spruch: „ What you own, owns you.“ Und das stimmt einfach.

Außerdem ist es natürlich momentan wirklich kein Problem, denn ein Baby mag die Nähe und Geborgenheit, wir brauchen hier nicht mal ein Babyphon. Aber natürlich stellt diese Einzimmerwohnung nur einen Übergang dar, denn wir wollen definitiv bald weiterreisen.

Wie versucht ihr sonst noch nachhaltig und kostengünstig im Alltag zu leben?

Vieles hat sich durch das Reisen einfach eingeprägt: Wir kaufen wenig neu, eigentlich fast alles nur gebraucht und überlegen zweimal, ob wir etwas wirklich brauchen. Wenn ich denke, dass wir etwas brauchen oder ich etwas haben möchte, öffne ich als Erstes die Ebay Kleinanzeigen App.

Wenn ich selber etwas nicht mehr benötige, es rumliegt und stört- mache ich ein Foto und stelle es ins Internet zum Verkauf. Für viele Dinge, für die andere Menschen den größten Teil ihres Geldes für ausgeben, geben wir weniger aus. Wir könnten uns eine größere Wohnung leisten, wollen wir aber nicht. Wir könnten uns ein neues Auto kaufen, sehen wir aber keinen Sinn drin. Auch Pablo wollen wir zeigen, dass Glück nicht davon abhängt, wie groß die Wohnung ist oder wie neu das Auto.

Für uns bedeutet Nachhaltigkeit auch: weniger verschwenden – Zeit, Energie, Geld, Aufmerksamkeit – und dafür mehr *erleben*. Was uns wirklich wichtig ist, ist Zeit. Und Zeit kann man für kein Geld der Welt kaufen. Aber jeder kann selber entscheiden, für was er seine Zeit nutzt oder umgekehrt mit was er sie füllt. Wir wollen definitiv weniger arbeiten, haben ergo weniger Geld, benötigen aber auch weniger als andere, weil wir uns für einen anderen Lebensstil entschieden haben. Jeder lebt am Ende das Leben, dessen Prioritäten er gewählt hat. Unsere Prio Nummer 1 war das Reisen, freie Zeit, die wir nach Lust und Laune verbringen können, jetzt ist es Pablo und so viel gemeinsame Zeit zu dritt wie möglich. 

Nun seid ihr seit drei Monaten Eltern – was hat euch am meisten überrascht an der Elternschaft?

Wie viel Liebe man empfinden kann. Wir dachten, wir kennen Liebe, aber die Liebe zu seinem eigenen Kind- oh, die hittet echt anders.  Mit so viel Liebe kommen natürlich auch ganz andere Sorgen dazu, die man sonst vielleicht nicht hatte. Sorgen um Gesundheit, ein enormer Drang das kleine Wesen, das man selber erschaffen hat, zu beschützen und das fängt schon bei der „aus dem Nichts grapschenden Oma“ beim Bäcker an und hört bei dem Weltschmerz auf.

Wir wussten, dass es intensiv wird – aber dass man gleichzeitig todmüde, überfordert und unendlich glücklich und dankbar sein kann, das muss man erleben, um es zu verstehen.

Was empfindet ihr bisher als größte Herausforderung?

Definitiv die Balance zwischen Nähe und Freiraum, zwischen Elternsein und Paarbleiben, zwischen Alltagschaos und den angestrebten Plänen und Träumen.

Aber wir versuchen uns gegenseitig daran zu erinnern, dass es jetzt eine Phase ist – und dass wir da gemeinsam durchgehen und es ganz bald wieder anders wird. Wir haben derzeit eine enorme Belastung mit Fabians Vollzeitjob, Social Media, einer Baustelle, die wir selber betreuen, dem Suchen nach einem geeigneten neuen Reisemobil und natürlich den Anspruch, dass Pablo bei allem an erster Stelle kommt. 

Gibt es schon Pläne, wann es wieder auf Reisen geht?

Oh ja – wenn es nach Franzi ginge, wären wir am liebsten gestern schon wieder auf Tour. Aber wir arbeiten mit Hochdruck daran, nächstes Jahr schon wieder los zufahren- daher gerade die enorme Doppelbelastung. Weil wir ganz bald unser Leben erneut um 180 Grad drehen werden.

Die Einzimmerwohnung ist bereits gekündigt, und wir sind intensiv auf der Suche nach einem Wohnmobil für uns drei. Endlich wieder Sonnenaufgänge genießen, mitten in der Natur, den Tau riechen, eine Tasse frischen Kaffe in der Hand und sich auf einen neuen Tag in Freiheit freuen- und das endlich zu dritt. Aber wir hetzen uns nicht, es muss natürlich alles passen, das richtige Wohnmobil zum richtigen Preis und hier in Deutschland muss natürlich auch alles geregelt sein. Wir wollen mit kleineren Touren starten und richten uns daher auch hier das erste Mal während des Reisens eine kleine „Base“ ein. Die befindet sich allerdings gerade noch im Rohbau und ist daher noch eine komplette Baustelle. 

Was wollt ihr eurem Kind unbedingt auf der Welt zeigen?

Dass Freiheit und zu Hause kein Orte ist, sondern Gefühle und Menschen. Wir wollen ihm zeigen, dass man überall ein Zuhause finden kann und glücklich sein kann– im Zelt, im Bus, in einem Lächeln.

Und dass Reichtum nichts mit Geld zu tun hat, sondern mit Erlebnissen, Begegnungen und Momenten. Wir wollen, dass Pablo unterwegs nicht nur die Welt sieht, sondern auch spürt, wie schön einfaches Leben sein kann. Wir wollen uns auch als Familie auf das wirklich Wichtige und Wesentliche im Leben beschränken und das ist Mensch und Natur und lernen und fühlen. 

Was ist für euch generell das Schönste am Reisen?

Dieses Gefühl, lebendig zu sein. Diese Sicherheit tief in uns, dass so alles Sinn macht. Morgens nicht zu wissen, wo wir abends schlafen. Völlig frei und neugierig in den Tag zu starten, und nicht genau zu wissen, was dieser bringen wird, welche Landschaften wir bestaunen, welche Menschen wir kennenlernen dürfen. Dass das Leben nur vom Wesentlichen bestimmt wird und es keine Ablenkungen gibt, nichts Unnützes. Dass die Zeit, die man lebt sich erfüllt anfühlt und niemals verschwendet. Reisen hat uns verändert. Wenn wir nicht unterwegs sind, fühlt sich alles nur noch nach einem Kompromiss an.

Mehr Infos gibt es noch auf ihrer Homepage: https://quitandgo.de

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