„Erstmal vom Besten ausgehen!“ Teen-Time Jugendkolumne

Vom Besten ausgehen

Ihr Lieben, ich hab letzte Woche in den Instastories ein Reel geteilt, in dem ein sehr schlauer Mann sagt, dass bedingungslose Liebe heißt, dass wir jemanden ganz unabhängig von seiner Leistung lieben, einfach nur für sein SEIN. Es geht um den Menschen, nicht um seine Handlungen, um den Kern im Inneren, nicht um Äußerlichkeiten. Ich glaube: Wir dürfen erstmal vom Besten ausgehen.

Viele von uns lieben ihr Kind schon, obwohl sie es noch gar nicht kennen. Da ist eine tiefe Verbindung – noch bevor wir unser Kind sehen, hören oder riechen können. Wir lieben es, weil es ist. Ohne seinen Charakter näher zu kennen oder dass es dafür etwas zeigen, liefern, leisten muss.

Und bezieht sich nicht auch ein Anwalt, der einen Verbrecher vertritt (ok, harter Cut, aber extra!), erstmal den Kern, die Person, nicht nur die Handlung? Steht nicht in unserem Gesetz, dass jeder Mensch das Recht hat, verteidigt zu werden?

Sind nicht alle Menschen vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz? Hat nicht jeder Mensch im Falle einer strafrechtlichen Beschuldigung Anspruch auf ein gerechtes Verfahren? Ist nicht die die Würde des Menschen unantastbar?

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Ein etwas weniger krasses Beispiel vielleicht: Die Liebe zum Fußballverein. Wer wirklich mal sein Herz an einen Verein verloren hat, der kommt davon nicht wieder los. Und zwar ganz unabhängig von der Leistung der Mannschaft. Wir ärgern uns über Arbeitsverweigerung auf dem Platz, über Transferfehlentscheidungen, aber niemals zweifeln wir an unserer grundsätzlichen Liebe. Durch gute wie durch schlechte Zeiten. Durch dick und durch dünn.

Ich finde, gerade die Liebe zum Verein lässt sich doch auch ganz wunderbar übertragen auf die Begleitung unserer heranwachsenden Kinder in der Jugendzeit. Ja, sie drehen vielleicht die ein oder andere merkwürdige Kurve – aber manchmal führt eben auch die zum Gewinn. Vielleicht stolpert auch mal jemand über die eigenen Beine, es liegt dann an uns, ob wir die Person ausbuhen oder ihr wieder hochhelfen. Sind wir Supporter? Bleiben wir Supporter?

Es ist noch immer derselbe Verein bzw. dasselbe Kind, auch wenn das vielleicht grad eine Phase sein mag, in der wir ihn nicht wiedererkennen. Aber warum nicht auch mal was Neues ausprobieren? Den Gegner überraschen, irritieren, mal anders anpacken? Vielleicht ist ja gerade das die Taktik, die alle voranbringt. Da darf Mut her und Lust auf Ausprobieren.

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Und nein, ich gehe nicht immer erst vom Übelsten aus. Ich gehe immer erstmal vom Besten aus. Kein Kind kommt als Tyrann zur Welt, das einfach nur die Eltern ärgern will und erstmal „geformt“ werden muss. Kein Verein startet mit dem Ziel in die Liga, möglichst viel oft zu verlieren oder möglichst viele zu verletzen. Es geht ums gemeinsame Vorankommen, um Vorbilder, um Teamplay, geistige und körperliche Kapazitäten.

Wenn hier zu Hause also mehrere 17Jährige Muffins backen, dann ist mein erster Kommentar erstmal kein: „Na, die Sauerei macht IHR aber jetzt erstmal sauber“, sondern ein „Wow, wie cool seid ihr denn, wer hatte die Idee, woher habt ihr das Rezept?“

Wenn das Kind sagt, dass es im nächsten Jahr mit der Clique in den Urlaub will, dann ist nicht der erste Kommentar: „Na, dann mal viel Spaß beim Geld verdienen, um dir das leisten zu können“, sondern ein: „Hey, mega, dass ihr euch das zutraut, wer kocht denn da und lass mal überlegen, wie das finanzierbar wäre, denn wie toll toll toll“.

Erstmal vom Besten ausgehen

Wir dürfen versuchen, nicht immer vom Übelsten auszugehen, sondern erstmal vom Besten. Natürlich verstehe ich, wenn das anders ist, weil das Vertrauen vielleicht schon öfter enttäuscht wurde. Wenn Faktoren wie Sucht, Geheimnisse, Neurodivergenz oder mehr eine Rolle spielen und es nicht immer so leicht ist mit dem Optimismus. Und trotzdem mag ich das Mind Set, das erstmal zutraut, das sich mitfreut, das Fan ist und supportet.

Ich hab Anfang der Woche einen schönen Spruch gelesen, der irgendwie zum Nachdenken anregt. Er ging so: „Der Gegenpol von Zwang ist nicht Freiheit, sondern Verbundenheit.“ Wie findet ihr den in diesem Kontext? (Und bitte hört euch den Song „Ding Südkurv“ mal in Ruhe an, ich muss jedes Mal weinen, wenn der Karneval gespielt wird, weil ja: Wir dürfen die größten Fans unserer Kinder sein!)

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