Ihr Lieben, vor Kurzem hatten wir hier den Bericht von Heidi, die durch Katharinas Artikel über das vierte Kind den Mut hatte, ebenfalls mit über 40 nochmal Mutter zu werden. Auf diesen Bericht hin hat sich Marika bei uns gemeldet. Sie hatte viele Jahre gar keinen Kinderwunsch, als er später leicht anklopfte, schob sie ihn immer zur Seite. Doch dann wurde sie mit 45 Jahren völlig überraschend schwanger…
Liebe Marika, Du hast 20 Jahre lang gedacht, du könntest gar keine Kinder bekommen. Wie kam es zu der Annahme?
Ich war mit Anfang 20 beim Frauenarzt zur Abklärung, ob bei mir Gefahr für Osteoporose entsteht. Ich hatte zu der Zeit mehrere Ermüdungsbrüche und kämpfte schon seit Jahren mit einer Essstörung. Ich hatte da schon monatelang keine Periode mehr. Bei dieser Untersuchung hieß es, dass es mit Kindern sehr schwierig werden würde. Eine ganz klare Diagnose gab es allerdings nicht. Als Hochleistungssportlerin und Sportstudentin hatte ich zu der Zeit weder einen festen Partner und schon gar keinen Kinderwunsch
Kannst du dich noch erinnern, was du gefühlt hast, als du das gehört hast?
Tatsächlich hat mir das nicht so viel ausgemacht. Ich war Anfang 20, hatte das Kinderthema null auf dem Schirm. Damals hat vor allem der Sport mein Leben bestimmt.
Kam denn im Laufe der Jahre dann doch ein Kinderwunsch?
Mit 30 kam der Kinderwunsch ganz leise angeschlichen. Da war die Phase des Hochleistungssports vorbei, wobei ich als Personal Trainerin immer noch sehr viel Sport gemacht habe.
Mein damaliger Partner hatte keinen großen Kinderwunsch, wir haben das kaum thematisiert, aber auch nicht verhütet. Ab und zu kam da so ein Gefühl in mir hoch, dass doch etwas fehlt. Aber so richtig habe ich das Gefühl nicht zugelassen, denn in meinem Leben gab es einfach neben der Essstörung, der Selbstständigkeit, dem vielen Training einfach keinen Platz für den Gedanken, ob und wie ein Kind in mein Leben kommen könnte.
Hast du denn in einem Freundeskreis viele frischgebackenen Eltern gehabt?
Nein, ich war viel beim Sport und in meiner Sportlerbubble gab nicht so viele Eltern. Meine beiden Geschwister haben je zwei Kinder, aber die lebten weiter weg und wir hatten nicht so viel Kontakt. Ich hatte kaum wirklich wenige Mädelsfreundschaften, was für mich aber auch immer ok war. Mein Kinderersatz war dann tatsächlich mein Hund.
Dann hast du deinen jetzigen Partner kennengelernt.
Genau, das war 2006. Wir haben uns im Fitnessstudio kennengelernt und gemeinsam sind wir richtig ins Traillaufen eingestiegen, das heißt Ultraläufe, Etappenrennen, ziemlich extremer Sport also.
Er wusste über meine Essstörung und auch über die Diagnose des Frauenarztes Bescheid, es war für ihn aber auch ok, keine Kinder zu bekommen. Verhütung war deshalb kein Thema, weil ich ja eh nicht schwanger werden konnte. Zudem hatten wir einen so vollem Alltag, da war einfach kein Raum für das Kinderthema.
2010, da war ich schon 40 Jahre alt, kam dann doch etwas Wehmut auf. Aber ich habe es nie angesprochen und auch versucht zu verdrängen. Ich dachte, ich müsse mich eben damit abfinden. Für eine künstliche Befruchtung hatten wir kein Geld, für Adoption waren wir schon zu alt, wir hatten viel Arbeit, die Hunde, den Sport. Ich sagte mir, dass da eben kein Kind mehr reinpasst.
Doch dann bist du mit 45 Jahren doch schwanger geworden….
Im Jahr 2014 war ich sportlich ausgebrannt. Ich hatte einige Verletzungen, wir hatten dann den Transalpinrun abgesagt, ich hatte dann eine große Zahn-OP und musste Antibiotika nehmen und wurde gefühlt immer schlapper, ja, eigentlich krank. Meine Periode hatte ich sowieso nach wie vor so unregelmäßig, was ich nicht unegwöhnlich fand.
Eines Tages fiel mir beim Duschen auf, dass sich meine Brust irgendwie verändert hatte. In Kombination mit diesen Krankheitsgefühl haben wir beschlossen einen Schwangerschaftstest zu machen. Ich habe null geglaubt, dass der positiv sein könnte und habe den billigsten von DM gekauft. Ich kann nur sagen: Es waren SOFORT zwei Striche sichtbar….
Und wie war deine Reaktion?
Es war eine Mischung aus: das kann ja gar nicht sein aber auch unbändige Freude und totale Verwirrtheit. Mein Freund hat ähnlich reagiert. Und dann habe ich einen Termin bei der Frauenärztin ausgemacht.
Dieser Termin war aber dann nicht ganz so gut, richtig?
Genau, die Ärztin hat mir zwar bestätigt, dass ich in der 8. Woche bin, hat mir aber große Angst vor einer Fehlgeburt gemacht. Erstaunlicherweise kam das aber gar nicht so an mich ran. Ich wußte natürlich von allen Risiken, aber irgendwie war ich sicher, das wird klappen. Ich dachte: Wenn mein Kind trotz Antibiotika (Zahn-Op) Schlaftabletten, Schmerzmitteln und dauernder körperlicher Überbelastung schon 8 Wochen bei mir ist, dann wird es auch bleiben.
Ich bin ja sonst leider eher pessimistisch unterwegs, aber irgendwie war ich unglaublich stolz und ganz ruhig. Mir war auch gleich klar, daß ich meinen eigenen Schwangerschaftsweg fahre und mich möglichst unabhängig von Kommentaren, Meinungen und Voraussagen machen muss. Außerdem war ich einfach froh, daß es einen so tollen Grund gab, daß mein Körper verrücktspielt, ich war nicht krank, sondern einfach schwanger!
Wie verlief die Schwangerschaft dann?
Die Schwangerschaft lief ziemlich entspannt und ich fand den Prozess so faszinierend, daß ich die ganzen Wehwehchen und Unannehmlichkeiten relativ entspannt sehen konnte. Wie ich ja schon erwähnt habe, hatte ich lange mit einer Essstörung zu kämpfen, aber in der Schwangerschaft habe ich mich sehr wohl mit meinem Bauch gefühlt, ständig enge Oberteile angezogen, um ihn noch zu betonen.
Es war krass zu sehen, wie sehr sich mein Essverhalten geändert hat. Während ich früher fast nur Obst und Gemüse gegessen habe, überkam mich nun der Heißhunger auf Süßes. In den ersten drei Monaten war ich ziemlich platt, aber dann wurde es besser und ich habe dann auch wieder Sport gemacht. Viele haben mir gesagt, ich dürfe nicht mehr so viel machen, aber ich hab einfach drauf geschaut, was mir gut tut.
Der Arzt in der Pränatal Diagnostik konnte auch kaum glauben, dass das Kind natürlich entstanden ist, denn mein Partner ist nochmal fünf Jahre älter als ich. Der Harmonytest war unauffällig und das Kind entwickelte sich prächtig.
Und wie war die Geburt?
Ich hatte mir sehr eine natürliche Geburt gewünscht. Leider kam es nicht dazu, weil wegen einer anfänglichen Schwangerschaftsvergiftung eingeleitet wurde und es dann in einer durchgehenden Wehe mit Schüttelfrost endete. Ich war am Ende meiner Kräfte und habe mich nicht gewehrt, als ein Kaiserschnitt vorgeschlagen wurde. Ich hatte mir von Beginn angesagt, dass ich dem Urteil und Rat der Ärzte und Hebammen voll vertrauen werde.
Die Stimmung während des Kaiserschnitts war total schön, als Emma dann geboren wurde, war ich nur glücklich. Ich denke gerne an die Geburt zurück und habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich bin einfach zutiefst dankbar für dieses unerwartete Wunder.
Wie hat Emma dein Leben bereichert?
Eine Hebamme meinte mal zu mir in Bezug auf das Alter: „Das ist doch egal, jetzt kommt doch nochmal richtig Leben in die Bude…“ Genau das war es, für uns hat sich ein völlig neuer Kosmos aufgetan. Wir hatten bis dahin relativ wenig Berührungspunkte mit anderen Familien, also war schnell klar, dass wir uns neu vernetzen müssen. Das hat unseren Horizont total erweitert.
Klar, Anfangs war es ganz schön hart alles, das Stillen hat nicht so gut geklappt, Emma hat viel geschrieen, ich wollte auch nicht zu lange aus dem Job raus. Aber natürlich kann ich ganz klar sagen: Emma bereichert unser Leben total und macht uns komplett.
Du hast ja seit vielen Jahren eine Essstörung, wie hat die Schwangerschaft und Mutterschaft sich darauf ausgewirkt?
Meinen Bauch werde ich wohl nie wirklich mögen, befürchte ich. Nach der Schwangerschaft kam eine Rectus Diastase dazu und die Wechseljahre machen es ja nicht einfacher. Trotzdem habe ich eine Art Frieden mit mir gefunden (oder ermattet aufgegeben). Mein Essverhalten ist immer nicht normal, aber ich lebe ganz gut damit. Ich habe wohl eine Körperschemastörung. Ganz ganz wichtig ist mir, dass ich diesen Komplex nicht auf meine Tochter übertrage, dafür kämpfe ich.
