Ihr Lieben, lange Zeit litt Michaela unter ihrem dominanten Vater, der immer alles besser wusste und der Probleme immer auf andere schob. Als er auf dem Weg war, ihr ihr Kind wegzunehmen und über es zu bestimmen, zog sie die Reißleine. Heute sagt sie, ihr Vater sei ein waschechter Narzisst. Ob sie noch Kontakt haben und wie ihre Mutter dazu steht? Das hat sie uns erzählt.
Du Liebe, du hast Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass dein Vater ein Narzisst war, wie kamst du irgendwann zu der Erkenntnis?
Tatsächlich kam ich erst durch die Beziehung zu meinem Mann zu dieser Erkenntnis. Ich habe ihn 2015 kennengelernt (da war ich 28) und anhand seiner Reaktionen auf bestimmte Dinge, die ich im Umgang mit meinem Vater oder generell mit meinen Eltern tat, kam ich immer mehr ins Grübeln.
Ich habe früher quasi keinerlei Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gehabt und war auch nicht in der Lage, meine eigene Meinung zu äußern. Ich habe mich immer der Meinung meines Vaters untergeordnet und nicht widersprochen. Erst mein Mann ermutigte mich, mich zu öffnen und meine eigene Meinung zu äußern.
Ist das heute noch ähnlich?
Er möchte noch heute kein „Mir egal“ oder „Weiß ich nicht“ von mir hören und verlangt regelrecht, dass ich meine Meinung klar äußere, damit ich nicht wieder in dieses Abducken verfalle. Eigene Meinungen waren meinem Vater immer ein Dorn im Auge und als ich dann später mutiger wurde und sie äußerte, war ich nicht mehr gut steuerbar und mein Mann wurde in den Augen meiner Eltern zum Feind. Sie haben von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihn nicht für den Richtigen für mich halten.
Was wollten sie stattdessen für dich?
Meinem Vater sind Status und Auftreten nach außen hin sehr wichtig und da ich selbst studiert habe und einen Masterabschluss besitze (übrigens die erste in meiner Familie, meine Eltern haben beide nicht studiert, daher verwundert eigentlich warum ihnen Status so wichtig ist, mein Vater ist selbst gelernter Maurer) wollten sie immer gerne, dass ich mal einen Akademiker heirate und nicht nur einen „einfachen Handwerker“ wie mein Mann es ist.
Es ging ihnen um Status, nicht um dein Glück.
Eigentlich sollte für Eltern meiner Meinung nach nur wichtig sein, ob das eigene Kind mit dem Partner glücklich ist und nicht welchen Abschluss dieser hat, aber das sahen meine Eltern anders. Meine Eltern hatten schon immer ein sehr spezielles Verhältnis zu mir und auch zueinander.
Mein Vater ist ein ausgezeichneter Schauspieler und versteht es, die Außenwelt perfekt zu überzeugen, dass er der Tollste ist und meine Mutter hat er schon von Anfang an in seinen Bann gezogen. Er ist ihre Sandkastenliebe und von wenigen Schwärmereien in der Jugend abgesehen, ist er ihr erster und einziger Mann.
Sie hat sich mit etwa 14 in ihn verliebt und zusammen gekommen sind sie, da war meine Mutter 18 oder 19, geheiratet hat sie ihn mit 21, mein Vater ist vier Jahre älter als sie. Bereits meine Kindheit war von einem toxischen Verhältnis zu meinen Eltern geprägt, jedoch habe ich das damals nicht anders gekannt und daher als normal empfunden.
Wie war deine Mutter zu dir?
Meine Mutter war immer sehr gluckenhaft und hat sich an mir festgeklammert, mich regelrecht mit Liebe überschüttet, sie hat mich immer als ihre beste Freundin und nicht als Tochter gesehen. Im Nachhinein betrachtet war ich glaube ich ihr Anker, um die narzisstische Art meines Vaters zu ertragen.
Meine Mutter ist ein starker Hypochonder. Ihre ständige Angst vor schweren Krankheiten hat meine Kindheit geprägt und sich sehr stark auf mich übertragen. Ich litt jahrelang ebenfalls unter starken Krankheitsängsten und habe bei den kleinsten Anzeichen meines Körpers starke psychosomatische Symptome entwickelt und unter Angstzuständen gelitten.
Meine Mutter hat sich immer an meinen Vater geklammert und ist ihm regelrecht hörig. Sie tritt mit ihm in der Öffentlichkeit als festes Duo auf, ist aber in der Beziehung untergeordnet. Sie kann kaum etwas alleine ohne ihn machen und muss ihn bei sämtlichen Entscheidungen, vor allem finanzieller Art, um Erlaubnis bitten.
Sie hat kein eigenes Konto und kann daher auch nichts unbemerkt kaufen, da er mindestens einmal täglich online die Kontobewegungen kontrolliert. Als ich noch zuhause lebte und auch noch während der Beziehung mit meinem Mann, hat sie mich oft gebeten ihr Geld zu leihen oder heimlich etwas online über mein Konto zu bestellen. Das Geld hat sie mir dann später in bar wiedergegeben, damit mein Vater es nicht merkt.
Und wie war dein Vater?
Mein Vater war dagegen immer sehr distanziert, hat mich nur umarmt, wenn meine Mutter ihn dazu aufgefordert hat und hat kaum Gefühle gezeigt. Er ist ein kontrollierender Mensch, dem Status und Finanzen schon immer wichtiger waren als zwischenmenschliche Beziehungen. Er ist stark narzisstisch, kann nur schwer oder gar nicht mit anderen Meinungen umgehen und gibt gern vor, über Allen zu stehen. Er kann dies perfekt inszenieren und agiert sehr berechnend und manipulativ.
Schon seit frühester Kindheit bis in mein Erwachsenenalter musste ich erleben, wie er Menschen aus seinem beruflichen und aus unserem privaten Umfeld, die ihm widersprachen oder anderer Meinung waren und damit dem Erreichen seiner Ziele im Weg standen, als böse und schuldig an seinem Scheitern dargestellt hat. Im Job waren immer die Anderen schuld, er hat daraufhin auch seine Arbeitsstellen gewechselt oder versucht, die Kollegen abmahnen zu lassen.
Wie war es innerhalb der Familie?
Nach und nach brachen die Kontakte zu sämtlichen Familienmitgliedern ab. Ich habe meine Oma und meine Tante mütterlicherseits zuletzt in der Grundschulzeit gesehen. Die Eltern meines Vaters sind recht früh verstorben, dadurch habe ich diese kaum kennen gelernt.
Im Laufe der Jahre wurde auch der Kontakt zu seinen drei Geschwistern abgebrochen. Auch hier waren natürlich immer seine Schwestern und sein Bruder die Schuldigen, die ihr Leben angeblich nicht auf die Reihe kriegen und nichts aus sich machen. Auch wenn meine Eltern selbst aus einer einfachen Arbeiterfamilie kommen, war es für ihn schon immer wichtig, als etwas Höheres und Wertvolleres angesehen zu werden.
Alle anderen waren immer schuld?
Jeder, der einfach ein normales Leben führte und nicht studierte oder sich anderweitig weiterbildete oder ein Haus bauen wollte, war in seinen Augen faul und machte nichts aus seinem Leben. Mein Vater hat damals selbst um jeden Preis ein eigenes Haus bauen wollen, auch wenn es zeitweise finanziell kaum stemmbar war und zu großen Konflikten mit meiner Mutter führte. Ich habe oft erlebt, wie meine Mutter darunter litt, dass für meinen Vater der Hausbau an erster Stelle stand und Urlaub oder einfache Ausflüge komplett gestrichen wurden.
Vor etwa 3,5 Jahren haben meine Eltern dann auch den Kontakt zu meinem Opa und seiner zweiten Frau abgebrochen. Mein Opa hat das Gespräch mit meiner Mutter gesucht und ihr mitgeteilt, dass er mit meinem Vater aufgrund seiner egoistischen, manipulativen Art keinen Kontakt mehr haben kann, aber meiner Mutter stünden die Türen stets offen, wenn sie reden möchte. Soweit ich weiß, hat meine Mutter diese Gesprächseinladung nie angenommen. Mein Mann, unsere gemeinsame Tochter und ich waren somit die letzten verbliebenen Familienmitglieder, die sich noch nicht abgewandt hatten.
Du sagst, dein Vater hat dir psychisch arg geschadet, magst du mal erzählen, wie zum Beispiel?
Schleichend hat das schon in meiner Kindheit angefangen, aber das war mir damals noch nicht so bewusst. Mein Vater hat mich schon immer sehr manipuliert und instrumentalisiert und gleichzeitig lange versucht, mich klein zu halten. Ich weiß noch, dass ich zum Beispiel auch als Erwachsene lange Zeit Probleme hatte, so Kleinigkeiten wie einen Anruf bei einem Arzt zur Terminvereinbarung zu meistern. Das wurde mir vorher immer abgenommen und dadurch habe ich lange nicht gelernt, selbständig irgendwas zu tun.
Wie ging er mit deinem Mann um?
Richtig arg wurden seine Spielchen aber erst, als ich mit meinem Mann zusammengekommen bin und 2019 unsere gemeinsame Tochter geboren wurde. Das war richtig beängstigend, denn mein Vater hat mich von da an zunehmend ignoriert und über mich hinweg agiert. Ich wurde nicht mehr begrüßt und wenn ich etwas erzählt habe, hat er einfach etwas anderes gemacht oder mitten im Satz ein anderes Thema begonnen, so als gäbe es mich gar nicht. Ich finde noch heute, dass Ignoranz eine der schlimmsten psychischen Spielchen ist und an Folter grenzt.
Wie war´s mit deinem Kind?
Meine Tochter wurde hingegen von meinen Eltern regelrecht vereinnahmt. Für Außenstehende wirkte es so, als ob meine Eltern die perfekten Großeltern waren. Sie haben alles für sie möglich gemacht und super viel mit ihr unternommen. Das klingt auch erstmal toll, hat aber schnell sehr krankhafte Ausmaße angenommen und sie haben sich auch sehr oft über unsere Erziehungsansichten hinweggesetzt und einfach etwas anderes gemacht.
Mehr und mehr wurde das komplette Leben meiner Tochter durchgeplant ohne dass wir als Eltern überhaupt gefragt wurden. Mein Vater träumte schon davon, dass er in Rente geht, wenn sie eingeschult wird und dann mit ihr durch Schweden reisen will in den Ferien. All diese Pläne machte er aber natürlich, ohne uns einmal nach unserer Meinung dazu zu fragen.
Wurde das noch arger?
Es wurde regelmäßig eingefordert, dass unsere Tochter bei ihnen übernachtet und wenn wir selbst mal etwas mit ihr unternehmen wollten oder sie bei den Eltern meines Mannes war, reagierten meine Eltern eifersüchtig und wie ein bockiges Kind, dass wir sie ja nicht oft genug zu ihnen lassen würden.
Meine Eltern kamen auch mindestens einmal die Woche unangekündigt zum Abendbrot vorbei oder wenn angekündigt, dann nur sehr kurzfristig und ohne wirkliche Option Nein zu sagen, aber nicht etwa, um mit uns allen Abendbrot zu essen, sondern nur mit unserer Tochter. Sie brachten sich dann immer selbst Brote mit und saßen hier mit ihr, während wir Eltern vollkommen ignoriert wurden. Wir hatten immer mehr den Eindruck, dass unsere Tochter ihr neues Ersatzkind war, weil sie mich ja quasi an meinen Mann „verloren“ hatten, weil ich nun nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzte und eine eigene Meinung hatte.
Wie stand dein Mann dazu?
Der Witz ist, dass es gerade mein Mann war, der mir lange zugeredet hat, dass es ja meine Familie ist und wir uns doch bemühen sollten, dass es trotzdem klappt, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Dadurch haben wir diese Übergriffigkeiten lange geschehen lassen und ich habe des Friedens willen nur selten etwas gesagt. Meine Tochter wirkte auch sehr glücklich, weil sie bei Oma und Opa ja alles bekam und durfte.
Wie ging es dir selbst damit?
Nur mir ging es leider zunehmend schlechter damit. Ich entwickelte starke Angstzustände und Panikattacken schon bei dem Gedanken daran, dass meine Eltern wieder einfach ungefragt dastehen und über uns hinweg entscheiden. Es endete damit, dass ich fast zwei Jahre lang so massive Angst- und auch Schlafstörungen hatte, dass ich psychisch einfach am Ende war. Dies ging dann auch zu Lasten meiner Tochter, weil ich aufgrund des Schlafmangels ihr gegenüber sehr schnell gereizt und erschöpft war und dadurch gar nicht mehr richtig für sie da sein konnte.
Du hast dann einen Gamechanger erlebt…
Ja, ich habe eine Mutter-Kind-Kur beantragt und auch zum Glück schnell bewilligt bekommen. Ich bin dann 2023 drei Wochen mit meiner Tochter an die Nordsee gefahren. Ich habe mich dort dann bewusst entschieden, niemanden vor Ort als Besuch zu empfangen und habe auch meine Eltern auf Abstand gehalten, ihre Anrufe und sonstigen Kontaktversuche abgewiesen und mir Zeit für mich erbeten und nur mit meinem Mann regelmäßig telefoniert.
Ansonsten lag der Fokus allein auf mir und der Beziehung zu meiner Tochter. Und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie ein riesiger Druck von mir abgefallen ist, weil sie nicht einfach ungefragt auftauchen und sich in mein Leben einmischen konnten. Ich habe das erste Mal seit knapp zwei Jahren wieder schlafen können und habe dadurch dann erst wirklich realisiert, dass all meine psychosomatischen Beschwerden von der Beziehung zu meinen Eltern und vor allem zu meinem manipulativen und vereinnahmenden Vater herrühren.
Was hat das mit dir gemacht?
Mir ging es so gut wie schon lange nicht mehr und da wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Als ich von der Kur zurückkam, habe ich meine Mutter kontaktiert und um ein Gespräch mit ihr allein gebeten, damit mein Vater mich in meinem Vorhaben nicht gleich wieder einschüchtern und mir über den Mund fahren kann. Ich habe ihr geschildert, dass ich zu der Erkenntnis gekommen bin, dass mein Vater ein Narzisst ist und ich sehr darunter leide.
Ich habe ihr versucht zu erklären, dass ich denke, dass auch er sich psychologische Hilfe holen sollte, um daran zu arbeiten, damit wir endlich ein gesundes Verhältnis zueinander aufbauen könnten. Aber sie hat dies alles abgestritten und war ganz entsetzt, wie ich darauf käme, dass er ein Narzisst sei. Das sehe sie gar nicht so.
Welche Konsequenz hast du daraus gezogen?
Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich dann erstmal Abstand brauche und vorerst keinen Kontakt mehr zu ihnen beiden haben möchte. Ihre einzige Frage daraufhin war, ob dies auch für meine Tochter gelte. Und da ich für mich Ruhe reinbekommen wollte, um alles aufzuarbeiten, und meine Tochter ebenfalls vor diesem toxischen Verhalten schützen wollte, habe ich dies bejaht und auch den Kontakt zu meiner damals noch 3-jährigen Tochter untersagt.
Das ist jetzt über zwei Jahre her und ich habe meine Mutter seitdem nicht mehr gesehen und es kam auch keine Kontaktaufnahme durch sie mehr zustande. Lediglich mein Vater stand einmal einige Monate nach dem Gespräch unangekündigt vor meiner Tür und beschimpfte mich, dass ich meiner Mutter mit meinem egoistischen Verhalten schade und ob sich an meiner Entscheidung etwas geändert habe. Ich verneinte dies, da von ihm keinerlei Einsicht kam, dass er vielleicht ein Problem hat und daran arbeiten müsste. Es regnete nur Vorwürfe für mich. Und dann ging er wieder.
Dann flatterte die nächste Überraschung ins Haus…
Etwa ein halbes Jahr später erreichte uns dann ein Schreiben vom Familiengericht mit einer Vorladung. Meine Eltern wollten ein Umgangsrecht für unsere Tochter einklagen. Sofort hatte ich wieder Panikattacken und fühlte mich in die frühere Bevormundung zurückversetzt und ich sah vor allem meine Tochter akut psychisch gefährdet, denn es sollte eine Anhörung von ihr durch einen Verfahrensbeistand erfolgen.
Bisher hatten wir unsere Tochter immer weitestgehend aus allem rausgehalten und ihr lediglich erklärt, dass ich mich mit meinen Eltern so sehr gestritten hatte und deshalb kein Kontakt mehr besteht. Nun mussten wir ihr aber etwas mehr erzählen, damit sie nicht völlig ins Blaue von einer fremden Frau zu ihren Großeltern befragt wird, was wir dann kindgerecht versucht haben.
Wie ging das aus?
Nach vielen Gesprächen mit Anwälten und der Verfahrensbeiständin wurde die Klage seitens meiner Eltern dann schließlich doch überraschend wieder zurückgezogen, vermutlich auch weil unsere Tochter auf die Frage, ob sie Oma und Opa mit einer Begleiterin vom Jugendamt zusammen besuchen will Nein geantwortet hat und die Richterin daraufhin sich auch aufgrund meiner psychischen Belastung mit dieser Situation gegen ein Umgangsrecht ausgesprochen hat.
Ist jetzt Ruhe eingekehrt?
Nun ist wieder Ruhe in unsere Familie eingekehrt, aber so richtig glaube ich nach wie vor nicht, dass das alles war. Irgendwann wird mein Vater womöglich wieder einfach vor der Tür stehen und mich beschimpfen oder eine neue Klage versuchen. Ich traue dem Frieden noch nicht so ganz.
Nochmal zurück in deine Jugend, hast du gedacht, das sei normal so?
Ja, für mich war das völlig normal, ich kannte es ja nicht anders. Mir wurde erst jetzt Jahre im Nachhinein von Freunden und anderen Familienmitgliedern geschildert, wie toxisch das Verhalten meiner Eltern war. Es gibt aber auch nach wie vor Bekannte, die mich ansprechen und nicht verstehen können, warum ich den Kontakt abgebrochen habe, denn mein Vater sei doch so ein toller Mann. Das sind dann die Leute, die ihn nur als sehr guten Schauspieler erlebt haben und nie hinter die Fassade gucken konnten.
Aber die Mehrheit bestätigt meinen Eindruck eines egoistischen, vereinnahmenden und narzisstischen Verhaltens meines Vaters. Ich fand nur erschreckend, dass diese Aussagen erst jetzt kamen und mir früher niemand etwas in diese Richtung signalisiert hat. Vielleicht hätte ich dann schon viel früher geschafft mich von meinem Vater zu befreien.
Wie erklärst du dir das Verhalten deiner Mutter?
Meine Mutter ist in eine Art passiven Narzissmus verfallen, glaube ich. Sie hat sich meinem Vater komplett untergeordnet und glaubt, dass alles wahr ist, was er sagt und tut. Mit jedem weiteren Familienmitglied, dass sich von ihnen wegen meines Vaters abgewandt hat, sah sie seine Aussage, dass alle anderen schuld und falsch seien, scheinbar immer mehr bestätigt.
Ich hatte gedacht, dass sie mal etwas überdenkt, wenn ich ebenfalls den Kontakt abbreche, aber das ist nicht geschehen. Und jetzt hat sie ja quasi nur noch ihn, dadurch wird sie den Absprung auch nicht mehr schaffen, fürchte ich. Ich musste mir inzwischen eingestehen, dass es mir nicht gelungen ist, sie zu retten und dass sie selbst die Erkenntnis und auch die Kraft dazu nicht aufbringen kann.
Hattest du damals Verbündete? Irgendjemanden, dem du dich anvertrauen konntest?
Nein, Verbündete hatte ich leider nicht damals und ich konnte mich als Kind oder Jugendliche auch keinem dazu anvertrauen. Erst mein Mann wurde mein Verbündeter und mit ihm konnte ich dann vieles endlich bereden.
Seit dem Kontaktabbruch erfahre ich aber im Freundes- und Bekanntenkreis von immer mehr ähnlichen Fällen, denen es auch so mit ihren Eltern oder einem Elternteil erging. Diese Personen haben da vorher auch nie drüber geredet, das scheint noch immer ein großes Tabuthema zu sein.
Ich wurde auch lange von Freunden meiner Eltern auf offener Straße angegriffen, dass ich herzlos sei und wie ich meinen Eltern das antun konnte den Kontakt abzubrechen. Die wirklichen Hintergründe haben sie nicht verstanden. In der Generation meiner Eltern scheint der Konsens zu gelten, dass man das halt einfach nicht macht, man bricht den Kontakt zu seinen Eltern nicht ab.
Eine Freundin meiner Mutter meinte zu mir „Wir wissen, dass dein Vater manchmal nicht einfach ist, aber da muss man dann halt durch.“ Nein, das sehe ich heute nicht mehr so, ich muss da nicht durch. Er hat mir psychisch geschadet mit seinem Verhalten und wenn es mir besser geht ohne Kontakt zu ihm, dann darf man sich auch von seinen Eltern lösen.
Ist irgendwem in deinem Umfeld aufgefallen, was bei euch zu Hause los war?
Wie gesagt, im Nachhinein haben sich schon einige geäußert, dass sie das schon immer komisch fanden, aber in der damaligen Situation hat es nie einer angesprochen oder Hilfe angeboten. Ich glaube das gesamte Ausmaß konnte aber auch keinem auffallen, weil mein Vater es immer gut verstanden hat den Leuten das perfekte Schauspiel zu bieten und auch meine Mutter hat sich da sehr angepasst und immer gut die heile Welt verkaufen können.
Und manche „Nebeneffekte“, die damals passierten, konnten gut auf andere abgewälzt werden. Ich war beispielsweise in der Schule starkem Mobbing ausgesetzt und weil ich nie gelernt habe, mich dagegen verbal zu wehren und eine eigene Meinung zu äußern, war ich halt auch das perfekte Opfer. Und mein Vater erzählte dann in unserem Umfeld nur, wie böse und schlimm die alle in der Schule sind. Wirkliche Hilfe wie ich mit dem Mobbing umgehen sollte, kam von meinen Eltern nicht.
In welchen Situationen merkst du heute noch, dass da Nachwirkungen sind?
In manchen Situationen verfalle ich noch heute in dieses Gefühl des kleinen Mädchens, das hilflos vor ihrem Vater steht und sich einschüchtern lässt. Es hat Jahre gebraucht, um so an meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten, dass ich für meine eigene Meinung einstehe.
Besonders leid tat es mir lange Zeit um meine Tochter. Sie hat anfangs natürlich nicht verstanden, warum sie nicht mehr zu Oma und Opa durfte, es hatte ihr ja dort nie an etwas gefehlt und von den Erniedrigungen meines Vaters mir und meinem Mann gegenüber hat sie ja nie etwas mitbekommen.
Sie hat lange Zeit immer mal wieder nach ihren Großeltern gefragt und war auch öfter mal traurig deshalb. Inzwischen ist es über zwei Jahre her und sie spricht nun nicht mehr über meine Eltern, aber wirklich vergessen hat sie es vermutlich trotzdem nicht. Vielleicht wird sie irgendwann als Jugendliche wieder danach fragen und den Kontakt erneut aufleben lassen wollen. Mal sehen, wie ich dann damit umgehe.
Wie arbeitest du all das auf?
Kurz nach der Kur 2023 habe ich mich auf die Suche nach einem Therapeuten gemacht und bin nun bei einer ganz tollen Psychologin in Behandlung. Sie hilft mir sehr alles aufzuarbeiten. Es gab und gibt auch viele Gespräche mit meinem Mann, aber ich finde auch für ihn wichtig, dass er nicht allein all meinen Ballast abbekommt und nicht als mein Therapeut herhalten muss. Er wird immer für mich da sein und mir zuhören, aber für unsere Ehe ist es auch wichtig, dass diese Themen nicht dauerhaft nur zwischen uns besprochen werden, sondern es da auch eine neutrale dritte Person gibt, der ich mich anvertrauen kann.
Wie gehst du selbst mit deinen Kindern um?
Ich bemühe mich ein sehr liebevolles Verhältnis zu meiner Tochter zu pflegen und sie stets mit offenen Armen zu empfangen und sie gleichzeitig nicht zu erdrücken und sie darin zu bestärken, für sich und ihre Meinung einzustehen und sich nicht bevormunden zu lassen, aber auch den Respekt vor anderen nicht zu verlieren. Ich denke, dass uns das als Eltern ganz gut gelingt. Sie ist ein sehr starkes, selbstbewusstes Mädchen und kann gut für sich einstehen. Inzwischen haben wir auch ein zweites Kind bekommen und wir versuchen unserem Sohn die gleichen Werte mit auf den Weg zu geben.
Was wünschst du dir für Kinder und Jugendlichen, die ähnlich aufwachsen wie du?
Ich wünsche ihnen, dass es in ihrem Umfeld Personen gibt, die sehen wie es ihnen damit geht und die, anders als es bei mir war, gleich ihre Hilfe anbieten und als Verbündete da sind. Man schafft es leider meist nicht aus eigener Kraft, dort ohne Weiteres rauszukommen und seinen eigenständigen Weg zu gehen. Für mich war das ja auch lange meine gelebte Normalität, ich wusste nicht, dass das so nicht normal war und hätte mir früher eine Person gewünscht, die mir die Hand reicht und für mich da ist.


2 comments
Der Vater bleibt in dem Artikel erstaunlich wenig greifbar. Warum erhalte ich als Leserin kaum Schilderungen, was denn nun so Unnormales in der Familie passiert ist, das von der Betroffenen lange für normal gehalten wurde? Es handelt sich hier fast ausschließlich um Bewertungen der Tochter. Konkret erfährt man, dass Termin-Anrufe ihr unnötig lange abgenommen wurden, die Mutter vom Vater finanziell kontrolliert wurde und die Eltern mit ihren eigenen Abendbroten unangekündigt vor der Tür standen – diese Beispiele machen den Kontaktabbruch für Außenstehende nicht unbedingt nachvollziehbar. Es werden aber reichlich andere Verwandte, die ebenfalls den Kontakt mit dem Vater nicht mehr haben oder wünschen, als Gewährsleute aufgezählt. Nicht dass ich meinen wolle, der Vater sei kein Narzisst, die Tochter hätte nicht jahrelang gelitten oder den Kontakt nicht abbrechen sollen. Das mag alles richtig sein. Nur bleibt es für mich in dem (relativ langen) Artikel leider wenig greifbar.
Wow, dieser Mensch klingt maximal unangenehm und irgendwie richtig gruselig. Gut, dass du den Absprung geschafft hast! Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute und drücke die Daumen, dass ihr in Zukunft von ihm verschont bleibt!