Ihr Lieben, was Ivonne und ihr Mann erlebt haben und wie sie damit umgehen ist unvergleichlich. Vor zehn Jahren starb ihre wundervolle Tochter Line im Alter von nur 14 Jahren, doch sie bleiben grenzenlos verbunden. In den Tagen vor ihrem absolut plötzlichen Tod war sie sehr glücklich gewesen, verliebt. Ihre Mama Ivonne sieht sie noch abends im Flur stehen, angekuschelt an ihn, selig lächeln. Sie haben geredet, sich „Gute Nacht“ gesagt, einen letzten warmen Blick ausgetauscht. „Alles wie immer und doch war es das nicht“, sagt ihre Mama.
Am nächsten Tag ist Ivonne in ihr Zimmer und hat Line gesehen, ihren Engel, ihr Alles. Es war ein Sonntag wie zu ihrer Geburt, ein Sonntag und nun auch ihr Todestag. Es war die erste Nacht, in der ihr Freund bei ihnen übernachten durfte, sie hatte einige Überredungskünste angewandt. Sie starb an einer Mischung aus Fentanyl und Ecstasy. Was an diesem Abend und in dieser Nacht wirklich geschah, werden ihre Eltern wohl nie erfahren.
Ivonne schreibt an ihre Tochter Line: „Du hast geliebt, vertraut, wolltest das Leben mit allen Sinnen fühlen. 14 wundervolle Jahre durfte ich deine Erdenmama sein. Unsere Verbindung ist grenzenlos. Du bist viel mehr als dein Körper. Ich liebe dich immer weiter und weiter. Seelenliebe. Tief und tiefer, unendlich. Ich bin voller Dankbarkeit für dein Sein und den Weg, den du mit uns gehst, die Weiten, die wir durch dich erfahren und die Grenzen, die sich auflösen. Bis in alle Ewigkeit.“
Wie ihr Leben weiterging? Das erzählt uns Ivonne heute in berührendsten Worten.
Liebe Ivonne, dein Mann und du, ihr habt euer damals einziges Kind, eure wundervolle Tochter Line mit nur 14 Jahren verloren. Wie lang ist das jetzt her und wie geht es euch jetzt gerade?
In diesem Jahr sind es im Juni schon 10 Jahre seit unsere Line gestorben ist. Es ist unglaublich wie schnell die Zeit fliegt. Es fühlt sich immer noch so nah an und doch scheint das Leben ohne sie hier auf der Erde wie eine Ewigkeit. Uns geht es gut, ein anderes GUT als früher. Ein Gut, das den Schmerz kennt und nichts mehr als selbstverständlich sieht. Ein Gut, das Momente des Glücks intensiv fühlt. Ein bewusstes JA zum Leben mit unseren beiden Mädchen.
Line war ein absolut positiver Mensch, so wirkt es auf den vielen Fotos, die es gibt. Sie wirkt auf den Bildern auch sehr reif für ihr Alter, zog sie schon richtig um die Häuser in ihren letzten Monaten?
Line war sehr liebevoll, offen und positiv. Sie hat einfach geleuchtet und gestrahlt. Wie ein Magnet, der Menschen anzieht mit ihrer Energie. Sie wollte immer, dass es allen gut geht und in ihrer Nähe hat es sich leicht angefühlt. Sie war oft mit ihren Mädels bei uns und unser Haus war dann immer mit viel Lachen und Musik erfüllt. Mit ihren Freunden ist sie auch durch unsere kleine Stadt gezogen.
Sie war tiefgründig, mutig und klug und es hat uns beeindruckt wie sie die Welt mit ihren Augen sieht. Sie hat vieles hinterfragt, mochte keine Ungerechtigkeit und Engstirnigkeit. Sie wollte immer außergewöhnlich sein und ich habe ihr mal gesagt, dass sie es schon ist, wenn sie nur den Raum betritt.
„The eyes are useless, when the mind is blind.“ Das war ihr letzter Status und sagt so viel über sie.
Was hattet ihr beiden für ein Verhältnis zueinander?
Wir hatten und haben bis heute eine sehr innige Verbindung zueinander. Ich wusste wie sie fühlt, ob sie glücklich oder traurig ist. Als ob ich fühlen würde was sie fühlt. Wie EINS. Sie hat mir viel anvertraut und sie ist mir immer noch so nah. Ich bewundere sie und bin stolz ihre Mama zu sein.
Line hat sich dann irgendwann verliebt. Am Morgen, nachdem ihr Freund zum ersten Mal bei euch übernachten durfte, lebte sie nicht mehr. Wie hast du diesen Tag in Erinnerung?
Ich höre immer noch ihr „Gute Nacht Mama“ am Abend davor. Alles war wie immer… Als ich morgens in ihr Zimmer bin, habe ich sofort gesehen, dass sie gestorben ist. Und doch war es so unwirklich. Unfassbar.
Ich habe meinen Mann gerufen und er hat versucht sie wiederzubeleben. Ich habe geschrien und er war unglaublich, hat alles versucht und wollte gar nicht aufhören, auch als der Notarzt kam. Es waren so viele fremde Leute in unserem Haus, aber ich habe sie nicht wahrgenommen. Wie herausgefallen aus der Welt. Ich war dabei und doch war ich es nicht, wie erstarrt.
Wir hatten dann nur noch einen kurzen Moment mit ihr allein und ich sehe mich noch neben ihr auf dem Boden in ihrem Zimmer ihr wunderschönes blondes Haar kämmen. Ich konnte nichts fühlen, alles in mir war kalt und leer.
Auch als der Sarg die schmale Holztreppe hinausgetragen wurde und wir Hand in Hand dem schwarzen Auto vom Bestatter hinterher gesehen haben. Wir wussten, es ist unser Mädchen und doch hat es sich angefühlt wie in einem Film, nicht real.
Hattet ihr irgendwelche Hilfen durch Notfallseelsorge oder Ähnliches?
Nein. Es waren so viele Menschen an diesem Morgen hier, Notarzt, Polizei, Rettungsdienst. Auch jemand vom Kriseninterventionsteam. Wir konnten nicht mit ihm reden, waren wie erstarrt. Er wirkte selbst hilflos in dieser Situation und hat immer nur gesagt wie viel Liebe hier fühlbar ist.
Das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden. Wie wertvoll sein Empfinden war und dass es gar nicht mehr gebraucht hat in dem Moment.
Was ich bei eurer Geschichte besonders beeindruckend finde: Dein Mann und du habt euch sofort gegenseitig gehalten – und tut es bis heute… ihr fühlt euch grenzenlos verbunden.
Es ist ein so kostbares Geschenk, wenn da jemand ist, der so fühlt, leidet und liebt wie du. Der mit dir verzweifelt und tieftraurig ist. Wir sind Seelenpartner, verbunden für die Ewigkeit. Vom ersten Moment an haben wir uns gegenseitig Halt gegeben. Es war ein tiefes Verstehen ohne Worte. Wie aus einer anderen Welt.
Und wenn es der eine in einem tiefen Loch war, war der andere da um stark zu sein. So etwas Erdrückendes zusammen auszuhalten und zu tragen ist wie ein Licht in der Dunkelheit. Es hat uns noch mehr zusammen wachsen lassen.
Die Polizei durfte euch aus ermittlungstaktischen Gründen nichts zur Todesursache sagen, ihr habt dann aus dem Radio erfahren, woran eure Tochter starb.
Zusätzlich zu diesem unvorstellbaren Schmerz war es extrem belastend nicht zu wissen was wirklich geschehen ist. Wir hatten so viele Fragen und keine Antworten. Dabei wollten wir doch nur wissen, wie unser Kind gestorben ist und ob sie leiden musste. Als Eltern dreht man fast durch dabei.
Es dann aus dem Radio zu erfahren war absolut hart. Es war so viel, was da von außen auf uns zugekommen ist. Wir konnten nicht zur Ruhe kommen. Aber auch das ist ein Teil unseres Weges und unserer Trauer.
Du sprichst sehr offen über das Geschehene, sagst Sätze wie „Das ist immer wie eine Welle, die uns umspült. Immer wieder werden euch dann Vorwürfe gemacht, wie ihr das mit der Übernachtung erlauben konntet. Dabei hast du abends noch dein glückliches Mädchen im Flur lachen gehört…
Sind das meine Worte? Das beschreibt es gut. Eine Welle, die uns gerade am Anfang überrollt und alles aus der Tiefe wieder hochholt. Wir haben alles in Frage gestellt, auch uns selbst.
Wir haben diese Übernachtung erlaubt und es hat einige Überredungskunst unserer Tochter gebraucht. Es war unsere gemeinsame Entscheidung, auch weil sie ja hier bei uns war, in unserem Zuhause. Sie ist auch nicht wegen der Übernachtung gestorben.
Man wird angreifbar, wenn man sich in der Öffentlichkeit zeigt. Verletzlich. Und wir haben wirklich alles an bösartigen Beurteilungen erfahren. Wir konnten nicht verstehen, wie Menschen so kalt und empathielos sein können und bewusst verletzten wollen.
Mittlerweile lassen wir es einfach durchfließen und wachsen daran. Irgendwann wurde uns auch bewusst, dass es nichts über uns aussagt, sondern immer über den, der es mitteilt.
Es gab auch viel positiven Zuspruch, Menschen, die verstehen und mitfühlen. Auch das hat uns bestärkt. Anzunehmen, was nicht mehr zu ändern ist. Denn das, was es bewirkt, ist viel tiefgreifender. Es zeigt unseren Weg und dass ein Leben auch nach einem so großen Verlust wieder lebenswert sein kann, wenn auch anders. Liebe ist stärker als alles!
Heute sagst du, die Trauer um Line habe euch wachsen lassen. Inwiefern?
Ihr Sterben hat uns aufgeweckt. Unser Bewusstsein erweitert, uns gezeigt, dass es so viel Mehr gibt um uns herum. Wir sind achtsamer geworden, feinfühliger, auch verletzlicher. Wir denken, fühlen und lieben viel tiefer jetzt, intensiver. Wir nehmen die Zwischentöne wahr und die Wunder um uns herum.
Belanglosigkeiten lösen sich auf. Sie hat uns gezeigt, was wirklich wichtig ist und auch auf uns und unsere Bedürfnisse zu achten. Wir gehen unseren Weg so wie es sich für uns gut anfühlt und nicht wie es erwartet wird.
Wir haben keine Angst mehr vor dem Tod. Weil wir wissen, dass es nicht das Ende ist. Das lässt uns freier leben. Echt und ganz und gar, ohne Wenn und Aber. Unsere Liebe hat ihre Form verändert, sie ist nicht mehr physisch, sondern eine grenzenlose Verbundenheit.
Die Trauer ist jetzt ein Teil von uns, nicht mehr als lähmender Schmerz, sondern als tiefe Form der Liebe. Du wächst wieder anders zusammen, wenn du zerbrochen bist. Mit der leisen Traurigkeit, die immer mitschwingt und Narben, die bleiben und durch die das Licht scheint.
Der schöne Satz, dass ihr als Familie „anders glücklich weiterlebt“ hat mich schwer beeindruckt. Wie macht ihr das?
Das Leben hat sich geweitet irgendwie. Wir versuchen, im Jetzt zu sein und uns das Leben so schön zu machen, wie es geht. Wir genießen die Momente zusammen mit unserer kleinen Tochter ganz bewusst, fühlen das Leben. Spazieren bei uns am Meer, toben auf Spielplätzen, entdecken neue Orte und bestaunen die Natur, die uns umgibt.
Jeder kleine Moment ist so kostbar. Wir sind so dankbar, die Welt mit unserer kleinen Tochter noch einmal ganz neu zu entdecken. Sie ist das schönste Wunder der Welt für uns. Die Zeit zusammen ist so wertvoll, nichts ist mehr selbstverständlich. Es ist die Liebe, die aus dem Schmerz gewachsen ist.
Was wünschst du dir für die nächsten Monate und Jahre?
Frei zu leben und viel Zeit mit meiner Familie. Miterleben wie unsere Kleine wächst und immer mehr aufblüht. Eigentlich so, wie es jetzt ist. Ich freue mich auf das, was noch kommt.
Es ist so unvorstellbar, dass ich das wieder so fühlen kann nach dem Tod unserer Tochter. Es war ein langer und schwerer Weg und es bleibt eine Lebensaufgabe, denn sie fehlt ja immer und überall. Doch er hat uns zu dem gemacht, wer wir sind.
Möchtest du uns Müttern von Teenagern noch etwas mit auf den Weg geben?
Ich weiß nicht, ob es mir zusteht… denn meine Tochter ist gestorben. Doch sie war glücklich bis zu ihrem letzten Atemzug. Ich finde es wichtig, zu vertrauen, Raum zu geben, das sie sich entfalten können. Viel mehr fragen wie sie die Welt sehen, ob sie glücklich sind, was ihnen wichtig ist, was sie sich wünschen.
Ihnen sagen, wie wunderbar sie sind, so wie sie sind und dass die Welt auf sie wartet. Jeden Augenblick der Verbundenheit zu genießen, denn es das Kostbarste, das wir haben.

9 comments
https://youtu.be/Sy1SvUUm9uY?si=meLpK96b42OpgAIf
Es gab im WDR vor vier Jahren eine Dokumentation über das Schicksal der Familie.
Mich hat dieser Artikel sehr getroffen und auch viele Fragen hinterlassen…Deshalb habe ich mich weiter informiert und das folgende Interview gefunden:
https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/nachtcafe/der-morgen-an-dem-ich-meine-leblose-tochter-fand-100.html
Großen Respekt für die Eltern- alles andere steht keinem zu
Traurig, wie übergriffig hier manche sind auf verbaler Ebene. Dieses Profitdenken, was nun der eine oder andere Artikel „bringt“, stößt mich ab. Vielleicht tut es einfach nur gut, zu teilen und den Schmerz damit ein Stück weit mehr einordnen oder verarbeiten zu können.
Liebe Autorin,
ich bin traurig mit euch, dass euch solch ein hartes Schicksal widerfahren ist, ich bin betroffen über eure Geschichte und es tut mir weh, sowas zu lesen. Das Warum steht für mich nicht im Vordergrund, sondern die Akzeptanz, das Verarbeiten und nach vorne blicken, für eure Töchter und euch selbst, ich wünsche euch Kraft, Zuversicht und Licht.
Erstmal mein Herzliches Beileid an die Familie. Den eigenen Tod des Kindes zu erleben ist mit unter einer der Schrecklichesten Sachen.
Trotz allem kann ich Ulrikes Kritik verstehen. Der ganze Text wirkt auf mich einfach nur sehr wie eine rosa Wolke, die nahtlos Perfekt ist. Die Beziehung zur Tochter war perfekt, die Paarbeziehung gelingt mit der Trauer, die Tochter wirkt markellos. Selbst der Abend davor und das Auffinden einer Leiche wird hier immer nochmal mit „Verschönerungen“ geschmückt, wie sie auf mich einfach sehr befremdlich wirken.
Gefühle, wie Trauer, vielleicht Vorwürfe oder auch Wut, hätte ich an der Stelle einfach realistischer gefunden. Oder hätte mir zumindestens gewünscht, dass die Autorin erklärt, weshalb sie sowas dabei ggf. nicht empfunden hat.
Ich kann daher gut nachvollziehen, weshalb hier Ulrike die Substanz fehlt. Trotzallem finde ich ihre Wortwahl nicht geeignet im Anbetracht der Thematik.
PS: es geht nicht um das Sezieren der Warums, ich lese hier heraus, dass die Eltern sehr vorsichtig sind und abgewogen haben und einfach einen normalen Umgang versucht haben zwischen Kontrolle und Loslassen. Es ist einfach so unfassbares Pech, Schicksal, es kann jedem passieren, mit unterschiedlichsten Themen…haltet durch und haltet das Licht in euren Leben…
Hallo,
auch wenn es aufgrund der hohen Emotionalität des Themas hart klingen mag, stimme ich Ulrikes Kommentar zu: Der Artikel hat leider wenig „Substanz“, weil es mich als Leserin mit sehr vielen Fragen zurücklässt, die für ein Verständnis wichtig wären.
Ich wünsche der Familie von Herzen alles Gute und viel Kraft.
Ein Beitrag, der sich nahtlos in viele vorangegangene Beiträge einreiht, in denen der Informationsgehalt bei nahezu Null liegt. Mit viel Glück erfahren wir, dass das Kind an einer Überdosis synthetischer Drogen starb. Ah ja.
Ich will nicht völlig ausschließen, dass es Leser gibt, die sich mit der reinen Schilderung der Gefühligkeiten (um das Wort Geschwurbel mal zu vermeiden ;)) zufrieden geben, allein, ich tue es nicht. Ich möchte wissen warum, wer, wie und all die anderen Fragen.
Steht es mir zu, das wissen zu wollen? Vielleicht nicht. Dann ist dieser Artikel aber ohne Mehrwert.
Liebe Ulrike, lies doch beim nächsten Mal einfach die Überschrift. Die lautet hier „Trauer“, daraus lässt sich dann schließen, dass es um persönliche Gefühle geht. Die Überschrift lautet hingegen nicht „Obduktionsbericht“, was auch thematisch gar nicht in Genre passen würde…
Sehr gut formuliert, wie du denkst. ich seh das genauso. Leider fehlt es hier und bei vielen anderen Beiträgen an Substanz und Tiefe.