Ich kann nicht mehr – 2025 war das härteste Jahr meines Lebens

2025

Foto: Freepik

Ihr Lieben, was manche Familien durchmachen, ist ganz schön harter Tobak. Miris Mann ist im Januar 2025 plötzlich verstorben, Miris Tochter ist psychisch sehr instabil, die ganze Verantwortung lastet auf Miris Schultern. Wer ihr finanziell ein bisschen helfen möchte, kann dies über diesen Spendenlink tun. Danke liebe Miri für dein Vertrauen und wir hoffen so sehr für euch, dass 2026 ein besseres Jahr wird…

Liebe Miri, du hast im Januar 2025 ganz plötzlich deinen Mann verloren. Kannst du uns erzählen, was passiert ist? 

Mein Mann erkrankte im Oktober 2024 an einer schlimmen Psychose mit sehr starkem Verfolgungswahn. Es fing ganz plötzlich und direkt sehr heftig an, ohne dass wir je eine richtige Ursache gefunden hätten. Er wurde so krank, dass er in eine Psychiatrie musste.

Eines Tages bekamen wir dann einen Anruf aus dem Krankenhaus, dass mein Mann vermisst würde. Zwei Tage später fand man ihn, er war vom Dach gestürzt. Sein Tod konnte bisher nicht aufgeklärt werden.

Von einem Tag auf den anderen alleine mit den Kindern zu sein, muss unglaublich hart sein. Was waren deine größten Herausforderungen und Ängste? 

Die alleinige Verantwortung zu tragen, ist unglaublich hart. Zumal unsere Tochter psychisch komplett instabil war und ist und ich große Sorgen habe, was der Tod ihres Vaters noch zusätzlich in ihr auslöst und auch langfristig mit ihr machen wird. Sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihm, sie waren sich sehr ähnlich. Meine Tochter stand ihrem Vater näher als mir. Es tut mir so unfassbar leid für sie. Ich hatte und habe auch oft Probleme, mich in sie hineinzuversetzen.

Laut Fachleuten liegt es daran, dass meine Tochter ein neurodivergentes und ich ein neurotypisches Gehirn habe. Das heißt, unsere Gehirne funktionieren schlichtweg anders. Das macht die Sache natürlich nicht leichter, aber zumindest haben wir beide dadurch mehr Akzeptanz füreinander bzw. für das Verhalten der Anderen. Meine Tochter hat starkes ADHS, Depressionen, soziale Phobien und ist in Behandlung in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Beide Kinder sind mitten in der Pubertät. Generell ja eine schwierige Zeit. Und dann passiert in solch einer sensiblen Phase des Lebens auch noch so etwas. Ich habe nach wie vor Angst, was dieser Verlust langfristig mit ihnen machen wird, denn die Folgen können auch erst Jahre oder Jahrzehnte auftreten. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch verarbeitet so einen heftigen Schicksalsschlag unterschiedlich. Das heißt, es wird nie der Zeitpunkt kommen, an dem man sagen kann, jetzt ist alles „durchgestanden“. Das belastet mich sehr.

Wie geht es dir aktuell?

Ich bin komplett ausgelaugt und fertig. Dadurch, dass sich die Erkrankung meiner Tochter durch den Tod massiv verschlechtert hat, MUSS ich funktionieren. Ich habe keine Wahl! Ich habe auch schon das Jugendamt um Hilfe gebeten, aber noch keine erhalten…

Es fühlt sich erdrückend an, von heute auf morgen komplett für alles alleine verantwortlich zu sein. Früher haben wir uns alles aufgeteilt. Ich musste auch meine Arbeitszeit reduzieren, um allem gerecht zu werden. Mit meiner vorherigen Arbeitszeit hätte ich alles alleine gar nicht bewerkstelligen können. Auf niemanden zurückgreifen zu können, die komplette Last auf meinen Schultern zu tragen, das ist schon eine Nummer. Die Erkrankung meiner Tochter zusätzlich zum Verlust fordert mich einfach sehr.

Wie geht dein Sohn mit dem Tod des Vaters um?

Mein Sohn geht soweit ganz gut mit der neuen Situation um. Er hat im Sommer seinen Realschulabschluss gemacht, jetzt macht er gerade sein Fachabitur und absolviert sein Praktikum in einer sehr guten, großen Firma, in der es gar nicht so einfach ist, einen Platz zu bekommen. Er ist wirklich in kurzer Zeit unglaublich gereift.

Außerdem spielt er nach wie vor sehr engagiert Fußball, trifft sich viel mit Freunden und macht seinen Führerschein. Zudem hat er auch einen langjährigen Freund, welcher ein ähnliches Schicksal mit ihm teilt, er hat fast zeitgleich seine Mutter verloren. Die beiden tauschen sich aus, das hilft auf jeden Fall.

Aber deiner Tochter geht es weiter schlecht…

Ja, sehr schlecht. Direkt nach dem Tod hat sie erstmal nur funktioniert, wolle die Bestattung planen, den Sarg bemalen und und und. Nicht, weil ich das von ihr verlangte, sondern weil sie das so wollte. Ich war oft unsicher, ob das richtig ist, ob das nicht zu viel für sie ist. Aber ihre damals behandelnde Psychologin sagte, dass es sehr wichtig für sie sei und ich sie alles machen soll, was sie möchte. Es sei einfach wichtig für sie, ihrem Papa auf diesem Wege die letzte Ehre zu erweisen, sich von ihm so zu verabschieden, wie sie es sich wünscht.

Ich habe für uns auch eine Trauerbegleitung organisiert, mein Sohn wollte das auch nicht annehmen, meine Tochter ist mittlerweile von der Einzelbetreuung in die Trauergruppe für Jugendliche gewechselt.

Als dann alles vorbei war, fing das Realisieren an. Meine Tochter befand sich zwar schon länger stationär in Behandlung in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, aber es spitzte sich dann so zu, dass sie in die geschlossene Abteilung verlegt werden musste. Zu allem Übel sollte sie in die gleiche Klinik verlegt werden, in der mein Mann ums Leben kam, da die Klinik, in der sie sich befand, keine geschlossene Abteilung hat.

Dies konnte ich zum Glück verhindern, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Ich hatte so große Angst um sie wie noch nie in meinem Leben. Sie war sehr stark suizidal, ich schlief so gut wie gar nicht mehr. An meine eigene Trauerarbeit war und ist bis heute nicht zu denken. Ständig Anrufe der Klinik (auch nachts), wie schlecht es ihr geht. Sie schlief nächtelang im Kriseninterventionsraum mit Kameraüberwachung, benötigte ständig Bedarfsmedikation. Und dadurch, dass sie ja auch nicht in der für unseren Bezirk zuständigen Klinik war, war sie auch weiter weg. Ich hatte also immer lange Fahrtwege.

Kurzzeitig ging es ihr dann etwas besser, aber nun hat sich ihr Gesundheitszustand wieder massiv verschlechtert und sie wird im neuen Jahr abermals in stationäre Behandlung kommen.

Das ist alles kaum auszuhalten…

Ja, vor allem habe ich wirklich keine Hilfe, obwohl ich mehrmals darum gebeten habe. Eine ambulante Therapie kann meine Tochter leider nicht machen, da wir leider, trotz größter Mühe, noch keinen geeigneten Therapeuten gefunden haben. Kurzzeitig hatten wir nach langer Wartezeit endlich einen Therapeuten gefunden, dieser hat aber nach den „Kennenlernsitzungen“ meiner Tochter kein Therapieangebot machen können. Das war unglaublich ernüchternd und hatte mich vollkommen aus der Bahn geworfen. Ich hatte auch diesbezüglich das Jugendamt mehrfach kontaktiert und gebeten, mich bei der Suche zu unterstützen. Aber leider tat es das nicht.

Aber sie wird, wie oben schon erwähnt, im neuen Jahr nochmals einen stationären Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie absolvieren. Dort wird sie dann auch wieder hochfrequentierte Psychotherapie sowie evtl. Traumatherapie mit dem Schwerpunkt Trauer erhalten.

Was würde dir und euch sofort Entlastung und Hilfe bringen? 

Nichts. Mein Mann, der Papa, ist nicht ersetzbar. Wir waren 22 Jahre ein Paar. 

Was wünschst du dir für 2026?

Gesundheit. Nur Gesundheit.

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3 comments

  1. Die violette Frage hat mir wirklich die Tränen in die Augen getrieben, da die Antwort einfach zeigt, wie ausgelaugt und verzweifelt Miri ist. Es unterstreicht nochmal die Ausweglosigkeit der ganzen Situation.
    Ich wünsche ihr Kraft und Durchhaltevermögen und vor allem Unterstützung, so dass sie sich selbst auch etwas Gutes tun kann.

  2. Liebe Autorin, was für eine Wucht des Schicksals. Ich habe kaum Worte und auch Respekt, nur Falsches zu schreiben: ich wünsche euch Kraft, schicke euch ein kleines Licht in dieser schweren Zeit und hoffe ganz stark für euch, dass euch das Leben Energie und Selbstheilungskräfte schickt, um eure Situation neu ordnen und wieder etwas mehr Kraft schöpfen zu können.

    Alles Gute für euch

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