Ihr Lieben, am Sonntag fand bei uns im Garten ein kleines Get together für die Menschen statt, die uns fürs neue Buch „Und plötzlich ist nichts mehr wie es war“ ihre Geschichten erzählt haben. Albi Roebke, der seit 25 Jahren in der Notfallseelsorge tätig ist und bei dem ich meine Ausbildung gemacht habe, sagte in seinen Begrüßungs- und Dankesworten, dass sie alle zu seiner „unsichtbaren Gemeinde“ gehören.
Denn eigentlich endet ein Notfallseelsorgeeinsatz am ersten oder zweiten Tag. Es gibt aber Menschen, die Albi als evangelischer Pfarrer dann doch länger begleitet. Weil vielleicht noch ein Prozess ansteht, zu dem die Hinterbliebenen nicht allein gehen wollen. Oder weil die Mama gestorben ist und der Papa verhaftet wurde und da einfach noch Gesprächsbedarf ist, wie man damit jetzt umgehen soll, dass man gleichzeitig Tochter eines Mörders und einer Ermordeten zu sein, um es mal in True Crime-Sprache auszudrücken.
Ebenjene Tochter war auch da und brachte mir eine Karte mit, auf der unter anderem stand: Du lebst Seelsorge mit einer großen Hingabe: mit offenem Ohr, mitfühlendem Herzen und der Kraft, dem Unsagbaren Worte zu verleihen. (…) Dein Blick bleibt immer beim Menschen. (…) Danke für deine wichtige Arbeit“.
Notfallseelsorge kümmert sich um die Überlebenden
Ich erzähle das, weil viele mich fragen, wie ich das mach, mit so vielen Schicksalen umzugehen. Und dann sag ich gern: Ich kümmere mich ja gar nicht um den Tod, ich bin bei den Überlebenden und schau mit, welche Wege es geben könnte, da durch zu kommen. Und da ist auch so viel Dankbarkeit. Diese Worte, von denen ich da oben erzähle, die fließen wie warmer Honig in mich hinein und durch mich hindurch.
Ich durfte in den letzten Monaten Einblicke in die krassesten Lebensgeschichten bekommen. In die Geschichte von Kathleen, deren Mann plötzlich an einem Infekt verstarb, als sie schwanger mit dem zweiten Kind war und die Albi dann im Wochenbett mit dem Frischgeborenen besuchte.
In die von Chrissy, von der ich oben erzählte, dass sie plötzlich ohne Eltern dastand und die heute selbst Mama ist. In die von Stephan und Anne, die ihr Baby am Plötzlichen Kindstod verloren und danach noch weitere Kinder bekamen.
Wir erzählen von Schicksalsschlägen, aber vor allem auch von Hoffnung. Denn immer schwingt in diesem Buch mit: Wir können und dürfen auch schlimmste Katastrophen überleben. Und immer, immer ist es gut, wenn wir dabei empathische Menschen um uns herum haben, die da sind, ohne zu werten. Die sich zurückziehen, wenn es zu viel wird. Die dranbleiben, auch wenn es schwierig wird.
Es sind Menschen wie wir. Wie du und ich. Und ihnen zuzuhören, hilft, auch in kleineren Krisen besser zu verstehen, warum wir so ticken und reagieren, wie wir es letztlich tun. Warum wir in einem Stau auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch Schweißausbrüche bekommen. Wieso wir bei Lampenfieber dauernd zur Toilette müssen (der Körper schaltet per Urinstinkt auf Flucht, da muss aller Ballast weg, um schneller rennen zu können).
Meine 19jährige Tochter ist eine der ersten, die das Werk komplett gelesen hat (Semesterferien!) und die mir Anfang der Woche sagte, dass das Buch ganz anders sei, als sie sich das vorgestellt habe. Mit so vielen Kästen, in denen wir lernen können – für uns selbst oder für die Begleitung von Menschen, die vielleicht grad eine schwierige Phase durchmachen.
Ich erzähle darin auch unsere eigene Familiengeschichte mit einigen zu frühen Verlusten, vor allem die meiner Mama, die beim fest am Sonntag in unserem Garten dabei war und danach einfach nur beseelt war, weil diese Schicksalsgemeinschaft an Menschen so gut miteinander andocken konnte, weil es nicht um Oberflächlichkeiten ging, sondern wirklich um Essentielles. Und um das, was sie am Leben gehalten hat, obwohl sie zeitweise dachten, dass sie das nicht würden durchstehen können.
Heute erscheint mein neues Buch und ich freu mich darüber vor allem deswegen so sehr, weil es vor einigen Jahrzehnten noch von PsychologInnen hieß, man solle über schreckliche Erfahrungen lieber nicht mehr reden, das reiße nur alte Wunden auf. Zum Glück sind wir heute weiter. Zum Glück dürfen wir heute über seelische Belastungen sprechen und uns dazu austauschen. Zum Glück muss nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden, was uns belastet.
Ich wünsch mir, dass ihr ebenso viele Aha-Momente mit diesem Buch erleben werdet, wie ich sie in meiner Ausbildung zur Notfallseelsorgerin und beim Schreiben der Texte erleben durfte. Happy Bookbirthday! Ich freu mich über eure Rückmeldungen, wenn ihr es selbst gelesen habt.
1 comment
Liebe Lisa, ich seh es wie deine Tochter: das Buch ist anders, als ich mir vorgestellt habe. Aber gut! Als Bonnerin erinnere ich mich an manche Fälle… die Arbeit der Notfallseelsorge ist so wichtig – der „Crashkurs“ wird nur kurz gestreift, ist aber sehr eindrücklich für Jugendliche. Danke für die erklärkästen und den Anhang. Meine 19jährige Tochter liest als nächstes!
Albi ist wirklich ein ungewöhnlicher Mensch. Sein Ehrenamt in der Grundschul-OGS kommt einmal kurz vor- Ihr könnt mir glauben, auch da hat er einen Unterschied gemacht.
Auch Dir danke für das wichtige Ehrenamt.