Kindheit am Kipppunkt: Halt geben, wenn die Welt wankt

Kindheit am Kipppunkt

Kriege, Klimakrise, soziale Spannungen: Die Welt wirkt für viele von uns gerade unsicherer denn je. Ich bin Vero, dreifache Mutter und Journalistin und stellte mir mit Blick auf die Nachrichtenlage in den letzten Monaten immer öfter die Frage: Wie kann ich unseren Kindern Halt geben, wenn ich selbst manchmal ins Wanken gerate? In meinem Buch Kindheit am Kipppunkt bin ich dieser Frage nachgegangen. Ich habe Anker für Eltern und Krisenbojen für Kinder gesammelt: kleine, alltagstaugliche Möglichkeiten, die stärken, verbinden und Orientierung geben.

Denn auch wenn wir es oft anders vermittelt bekommen: Kinder brauchen keine „Abhärtung“, um in dieser Welt zurechtzukommen. Im Gegenteil. Die Resilienzforschung zeigt, dass Kinder vor allem dann innerlich stark werden, wenn sie in verlässlichen Beziehungen aufwachsen (siehe auch unter „Sicher gebunden„). Wenn sie erleben, dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Dass sie mitgestalten dürfen. Dass sie auch in unsicheren Zeiten Sicherheit spüren können.

Eine beziehungsorientierte, friedvolle Elternschaft ist deshalb kein idealistischer Luxus. Sie ist eine Investition in die Zukunft. In Kinder, die empathisch sind, die Verantwortung übernehmen und die Welt aktiv mitgestalten können. Eine friedvolle, beziehungsorientierte Elternschaft ist eine politische Haltung. Sie bedeutet, Kindern den Raum zu geben, eigenständig zu denken, zu hinterfragen, sich einzumischen. Sie bedeutet, Verantwortung nicht über Angst zu vermitteln, sondern über Vertrauen. In einer demokratischen Gesellschaft braucht es Menschen, die empathisch sind, die sich mit anderen verbinden können, die Konflikte austragen, ohne zu zerstören. All das beginnt in den Beziehungen, die Kinder zu ihren Bezugspersonen aufbauen.

Kindheit am Kipppunkt: Was bedeutet das konkret im Alltag?

Kindheit am Kipppunkt

Oft sind es nicht die großen Konzepte, sondern die kleinen, gemeinsamen Erfahrungen, die Kindern ein Gefühl von Selbstwirksamkeit geben. Hier sind fünf „Krisenbojen“, die ihr in euren Alltag integrieren könnt:

1. Selbst etwas können
Kinder erleben Stärke, wenn sie Dinge selbst tun können: eine Suppe aus vorhandenen Zutaten kochen, ein Fahrrad reparieren oder ein Zelt aufbauen. Kinder erfahren dadurch Handlungsfähigkeit, ihnen wird etwas zugetraut. Sie können etwas bewirken.

2. Natur erfahren
Die Natur ist ein kraftvoller Gegenpol zu einer oft überfordernden Welt: Wildkräuter erkennen, barfuß laufen, im Wald Geräusche sammeln oder einen Unterschlupf bauen. Wir Menschen brauchen die Verbindung zur Natur, sie erdet und stärkt uns.

3. Emotionale Fähigkeiten stärken
Zu wissen, was einem guttut, um Hilfe bitten zu können oder jemanden zu trösten: Wie können wir emotional erste Hilfe leisten? Kinder lernen, was ihnen selbst gut tut und erleben, dass sie helfen können.

4. Verbindung erleben
Gemeinsam etwas bauen, Mutgeschichten erzählen oder ein Dankbarkeitsglas führen: Solche Momente stärken das Wir-Gefühl und zeigen Kindern: Ich bin nicht allein.

5. Sicherheitswissen aufbauen
Zu wissen, wie man Hilfe holt oder was in einer ungewohnten Situation zu tun ist, gibt Sicherheit: zum Beispiel den Notruf kennen, einfache Erste Hilfe oder gemeinsam überlegen: Was machen wir, wenn der Strom ausfällt?

Diese Krisenbojen lösen keine globalen Probleme. Aber sie geben Kindern etwas Entscheidendes: das Gefühl, handlungsfähig zu sein. Und sie stärken das, was euch als Familie trägt. Welche Krisenbojen du ausprobieren möchtest, hängt am Ende ganz von euch ab: von dem, was euch guttut, was euch verbindet und was ihr gemeinsam entdecken wollt.

Nicht das „Was“, sondern das „Wie“ in den Fokus stellen

Kindheit am Kipppunkt

Versucht bei diesen gemeinsam erlebten Krisenbojen weniger auf das Ergebnis, sondern mehr auf eure Haltung gegenüber dem Kind zu achten. Nehmt euch vor, dass euer Fokus in diesem Moment darauf liegt, die Beziehung zu eurem Kind zu stärken. Das heißt überhaupt nicht, dass es gerade dann besonders friedlich, glücklich und harmonisch zugehen muss!

Im Gegenteil: Auch bei diesen gemeinsamen Erfahrungen wird es Streit, Frust oder Wut geben. Und genau darin liegt eine große Chance. Wenn Kinder erleben, dass ihre Gefühle da sein dürfen – und dass wir sie dabei begleiten, statt sie wegzudrücken – entsteht echte Stärke. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Erwachsene, die aushalten können, dass es manchmal keine schnellen Lösungen gibt und trotzdem bleiben.

Unbewusst stärkst du deine Kinder bereits für die Zukunft

Wenn wir als Eltern Gefühle zulassen und begleiten und uns abends bei der Einschlafbegleitung fragen: Mache ich genug? Lautet die Antwort: Ja. Viel mehr, als dir bewusst ist. Und zwar jedes Mal, wenn du deinem Kind in schwierigen Gefühlen zur Seite stehst. Jedes Mal, wenn du begleitest statt kontrollierst, wenn du fühlst statt ablenkst. Jedes Mal, wenn du Wut, Angst, Unsicherheit ernst nimmst. All das stärkt sein Fundament für diese krisengeprägte Zeit.

Und vielleicht führt uns das zurück zu der Frage vom Anfang: Wie können wir unseren Kindern Halt geben, wenn wir selbst manchmal ins Wanken geraten? Vielleicht nicht, indem wir alle Antworten haben. Sondern indem wir Beziehung gestalten und unsere Kinder großlieben. Und wenn du magst, mit Hilfe der kleinen Krisenbojen, die uns Alltag Halt geben und Sicherheit und Vertrauen wachsen lassen.

Du möchtest mehr darüber erfahren? 

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Dieser Text ist ein angelehnter Auszug aus meinem Buch „Kindheit am Kipppunkt. Wie wir unsere Kinder stärken, die Zukunft gestalten und im Alltag Halt finden“. Darin geht es nicht nur um den Umgang mit Krisen, sondern auch darum, wie wir mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen können, und was passiert, wenn Eltern in zentralen Fragen unterschiedliche Haltungen haben.

Es beleuchtet die Rolle von Schule, zeigt Möglichkeiten für mehr Halt im Familienalltag auf und lässt Expert*innen aus Pädagogik und Klimabereich zu Wort kommen. So entsteht ein vielschichtiger Blick darauf, wie wir unsere Zukunft gemeinsam und aktiv mitgestalten können; auch dann, wenn Zeit und Energie im Alltag begrenzt sind.

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7 comments

  1. Zu viel selbsternanntes Expertentum (resultierend aus eigener Erfahrung und schmalspurigen berufsbegleitenden Ausbildungen)
    sehe ich auch kritisch. Aber das Gegenteil halte ich auch für falsch, dass man nur mit Ausbildung auf dem Fachgebiet eine fundierte Ansicht haben kann. Die meisten angesprochenen Punkte im Text finde ich gut, auch ohne pädagogischen Abschluss der Autorin.
    Einzig die Verwendung des Wortes Kipppunkt hätte ich gern näher erklärt, gerade von jemand, der sich auch Klimakommunikation auf die Fahnen schreibt. Auf mich macht es gerade den Eindruck von Effekthascherei.

    1. @a: das stimmt schon, Ausbildung und Studium sind auch keine Garantie für Kompetenz. Ich kenne studierte Psychologen, die weniger Emphatie haben, als ein trockenes Brötchen.
      Was mich vor allem stört ist die oft selbsternannte Kompetenz im Namen der Selbstverwirklichung, die ich verstärkt wahrnehme.

      1. Für manche Kompetenzen ist der Alltag auch ein gutes Trainingsfeld. Empathie, Kindern halt geben, …
        Da reicht ein Studium bei weitem nicht heran, auch wenn man vielleicht 10 Methoden nennen kann und kritisch gegeneinander abwägen. Dennoch ist Alltagserfahrung sehr subjektiv und die Kunst, die eigene Erfahrung nicht überzubewerten, ist gar nicht so einfach.

        Einerseits stimme ich dir @die andere S zu. Wo der Kipppunkt im Namen war: u.a. bezogen auf Klimawandel und Weltlage finde ich es völlig absurd, wenn man sich neben Fachleute stellt und seine Meinung als gleichwertig ansieht. Ordentlich ausgebildete Fachleute, die teils seit Jahren werktags genau über die Themen nachdenken. Und damit will ich nicht sagen, dass sie immer richtig liegen und man nicht diskutieren darf. Aber sie haben einen gehörigen Wissensvorsprung, den man akzeptieren sollte.

        Andererseits gefällt mir das Mind Set anderer Gesellschaften, dass man sich zeitlebens verändern kann und eine Ausbildung nicht das weitere Leben zementiert. Man muss dann halt gut sein im neuen Aufgabengebiet und/oder vernünftige Nachweise haben, wie man gelernt hat.

  2. Ehrlich, ich werde mittlerweile aggressiv bei diesen selbsternannten Ratgebertanten. Was qualifiziert die Autorin als Journalistin und Landschaftsökologin ein Ratgeber über gute Erziehung zu schreiben.
    Kein Wunder, dass immer mehr Eltern verunsichert sind.
    Ich hoffe sehr, es kauft niemand dieses Buch. Diese gefühlt moralisch überlegene Haltung , sowohl in diesem Artikel, als auch in dem Buch über Essgewohnheiten lässt mich mittlerweile an Extremismus denken.
    Ich finde es fast fahrlässig vom Verlag, solch ein Buch auf den Markt zu bringen.
    Bitte gebt diesen Leuten keine Plattform.

    liebe Lisa, liebe Katharina, eure Haltung in euren persönlichen Beiträgen spricht mich sehr an. ich kann vieles davon sehr gut nachempfinden und halte euch anhand eurer Artikel für intelligente, soziale und liberale Menschen. Aber die Gastartikel halte ich persönlich mittlerweile wirklich für mehr als grenzwertig. Nicht alles muss eine Reichweite bekommen.

    1. @Janine: ich habe das in letzter Zeit auch mehrfach kritisiert, dass Menschen Reichweite geboten wird, die fachlich für das, was sie gegen Geld anbieten, gar nicht oder nur rudimentär ausgebildet sind.
      Aber für meine Vegriffe fängt das Problem schon viel früher an: wie oft erscheinen hier Artikel, die Frauen suggerieren, dass mit größer werdenden Kindern doch dringend etwas Selbstverwirklichung angesagt ist. Spricht nichts dagegen, aber oft entsteht dabei selbsternanntes Expertentum, eine Schmalspurausbildung oder Expertise durch Kurs, im Zweifelsfall einfach etwas auf dem „Coaching“ steht.
      Nicht zu vergleichen mit mehrjährigen Ausbildungen oder einem Studium. Manches Mal wenig Sachkunde, aber viel Sendungsbewusstsein.

    2. Liebe Janine,

      ein sehr kurz gehaltener Gastartikel lässt nur bedingt darauf schließen, wie gut ein Buch ist. Das Thema war so gewünscht, dabei lässt sich die Klimakrise schwerlich mit fünf kleinen Stärkungen irgendwie lösen.

      Deshalb hoffe ich schon, dass die Leute dss Buch lesen. Es ist ein Sachbuch, das mit mehr als 300 Seiten den Themenkomplex der Klimakrise mit der Gefahr für Kinder und marginalisierte Gruppen ebenso abdeckt, wie einen möglichen Umgang damit für Eltern und Bezugspersonen.

      Ich habe keine pädagogische Ausbildung, aber schreibe seit 2018 über Erziehungs- und Klimathemen; relevant ist aber vor allem, als Journalist*in korrekt zu recherchieren.

      Mein Buch haben sowohl Susanne Mierau, als auch Herbert Renz-Polster und Nora Imlau vor Veröffentlichung gelesen. Alle drei hätten mir nie ein Testimonial gegeben, wenn es ihrem hohen pädagogischen Anspruch nicht gerecht geworden wäre. Nora Imlau hätte kein Vorwort geschrieben, wenn sie deine Meinung teilen würde und das Buch nicht an Eltern empfehlen würde.

      Du bist gerne eingeladen, das Buch zu lesen und dir dann eine Meinung zu bilden.

      Viele Grüße,
      Vero

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