Ihr Lieben, wie konzentriert ist dein Kind? In der Schule, bei den Hausaufgaben? Setzt es sich hin, zieht einfach durch oder ist es leicht ablenkbar und hibbelig? Die meisten von uns wissen, wie anstrengend diese Diskussionen für Kinder und Eltern sind, wenn es mal wieder heißt: „Warum kannst du dich nicht einfach mal konzentrieren?“ Claudia ist Montessori-Pädagogin, Expertin für frühkindliche Entwicklung und alleinerziehende Mama von vier Söhnen – sie weiß also, von was sie spricht. Für uns hast sie ganz einfache Übungen zusammengestellt, die helfen können, wenn dein Kind sich nicht gut konzentrieren kann.
Konzentriert statt hibbelig: Was wirklich hilft, wenn dein Kind nicht stillsitzen kann
„Aber wie soll das mit dem Rechnen auch klappen, wenn sie bei den Erklärungen einfach nicht zuhört?“ Diesen Satz hört Majas Mutter zum dritten Mal in zwei Wochen. Die Mathelehrerin ist am Telefon. Schon wieder. Maja habe den Unterricht massiv gestört. Sie sei auf dem Stuhl umhergerutscht, habe Schnalzgeräusche gemacht und in der Stillarbeitsphase vor sich hingesummt. Als die Aufgaben nicht klappten, flog der Stift quer durch den Klassenraum. Dann fegte sie ihr Heft vom Tisch und fing wütend an zu weinen.
Während Majas Mutter der Lehrerin zuhört, schaut sie zum Küchentisch. Dort sitzt Maja jetzt. Vor ihr liegen drei Rechenaufgaben. Stift in der Hand, verträumter Blick aus dem Fenster, ihr Bein hibbelt unruhig unterm Tisch. Eigentlich wollten sie nach den Hausaufgaben noch ins Schwimmbad fahren. Heute wird das wohl nichts mehr.
Konzentration ist kein Willensproblem
Maja fühlt sich bestraft: morgens Ärger in der Schule, mittags Ärger zu Hause, das Schwimmbad fällt aus. Auch Majas Mutter ist unglücklich. Ihre fröhliche, wissbegierige Tochter, die morgens mit Hummeln im Hintern aus dem Bett gesprungen ist und die Welt entdecken wollte, verschwindet gefühlt von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Stattdessen ziehen Streit um Hausaufgaben, schlechte Laune und Lehreranrufe in den Familienalltag ein. Maja hat kaum noch Lust auf Schule. Ihre Mutter stöhnt schon beim Gedanken an die kommenden Schuljahre.
Als ich Maja kennenlerne, hat sie schon einiges hinter sich: Förderunterricht, Mathe-Nachhilfe, wöchentlich Ergotherapie inklusive Konzentrationstraining. Nun soll auch noch Lerntherapie dazu kommen. Sie versucht, sich eine Käseglocke mit vielen Löchern vorzustellen, unter der sie sich besser konzentrieren kann. Mal klappt das, oft nicht. Maja erzählt vom Lärm im Klassenraum, der sie hibbelig macht. Und davon, dass sie vom vielen Abschreiben Kopfschmerzen bekommt. Mit Kopfschmerzen konzentrieren? Noch schwerer. Das leuchtet auch mir ein.
Das Wichtigste zuerst: dass Maja sich nicht gut konzentrieren kann, ist nicht ihre Schuld. Es liegt an etwas, das Maja selbst, ihre Mutter und auch die Lehrer nicht auf dem Zettel haben: restaktive frühkindliche Reflexe.
Kleine Fitnesstrainer, die ihren Job nicht ganz beendet haben
Stell dir vor, du bekommst bei deiner Geburt kleine „Fitnesstrainer“ mitgeliefert. Diese Trainer helfen dir in den ersten Lebensmonaten dabei, dich vom hilflosen Baby zum aufgerichteten, laufenden Menschen zu entwickeln. In der Fachsprache nennen wir sie frühkindliche Reflexe.
Sie helfen deinem Baby, wichtige Entwicklungsschritte zu schaffen: sich drehen, den Kopf halten, in den Vierfüßlerstand kommen, sitzen, stehen und irgendwann laufen. Frühkindliche Reflexe entwickeln sich bereits in der Schwangerschaft und sind für die frühe motorische und neurologische Entwicklung enorm wichtig. Jede neue Bewegung hilft dem Gehirn, sich weiter zu vernetzen und zu reifen.
Etwa bis zum ersten Geburtstag sollten diese Reflexe ihre Hauptarbeit erledigt haben. Sie verschwinden nicht, sondern treten in den Hintergrund. Die Fitnesstrainer erkennen: Job getan. Sie hängen ihr Handtuch an den Nagel und ziehen sich ins Sportlerheim zurück. In der Fachsprache sagen wir: der Reflex ist integriert. Das Kind kann nun Bewegungen bewusst steuern: sitzen bleiben, einen Stift halten, die Augen über eine Zeile führen, zuhören, planen, reagieren.
Klappt das nicht, mischen die Trainer weiter mit. Jede Kopfbewegung löst Streckungen oder Beugungen aus. Das Anlehnen an die Stuhllehne dreht die Hüfte. Was der Körper macht, entscheidet dann nicht das Kind. Um Herrin über ihren eigenen Körper zu werden, braucht Maja Unterstützung: Reflexintegration.
Drei Übungen für zu Hause für mehr Konzentration
Diese drei Übungen sind Teil meiner all time favorites. Sie wirken sofort, machen Spaß und sorgen dafür, dass die Konzentrationsfähigkeit direkt zunimmt. Wichtig ist nur eins: machen. Am besten vor den Hausaufgaben oder als kleine Bewegungspause zwischen verschiedenen Aufgaben.
Hook up: der Sofort-Reset
Wenn der Moro-Reflex noch aktiv ist, läuft das Kind den ganzen Tag mit innerem Alarm. Hook-Ups verbinden beide Gehirnhälften, aktivieren das parasympathische Nervensystem und helfen dabei, von einem aufgeregten oder gestressten Zustand in einen fokussierten, ruhigen Modus zu kommen. Die Übung dauert eine bis zwei Minuten und passt überall hin: vor den Hausaufgaben, vor der Klassenarbeit, zum Runterfahren nach einem Streit, vor dem Einschlafen.
So geht’s:
- Stelle dich aufrecht hin, Arme und Beine locker ausgestreckt.
- Überkreuze die Beine.
- Überkreuze nun auch die Arme, sodass der Arm oben ist, wo auch das Bein vorne steht – Arm und Bein derselben Körperseite sind vorn.
- Verschränke die Hände ineinander, drehe sie nach innen und ziehe sie sanft Richtung Brust.
- Wenn du magst, schließe die Augen.
- Atme tief durch die Nase ein (4 Sekunden), langsam durch den Mund wieder aus (7 Sekunden) und unterstütze die Ausatmung mit einem sanften „ffff“. 11x wiederholen.
- Löse die Haltung und wiederhole die Übung mit der anderen Körperseite, also jeweils mit dem anderen Arm und Bein vorn.
Klingt komplizierter, als es ist. Nach dem dritten Mal hat dein Kind den Bogen raus. Maja macht Hook up vor jedem Hausaufgabenstart, ihre Mutter macht mit. Davon profitieren beide.
Lizard Crawl: das Krabbeln nachholen
Diese Übung erinnert an Bewegungsmuster aus der Säuglingszeit, lange bevor das Krabbeln losging. Sie bringt Kopf, Rumpf, Arme und Beine in ein koordiniertes Wechselspiel und arbeitet damit gleichzeitig am STNR und am ATNR. Die Reflexe also, die Maja beim Stillsitzen und beim Schreiben so viel Energie kosten.
So geht’s:
- Dein Kind legt sich flach auf den Bauch, auf einen Teppich oder eine Decke.
- Der Kopf dreht sich nach rechts, die rechte Wange liegt auf dem Boden.
- Auf der rechten Seite liegen Arm und Bein lang gestreckt.
- Auf der linken Seite sind Arm und Bein angewinkelt. Der linke Arm ist am Ellbogen gebeugt, die linke Hand liegt neben dem Kopf. Das linke Knie ist seitlich nach oben gezogen, etwa im rechten Winkel zur Hüfte.
- Dann der Wechsel: Kopf dreht nach links, die linke Wange liegt auf dem Boden. Linke Seite wird lang, rechte Seite winkelt sich an.
- 6x 7 Sekunden lang wiederholen.
Lizard Crawl verbindet Kopfbewegung mit dem Rest des Körpers in einem klaren, ruhigen Muster. Genau das läuft bei Maja noch nicht rund. Sie ist besonders morgens hilfreich, wenn der Start in den Tag schwerfällt. Maja macht die Übung am liebsten direkt nach dem Aufstehen, noch im Schlafanzug, auf dem Teppich vor ihrem Bett. Maja macht diese Übung am liebsten direkt nach dem Aufstehen, noch im Schlafanzug, auf dem Teppich vor ihrem Bett.
Schneeengel auf dem Wohnzimmerteppich
Diese Übung mag der Spinale Galant. Sie wirkt genau dort, wo es bei Maja in der Mathestunde so unruhig wird: im Bereich der Wirbelsäule und der Hüfte. Der Boden gibt dem Rücken bei jeder Bewegung sanfte Reize, und der Reflex bekommt die Chance, nach und nach loszulassen.
So geht’s:
- Dein Kind legt sich auf den Rücken, auf einen Teppich oder eine Decke.
- Beine sind geschlossen, die Arme liegen eng am Körper.
- Jetzt öffnet dein Kind gleichzeitig Arme und Beine. Die Arme gleiten über den Boden nach oben Richtung Ohren, die Beine spreizen sich auseinander. So weit es bequem geht.
- Dann gleichzeitig zurück in die Ausgangsposition.
- Sieben langsame Wiederholungen.
Wichtig: Arme und Beine bleiben am Boden. Es ist ein Schieben, kein Heben. Und Tempo ist hier nicht gefragt. Schnell ist Sport. Langsam ist Reflexarbeit.
Und noch ein kleiner Lerncoach-Tipp
In der Reflexintegration arbeiten wir gern mit Musik. Nicht mit irgendwelcher, sondern mit ruhiger, gleichmäßiger Musik im sogenannten Alphawellen-Bereich, oft unterlegt mit binauralen Beats. Viele Kinder erleben, dass sie damit schneller in Konzentration kommen und länger bei einer Aufgabe bleiben. Du findest auf Spotify einige Playlists oder unsere Awesome Trainingsmusik auf unserer Homepage.
Maja hat von mir noch einen Extra-Konzentrations-Hack dazu bekommen, der ihr schon einige Male richtig gut geholfen hat: den Drei-Finger-Anker.
So geht’s: Wenn Maja zu Hause Hausaufgaben macht, läuft die Konzentrationsmusik im Hintergrund. Sobald sie sich an den Tisch setzt, legt sie die Spitzen von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger ihrer nicht-schreibenden Hand sanft aneinander. Ihr Gehirn lernt: wenn die Musik läuft, kann ich richtig gut lernen. Und: wenn die drei Fingerspitzen sich berühren, bin ich in diesem optimalen Lernzustand.
Wenn Maja dann in der Mathestunde sitzt und den „Drei-Finger-Anker aktiviert“, versetzt sich ihr Gehirn auch ohne Musik in den entspannten, optimalen Lernzustand. So kann sie das zu Hause geübte Wissen in der Schule besser abrufen und schafft es zudem, sich auch in Mathe gezielter zu konzentrieren.
Über die Autorin: Claudia Hannemann ist Reflexintegrationstrainerin, Mutter von vier Jungs sowie Gründerin von zwei Kitas und einer Grundschule. Sie hat viele Jahre Mobbing-Präventionskurse geleitet und bildet heute in der von ihr gegründeten Awesome Academy pädagogische Fachkräfte in Reflexintegration aus. Im frei zugänglichen Reflexopedia finden Fachkräfte und Eltern fundiertes Wissen rund um frühkindliche Reflexe und ihre Auswirkungen auf Verhalten, Lernen und Entwicklung.

3 comments
Das klingt schlüssig, aber es wird an keiner Stelle erwähnt, ob Maja davon profitiert? Und wie sich die Verbesderung in der Schule und zuhause beim Lernen darstellen?
Danke für eine Rückmeldung
Ich bin nicht überzeugt. Der Hinweis auf ADHS fehlt mir völlig. Sicherlich hat vielleicht nicht jedes zappelige Kind ADHS, aber muss in diesem Zusammenhang doch mindestens abgeklärt werden. Einem Elternteil mit einem ADHS betroffenen Kind werden diese Maßnahmen nicht groß helfen und verstärkt nur weiter Schuldgefühle.
Das sehe ich genauso. Ich halte es auch für die Pflicht eines jeden Therapeuten, darauf hinzuweisen. Wenn jemand die Übungen mit seinem Kind macht und sie wegen ADHS nicht funktionieren, dann bekommt entweder das Kind die Schuld (du strengst dich nicht genug an) oder es entsteht der Eindruck, dass Refelxintegration nicht funktioniert. Was für die Therapeutin ja auch von Nachteil wäre.