Unbeschulbar! Wie dieses Wort mich erstmal Schachmatt setzte

Unbeschulbar

Foto: Freepik

Ihr Lieben, unbeschulbar – als Nina dieses Wort über ihren Sohn hörte, brach eine Welt zusammen. Ihr Sohn ist hochbegabt und hat ADHS – und galt als unbeschulbar. Was dieses Wort mir ihr gemacht hat, was ihr wirklich geholfen hat und wie die Situation heute ist, erzählt sie hier. Zudem hat sie all ihre Erfahrungen in dem Buch „BESONDERS“ aufgeschrieben, aus dem wir hier auch einen kleinen Auszug veröffentlichen dürfen (alle Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert…)

Mein Kind galt als unbeschulbar

„Als mir in einer Helferkonferenz das Wort »unbeschulbar« entgegengeschleudert wurde, wusste ich nicht, dass es mich noch Jahre begleiten würde. Nicht nur als Begriff, sondern als Gefühl: Ohnmacht, Schuld, Orientierungslosigkeit. Ich war Mutter eines Kindes, das durch jedes Raster fiel – und plötzlich schien es, als fiele ich selbst gleich mit.

Leo spielt neuerdings gerne Schach. Ich fühle mich in die Ecke gedrängt. Meine Brust ist eng und ich habe das Gefühl zu ersticken. Wo ich auch hinschaue, ich sehe eine Wand. Nun ist es also amtlich – zumindest mündlich: Leo ist unbeschulbar.

Mit diesen Worten im Ohr gehe ich von der Helferkonferenz nach Hause. Immer und immer wieder lasse ich mir das Wort durch den Kopf gehen – was hat das zu bedeuten? Was genau meint das? Welche Konsequenzen hat eine Unbeschulbarkeit für Leo? Und vor allem, welche Möglichkeiten gibt es nun noch? Wohin ich auch denke, es kommt immer diese verflixte Wand. Mir fällt kein Spielzug ein, der noch möglich ist. Mir ist immer noch schwindelig. Zu Hause angekommen, setze ich mich auf einen Stuhl und bleibe dort sitzen – sehr lange.

Ich spüre, wie sich langsam eine Verzweiflung in meinem ganzen Körper ausbreitet, die eine Art innere Lähmung erzeugt. Da kommt keine Träne, keine Wut, kein Hilfeschrei. Da ist einfach nichts. Es fühlt sich an, als würde ich plötzlich unsichtbar. Ich bin eine Frau der Taten. Jemand, die nicht aufgibt, die an das Gute glaubt, an Unterstützung, Lösungen und das Unmögliche. Aber in diesem Moment ist mir die Energie und vor allem auch jegliche Fantasie für eine Lösung ausgegangen. Ich kann mir nicht mal mehr eine Lösung ausmalen, geschweige denn, mich für eine einsetzen. Mein Kopf ist leer gedacht. Da kommt keine Idee mehr, da ist nichts.

Ich spüre nicht mehr, wo mein Körper zu meinem Körper wird und die Luft um mich herum beginnt. In diesem Moment ist alles eins oder alles nichts. Ich habe mich innerlich aufgelöst, denn nur so ist diese Situation für mich ertragbar, so kann ich mit diesem Gefühl klarkommen. Es ist Mittag. Ich müsste eigentlich etwas essen und mich an den Rechner setzen und endlich anfangen zu arbeiten. Meine Kolleg:innen haben mir sicherlich schon etliche Mails geschrieben und da ist ein Konzept, das erarbeitet werden sollte. Aber mein Körper gehorcht nicht. Nichts. Es geht nichts. Meine Magengegend fühlt sich wie ein Loch an. Ich habe mich quasi aufgelöst.

»Unbeschulbar«, denke ich, »UNBESCHULBAR. Was bedeutet das? Ich meine nicht den Sinn des Wortes, sondern was bedeutet das für uns? Was passiert nun? Was ist zu tun? Es muss doch eine Lösung geben, es gibt immer eine. Es gibt doch eine Schulpflicht. Wie kann das sein?« In der Helferkonferenz konnte mir das niemand der sieben scharf schauenden Augenpaare sagen. »Warum gibt es hier nun keine Ansprechpartner:innen. Ist das mein Job, mich darum zu kümmern? Wie muss ich mich um etwas kümmern, das doch Pflicht ist und mir vom Vater Staat (wie mein Vater gerne zu sagen pflegte) aufgetragen wird? Und wenn ich mich darum kümmern muss, warum erfahre ich nirgends, wie? Wo?«

Dies ist ein Auszug aus meinem Buch BESONDERS und es beschreibt einen Zustand, in dem ich noch etwa drei weitere Monate verharrte – eine Zeit voller Verzweiflung und Hilflosigkeit. 

Das Wort »Unbeschulbar« verfolgte mich Tag und Nacht. Nicht nur in Bezug auf mein Kind, sondern auch auf mich selbst. Hoffnung zu finden, fiel mir schwer. Ich stellte vor allem meine Kompetenz als Mutter in Frage – obwohl wir früh die Diagnosen hatten, Anträge gestellt und Unterstützung gesucht hatten. Obwohl wir alles getan hatten, was man von „engagierten Eltern“ erwartet.

Irgendwann verstand ich: Dieses Wort beschreibt keinen Menschen. Es beschreibt einen Moment, in dem ein System keine Antwort mehr hat. Aber dennoch es gibt einen Weg. Unser Weg führte über Umwege, über Orte, die sich wie Endstationen anfühlten – darunter die multitherapeutische Kleinklasse, ein Ort, der Angst machte und Anpassung wichtiger erscheinen ließ als Verstehen. Wirklich geholfen hat sie nicht – aber sie hat mir etwas gezeigt: dass ich meine Kraft zu mir zurückholen musste.

Ein erster Schritt war das Wissen über die Diagnose und die Symptome. Doch wirklich geholfen hat mir: Bewusstsein und Akzeptanz. Bewusstsein ermöglichte mir Selbstermächtigung und die Kraft, gezielt mit der Situation umzugehen, die Metaebene einzunehmen und zu agieren, statt nur zu reagieren. Das Verhalten, die Bedürfnisse und Auffälligkeiten meines Kindes bewusst zu beobachten und dieses Wissen gezielt einzusetzen, um die Situation Schritt für Schritt zu verbessern.

Akzeptanz heißt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und mein Kind so zu akzeptieren, wie es ist – damit ließ auch meine eigene Anspannung nach und wirkte sich spürbar positiv auf unser gesamtes Familiensystem aus. Diese innere Ruhe konnte auch mein Sohn wahrnehmen – Kinder sind unglaublich empfänglich für unsere Gefühle.

Ich lernte, die Gefühle von Ohnmacht, Wut und Verzweiflung bewusst zuzulassen, sie nicht wegzudrücken, aber mich auch nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Ich schuf mir gezielt Momente zum Durchatmen und zur Beruhigung meines Nervensystems – Meditationen und Breathwork halfen mir, die eigenen Gefühle wahrzunehmen,ohne dass sie mein Handeln dominierten.

Und ebenso wichtig war es, die Bindung zu meinem Sohn bewusst zu spüren, sein Verhalten wahrzunehmen und auf ihn einzugehen, ohne alles für ihn zu regeln. So konnte ich aus der Metaebene erkennen, was an einem stressigen Tag tatsächlich möglich war – statt reflexartig mit Gegendruck, Strenge oder Rückzug zu reagieren, was die Situation oft nur verschärft hätte. Durch diese bewusste Beobachtung und mein reflektiertes Handeln entstanden kleine Veränderungen, die immer mehr Entspannung in unser Privatleben und schließlich auch in den Schulalltag brachten.

Heute geht mein Sohn aufs Gymnasium. Es ist immer noch nicht leicht. Es ist nicht »gelöst«. Aber es ist möglich. Ich habe gelernt, dass es beim Schach nicht immer darum geht, sofort den richtigen Zug zu kennen. Manchmal geht es darum, überhaupt wieder atmen zu können – sich einen Moment der Pause zu gönnen, bevor der nächste Zug kommt. »Unbeschulbar« sagt nichts über mein Kind. Aber sehr viel darüber, wie wenig Raum unser System für Kinder lässt, die laut fühlen, schnell denken oder anders reagieren. Und wie dringend sich daran etwas ändern muss.

Unsere ganze Geschichte – und die Strategien und Tools, die ich mir in dieser Zeit erarbeitet habe – habe ich in meinem Buch BESONDERS gesammelt. Für Eltern, die gerade selbst vor einer Wand stehen und noch keinen Schachzug sehen.

Unbeschulbar

HIER könnt ihr das Buch bestellen

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9 comments

  1. Inwiefern wurden hier die Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert, wenn die Autorin am Ende mit Klarnamen und Bildern auf ihrer HP zu sehen ist und somit auch leicht ersichtlich werden kann, wer ihr Sohn ist? Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre, ist auch in der UN-Kinderrechtskonvention verankert btw. Sehr schwach, dieser Artikel und alles drumherum.

  2. Mal wieder ein Artikel, der ein Buch und ein Coachingangebot bewirbt, aber als Artikel selbst sehr wenig Substanz hat. Man erfährt, abgesehen von den deutlich geschilderten Gefühlen der Autorin, nichts über die Situation und den Lösungsweg. Mich hätte tatsächlich interessiert, über welche Zwischenstationen es ein als unbeschulbar geltendes Kind dann doch aufs Gymnasium schafft. Was z.B. diese Kleinklasse war und welche flankierenden Maßnahmen eine Rückkehr ins Regelschulsystem gestützt haben.
    Allein, dass die Mutter meditiert und an ihrer Atmung gearbeitet hat um die Situation zu entspannen, wird wohl noch nicht die große Veränderung gebracht haben.

  3. Ein Kind, das unbeschulbar ist, kann dafür sorgen, dass 28 andere Kinder unbeschulbar werden. Über diese Perspektive vielleicht auch mal nachdenken.

    1. Liebe kreative Kerstin,
      das ist sehr lösungsorientiert von dir gedacht. Also sollte man einfach die Kinder, die nicht in der Spur laufen, aussortieren? Hervorragend. Oder sollten dafür vielleicht Lösungen geschaffen werden? Niemand schreibt doch hier, dass so weiter gemacht werden sollte wie bisher, aber niemand bietet hier Lösungen an. Das ist doch das Problem. Meine Güte. Langsam frag ich mich echt, ob ich auf dem Planet der Affen wohne. Aber damit würde ich den Affen echt unrecht tun.

      1. Liebe/r Verzweifelt,

        was ist daran falsch, einem ein-perspektivischen Text eine „Anzahl der Kinder im Klassenzimmer“-andere Perspektiven daneben zu stellen? Die sind für die Gesamtsituation genauso wichtig wie das Kind, um das es geht.

        Leider ist der Ausgangstext viel zu unkonkret um darüber entscheiden zu können, was hier an Lösungen bereits durchdacht wurde, es gibt Unterstützung im Schulsystem (Schulsozialarbiet, Schulbegleitung, Förderschulen), Außerschulische Unterstützung (Elternberatung, Familienhilfen, Therapien von Gesprächen bis Reiten und noch vieles mehr). Hier muss man in Einzelfällen individuell schauen, was die Situation verbessert. Das geht nicht pauschal und schon gar nicht mit den wenigen Infos vom Text. Der meiner Meinung nach auch gar nicht hier über Lösungen sprechen will, sondern Buch und Coaching verkaufen.
        Lieben Gruß

  4. Irgendwie finde ich es bedenklich, wie sehr ein wohl minderjähriges Kind in diesem Buch nackt gemacht wird, mit allen Einzelheiten und auch den kompletten Emotionen der Mutter.
    Gewaltanzeige, im Netz? Das wird er nie wieder los. Jeder Arbeitgeber wird intimste Details aus dieser problematischen Kindheit lesen können.
    Unter Klarnamen. Ist das noch Biographie, oder schon Vermarktung?
    Außerdem stört mich, dass aus einem biographischen Erleben ein Expertentum für alle abgeleitet wird und zack ist der nächste Ratgeber geboren.

    1. Und siehe da: die Homepage der Autorin präsentiert sie als Coach für alles mögliche, Ausbildungswege nicht transparent, wobei es das für Transzendenz und anderes eher esoterisches vermutlich auch nicht seriös gibt.
      Ach ja, auch Heilsversprechen finden sich.
      @Stadtlandmama.de: ist es wirklich das, wofür ihr auf diesem Blog (wenn auch unbezahlte) Werbung machen wollt?

  5. Schade, dass der Bericht allein die, zwar nachvollziehbare, aber Einzelperspektive der Mutter aufzeigt. Wenn eine Gewaltanzeige im Raum steht, scheint hier der Schutz der anderen zu funktionieren. Es jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die kein System kann.

    1. Als Mutter eines Kindes mit ADHS und Hochbegabubg, die das Wort „unbeschulbar“ bereits am 4. Schultag der 1. Klasse zu hören bekam, habe ich mir von dem Artikel deutlich mehr erhofft. Ich bin ehrlich gesagt auch zunehmend genervt von den Artikeln, die nur Werbung von ehemaligen Betroffenen sind, die jetzt ihre Erfahrungen in Form von Büchern, Kursen und Coaching vermarkten.

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