Kurz vor der Schulverweigerung: Mutter und Tochter über Hürden

Kurz vor der Schulverweigerung

Foto: pixabay

Ihr Lieben, das Interview mit Silke Müller „Wir brauchen eine Bildungs-Revolution“ hat viel Zuspruch von euch bekommen. Auch Stefanie, 45, meldete sich. Sie erzählte, dass das, was Silke Müller da formulierte, ihrer Tochter Emma, knapp 14, aus der Seele sprechen würden. Sie stehe kurz vor der Schulverweigerung. Da wollten mir natürlich mehr zu wissen und beide – Mutter und Tochter – waren bereit, darüber mit uns zu sprechen.

Emma, du bist fast 14 und störst dich an vielem, was in der Schule passiert. An was am meisten?

Emma: Ich finde, dass die Schule zu früh am Tag beginnt, morgens sind wir einfach alle noch viel zu müde in unserem Alter. Außerdem dauert der Schultag zu lange. Wir sind so viele Stunden aus dem Haus, wie Erwachsene in einer Arbeitswoche. Danach sollen wir noch Hausaufgaben machen, Projekte bearbeiten oder lernen.

Erwachsene müssen sowas nicht, das würde man dann als toxisches Arbeitsverhältnis bezeichnen. Für uns Kinder soll das aber völlig normal sein. Ich finde den Unterricht auch richtig langweilig, mit unserer Lebensrealität hat er meistens nichts zu tun. Auf das echte Leben bereitet mich die Schule nicht vor. Wenn ich mich online selbst mit Themen auseinandersetze (ohne KI) lerne ich mehr und schneller, als in der Schule.

Wie sähe für dich denn eine Traum-Schule aus?

Emma: Ich wünsche mir jüngere Lehrer, die altersmäßig näher an unserer Realität dran sind und uns dann besser verstehen. Ich möchte nicht den ganzen Tag in einem Klassenraum gefangen sein. Ich bräuchte Freiheit, auch Bewegungsfreiheit, um mein Lernen so zu gestalten, wie es zu mir passt. Dazu wären verschiedene, schönere und gemütlichere Räume hilfreich, Ruhezonen (oft ist es in der Klasse zu laut) und generell weniger Schüler pro Klasse. Für mich wäre mehr Abwechslung im Stundenplan/Unterricht gut, die Tage müssten kürzer sein und später anfangen, damit ich ausgeschlafen in die Schule gehen kann.

Außerdem fände ich Projekte und lebenstaugliches Lernen hilfreich. Dazu gehört, aufs Erwachsenenleben vorbereitet zu werden (Verträge und sowas abschließen zu können) und auch in richtige Arbeitssituationen mehr Einblick zu bekommen durch Mitlaufen im echten Arbeitsleben in Betrieben, nicht nur ein Praktikum in der 9. Klasse. Mir wäre auch lieber, wenn ich selbst entscheiden könnte, wann ich Pause mache, weil ich am besten weiß, wann ich sie brauche.

Der Tagesablauf in der Schule ist mir einfach zu starr. Es gibt auch noch zu wenige Ansprechpartner und Begleiter für Schüler in der Schule, also sowas wie Coaches, Sozialarbeiter und Psychologen. Vielleicht auch Leute, die man außerhalb der Schulzeiten noch erreichen könnte.

Stefanie, du sagst, deine Tochter steht kurz vor der Schulverweigerung, weil ihr alles so lebensfern erscheint. Inwieweit kannst du das nachvollziehen?

Stefanie: Ich kann das schon gut nachvollziehen, besonders weil bei Emma auch das Thema ADHS mit ins Schulerleben reinspielt. Da ist dann die Schule einmal lebensfern, weil sie nichts oder nur sehr wenig mit den echten Themen von Teenagern in der aktuellen Zeit zu tun hat oder unzureichend aufs Leben nach der Schule vorbereitet und dann auch noch extra, weil Emma in einem System standardisiert funktionieren soll, das gar keinen Platz oder Kapazitäten für Kinder hat, die eben nicht genau einer Norm entsprechen.

Neulich erst kam der Satz von ihr: „Ich würde lieber arbeiten gehen und Geld verdienen“, das sagt schon etwas darüber aus, wieviel Sinnerfüllung sie durch Schule gerade erlebt. Einen Arbeitsplatz kann man sich weitestgehend aussuchen und auch selbst mit gestalten und man wird für seine Arbeit entlohnt, Dinge, die sie so im Schulleben weder direkt noch im übertragenen Sinne erlebt.

Was macht dir im Bezug auf die schulische Laufbahn deiner Tochter am meisten Sorgen?

SchuleErsterTag

Ich wünsche mir einfach sehr, dass wir den Knoten noch gelöst kriegen. Schule macht nicht immer Spaß und auch Lernen ist nicht nur leicht. Aber wenn dieser Bereich, der so viel Alltags- und Lebenszeit in Anspruch nimmt, durchweg eine Qual ist oder mit so viel Frust durchsetzt ist, dann saugt das natürlich jegliche Motivation ab. Das Durchhalten (der Schulpflichtzeit) kostet Emma aktuell viel Kraft und uns als Eltern verlangt es viel Energie und Fingerspitzengefühl ab, sie in dieser Situation zu begleiten, im Gespräch mit Lehrern und anderen Fachkräften zu sein, Lösungen oder Übergangsvereinbarungen zu finden.

Unterm Strich zählen für uns nicht die tiptop Noten oder ein perfektes Abi. Emma soll einen Schulabschluss machen können, der ihr dann den Weg in die Richtung ebnet, wo sie gerne hin möchte. Aber wir wünschen ihr einen erfüllten und erfüllenden Lernweg (der sie gut fordert und herausfordert) und nicht einen, der nur steinig und holprig ist.

Wie erinnerst du deine eigene Schulzeit damals und was hat sich im Vergleich zu heute verändert (und was auch nicht)?

Ich habe meine eigene Schulzeit als wenig dramatisch in Erinnerung mit den normalen Herausforderungen, die Heranwachsende so haben. Wir waren natürlich auch schon damals weniger mit dem Schulstoff, als mehr mit unseren eigenen Lebensthemen beschäftigt. Der Prozentsatz der Lehrkräfte
oder Unterrichtsstunden, die mir in guter Erinnerung geblieben sind, sind wenige.

Allerdings stamme ich schon noch aus einer Zeit, wo das funktionieren müssen und alle machen alles gleich und gleichermaßen mit, Standardprogramm war. Und diese Schablonen werden leider auch heute noch viel zu flächendeckend an Individuen angelegt. Natürlich kostet es Kraft, darauf zu schauen, was Einzelne brauchen, um in einem „Bildungsapparat“ gut zurecht zu kommen. Aber genau darum muss es
trotzdem auch gehen.

In der Schule werden Menschen ausgebildet, die lebenstauglich und selbständig Teil einer Gesellschaft sein sollen. Wir sind aber nun einmal alle unterschiedlich, da braucht es neben Schulung und Wissen auch den Blick auf die Persönlichkeit und eine gute Förderung in diesem Bereich. Es sind Dinge in Bewegung und haben sich auch schon in hoffnungsvolle Richtungen entwickelt. Nur leider sind das immer noch Einzelfälle, wenn man darauf schaut, wie Schulen oder Lehrkräfte arbeiten.

Emma, gibt es auch Lehrkräfte, die anders sind? Die euch pushen, an euch glauben, euch lebenspraktisch fördern und fit machen?

Emma: Ja, vieles hängt echt von der Lehrkraft ab. Es gibt insgesamt leider zu wenige Lehrer die so sind und dann sind es auch nur wenige Momente, die sich so anfühlen. Lehrer fühlen sich für mich auch nie wie wirkliche Ansprechpartner an. Sie sprechen oft von Respekt und dass sie ja unserer Lehrer sind. Gleichzeitig sollen wir sie aber ansprechen bei Problemen, aber die Distanz ist einfach viel zu groß.

Wie sehen das denn deine Freundinnen alles?

Freundinnen-Clique
Foto: pixabay

Emma: Den meisten meiner Freundinnen geht es schon ähnlich, aber die sind meistens einfach nur genervt oder gelangweilt von Schule, kommen aber trotzdem einigermaßen gut zurecht. Für mich ist die Lage nochmal drastisch anders, da ich auch ADHS habe und Schule damit für mich einfach anders schwer ist.

Was möchtet ihr beide der Politik und allen, die sich für Bildung einsetzen gern noch mit auf den Weg geben?

Die Verantwortlichen müssten sich tatsächlich mit der Lebensrealität und den Herausforderungen der jungen Menschen auseinandersetzen. Auch hier gibt es eine viel zu große Distanz zwischen denen, die die
Entscheidungen treffen und denen, die die Bildungspolitik im echten Leben betrifft. Verantwortliche und Betroffene müssen direkt miteinander ins Gespräch kommen können.

Unsere Welt verändert sich so rasant und wenn wir die künftigen Generationen dafür fit machen wollen, dass sie dem standhalten können, dann muss ihnen zugehört werden und gefragt werden, was sie brauchen, um nicht nur gerade so zu überleben, sondern auch erfüllt und mit Freude leben zu können. Das betrifft auch ganz konkret das Thema Schule.

8d5d23fedd6c40d88b4a669694566fc8


2 comments

  1. Leider haben Kinder, Jugendliche und Familien generell keine Lobby – sind sie schließlich keine Wähler. Für die Politik gibt es da also wenig Handlungsanreiz, gibt es für sie nichts zu gewinnen. Das ist die Wurzel vieler Übel, mit der sich Familien heutzutage konfrontiert sehen.
    Gleichermaßen wird ein gewisses „sich anpassen und Umstände akzeptieren“ zu jedem Leben dazugehören müssen, leben wir ja in einer Gesellschaft und die kann nicht immer jedes Individuum berücksichtigen, was auch für das einzelne Individuum nicht gut wäre. Nur um sich selbst zu kreisen macht nicht glücklich. Nichtsdestotrotz Stimme ich vollkommen überein, dass Schule so viel mehr sein könnte, als was sie heute für unsere Kinder ist: Ein Ort wahren Lernens, der Persönlichkeitsbildung, Freude und Begegnung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert