Als Pflegefamilie beworben: „Wir möchten Kinder auf Zeit aufnehmen“

Als Pflegefamilie beworben

Symbolfoto: pixabay

Ihr Lieben, Pias eigener Sohn ist sechs Jahre auf, nun haben sie und ihr Mann sich als Pflegefamilie beworben. Es geht um eine Bereitschaftspflegestelle, wo Kinder erstmal unterkommen können, wenn sie aus der eigenen Familie rausmüssen. Von dort geht es dann entweder zurück nach Hause oder in ein neues Für-immer-zu-Hause.

Liebe Pia, ihr habt euch als Pflegefamilie beworben, um Kinder auf Zeit bei euch aufzunehmen, wie kamt ihr drauf, das zu tun? 

Die Eltern meiner besten Freundin früher Bereitschafts-Pflegekinder aufgenommen und ich hab damals schon gesagt: Boah, das würde ich auch gerne machen. Und ja, das ging bei meinem Mann und mir auch ziemlich schnell, dass wir diese Möglichkeit besprochen haben. Schon bevor wir selbst ein eigenes Kind bekommen haben!

Wie hat er reagiert?

Er war schon offen dafür, konnte sich aber auch nicht richtig viel darunter vorstellen. Ich habe im Kindergarten gearbeitet und als ich dann selbst Mutter wurde, sah ich viele Dinge nochmal ganz anders. Viele Geschehnisse dort gingen mir plötzlich echt nah und es wurde für mich immer anstrengender, in der Kita zu arbeiten. Als ich dann überlegt habe, was ich ändern könnte, kamen die Gedanken an die Bereitschaftspflegestelle zurück.

Und wann wolltet ihr dann damit loslegen?

Zusammenhalt
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Ich wusste, dass wir noch ein wenig würden warten müssen, bis unser Sohn alt genug ist. Die eigenen Kinder sollten schon so im Vorschulalter sein, da achtet unser Träger drauf. Es gibt da ja einen Unterschied zwischen Bereitschafts- und Vollzeitpflege. Bei letzter gehen die Kinder irgendwann auch in die Kita oder in die Schule. Bei der Bereitschaftspflege ist man zu Hause und das ist auch mein Plan.

Dann müsste unser Sohn auch nicht in die OGS und ich wäre da. Die Vorstellung finde ich einfach echt schön, dass ich dann auch mehr für ihn da sein kann und er mittags nach der Schule einfach nach Hause kommt. Klar, wir müssen die Zeit dann auf zwei Kinder aufteilen, aber ich oder wir glauben, dass wir trotzdem mehr gemeinsame Zeit haben als wenn ich weiter außer Haus arbeiten gehen würde.

Was müsst ihr als Familie mitbringen, um die Genehmigung zu bekommen? 

Eine pädagogische Ausbildung ist gewünscht. Ich bin zum Beispiel Erzieherin. Eltern, die keinen pädagogischen Beruf gelernt haben, können aber auch eine Schulung machen. Im haus braucht es ein freies Zimmer und man muss natürlich ein erweitertes Führungszeichen vorlegen und auch einen Erste-Hilfe-Kurs nachweisen.

Das zu den technischen Details. Als persönliche Voraussetzungen braucht es natürlich eine gewisse Empathiefähigkeit, mentale Stabilität und auch eine gewisse Struktur im Alltag. Außerdem ist die Bereitschaft der Pflegeeltern, sich zu Fortbildungen oder Supervisionen anzumelden von Vorteil. Einfach auch für den Austausch. Dazu braucht es natürlich auch Reflexionsbereitschaft.

Wie stellt ihr euch das vor, wenn es dann soweit ist und das erste Kind kommt? 

Ach, ich glaube schon, dass wir dann gespannt auf jedes Telefonklingeln reagieren, weil wir denken: „Oh, könnte es vielleicht jetzt soweit sein?“ Ich glaube schon, dass wir dann in einer leichten Anspannung sein werden, in einer vorfreudigen. Bei der Bereitschaftspflege weiß man manchmal vorab nicht viel über das Kind, es kann sehr schnell gehen und innerhalb von Stunden ist jemand bei dir, das ist bestimmt total aufregend.

Wir wissen ja auch vorher nicht, ob es ein Baby ist, ein Kleinkind, wir haben eine Altersspanne von neugeboren bis anderthalb Jahre angegeben und müssen dann ja vorab alle Sachen für das Kind beieinander haben. Für das Kind ist ja dann auch erstmal alles neu, es kann durchaus sein, dass es dann erstmal viel schreit, dass es unruhig ist, bis es sich ein bisschen eingespielt hat.

Bis das Kleine merkt, dass es hier bei uns zur Ruhe kommen kann. Dass es sicher ist bei uns und alles gut ist. Und natürlich wird das auch aufregend für uns, da müssen wir Großen unsere eigenen Bedürfnisse dann auch erstmal zurückstellen bis jedes Familienmitglied seinen neuen Platz gefunden hat.

Denkt ihr auch jetzt schon darüber nach, was dann auch der Abschied vom Kind für euch bedeutet?

Klar, aber über den Abschied machen wir uns tatsächlich nicht so viele Gedanken, weil ich da eine ganz klare, professionelle Haltung zu habe. Zu diesem „Job“ der Bereitschaftspflege gehört der Abschied eben auch dazu. Natürlich wird dieses Kind all die Liebe und Nähe bekommen, die es braucht, aber ich weiß dabei immer auch, dass das Kind auch wieder weiterziehen wird – und das ist gut so.

Wir haben uns ja bewusst dazu entschieden, ein Zuhause auf Zeit für das jeweilige Kind zu sein. Trotzdem wird jedes Kind natürlich auch Teil unseres Alltags, sodass wir es natürlich auch ins Herz schließen werden. Und ich kann mir vorstellen, dass es je nach Dauer und Zeit, die das Kind hier verbringt, unterschiedlich schwer wird.

Da braucht es dann bestimmt auch ein bisschen Zeit, um den Abschied für uns zu verarbeiten und auch bestimmt ein bisschen traurig zu sein, sodass wir uns nicht direkt ins nächste Projekt stürzen würden. Wir werden dann schauen, wie es allen geht und dann zusammen entscheiden, ob oder wie oder wann wir weitermachen.

Habt ihr euren Sohn mit einbezogen in die Überlegungen?

Unser Sohn ist sechs Jahre alt und klar haben wir das mit ihm besprochen. Wir haben ihm erklärt, dass es Kinder gibt, die aus ihren Familien genommen werden, weil sich die Eltern in dem Moment nicht gut um die Kinder kümmern können. Und dass wir eben überlegen, für sie dann ein Zuhause auf Zeit zu werden, wo die Kinder dann hinkommen und so lange bleiben können, wie es das braucht.

Das Erste was er sagte war, dass er gern ein kleines Mädchen hätte, ein Baby. Da war also erstmal eine große Offenheit, auch wenn er mit seinen sechs Jahren natürlich noch nicht die ganze Tragweite versteht. Noch ist das ja alles ganz unreal. Letztlich müssen wir gucken, wie es ihm dann mit dem ersten Kind geht, wir werden ihn dabei gut im Blick behalten.

Ich glaube aber, wenn wir das eigene Kind gut mitnehmen, kann es auch davon profitieren. Unser Sohn ist ja Einzelkind und so hat er zumindest auf Zeit auch mal Geschwister. Da kann er mit Sicherheit auch viel für sich mitnehmen. Auch wenn er dann mal länger wird warten müssen als sonst.

Was versprecht ihr euch von eurem Engagement für euch selbst? 

Uns freut vor allem, dass wir in dem Moment helfen können. In dem Augenblick, wo Not da ist. Und dass die Kinder dann in eine Familie kommen statt in Heimeinrichtungen. Ich kann einfach für das Kind da sein. In meinem Job in der Kita konnte ich oft nicht allen gleichzeitig gerecht werden.

Klar, ich hab dann jetzt keine KollegInnen mehr, aber durch die Beratungen bin ich ja trotzdem ständig im Austausch und in der Reflexion. Wir können uns auch mit anderen Bereitschaftspflegenden in Gruppen austauschen und ich kann an Fortbildungen teilnehmen. Ich entwickele mich also trotzdem weiter UND hab mehr Zeit für meinen Sohn, der dann auch wieder seine Hausaufgaben daheim machen kann.

Gab es in deiner eigenen Familie früher auch Gastgeschwister oder ist das ein komplett neues Gebiet für dich und euch?

Also in unserem Familien gab’s früher keine Gastkinder, aber wie schon gesagt: Die Mutter meiner besten Freundin hat damals Bereitschaftspflege gemacht.

Wachst du manchmal auf und erschreckst dich vor deiner eigenen Courage oder hast du sonstige Sorgen in Bezug auf die große Verantwortung, die da auf euch zukommt?

Ach nee, nicht wirklich. Mein Gedanke ist halt der, dass es dem Kind erstmal besser geht, wenn es hier ist. Und letztendlich können wir zwar nicht alles perfekt machen, aber wir haben einen stabilen Alltag mit klarer Struktur und wir geben Sicherheit. Das sind zunächst mal die Grundvoraussetzungen und an allen anderen Herausforderungen können wir wachsen. Wir sind bereit, uns zu entwickeln und können nur dazu lernen. Ich freu mich eigentlich mehr, als dass ich Sorge habe.

Worauf freust du dich am meisten?

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Foto: pixabay

Auf einen weiteren kleinen Menschen. Wir können es uns ja tatsächlich nur mit kleinen Kindern vorstellen, weil der Rucksack von ihnen noch nicht ganz so schwer ist. Wenn ein vierjähriges Kind aus einer Familie rausgenommen wird, dann ist es ihm selbst ja nochmal viel bewusster, dass es jetzt von den Eltern weggeht als einem Baby oder einem Kleinkind. Klar merkt es die Veränderung, das ist ja gar keine Frage, aber ich glaube schon, dass es für die Kleineren nochmal ein Stück weit einfacher ist, hier anzukommen. Sie zu begleiten.

Beim eigenen Kind hatten wir oft den Druck, alles perfekt machen zu wollen und dadurch haben wir viele Momente auch nicht so bewusst genossen, wie es möglich gewesen wäre. In den ersten Jahren geht das mit der Entwicklung ja echt so schnell. Wir freuen uns jetzt einfach darauf, nochmal Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ich glaube, das wir das nach der Erfahrung mit dem eigenen Kind entspannter angehen können.

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2 comments

  1. Bereitschaftspflege für Säuglinge ist auch mein Traum. Aber ich bin noch nicht soweit, meinen regulären Job aufzugeben, der unseren Lebensstandard sichert.

  2. Liebe Pia!
    Ich wünsche euch ganz viel Glück und eine aufregende Zeit. Wir haben selber ein eigenes Kind und 2 Pflegekinder. Als unser großer Sohn in die Schule kam, haben wir einen einjährigen Jungen als Bereitschaftspflegekind aufgenommen. Was soll ich sagen, wir haben ihn so doll ins Herz geschlossen, dass wir dafür gekämpft haben, dass er bleiben darf. Das ist eine sehr lange Geschichte, die auch wirklich aufregend mit allem drum und dran war. Ich würde gerne hier davon erzählen, aber das wäre zu lang jetzt. Aber vielleicht besteht ja Interesse.
    Auf jeden Fall war dann unser Glück mit den beiden Jungs perfekt. Vor zwei Jahren, da waren die Jungs 10 und 5, wurden wir gefragt, ob wir nicht ein dreijähriges Mädchen aufnehmen möchten. Direkt in Dauerpflege. Nach guter Überlegung haben wir uns dafür entschieden. Wir haben wirklich großes Glück, das unsere Kinder so gut mit der ganzen Situation zurecht kommen. Denn es gibt ja doch immer mal Termine mit leiblichen Eltern zum Beispiel. Das kann auch schnell herausfordernd werden. Aber bisher haben wir es immer gut hinbekommen.
    Für uns spielt es keine Rolle, dass es nicht unsere leiblichen Kinder sind. Das erwähnen wir auch für gewöhnlich nicht. Wir haben einfach drei tolle Kinder, die sich ganz gewöhnlich streiten aber auch zusammen halten.

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