Inklusion statt IT! Frank über seinen beruflichen Neustart

Inklusion

Credit: @inklusiverleben_fotografie

Ihr Lieben, jeder von uns hat bestimmt schon mal darüber nachgedacht, sich beruflich nochmal komplett zu verändern. Oft überwiegen dann doch der Bammel, die finanziellen Sicherheiten und man bleibt in dem bekannten Job. Frank (41) fühlte sich schon jahrelang innerlich leer und hat tatsächlich im Mai sein komplettes Berufsleben nochmal umgekrempelt. Eine mutige Entscheidung für mehr Inklusion, die sich voll und ganz ausgezahlt hat, wie er uns erzählt.

Lieber Frank, du hast im letzten Jahr nochmal beruflich komplett neu angefangen. Erzähl mal!

Ich war über 20 Jahre in der IT, zuletzt als Senior Manager in einem internationalen Softwareunternehmen. Gute Bezahlung, viele Reisen, lange Tage – eigentlich alles, was man sich unter Karriere vorstellt.  Und trotzdem: Ich war müde. Immer online, immer verfügbar, aber innerlich leer.

Heute bin ich Erlebnispädagoge mit Schwerpunkt Inklusion.  Mit meiner gemeinnützigen Gesellschaft inklusiv(er)leben biete ich Kletter- und SUP-Programme für Menschen mit und ohne Behinderung an. Außerdem begleite ich Schulklassen, Jugendgruppen und Teams bei Erlebnistagen, an denen es nicht um Leistung geht – sondern ums Miteinander.

Einen so gut bezahlten Job aufzugeben war sicher nicht leicht. Gab es den einen Punkt, an dem du gemerkt hast: Ich will das so nicht mehr?

Einen einzelnen Moment gab es gar nicht – eher viele kleine.  Ich war ständig gestresst, fühlte mich fremdbestimmt. Selbst meine Familie bekam das ab.  Meine Frau Sandra fragte irgendwann: „Warum wechselst du eigentlich alle paar Jahre den Job?“ 

Wir schrieben eine Liste: Was kann ich? Was liebe ich? Was raubt mir Energie? Da stand plötzlich ganz klar: Ich will mit Menschen arbeiten, ich will raus in die Natur. Ich will erleben, dass das, was ich tue, einen Unterschied macht.  Also begann ich eine Ausbildung zum Erlebnispädagogen, später ein Fernstudium zur Inklusionspädagogik – und wusste: Das ist mein Weg.

Wie waren damals die Reaktionen in deinem Umfeld? 

Ziemlich gemischt. Einige fanden’s verrückt, einen sicheren Job hinzuschmeißen. Andere haben mich bewundert. Den größten Rückhalt hatte ich von meiner Frau und unseren Kindern. Sandra hat immer gesagt: „Wir schaffen das – zusammen.“ Ohne sie hätte ich mich das nie getraut.

Wie bist du auf die Idee zu inklusiv(er)leben gekommen?

Ich klettere, seit ich denken kann – das ist mein Ausgleich, mein Abenteuer, mein Ruheort. 
Nach einem Motorradunfall war ich eine Zeit lang stark eingeschränkt. Diese Phase hat mir gezeigt, wie verletzlich Selbstverständliches sein kann – und wie viel Freiheit Bewegung bedeutet.

Als ich später bei einem inklusiven Kletterprojekt des DAV Berlin mithalf, habe ich gesehen, wie viel Freude und Selbstvertrauen entsteht, wenn Barrieren fallen. Da kletterten Menschen, die vorher dachten, das sei „nichts für sie“ – und plötzlich strahlten sie vor Stolz.

Ich wollte mehr davon. Mehr Möglichkeiten, mehr Teilhabe, mehr echte Begegnung. 
Also habe ich inklusiv(er)leben gegründet – um zu zeigen, dass Abenteuer für alle da sind, ganz egal, welche körperlichen oder geistigen Voraussetzungen jemand mitbringt.

Wie hast du dich und wie hat sich dein Leben seit deinem neuen Job verändert? 

Ich bin ausgeglichener, zufriedener, präsenter.  Ich arbeite viel – aber mit Sinn. Und das spüren auch meine Familie und Freunde.  Natürlich verdienen wir heute weniger, müssen genauer überlegen, was geht und was nicht. Aber dafür habe ich das Gefühl, wirklich zu leben – und nicht nur zu funktionieren.

Wie schätzt du die Inklusion generell in Deutschland ein? Was müsste sich dringend verändern?

Es gibt tolle Initiativen – gerade in Berlin und Brandenburg. Aber echte Inklusion, also gleichberechtigte Teilhabe, ist noch weit weg.  Kinder mit Behinderung gehen oft auf Förderschulen, Erwachsene landen in Werkstätten, statt im ersten Arbeitsmarkt.  Das sind zwei getrennte Welten – und genau das spiegelt sich auch in der Freizeit wider.

Ich wünsche mir, dass wir lernen, gemeinsam zu wachsen. Dass Kinder wie meine Tochter (Autismus) oder meine Cousine (Trisomie 21) einfach dazugehören dürfen – ohne Extraerlaubnis, ohne Sonderrolle. Ich wünsche mir, dass kein Kind am Rand steht – weder beim Sport noch im Leben.  Und dass Inklusion nicht länger als „Extra“ gesehen wird, sondern als ganz normal.

Gibt es ein Erlebnis aus dem letzten Jahr, was dich ganz besonders berührt hat? 

Oh, viele!  Aber drei Momente bleiben für immer. Beim ersten großen inklusiven Aktionstag im DAV-Kletterzentrum Berlin hatten wir 120 Teilnehmende, viele mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, und 30 Ehrenamtliche. Diese Energie, dieses Miteinander – das war unglaublich.

Dann dieser Junge im Rahmen einer schulischen Kletter-AG: Ich lernte ihn als nichtsprechenden Autisten mit Höhenangst kennen. Eines Tages stieg er aus dem Bus, schaute mich an und sagte: „Frank! Hoch!“ 
An diesem Tag kletterte er die vollen 18 Meter. Ich hatte Tränen in den Augen.

Und eine Frau im Rollstuhl, die bei einer SUP-Tour erst nur zuschauen wollte. Am Ende paddelte sie lachend über den See und sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“ Solche Augenblicke geben mir das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

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