Sohn mit Down Syndrom: Auf welche Schule soll er gehen?

Down Syndrom

Ihr Lieben, das Thema Schulwahl ist in vielen Familien gerade wieder aktuell. Auch für Tina, deren Sohn Philipp nächsten Sommer eingeschult wird und der das Down Syndrom hat. Vor dreieinhalb Jahren hat Tina hier schon mal über ihren Sohn geschrieben. Die Schwangerschaft mit ihm war völlig unauffällig gewesen und die Diagnose Down Syndrom gab es erst drei Tage nach der Geburt (Hier kannst du den Artikel nachlesen). Nun muss Tina entscheiden, auf welche Schule Philipp geht. Über das und die immer noch mangelnde Inklusion schreibt sie heute hier.

Ich bin pflegende Mama eines Jungen mit Down Syndrom

Der Oktober war Down-Syndrom-Awareness-Month. Und am 24. Oktober war der Tag der pflegenden Eltern – der allererste überhaupt. Hat das jemand mitbekommen? Vermutlich die wenigsten. Ich selbst bin pflegende Mutter. Mein kleiner, wundervoller Sohn Philipp lebt mit Trisomie 21. Er wird bald sieben.

Er und sein Bruder sind die Lieben meines Lebens. Philipp ist großartig. Er singt den ganzen Tag – gnadenlos neben der Melodie – beginnt die Tage tanzend, liebt Superhelden. Er kennt bereits jeden Buchstaben und findet blitzschnell Wörter, die mit demselben Buchstaben beginnen. Damit liegt er auf gutem Vorschulniveau. Mit Zahlen tut er sich schwerer, und auch das Sprechen ist noch herausfordernd. Als er neulich einen grammatikalisch richtigen Satz mit sieben Wörtern sagte, hat das zu einem Jubeltanz meinerseits geführt. Ich bin unendlich stolz auf diesen kleinen großen Mann – so, wie Mütter eben stolz sind.

Und dann… Dann kommt das nächste Gutachten.  Gutachten braucht man übrigens ständig: für Kita, Schule, Pflegegrad, Reha, Rückstellung, Hilfsmittel … Ich wünschte manchmal, der Datenschutz wäre so flexibel, dass alle Beteiligten dieselben Daten nutzen könnten – es würde Zeit und Nerven sparen.

Worte, die ins Herz treffen

Aber zurück zum letzten Gutachten, in dem es zu Philipps kognitivem Leistungsvermögen hieß: „befindet sich aktuell im deutlich unterdurchschnittlichen Bereich.“ Formal korrekt, aber es trifft ins Herz. Ich weiß ja, warum das da steht. Und trotzdem: Es tut weh. Stolz und Schmerz liegen nah beieinander. Auch nach sieben Jahren habe ich nicht gelernt, das einfach wegzustecken.

Bald müssen wir eine Schulentscheidung treffen. Und schon seit zwei Jahren ringe ich mit dieser Frage: Förderschule? Raus aus der Allgemeinheit, angeblich geschützt, aber unsichtbar für die Welt? Ein Weg, der meist direkt in die Werkstatt führt? Eine Schule, für die er vielleicht zu fit ist?

Oder inklusiv – mittendrin, einer von allen in einer bunten Gesellschaft? Kann unser Bildungssystem das tragen, wenn es schon jetzt sagt, mein Sohn sei „unterdurchschnittlich“?  Das System schert sich wenig um meinen Zwiespalt. Das System hat mein Kind ohnehin schon mit einem Stempel versehen: Die Rentenversicherung hat jüngst unseren Antrag auf Sprach-Reha abgelehnt. Begründung: Philipp werde später ohnehin nicht arbeitsfähig sein. Also keine Verantwortung. 

Die Krankenkasse lehnte als nächstes ebenfalls ab: Der MDK habe die Notwendigkeit dieser Reha nicht gesehen. Der MDK hat Philipp allerdings auch nie gesehen. Die Sache liegt jetzt beim Anwalt. Denn Sprache ist wichtig – für die Teilhabe. Und Teilhabe ist ein Menschenrecht.

Zwischen Stolz, Schmerz und Systemversagen

Es ist ein Kampf. Immer. Und das macht müde. Die Frage nach seinem Bildungsweg zerreißt mich. In etwa drei Monaten muss ich die Schule angeben – und ich weiß nicht, was ich schreiben soll. So ist das, wenn man ein wunderbares Kind hat, das nicht ins System passt. Viele kennen das, aber die Mehrheit kennt das nicht. Ich wünschte, das wäre anders. Ich wünschte, das Thema wäre sichtbarer, vor allem aber: relevanter. 

Mein letzter Text zum Thema Down-Syndrom ist 3,5 Jahre her – damals anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tags. Ich nahm mir damals vor, regelmäßig zu schreiben. Kleine Beiträge für die große Sache: mehr Aufmerksamkeit, mehr Inklusion, weniger Vorurteile, bessere Politik. Große Ziele. Und dann denkt man: Was bewirken meine Worte schon? Und dann kommt auch noch das Leben dazwischen: Umzug in eine fremde Stadt, neues Leben, neuer Job. Für mich bedeutet das auch: Erst einmal ein neues Netzwerk aus Ärzten und Therapeuten aufbauen und die behördlichen Strukturen und Bedingungen kennen lernen. Denn die sind in jedem Bundesland anders. 

Und auch sie noch da: Die Zweifler: „Du kannst die Welt nicht ändern.“ Das stimmt. (Auch wenn es bitter nötig wäre.) Aber ich kann das Umfeld meines Kindes sensibilisieren. Und du – ja, du, der oder die das liest – kannst diese Gedanken weitertragen.

2022 schrieb ich einmal und dann erst heute wieder. Inzwischen hat sich politisch vieles verändert bzw. verschärft. Parteien, die Inklusion als „Ideologieprojekt“ bezeichnen, gewinnen an Stimmen. Pflege und Sozialleistungen stehen zur Debatte – leider nicht, um etwas zu verbessern. Was ist da los? Entwickeln wir uns zurück?

Ich glaubte lange, wir seien auf einem guten Weg: mehr Inklusion, mehr Bewusstsein für Menschen mit Behinderung. Und ja – es gibt unzählige Initiativen, engagierte Menschen, großartige Projekte. Mein Instagram-Feed ist voll davon. Medien berichten über Barrieren, Werkstätten, Benachteiligung. Aber wisst ihr was? Die meisten bekommen davon nichts mit.

Das ist mein Algorithmus, der mir das zeigt. Die schlaue Mathematik weiß, was mich bewegt. Viele andere betrifft es einfach nicht. Und dann sehen sie es auch nicht. Sie haben keinen Blick für dieses „Randproblem“. Das soll auch kein Vorwurf sein. Ich habe mir über solcherlei Dinge früher auch keine Gedanken gemacht. Betraf mich ja nicht. 

Inklusion ist kein Konzept – sie ist eine Haltung

Und nun sitze ich gemeinsam mit meiner wunderbaren Familie mit im Boot. Und ich wünschte so sehr, dass Inklusion endlich an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen würde. Dass es mehr ist als ein Schlagwort, das man hervorkramt, wenn es gerade gut aussieht. Inklusion ist eine Haltung. Und wenn alle diese Haltung wirklich einnehmen, funktioniert sie auch. Inklusion ist zudem ein Gewinn für alle. Sie zeigt ein echtes Abbild unserer Gesellschaft und bringt junge Menschen hervor, die Vielfalt und Anderssein als etwas völlig Normales empfinden.

Ein Beispiel: Philipp besucht eine inklusive Kita-Gruppe. Inklusion heißt übrigens: Alle Menschen gehören von Anfang an gleichberechtigt dazu, jederzeit, unabhängig von Herkunft, Behinderung, Geschlecht oder anderen Merkmalen. Kurzfassung einer größeren Geschichte: Das wurde in unserer Kita nicht gelebt.

Ich suchte immer wieder das Gespräch, erinnerte an den Auftrag der Inklusion und (da ist wieder eins:) des Gutachtens der Eingliederungshilfe. Nach einem Vorfall schrieb ich an die Elternschaft, bat um mehr Achtsamkeit gegenüber (auch unbewusster) Ausgrenzung.

Und dann passierte etwas: Einige Eltern kamen auf mich zu – interessiert, offen, lernbereit. Viele hatten Fragen. Ich beantwortete jede – schriftlich, mündlich. Wir gründeten eine kleine Elterngruppe, um den inklusiven Alltag zu verbessern. Es funktionierte. Es ist Sensibilisierung ist entstanden.

Vernetzung ist alles

Auch an einer der Schulen, die wir für Philipp in Betracht ziehen, hat sich jüngst eine Elterninitiative gebildet – für Kinder mit I-Status. Ich bin jetzt schon Teil davon, im Austausch, vernetzt. Vielleicht wird das ja Philipps Schule. Und: Vernetzung ist alles. Das habe ich gelernt als Mutter eines Kindes mit Behinderung: Wir Angehörigen halten uns gegenseitig. Teilen Erfahrungen. Hören zu. Bauen uns auf. Denn sonst ist da kaum Hilfe in diesem komplizierten System.

Nach unserem Umzug in eine mir damals völlig fremde Stadt, habe ich deswegen auch direkt eine Art Selbsthilfegruppe gegründet. Wir bevorzugen allerdings den Namen Stammtisch 😉 und treffen uns zweimonatlich zum Austausch. Unsere Gruppe habe ich zusammen mit einer anderen Mama gegründet. Diese wundervolle Power-Frau hat zudem wiederum eine inklusive Sportgruppe ins Leben gerufen und sie kämpft darum, neue Angebote zu schaffen. Weil es sonst keiner tut.

All das machen wir ehrenamtlich. Neben Therapien, Arztterminen, Anträgen, Widersprüchen. Neben Schulentscheidungen, Kita-Gesprächen, Recherchen und mehr… Neben dem Job. Ich neige dazu zu sagen: Es ist ja selbstverständlich, es geht um mein Kind. Aber es kostet Zeit. Es kostet Kraft. Es ist nicht Nichts.

Kein Mitleid. Sondern Respekt, Teilhabe und Veränderung

Lasst mich Euch sagen: Ich will kein Mitleid. Ich will ein System, das respektvoll ist. Ein System, das sich anpasst – nicht wir. Denn das Problem sind nicht unsere wundervollen Kinder. Das Problem sind Strukturen, Politik, eine Gesellschaft, die noch immer nicht versteht. Und damit sich das ändert, brauchen wir jeden einzelnen Menschen.

Auch wenn es euch nicht betrifft: Werdet laut. Für die Leisen. Für die Schwachen. Für die, die keine Kraft mehr haben, zu kämpfen. Seid achtsam, sensibel, seid Mensch. Und lasst mich an alle pflegenden Angehörigen sagen: Ihr Held:innen, Ihr leistet großartiges!

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10 comments

  1. Ich würde das eine tun und das andere nicht lassen. Wenn ihr eine geeignete Förderschule ( in meinem Bundesland SBBZ) in der Nähe habt würde ich mir diese anschauen. Die Vorteile sind, dass dein Sohn dort Freunde finden wird und die Betreuung durch die Lehrkräfte sehr gut ist. Aber: der Schwerpunkt liegt, je nach Behinderung der Kinder, nicht zwingend im Bereich Lesen, Schreiben und Rechnen sondern eben auch auf Alltagskompetenzen.
    Als Gegengewicht dazu wäre es gut, vor Ort Angebote anzunehmen wie vielleicht Kinderturnen, Kindergruppe etc, damit dein Sohn auch die Kinder in der Nachbarschaft kennenlernt.
    Die inklusiven Grundschulen können sehr gute Konzepte haben, manche sind aber auch hoffnungslos überfordert. Kinder mit Trisomie sind eher nicht diejenigen, die anecken, aber der Ton unter den Kindern kann rauer sein als in der Förderschule. Aber dein Kind lernt auch mehr von den anderen.
    Warum zeigst du nicht deinem Kind beide Schulen und fragst ihn?

  2. Hallo Tina,
    Wenn es in der Grundschule schon Erfahrungen mit Inklusion gibt, nehmt diesen Weg.
    Er hat noch 9 Monate bis zur Einschulung und ist sprachlich total fit. Mit 7 Worten einen grammatikalisch richtigen Satz zu bilden, ist heutzutage nicht mehr Selbstverständlich bei der Einschulung. Ein Freund ist Grundschullehrer und bei der Einschulung schaffen das noch nicht einmal die Hälfte der Kinder (viele DAZ Kinder). Sprachlich ist er da auf jeden Fall super dabei und ganz bestimmt nichts für die Förderschule!
    Du sagst, dass er sich mit Zahlen schwer tut – da kommt es jetzt natürlich drauf an, ob sein Mengenverständnis bei 3 aufhört oder er es eben doch erkennt, aber keine Worte für die Menge findet.
    Beispiel ein Teller mit 3 Smarties, ein anderer mit 5 und er kann mit einem Blick sagen, wo mehr drauf ist. Dieses einfache Mengenverständnis ist wichtig, um mitzukommen. Selbst das können vereinzelt Kinder ohne I-Status zur Einschulung nicht!
    Das große Problem an Grundschulen sind nicht die I-Kinder, sondern alle anderen nicht schulreifen Kinder, die trotzdem eingeschult werden und wenn man dann je nach Bundesland noch bis zu 27 Kinder hat, kann man sich vorstellen, dass da ein Lehrer vollkommen überfordert ist und eben die I-Kinder durchs Raster fallen.

    Die Antwort der RV ist eine Frechheit und Diskriminierung! Ich kenne eine mit Trisomie 21, die in einem Krankenhaus in der Küche arbeitet. Sie arbeitet zwar nur 20h/Woche, aber sie arbeitet in einem ganz normalen Beruf. Also mit entsprechender Förderung ist bei „fitten“ Kindern durchaus einiges möglich.
    Ich kann auch nur die TV Reihen von Mälzer und Dietz empfehlen. Da merkt man immer, dass Menschen mit Trisomie einiges leisten können und wollen. Leider wird das oft durch das System „einmal Werkstatt immer Werkstatt“ kaputt gemacht.

    Das große Problem an Förderschulen ist, dass es extrem schwer ist aus dem System Förderschule und dann Werkstatt auszubrechen. Wenn man einmal so richtig abgekapselt wurde, bleibt man es leider oft ein Leben lang.
    Ich kenne einen mit einer geistigen Behinderung, der jetzt eine Ausbildung im Bereich Landschaftsbau macht. Das ging aber auch nur mit viel Einsatz der Eltern und der war eben auch immer integriert in der Kleinstadt (Vereine, Kirche, etc).

  3. Ich finde den inklusionsgedanken so gut und wichtig, finde aber, dass er mit dem schulsystem in vielerlei Hinsicht nicht kompatibel ist.
    Wenn ich sehe, was Lehrer an einer regelschule alles leisten müssen, frage ich mich, wie da Inklusion gelingen kann, dass es wirklich für ale Beteiligten eine Bereicherung ist. Leider…!!

    1. Das war genau mein Gedanke. Meine Mutter war Blindenlehrerin sowohl normal an einer Förderschule als auch als Pendlerin an den Regelschulen der Umgebung. Sie hat bis zu ihrer Pensionierung tagtäglich die andere Seite der Medaille beleuchtet. Und die besagt, dass Inklusion meist Augenwischerei ist, weil sie beim nächsten Kindergeburtstag der Klassenkameraden nämlich endet.

      Sehr erhellend fand ich vor Kurzem auch den Artikel „Langzeit-Studie: Wie Inklusion an weiterführenden Schulen gelingt – und: Wo sie an Grenzen stößt“ auf dem Portal „News4Teachers“. (Falls ich verlinken darf: https://www.news4teachers.de/2025/10/langzeit-studie-wie-inklusion-an-weiterfuehrenden-schulen-gelingt-und-wo-sie-an-grenzen-stoesst/ )

      Unbedingt sollte man sich die Kommentare der betroffenen und völlig überlasteten Lehrer durchlesen. Ich zitiere mal einen besonders herausstechenden, der sehr viele Likes von den mitlesenden Kollegen bekam:

      „Haltung – alle Lehrkräfte wollen guten Unterricht für alle SchülerInnen. Praktisch nicht realisierbar, habe ich jetzt eine negative Haltung? Ist es eine zu realistische Einstellung, wenn ich zugebe, mit drei Leistungsniveaus plus FS Lernen plus dreimal ESE-Individualbetreuung überfordert zu sein? Positive Haltung reicht nicht, um die Aufgabe zu bewältigen. Übrigens, auf welchen gemeinsamen Unterricht mit den Förderkollegen bereite ich mich vor, es gibt kaum Doppelbesetzungen? Wann haben die eigentlich Zeit für diese ‘Vorbereitung’, wenn sie in fünf bis zehn Klassen SchülerInnen haben?
      Strukturen – sind so wie es alle wissen, siehe Doppelbesetzungen oder gemeinsame Vorbereitung.
      Beziehungen – mit der späteren Pubertät sind oft die Kontakte zu anderen vorbei. Da nützt auch eine gute Lehrer/Schüler-Beziehung wenig, die bewirkt eher das Gegenteil. (…) Fazit also: mal besser, mal schlechter, nirgends ein Rezept wie es funktionieren kann. Nur der gute Rat, noch etwas intensiver und mit viel positiver Einstellung jeden Tag am lecken Schiff weiter zu pumpen. Tut mir leid, aber ich erlebe an einer sehr engagierten Schule jeden Tag, wie die realen Probleme Inklusion erschweren. Das Rezept ist immer, die vorhandenen Leute mit noch mehr Aufgaben und Erwartungen einzudecken. Sorry, aber irgendwann merkt jeder, dass diese emotionale Erpressung nur die Gesundheit kostet. Vielleicht bewirken die Grenzen, die man setzen muss, dann ein Studienergebnis: die Haltung ist hier nicht positiv genug, aber dann ist das eben so.“

      Oder auch dieser Einwurf eines anderen Foristen:
      „Kokonstruktive Kooperation: Ja, sehr gerne! Das hieße: Ich bereite nicht mehr alleine alles vor, der Unterricht wird in Doppelbesetzung durchgeführt.

      Realität: Ich bereite alles alleine vor und manchmal sitzt ein Sonderpädagoge im Lehrerzimmer, zieht sich 20 Minuten nach Unterrichtsbeginn „ein paar Kinder raus“ oder blubbert mich in der Pause voll, was ich noch alles machen müsste.

      Da liegen Welten dazwischen. Was bräuchte es? Ressourcen! Feste Doppelbesetzung: zu wenig Sonderpädagogen da, (…) Feste Beratungs- und Teamzeiten: Dazu müsste das Deputat runter, dazu bräuchte man mehr Lehrer, die gibt es aber nicht. Ist also nicht falsch, was die Studie sagt, es ist nur wieder mal: sehr wohlfeil und schert sich einen Dreck um die tatsächlichen Möglichkeiten der Umsetzung. Die üblichen Hinweise auf das richtige Mindset sorgen für den gewohnt schalen Beigeschmack.“

      Wen die Mutter von Phillip also tatsächlich meint, die richtige Haltung würde alle anderen Defizite ausgleichen und somit völlig genügen, ist sie leider entschieden auf dem Holzweg und wird ein rüdes Erwachen erleben, fürchte ich. Obendrein ist diese Logik ein Schlag ins Gesicht all derer, die Inklusion gerne umsetzen würden, aber keine Unterstützung im System erfahren. Denn nach der obigen Logik kann misslungene Inklusion ja nur deswegen scheitern, weil die Beteiligten sich nicht genug Mühe geben. Eine Einstellung, die man als Eltern dringend überdenken, mindestens aber vor den Lehrern für sich behalten sollte …

    2. Normalerweise kommentiere ich prinzipiell keine Artikel, aber ich muss hier auch was aus Sicht einer Sonderpädagogin schreiben. Ich bin Sonderpädagogin mit Förderschwerpunkt Lernen und finde es schade, dass unsere Schulart häufig so negativ beurteilt wird. Ich kenne viele Kinder, die zu uns kommen und von sich aus sagen: Endlich habe ich hier mal Erfolg und bin nicht immer der/die Schlechteste der Klasse.
      Zur Inklusion: Das ist nicht nur für die Grundschullehrer frustrierend, sondern auch für uns Sonderpädagogen. Je nach Kind stehen uns hier in Ba-Wü 4 bis 6 Stunden pro Inklusionskind zu. Ich kenne viele Kollegen, die teilweise an drei verschiedenen Schulen Inklusion machen, sich keinem Kollegium wirklich zugehörig fühlen und frustriert sind, weil sie in den wenigen Wochenstunden nicht so viel wie gewollt erreichen können und genau wissen, dass sie die Lehrkräfte der allgemeinen Schulen ganz viel nicht umsetzen können (wie auch bei mehr als 20 Kindern).
      Inklusion Ja: Aber dafür sind die Bedingungen einfach nach wie vor nicht gegeben und so wie es jetzt läuft ein Tropfen auf dem heißen Stein. Von daher bleibt die Hoffnung, dass unser Land mehr in Bildung/Inklusion investiert, damit es besser umgesetzt werden kann.

      1. Danke, Jasmin. Das deckt sich mit den Schilderungen meiner Mutter, die mehr als einmal darauf hingewiesen hat, das an der Förderschule mit Schwerpunkt „Sehen“ auch Dinge wie Mobilitäts- und Orientierungstraining, oder sogenannte „Lebenspraktische Fertigkeiten“, oder Braille-Kurzschrift, oder Kochen als Blinder etc. ganz selbstverständlich mit unterrichtet werden können. Fertigkeiten, die dafür sorgen, dass das Kind später als Erwachsener übergangslos im Alltag klar kommt. Dinge, die ihm ein eigenständiges Leben erleichtern, wo es nicht dauernd irgendwen fragen und bitten muss. Alternativ muss das Kind seine Freizeit für diesen Extraunterricht opfern.
        Ja, man kann Mob-Training auch als Erwachsener noch nachholen. Für Tausende von Euro …

        All sowas fällt bei der aktuellen Umsetzung von Inklusion unter den Tisch. Egal bei welcher Art von Behinderung. Es reicht gerade für rudimentäre Fertigkeiten, und dabei muss man noch damit rechnen, dass es den Rest der Klasse massiv stört, wenn da ständig zwei Leute (Kind und Sonderpädagoge oder Schulbegleiter) ihre eigene Unterhaltung mitten im Unterricht führen, mit Gegenständen herum klappern, rein und raus gehen usw.
        „Mittendrin“ ist eben _nicht_ automatisch „dabei“.

  4. Wir sind einige Jahre weiter… ich möchte dir Mut machen, den inklusiven / integrativen Weg zu versuchen – der Weg von der inklusiven Schule an die Förderschule ist leichter als andersherum. Es wird nicht ohne tolle Menschen gehen, die deinen Sohn begleiten (wir hatten bei unserer Tochter wirklich durchgängig Glück!) und vieles wird nicht so optimal laufen, wie du dir das vorstellst. Freunde finden ist z. B. sehr sehr schwierig…
    gleichzeitig lernen „unsere“ Kinder im Umgang mit „Regelkindern“ so viel. Mir war es wichtig, dass andere Kinder aus dem Ort unsere Tochter kennenlernen- schließlich begegnen ihr diese ja nicht nur in der Schule, sondern auch an anderen orten im Ort. Durch die wohnortnahe Beschulung der ersten zwei Jahre in der nicht-inklusiven Regelschule hat sie viel persönliche Selbstständigkeit gewonnen – nach zwei Jahren gab es dann den Wechsel an eine integrativ arbeitende Grundschule (die GS am Ort konnte ihr nicht mehr gerecht werden). Inzwischen besucht sie 9. Klasse einer IGS – sie ist zwar mehr im Förderraum als in der GEsamtklasse (Inklusion ist was anderes!), aber sie geht gern zur Schule und lernt in ihrem Tempo, die Inklusion findet dann mehr am Nachmittagsbereich in den AGs statt. . Aber: wenn wir gemerkt hätten, es geht ihr nicht gut damit, hätten wir es nicht getan, sondern den Wechsel an die zuständige Förderschule für ganzheitliche Entwicklung vorgenommen. Sie wird die Schule zwar ohne Schulabschluss verlassen, gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass unsere Tochter in vielen Bereichen weniger Allgemeinbildung und Kompetenzen hätte, wenn wir den integrativen Weg nicht durchgezogen hätten. Und während ich lange Zeit damit gehadert habe, ob ich mein Kind nicht vielleicht doch noch mal auf „L“ testen lassen sollte, denke ich inzwischen, dass der „G“ – Status zumindest dafür sorgt, dass sie hinterher nicht durch alle Raster fällt und im Rahmen eines Aussen-Arbeitsplatzes einer Behindertenwerkstatt zumindest einer geregelten TAgesbeschäftigung nachgehen kann.

  5. Ich arbeite im Kindergarten und sehe es genau wie Anne. Ich arbeite sehr gerne mit besonderen Kindern, es ist jedoch wie Anne schon sagt, einfach eine unlösbare Aufgabe in einer Gruppe mit 25 Kindern.
    Integrationskräfte sind bei uns nicht ausgebildet und wir haben mit ihnen meist noch mehr Arbeit wie mit dem Kind selbst.
    Es muss noch richtig viel passieren um wertvolle Inklusion zu leisten. Da können Erzieher/ Lehrer noch zu gerne mit den Kindern arbeiten, es ist sehr schade.

  6. „Inklusion ist zudem ein Gewinn für alle.“
    Das dachte ich auch mal. Bis ich eine Klasse unterrichten sollte, in der Kinder mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen in großen Regelklassen unterrichtet wurden. Gemeinsam mit anderen Kindern, die auch ihre Bedürfnisse haben. Und gut ausgebildet werden sollen, sie tragen die Gesellschaft in der Zukunft.
    Alle wertvoll, dass will ich gar nicht in Frage stellen. Auch alle wundervoll, jedes Kind für sich. Aber zusammen eine unlösbare Aufgabe, wenn zu viele, teils gegenläufige Bedürfnisse gemeinsam bedient werden sollen.
    Es klingt immer so schön, es nutzt allen, wenn individuelle Bedürfnisse wichtig genommen werden.

    1. Ich sehe das genauso! wie Anne!!!
      Allein schon der Stellenschlüssel an einer Förderschule spricht für sich! Dort lehren ausgebildete Sonderpädagogen im Team, kleine Klassenstärken, bauliche Vorraussetzung, in der Regel alles gut vernetzt. Bei uns gibt es einen festen Therapeutenstamm, der während der Schulzeit Therapien anbietet. Der Tagesplan ist auf die Bedürfnisse der besonderen Kinder abgestimmt, es gibt keine Überforderung, die Individualität jedes Schülers wird beachtet.
      Dort gibt es eben nicht den „behinderten Schüler“, es sitzen alle in einem Boot und dadurch ist die Schule ein Ort der Sicherheit. Es entstehen Freundschaften, die auch außerhalb der Schule Bestand haben.
      Auch viele Eltern empfinden die Förderschule als Erleichterung; endlich ein Ort mit Verständnis und Unterstützung. Auch sollten praktische Dinge nicht außer Acht gelassen werden. An einer Inklusionsschule findet sich während der Unterrichtszeit kaum jemand der bei so banalen Dingen wie einem Toilettengang sofort handeln kann…
      Selbst an Inklusionsschulen ist die Realität angekommen. Wenn in einer überfüllten Klasse diverse Kinder mit Sprachbarriere beschult werden, bleibt der Inklusionsgedanke irgendwann auf der Strecke. Auch Regelkinder haben einen Anspruch auf Bildung.
      Und dieser Anspruch ist gleichberechtigt! Regelkinder haben nur eine beschränkte Schulwahl und wer einmal an einem Elternabend teilgenommen hat, an dem sich diverse Eltern über die Benachteiligung des eigenen Regelkindes gegenüber eines Inklusionskindes beschweren überlegt sich es zweimal, ob man dem Kind eine solche Atmosphäre zumuten möchte.
      Inklusion gibt es ja nicht nur an Schulen, es gibt Sportvereine, Jugendclubs oder ähnliches die Inklusion fest in ihrer Charta haben.
      Es mag ein schmerzhafter Prozess sein, aber die Entscheidung für eine Förderschule ist in meinen Augen eine Entscheidung für das Kind, seine Zukunft und die Familie!!!

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