Ihr Lieben, ihr habt vielleicht mitbekommen, dass gerade Maßnahmen zur Kostensenkung in der Sozialhilfe und Inklusionshilfe diskutiert werden. In einem „Vorschlagsbuch“ einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe wird auch die Streichung des § 112 SGB IX diskutiert. Der Kernvorschlag sieht vor, die bisherige Leistung zur „Teilhabe an Bildung“ aus dem Sozialrecht zu streichen. Die Verantwortung und Finanzierung für Schulhelfer soll komplett auf die Schulen (und damit die Bundesländer) übergehen.
Anstatt dass jedes Kind mit entsprechendem Bedarf einen persönlichen Assistenten erhält, soll das Pooling-Modell zum Standard werden. Schulhelfer würden dann einer Klasse oder Schule fest zugewiesen und betreuen mehrere Kinder gleichzeitig. 1:1 Betreuung gäbe es dann nur noch im absoluten Ausnahmefall. Unsere Leserin Charlotte hat drei Kinder. Das Jüngste kam als Extremfrühchen zur Welt und hat dadurch eine Cerebralparese, die ihn körperlich und geistig eingeschränkt. Momentan ist er im dritten Schulbesuchsjahr (das ist nicht das selbe wie die dritte Klasse). Die aktuellen Spardiskussionen machen Charlotte große Angst:
Inklusion – Kein Geld mehr wert?
„Inklusion ist ein Menschenrecht, oft braucht es viel Hilfe, damit Inklusion umgesetzt werden kann. Damit Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen die Schule besuchen können, braucht es genau diese Hilfe – und die kommt in Form der Integrationskräfte.
Wenn es in einer Klasse mehrere Kinder gibt, die Hilfe brauchen, gibt es bisher meist auch mehrere Integrationshelfende. Nun gibt es Überlegungen, dass es nur noch eine solche Hilfskraft pro Klasse geben darf. Dabei wird momentan ja bei jedem dieser Kinder genau überprüft, wie viel Hilfe es im Schulalltag braucht. Sind also mehrere Hilfen in einer Klasse, dann nur, weil der Hilfsbedarf der Kinder in der besagten Klasse das rechtfertigt. Und dieser Hilfebedarf wird ja nicht plötzlich kleiner, nur weil die Politik sparen muss.
Mein Sohn geht in eine Förderschule. Wir hatten es anfangs ohne Integrationshilfe versucht, die Schule hat aber schnell zurückgemeldet, dass er ohne Hilfe nicht klarkommt. Es gab dann zunächst den Versucht, dass er und eine Klassenkameradin sich eine Hilfe teilten – also genau das, was nun diskutiert wird. Unser Versuch ist gescheitert und zwar krachend. Es wurde so schwierig, dass entweder das andere Kind oder mein Sohn früher abgeholt werden mussten.
Seit ich von den Plänen der Politik weiß, habe ich Magenschmerzen. Wie soll ein zukünftiger Schulbesuch meines Kindes aussehen, wenn diese Pläne umgesetzt werden? Als eingeschränkter Mensch ist das Leben sowieso oft schon sehr herausfordernd. Müssen diesen Kindern noch mehr Steine in die Lebenswege gelegt werden? Muss man ihr Recht auf Inklusion so mit Füßen treten?
Ich weiß wirklich nicht, wie Förderschulklassen mit mehreren Kindern, die eine eins zu eins Betreuung brauchen, mit nur EINER Integrationshilfe klarkommen sollen. Aber auch für Schulen des gemeinsamen Lernens sehe ich große Probleme im Fall der Umsetzung dieser Maßnahme. Wenn Kinder in der Klasse sind, die für grundlegende Dinge mehr Hilfe brauchen, als eine Hilfskraft abdecken kann, werden Lehrer und Lehrerinnen einspringen müssen. Und darunter wird dann der Unterricht ALLER Kinder leiden.
Ein ganz praktisches Beispiel: Es gibt Kinder mit einem starken Bedürfnis, einfach loszulaufen. Welche Lehrkraft würde ein solches Kind weglaufen lassen, wenn die Integrationskraft gerade mit einem anderen Kind beschäftigt und dadurch unabkömmlich wäre? Das würde in einem solchen oder ähnlichen Fall also bedeuten, dass der Rest der Klasse sich selbst überlassen wäre, bis sie das Kind wieder „eingefangen“ hätte. Was für fatale Folgen hätte das auch für die Kinder, die keine Lernschwierigkeiten haben! Ich frage mich: Kann es sich unser Land wirklich leisten, sein Bildungssystem noch kaputter zu machen? Meine Antwort: Ich denke nicht!






6 comments
Ich bin auch klar gegen eine Kürzung der Leistungen für Kinder!
Moin,
Ich bin klar gegen eine Kürzung der sozialen Hilfen. Mein Sohn hat eine leichte geistige Behinderung und besucht inklusiv eine Gesamtschule mit gutem Lernerfolg. Das wäre ohne die Hilfe einer Inklusionskraft nicht möglich.
Aber: diese Schule hat die Pool-Lösung und wendet sie seit Jahren erfolgreich an. Es ist „die SEK II Schule für Inklusion“ in einer 170.000 Einwohner Stadt im Niedersachsen. Sie haben viel Erfahrung und reagieren flexibel auf die verschiedenen Bedarfe der verschiedenen Kinder. Die Inklusionskraft ist nicht ausschließlich für meinen Sohn zuständig, und ich finde das auch gut so. Es gab Probleme mit einem Kind in der Klasse meines Sohnes (Emotional-sozial) und es wurde kurzfristig darauf mit einer zusätzlichen Kraft reagiert. Und mein Sohn bekommt im Gegenzug nur die Hilfe, die er wirklich braucht. Und nicht mehr.
Das funktioniert nicht bei jedem Kind, das ist klar. Ich hoffe, dass es für kinder mit besonders viel Bedarf weiterhin Einzelfall – Hilfen gibt. Das ist wichtig.
Aber die Pool-Lösung verteufeln geht auch nicht.
Viele Grüße
Stiefelmind
Für die Kinder, die rausrennen, muss nicht in jeder Klasse jemand Vollzeit sitzen. Es reicht, wenn es eine Person in der Schule gibt, die man als Lehrkraft in solchen Fällen anrufen kann.
Als Lehrkraft haftet man bei rausrennenden Kids im Zweifel für das, was im Raum passiert, nicht für das, was mit dem rausrennenden Kind ist bzw. was es tut. Deshalb trifft es nicht zu, dass man i.d.R. die übrigen Kids allein lassen würde.
Ich finde es schlimm, wenn auf Kosten der Wehrlosesten zu sehr gespart wird.
Ich denke nicht, dass wenn ein Behindertes Kind, das sich nicht alleine zurechtfindet wegläuft, irgendjemand angerufen werden sollte. Der kommt dann vielleicht zu spät.
Ich glaube nicht, dass es hier darum geht, das Poollösungen schlecht sind. Ich denke es geht darum, dass es nicht reicht nur einen Helfer pro Klasse zu haben, wenn manche Kinder schon die volle Aufmerksamkeit einer Person benötigen.
Liebe Grüße J.
Dein Kommentar zeigt, dass du keine Vorstellung hast, was eine Inklusionsbegleitung leistet. Es wurde hier schon geschrieben: wenn ein Kind Fluchttendenzen hat, kann man nicht mehr anrufen, dann muss man sprinten. Aber IB unterstützen auf vielfältige Weise und deshalb ist eine Person pro Schule komplett naiv, aber selbst eine pro Klasse wird in vielen Klassen einfach nicht reichen. Manche Kinder brauchen durchgängig Begleitung, für die, die weniger Begleitung brauchen, ist die Poollösung gut. Leider soll aber nicht unterschieden werden. Es werden mehr Kinder im GL scheitern und das alles zeigt nur wieder, dass in Deutschland kein Interesse an echter Inklusion besteht.
Wer auf politischer Ebene auf dieses Thema aufmerksam machen will, kann diese Petition unterschreiben. Unter dem Motto: “ Teilhabe ist Menschenrecht“ unterstützen viele Wohlfahrtverbände diese Petition: hier kann man online abstimmen: https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2026/_02/_27/Petition_195716.nc.html