Schule gegen Kinder: Wir brauchen eine Bildungs-Revolution

Schule gegen Kinder

Ihr Lieben, welche Erfahrungen sammelt ihr mit dem Bildunssystem? Expertin und Bestseller-Autorin Silke Müller findet, dass es am Abgrund steht. Lange war sie selbst Schulleiterin, nun hat sie das Buch Schule gegen Kinder: Wie ein kaputtes Bildungssystem die Zukunft der nächsten Generation gefährdet. Unser Schulsystem ist komplett am Ende geschrieben, in dem sie mit der jetzigen Situation abrechnet und radikale Lösungsansätze präsentiert.

Sie kritisiert marode Gebäude, veraltete Lehrpläne, ungleiche Chancen, überforderte Kinder und ausgebrannte Lehrkräfte, spricht von „Lernbedingungen wie in einer Ruinenverwaltung“. Sie prangert an, dass die Grundstrukturen noch aus dem 19. Jarhundert stammen: Mit Frontalunterricht, 45-Minuten-Takt und einem frühen „Sortiersystem“, das Ungleichheit verstetigt. Dazu 16 parallele Schulsysteme im Bildungsföderalismus und ein Investitionsstau von fast 68 Milliarden Euro.

Sie geht so weit, zu sagen, dass Schule Kindern die Lebenschancen raubt… und fordert ein radikales Umdenken. Weil das aktuelle Bildungssystem oft weit entfernt von der Lebensrealität der SchülerInnen agiert, weil das System ungerecht ist, weil die Potenziale von digitaler Infrastruktur nicht genutzt werden.

Sie will nicht weniger als revolutionäre Lernmethoden und visionäre Ideen für eine Reform, die Schulen menschlich, gerecht und zukunftssicher macht. Derzeit erreichen die SchülerInnen die schlechtesten PISA-Lesewerte aller Zeiten. Dazu kämen psychische Belastungen der Schüler:innen und Lehrer:innen. Auf jede regulär pensionierte Lehrkraft kämen zwei bis zweieinhalb, die wegen Frust oder Burnout vorzeitig aufhörten, was bis 2035 zum Fehlen von bis zu 200.000 Lehrkräften führen könnte.

Wie das ihrer Ansicht nach klappen könnte? Sie verlangt eine zehnjährige gesicherte Grundfinanzierung, ein eigenverantwortliches Blockbudget pro Schule und eine klare Bindung staatlicher Mittel an Qualitätsziele. Zugleich plädiert sie für ein vollkommen neues Verständnis von Lernen. Der starre Fächerkanon müsse abgeschafft und durch interdisziplinäre, projektorientierte Lernformate ersetzt werden. Prüfungen, die ausschließlich Faktenwissen abfragen, hält Müller angesichts generativer KI für überholt; stattdessen fordert sie Aufgabenformate, in denen Schüler reflektiert zeigen, wie sie mit KI gearbeitet und Informationen kritisch bewertet haben.

Der vielleicht radikalste Vorschlag betrifft die politische Struktur: Bildung müsse entpolitisiert werden. Müller fordert einen Bildungsstaatsvertrag, bundesweit verbindliche Kernkompetenzen und einen Nationalen Bildungsrat mit echter Entscheidungsmacht. Und Umzüge zwischen Bundesländern dürfen künftig nicht mehr zum Bildungsrisiko werden – ein bundesweit anschlussfähiges System sei unerlässlich.

Schule gegen Kinder
Schule gegen Kinder

Frau Müller, Sie kritisieren in Ihrem Buch „Schule gegen Kinder“, dass das Schulsystem an Strukturen festhält, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und von denen wir wissen, dass sie dem Lernen und der psychischen Gesundheit der Kinder schaden. Wie kommt es dazu?

Wir halten daran fest, weil es für die Verwaltung bequem ist, nicht weil es pädagogisch sinnvoll wäre. Die 45-Minuten-Taktung wurde 1911 in Preußen eingeführt, um Schule an die Fabrikschichten anzupassen, nicht an den Biorhythmus von Kindern. Und dass wir heute noch die sechsstufige Notenskala nutzen, die 1938 von den Nationalsozialisten zur Selektion standardisiert wurde, ist ein Skandal, den wir verdrängen. Wir klammern uns an diese Raster, weil sie Vergleichbarkeit vorgaukeln. Aber wir müssen uns entscheiden: Wollen wir Kinder verwalten oder wollen wir sie bilden? Für mich ist die Antwort klar: Wir müssen diese Strukturen verlassen und neue Formen etablieren.

Laut dem IQB-Bildungstrend 2024 scheitert ein Drittel der Neuntklässler an den Mindeststandards in Mathematik, und bei PISA haben wir die schlechtesten Ergebnisse aller Zeiten eingefahren. Sie warnen davor, dass wir den einzigen Rohstoff verspielen, den Deutschland hat: kluge Köpfe.

Warum steht Bildung nicht oben auf der politischen Agenda?

Weil die Wahrheit wehtut. Wir führen Scheindebatten, um uns nicht eingestehen zu müssen, dass unser Bildungssystem bankrott ist. Wenn ein Drittel der Jugendlichen in der neunten Klasse an den Grundrechenarten scheitert, dann reden wir nicht über eine kleine Delle in der Statistik. Wir reden darüber, dass diese jungen Menschen später keine Ausbildung im Handwerk oder in der Industrie schaffen werden. Wir produzieren Bildungsarmut mit Ansage.

Wie kommt das?

Das Problem ist hausgemacht: Wir jagen Kinder durch überfrachtete Lehrpläne, die auf das ‚Bulimie-Lernen‘ – also das kurzfristige Auswendiglernen und Wiedervergessen – ausgelegt sind, statt echtes Verständnis zu fördern. Wir prüfen Reproduktion, während die Welt da draußen Problemlösung verlangt. Wer Textaufgaben nicht versteht, scheitert später nicht nur in Mathe, sondern auch am Mietvertrag oder am Parteiprogramm. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe für den Standort Deutschland, das ist Sprengstoff für unsere Demokratie.

Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Basiskompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen –, aber mit modernen Methoden, die jedem Kind gerecht werden, statt alle durch das gleiche Nadelöhr zu pressen. Sie plädieren dafür, den Fächerkanon radikal zu entrümpeln und stattdessen ‚Leben‘ als Unterrichtsgegenstand einzuführen – mit Themen wie Verträge verstehen, Finanzen, oder digitale Selbstverteidigung.

Was sagen Sie den KritikerInnen, die Sorge haben, dass dabei das klassische Wissen und die Leistung auf der Strecke bleiben?

Denen sage ich: Schauen Sie sich die Realität an. Was nützt es, wenn ein Kind eine Gedichtanalyse schreiben kann, aber an einem Mietvertrag scheitert oder auf Fake News hereinfällt? Leistung definiert sich im 21. Jahrhundert nicht mehr durch das Auswendiglernen von Fakten – das können Maschinen besser. Echte Leistung bedeutet heute Kreativität, kritisches Denken und Kollaboration. Wenn wir ‚Leben‘ als Fach einführen, senken wir das Niveau nicht, wir heben es auf eine relevante Ebene. Wir machen Kinder handlungsfähig für ihre Zukunft.

Wie haben KI und Social Media den Schulalltag verändert?

Wenn wir ehrlich sind, haben Social Media und Künstliche Intelligenz den Schulalltag nicht einfach nur verändert – sie haben die bisherige Logik von Schule ausgehebelt. Wir stehen in einem historischen Moment, in dem alles kippt. Jugendliche verbringen wöchentlich über 70 Stunden online. Die Folgen der digitalen Dauerbeschallung spüren wir jeden Tag im

Klassenzimmer: Konflikte enden nicht am Schultor, sondern werden digital verlängert und eskalieren durch Cybermobbing, das fast 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler betrifft. KI ist noch drastischer als Social Media. Sie verändert unser Verständnis von Wissen und Wahrheit grundlegend. Kinder nutzen ChatGPT längst nicht mehr nur für Hausaufgaben – die dann in Sekunden erledigt sind, womit das klassische Hausaufgabensystem tot ist. Was mich aber am meisten schmerzt: Kinder wenden sich an Chatbots als emotionale Stütze, weil wir Erwachsene oft keine Zeit oder Kraft haben, zuzuhören. Wir treiben Kinder in eine digitale Einsamkeit.

Was meinen Sie, bedeutet das konkret für die Schulen?

Wir brauchen eine radikale Neuausrichtung auf drei Ebenen:

1. Wir müssen Schule wieder zu einem Schutzraum machen. Konkret heißt das: Ein Smartphoneverbot in den Pausen ist kein Rückschritt, sondern Notwehr, damit Kinder wieder spielen und miteinander reden können, statt nebeneinander her zu swipen. Wir brauchen an jeder Schule eine „Social-Media-Sprechstunde“, damit Kinder einen vertrauensvollen Ort haben, um über das zu sprechen, was sie im Netz verstört.

 2. Wir brauchen echte Kompetenz statt eine Stunde Medienkunde. Ich fordere einen festen Digitaltag pro Woche, an dem Programmieren, Quellenkritik und KI-Verständnis verbindlich gelehrt werden. Kinder müssen lernen, wie man gute Prompts schreibt, Ergebnisse kritisch prüft und KI als Werkzeug nutzt. Und natürlich müssen wir die Prüfungskultur ändern. Wenn eine KI jeden Aufsatz schreiben kann, müssen wir aufhören, das Endprodukt zu bewerten. Wir müssen den Prozess bewerten, mündliche Prüfungen stärken und Formate nutzen, die kritisches Denken erfordern.

3. KI ersetzt Wissen, aber nicht das Herz. Wenn Maschinen die Wissensvermittlung und Routineaufgaben übernehmen können, muss Schule der Ort werden, an dem Beziehungsarbeit, Empathie und Demokratieerziehung im Mittelpunkt stehen. In Ihrer ‚Roadmap für ein besseres Schulsystem‘ fordern Sie nichts Geringeres als das Ende des Bildungsföderalismus in seiner jetzigen Form.

Schule gegen Kinder
Silke Müller

Glauben Sie, dass die Politik so mutig ist, Kompetenzen an einen ‚Nationalen Bildungsrat‘ abzugeben, um Kontinuität jenseits von Legislaturperioden zu schaffen?

Ob die Politik den Mut hat, weiß ich nicht – aber sie hat eigentlich keine Wahl mehr. Unser Föderalismus ist in seiner jetzigen Form ein ‚Katalog des Absurden‘ mit rund 180 verschiedenen Schularten. Es ist doch niemandem mehr erklärbar, warum Bildungschancen von der Postleitzahl abhängen. Ich fordere einen Nationalen Bildungsrat, der verbindliche Standards setzt und Bildung entpolitisiert, damit Reformen nicht nach jeder Legislaturperiode wieder einkassiert werden. Wir brauchen endlich Einheitlichkeit bei den großen Fragen.

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12 comments

  1. Ich finde den Beitrag auch richtig toll und gehe ebenfalls bei allen Forderungen mit. Es ist zum Verzweifeln, dass so viele um die Missstände und Reformnotwendigkeit wissen und sich trotzdem nur wenig tut und nicht genug in das Bildungssystem investiert wird. Ich möchte aber nicht verzweifeln. Ich frage mich auch, wie wir als Eltern mehr für das Thema einstehen und kämpfen können. Leider sind wir Personen im Alter von Jugendlichen, die selbst zur Schule gehen bis hin zum Alter von Eltern von Schulkindern, nur eine kleine Wählergruppe mit entsprechend geringer Wählermacht. Aber wir Eltern sind wichtig als arbeitender Part der Gesellschaft. Vielleicht sollten wir alle mal streiken?

  2. … ach, und ich bin so froh, dass meine Kinder den Krabat von Otfried Preußler jüngst gelesen haben, genau wie ich schon in der siebten Klasse! Ein wunderbares Buch.

  3. Das spricht mit alles aus der Seele – allein, ich fürchte, das wird bei der Politik nie ankommen. Gibt es Ideen, wie aus diesen Themen eine breitere Bewegung werden könnte?

    1. Das Change Mangement für Unternehmen empfiehlt die zu fragen, die am kompetentesten sind sinnvolle theoretische Überlegungen mit praktischer Umsetzbarkeit zusammenzudenken und ein Eigeninteresse haben, ihren Job sinnvoll und machbar zu erfüllen. Das wären in erster Linie Lehrkräfte.

      Derzeit haben Lehrkräfte bei uns ein Demonstrationsverbot und sehr häufig die Dienstanweisung, sich nicht öffentlich zu äußern.

  4. Endlich mal eine Person, die nicht nur auf die Missstände eingeht, sondern konkrete, absolut umsetzbare Vorschläge hat.
    Ich wünsche mir sehr, dass auf Frau Müller gehört wird. Wie sie sagt, die Politik MUSS etwas ändern.
    Für meine Kinder ist es dann schon zu spät, aber für zukünftige Generationen kann es noch etwas werden…

  5. Ich sehe das sehr ähnlich. Unsere drei Kinder sind auf einem Gymnasium und lernen dort nichts fürs Leben. In Deutsch analysieren sie die alten Schinken, die ich vor 30 Jahren schon lesen musste und die Schüler vor mir wahrscheinlich auch schon seit Jahrzehnten. Es wurden doch so viele tolle Bücher geschrieben in den letzten 30 Jahren, wie kann das sein?? Die Jugendlichen verstehen nicht mal mehr die Sprache, die dort verwendet wird.
    Und dazu dieses permanente Fokussieren auf Fehler. Wem soll Lernen da Spaß machen? Und wenn die Noten nicht gut genug sind, ist man weg vom Fenster, entweder in der Klasse darunter oder auf die nächstniedrigere Schulform. Damit fühlt sich das Kind dann endgültig unzulänglich. Gerade erst im Freundeskreis meines Kindes zweimal erlebt, beide Male sind es Familien, in denen die Eltern nicht so unterstützen wie vielleicht in anderen Familien. Das ist doch nicht fair, und für die Kinder ist es Schock und Makel zugleich.
    Ich hoffe auch sehr, dass sich etwas ändert, auch wenn meine Kinder bis dahin wohl mit der Schule fertig sein werden.

    1. Ich stimme (als Lehrerin) Frau Müller grundsätzlich von Herzen zu. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist aber das Ausspielen von klassischer Bildung gegen moderne Themen wie Medienkompetenz u.a.
      Die „alten Schinken“ werden deshalb noch häufig gelesen, weil sie zeitlose Lebensthemen besprechen und (blöd formuliert) „gut“ sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass man in der Schule nicht auch Gegenwartsliteratur lesen soll. Aber wenn gar kein Interesse an Sprache, Literatur, Musik, Kunst und anderen „nutzlosen“ Sachen etc. da ist und alles nur unter dem Blickwinkel der „Nützlichkeit“ betrachtet wird, dann geht ein großer Schatz an glücklichmachenden Dingen verloren.

  6. Das ist ein toller Beitrag. Ich hoffe, dass sich Innovationen in Schulen durchsetzen. Die Forderungen am Ende unterschreibe ich alle.
    Ja, KI zerstört die Hausaufgaben und evtl gleich auch noch das eigenständige, kritische Denken. Den Umgang damit zu lehren, ist unglaublich wichtig. Quellenkritik zu lernen unerlässlich, doch fällt es uns allen jetzt schon immer schwerer Wahrheit und Fälschung zu unterscheiden. Mittlerweile sind die KI-Bildprogramme schon so gut, dass man gut getäuscht werden kann. umso wichtiger ist es, das zu wissen und die Logik und Möglichkeiten von KI zu kennen und zu beherrschen.

    1. Oh, da bin ich nicht einverstanden. Außer beim Punkt Handyverbot an Schulen, das ist an unserer Schule aber sowieso schon lange so.
      An den Schulen meiner Kinder läuft es weitgehend gut. Allerdings katholische Privatschulen (ohne Schulgeld, Aufnahme ist unabhängig von der Konfession). Auch an den umliegenden städtischen Gymnasien und Gesamtschulden sind die Eltern weitgehend zufrieden, allerdings gute Wohngegend. Also, diesen Rundumschlag gegen unser Bildungssystem kann ich nicht mittragen, auch wenn es sicher Probleme gibt. Man muss aber auch sehen: Nachdem die Dame keine Schulleiterin mehr ist, ist es ihr Geschäftsmodell, die Lage möglichst dramatisch darzustellen. Darüber wird sie als Rednerin und Autorin gebucht. Das ist das auch Geschäftsmodell von so mancher Influencerin im Bildungsbereich…

  7. All dem ist nichts hinzuzufügen. 👏👏👏 Und es ist gut, dass es eine Schulleiterin ist, die all das mal auf den Tisch wirft.
    Ich bin selbst Lehrerin und mich bewegen genau die selben Herausforderungen und Probleme. Buch ist bestellt!

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