Ihr Lieben, Johanna Bing hat nach einem Schicksalsschlag ihr Leben neu in die Hand genommen, berät jetzt Menschen, erzählt in ihrem Podcast „Job, Kinder & ich“ über ihr (Über-)Leben und ist dabei vor allem eines: Eine Mutmacherin. Wie sie aus eigener Kraft aus dem tiefsten Tal wieder hochgekraxelt ist, darf uns wirklich auch in dunkelsten Stunden an eine Perspektive und an Licht am Ende des Tunnels glauben lassen. Danke für deine Wort, liebe Johanna.
Mein Schicksalsschlag veränderte mein Leben
„Alles begann mit einem harmlosen Satz: „Ich kann das Baby nicht richtig messen.“ Beim zweiten großen Ultraschall, in der Mitte der Schwangerschaft. Der Ultraschall, bei dem das Baby noch ganz auf das Bild passt und doch schon ein fertiges Menschlein ist. Der Ultraschall, ab dem es nicht mehr lange dauert, bis das Baby selbst bei einer Frühgeburt lebensfähig ist. Bei dem es meistens ein Geschlechtsouting gibt und wir so aufgeregt waren, ob wir nach unserem Sohn vielleicht ein Mädchen bekommen.
Aber wir bekamen erstmal kein Outing. Bei uns folgte nach diesem Ultraschall eine kurze und intensive Untersuchungs-Odyssee, an deren Ende klar war: Wir bekommen ein Mädchen. Und es wird sterben. Die Frage war nur: wann.
Ich habe meine Tochter Jule geboren, wie ich meinen Sohn geboren habe. Nur geschrien hat sie nicht. Fast zehn Jahr ist das jetzt her.
Die Zeit danach war eine der schwersten meines Lebens. Ich war wie in Watte gepackt. Die Welt um mich herum lief an mir vorbei. Alles war dumpf, grau, leblos. Und während ich darum gekämpft habe, überhaupt wieder aufzustehen, hat mein Umfeld erwartet, dass ich „wieder die Alte“ bin.
War ich aber nicht. So sehr ich mich auch angestrengt habe. Trauer lässt sich nicht wegschieben. Sie sucht sich ihren Raum, ob wir ihn geben oder nicht. In dieser Zeit habe ich zwei Dinge gelernt:
- Wie schmerzhaft es ist, wenn man in seinem Kummer nicht gesehen wird.
- Wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen und Schritt für Schritt zurück ins Leben zu finden.
Ein halbes Jahr nach Jules Tod haben viele erwartet, dass ich funktioniere. Dass ich wieder normal bin. Ich erinnere mich an ein Straßenfest vier Monate nach ihrem Tod. Ich habe es gewagt, hinzugehen. Es war wunderschönes Wetter, die Stimmung war ausgelassen. Plötzlich war mir alles zu viel. Die Farben zu grell. Die Menschen zu laut. Die Umgebung zu anstrengend. Ich hatte Herzrasen und Beklemmungsgefühle und wusste nur „Ich muss hier raus!“. Ich habe mich verabschiedet und gesagt, dass ich gerade unendlich traurig bin und allein sein möchte. Eine Reaktion war: „Immer noch?“
In einer Gesellschaft, in der viel zu häufig mit „Wird schon wieder“ getröstet wird, kann man schwer lernen, negative Gefühle zuzulassen und echt zu sein. Lieber ablenken. Die anderen. Aber vor allem mich. So habe ich jahrelang funktioniert: Schlechte Gefühle zu beschwichtigen, zu verdrängen und eine Lösung zu finden. Es muss doch eine Lösung geben, oder?
Gab es aber nicht. Egal, wie sehr ich mich angestrengt habe. Also habe ich angefangen, hinzugucken und über meine Gefühle zu sprechen. Meine Trauer, meine Angst, meine Wut. Bei einer Psychologin. In einer Selbsthilfegruppe, in der wir jeden Mittwoch im Holzboden der Kinderkrebsklinik gemeinsam geweint haben.
Stück für Stück habe ich gelernt, meine Trauer anzunehmen, statt sie zu bekämpfen. Ich habe verstanden, dass sie mich ein Leben lang begleiten wird und dass das nicht bedeutet, dass ich nicht richtig funktioniere. Und auch jetzt, während ich diesen Text schreibe, laufen mir die Tränen über die Wangen. Und es ist okay. Es ist ein Teil von mir.
Ohne meine Tochter wäre mein Leben ein anderes. Jule hat mir beigebracht, mein Leben in einer Tiefe zu spüren, die ich vorher nicht gekannt habe. Ich sehe heute die kleinen Dinge mit anderen Augen: ein Schmetterling, ein Regenbogen, eine Pusteblume, das glitzernde Sonnenlicht im Park jeden Morgen auf dem Weg zur Kita. In solchen Momenten spüre ich Verbindung zu meiner Tochter und gleichzeitig Dankbarkeit für mein Leben.
Vor allem hat mir meine Tochter gezeigt, wie wertvoll es ist, gesehen zu werden. Wie sehr wir Menschen es brauchen, dass jemand neben uns steht und uns einfach so nehmen, wie wir sind. Und wie verletzend ein Satz wie „Immer noch?“ sein kann.
Ich weiß heute, wie sehr uns solche Erfahrungen prägen. Wie schwer es ist, sich in einer Welt, die oft nur Funktionieren erwartet, Raum für die eigenen Gefühle, Wünsche und Träume zu nehmen. Und ich weiß jetzt, dass wir gerade als Mamas oft die Ersten sind, die unsere Bedürfnisse hintenanstellen. Prägungen und Glaubenssätzen sei Dank.
Meine Tochter hat mir das größte Geschenk gemacht. Ich habe erlebt, wie schnell sich ein Leben verändern – oder enden – kann. Deswegen hat sich in mich eingebrannt, dass wir nur dieses eine Leben haben. Wir dürfen dafür sorgen, dass es gut ist. Nicht gut nach außen hin. Sondern gut im Innen.
Und da bin ich jetzt. Dahin zu kommen, war ein Prozess. Ein Prozess des Loslassens, des Wiedererkennens, des Fragens: Wer bin ich eigentlich? Was kann ich? Was will ich wirklich vom Leben? Und wie kann ich gleichzeitig eine gute Mama und eine erfüllte Frau sein?
Also habe ich mich auf die Reise gemacht. Zurück zu mir. Was damit angefangen hat, herauszufinden, wie ich eigentlich leben will und was mich beruflich erfüllt, ist eine wilde Reise geworden, weil es so viel aufgewühlt hat in mir. Ich habe alte Überzeugungen über Bord geworfen und angefangen, für mich einzustehen und mir etwas zuzutrauen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Mütter mir auf diesem Weg folgen.
Und ich wünsche mir, dass unsere Töchter erleben, wie es ist, wenn ihre Mütter beruflich aufblühen, ihre Stärken sichtbar machen und ihren Wert vertreten. Ich wünsche mir, dass wir unseren Kindern Vorbilder sind, wenn es darum geht, das eigene Leben zu gestalten und das die eigenen Wünsche ernst zu nehmen. Denn es bringt nichts, wenn wir uns in eine Rolle quetschen, die niemandem weh tut, nur derjenigen, die drin ist.
Mein tiefster Wunsch ist, dass keine Mama sich allein fühlt. Dass sie nicht das Gefühl hat, sie müsste „einfach funktionieren“ oder die Alte sein. Sondern dass sie spürt: Ich bin wichtig. Ich darf mich neu erfinden und erfüllt leben als Frau und als Mama.
Ich möchte anderen Müttern Mut machen, ihren Weg zu gehen. Heute begleite ich sie dabei, Klarheit über ihre Stärken zu gewinnen, ihr berufliches Profil zu schärfen und mutige Schritte in Richtung Erfüllung zu gehen. Aber eigentlich geht es viel mehr als um den Job. Es geht um Identität, um Selbstwert, um das tiefe Gefühl: „Ich bin richtig, so wie ich bin.“ Auch wenn das bedeutet, alte Sicherheiten loszulassen. Denn mal ehrlich: Was ist überhaupt sicher? Sicherheit ist eine Illusion, die wir suchen, weil wir Angst haben.
Und ich bin ehrlich: Ich wäre in meiner vermeintlichen Sicherheit geblieben. In einem „okayen“ Teilzeitjob, mit dem ganzen Mental Load an meiner Backe und den Erwartungen der Gesellschaft, die ich weiter versucht hätte, zu erfüllen. Wenn meine Tochter nicht gewesen wäre.
Jule hat mir gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist und wie stark ich sein kann, wenn ich mir erlaube, alle Teile von mir anzunehmen und nicht nur die, von denen ich glaube, dass sie erwartet werden. Sie ist der Grund, warum ich heute mehr ich bin, als ich es jemals hätte vorstellen können.

1 comment
Ein sehr berührender Text!