Ihr Lieben, wir wollen unsere Kinder beschützen, aber es ist Illusion, dass wir alles Schlimme von ihnen fern halten können. Der Tochter unserer Leserin Sarina ist das Schrecklichste passiert: Sie wurde von einem guten Bekannten vergewaltigt. Sarina erzählt bei uns, wie die ganze Familie nach dieser Tat versucht hat, ins Leben zurück zu finden.
Meine Tochter wurde mit 16 vergewaltigt
Ich bin Mutter von zwei Töchtern, heute 17 und 22 Jahre alt. Als der Missbrauch stattfand, war meine große Tochter 16 Jahre. Sie wurde gerade flügge, fing an, auszugehen. An einem Wochenende übernachtete sie bei einem guten Kumpel, wir kannten ihn schon über drei Jahre und die beiden waren gut befreundet. In dieser Nacht hat er sie vergewaltigt.
Mich hat damals gewundert, wie früh sie morgens nach Hause kam. Eigentlich schlief sie gerne lange, aber an diesem Morgen kam sie ganz früh nach Hause. Sie sagte nur kurz Hallo zu mir, ich war schon wach und verschwand in ihrem Zimmer. Ich dachte, sie würde sich wieder hinlegen und Schlaf nachholen.
Meine Tochter hat uns nichts erzählt und sie verhielt sich auch nicht auffällig. Das Einzige, was anders war: Sie schlief nur noch auf der Couch mit laufendem Fernseher. Auf meine Frage, was das denn nun sei, sagte sie nur, dass sie im Moment nicht anders schlafen könne.
Drei Wochen später kam ich von der Arbeit nach Hause und meine Eltern saßen in unserer Küche. Da wusste ich sofort, dass etwas nicht passiert ist. Meine Eltern sagten, dass etwas mit der großen Tochter nicht stimmt und mein Mann mit ihr ins Krankenhaus gefahren sei.
Mein Mann kam ohne unsere Tochter nach Hause. Sie hatte versucht, sich das Leben zu nehmen und wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Uns riss das den Boden unter den Füßen weg, wir weinten die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fuhr ich in die Klinik, durfte sie endlich sehen. Es war einfach nur schrecklich, meine Tochter war wie aus Stein, es war nichts mehr von dem übrig, was wir kannten.
Es dauerte Wochen, bis wir erfahren haben, was ihr wann passiert ist. Für mich war der Gedanke, dass ich sie nicht beschützen konnte, unerträglich. Wir denken immer, dass wir alles im Griff haben, dass wir unseren Kindern Schlimmes ersparen können. Aber das ist nicht die Realität.
Nach einigen Wochen wurde meine Tochter entlassen, die darauffolgende Zeit war schrecklich. Sie fing an, sich selbst zu verletzten. Heute trägt ihr Körper viele Narben, die sie nach und nach mit Tattoos überdecken lässt. Jedes Mal, wenn ich ihr Zimmer betrat, hatte ich unglaubliche Angst, ich könnte sie leblos finden. Wenn sie zu spät nach Hause kam, hatte ich Panik, sie habe sich etwas angetan. Wir Eltern waren in permanenter Lauerstellung.
Auch unsere Tochter hatte Panik, ihre Panikattacken waren teilweise so schlimm, dass sie als Notfall wieder ein paar Tage stationär gehen musste. Wir alle haben uns von Beginn an psychologische Hilfe geholt und mussten erst wieder lernen, ins Leben zu vertrauen.
Weil die Frage sicher aufkommt: Sie hat diesen jungen Mann nie angezeigt. Weil wir ja keine direkten Beweise hatten, weil sie so lange nicht über die Tat gesprochen hat. Das Ganze ist nun sechs Jahre her und die Tat ist noch nicht verjährt – sie könnte ihn noch anzeigen. Ob sie es tut, weiß ich nicht.
Momentan habe ich das Gefühl, dass sie das Ganze nicht nochmal durchleben will, sie ist auf einem guten Weg. Sie hat einen netten Freund, braucht keine Medikamente mehr und studiert soziale Arbeit. Mein Mutterherz blutet immer noch, dass sie all den Schmerz erleiden muss, aber ich bin auch sehr dankbar, dass sie momentan stabil ist.
Es waren sehr schwere sechs Jahre, die uns alles abverlangt haben. Aber wir haben zusammengehalten, haben uns Hilfe geholt und ich glaube, wir haben das Schlimmste überwunden.

15 comments
Hallo. Ich kann es verstehen, dass sie den Töter nicht angezeigt hat. Wie soll denn das gehen? Die Tochter ist nach Hause gekommen und konnte sich nicht einmal ihren Eltern, was ja u.A. Die engsten Vertrauten sind, öffnen. Das ganze anzuzeigen kann eine Retraumatisierung lostreten. Ich kann das verstehen, dass nicht angezeigt wurde. Ohnehin werden nur ca 5% – 15% aller Sexualstraftaten angezeigt, was bedeutet, dass 95% – 85% aller Vergewaltigungen NICHT ANGEZEIGT werden! Es gibt Gründe hierfür. Deutschland ist ein Täterparadies, ich kenne aus meinem persönlichen Umfeld Vergewaltigungsopfer die angezeigt haben und entweder, die Klage mangels Beweisen fallen gelassen wurde oder der Täter nur 1,5 Jahre bekommen hat. Ich empfehle allen Kommentatoren hier die Dokumentation: Wir zeigen an. Hier werden Frauen von Reportern bei ihren Gerichtsprozessen begeleitet, und was das mit einem macht, da muss man schon sehr stark sein das durchzustehen. Ich als Elternteil würde unbändige Wut dem Menschen gegenüber empfinden und könnte nicht garantieren, dass derjenige unversehrt bleiben würde, aber wenn meine Tochter nicht anzeigen kann, würde ich das verstehen und außerdem auch akzeptieren müssen.
Ich empfinde ganz viel Wut, wenn ich das lese.
Es ist Sache deiner Tochter, zu entscheiden, ob sie eine Anzeige erstatten will oder nicht.
Aber du hast den ‚Kumpel’gut gekannt?
Es gibt ja auch Selbstanzeigen…
Ich denke an einen nicht netten Besuch. Ich hätte ihm das Leben zur Hölle gemacht. Nein, ohne Gewalt.
Ich weiß, Eltern sollten sich nicht einmischen. Muss gerade tief durchatmen.
Ich finde es ganz furchtbar, dass unter einem Artikel wie diesem sofort Streitigkeiten ausgetragen werden und Kommentatorinnen meinen, sich gegenseitig mit ihrer Expertise und Einschätzung überbieten zu müssen.
Sarina hat an keiner Stelle um eine Einschätzung gebeten, ob ihre Tochter Anzeige erstatten soll oder nicht. Es gibt sicherlich Gründe dafür und auch dagegen, das ist aber doch hier gar nicht gefragt und was „besser“ ist, kann außenstehend sowieso nicht beurteilt werden. Muss es aber auch gar nicht!
Kann man einem Bericht nicht einfach mal mit Empathie und Mitgefühl begegnen ohne direkt ein Urteil zu Fällen?
Liebe Sarina, ich finde es sehr mutig von dir, dass du eure Geschichte hier teilst und wünsche deiner Tochter, und auch euch als Familie, alles Gute und dass sie die Kraft findet, um mit dieser furchtbaren Erfahrung zu leben und trotzdem auch wieder lernt, zu vertrauen und glücklich zu sein. Es hört sich an, als sei sie auf einem guten Weg!
Interessant, dass du dem Opfer vorschreiben möchtest, wie es fühlen soll. (Im Übrigen aus meiner Sicht eines der ganz großen Übel bei der Rezeption solcher Verbrechen). Interessant auch, dass du denkst, die Arbeit von Polizei und Justiz zu kennen. Ich habe die entsprechende Fachlichkeit und weiß, dass Ermutigung zur Selbstermächtigung immer besser ist als die Einrede einer Retraumatisierung.
Die Tat ist 5 Jahre her. Das Mädchen hat jahre lang gelitten,das geht aus dem Artikel hervor. Jetzt geht es ihr wieder gut. Wenn sie ihn jetzt anzeigt, was genau wird dann passieren? Außer, dass sie die traumatische Erfahrung vor der Polizei, vor dem Anwalt, vor Gericht imner und immer wieder wiederholen muss, ihr von der Gegenseite eingeredet wird,,sie hätte es dich gewollt oder sie hätte halt einfsch nur nein sagen müssen/sich wehren müssen? Die Gegenseite wird alles dafür tun, um es so aussehen zu las,dass sue selbst schuld ist und leider wird das auch bei Gericht oft von den Richtern so ausgelegt. Wir haben nicht das Gesetz, dass nur ja ja heißt. Sondern nein heißt nein. Und das sie nein gesagt hat, lässt sich nicht nachweisen. Alle körperlichen Verletzungen sind verheilt, Sperma nicht mehr nachweisbar, Genitalverletzungen nach 5 Jahren nicht megr da und nicht mehr nachweisbar dass sie von ihm stamnen. Und falls sie inzwischen eine Therapie gemacht hat, ist ihre Glaubwürdigkeit hinüber, da dann argumentiert wird, dass ihr gewisse Dinfe eingeredet wurden. Hat sie noch keine Therapie gemacht, dürfte sie solange keine machen, bis das Verfahren abgeschlossen ist, da sie sonst nicht mehr glaubhaft wirkt. Das sinnvollste, was sie tun können idr, sich an eine Beratungsstelle für sexuelle Gewalt wie der weiße Ring zu wenden und mit denen zu besprechen, was jetzt für sie persönlich noch Sinn macht. Denn es geht schlicht EINZIG um das junge Mädchen, sie ist es, der es gut gehen muss.
Die Tat ist noch nicht verjährt. Daher: Unbedingt anzeigen!
Man kann es damit zwar nicht ungeschehen machen, aber man kann vielleicht wenigstens andere Mädchen vor diesem Typen schützen.
Die Tat kann vom Opfer nicht mehr nachgewiesen werden und ohne Beweise steht Aussage gegen Aussage und damit im Zweifel für den Angeklagten, was Freispruch bedeutet. Eine Anzeige hätte jetzt nur noch symbolischen Charakter und hätte eine Retraumstisierung des Opfers zur Folge.
In einem Wort: Unsinn!
Interssant, dass du meinst, zu wissen, dass das junge Mädchen nicht retraumtisiert wird, wenn siehedws Kleinteile detail wieder und wieder und wieder wiedergeben muss. Zudem gibt es keine Spuren mehr n ihrem Körper due die Tat nachweisen können. Und ich erinnere nur ml n den Feuerwehrmann, der seine Beknnte vergewaltigt hat,, dies zugegeben hat, aber trotzdem freigesprochen wurde,,seinen Job behalten durfte während sie nicht ml mehr die Beamtenlaufbahn einschlagen kann,, weil sie eine Therapie gemacht hat, um die Vergewaltigung zu verarbeiten.
Als Frau, die selbst sexuelle Gewalt erfahren hat, als Mutter dreier Töchter und als Kriminalbeamte enpfinde ich es als Katastrophe, dass der Täter nicht angezeigt worden ist. Sorry, das entzieht sich völlig meinem Verständnis.
Ich sehe es auch als Katastrophe-als Frau und als Mutter von Töchtern- dass der Täter nicht angezeigt wurde.
Aber ich kann mir vorstellen, dass allein die Vorstellung alles mehrfach zu erzählen/beschreiben zu müssen und damit durchleben zu müssen und die Angst, dass einem nicht geglaubt wird, dazu führen kann, den Täter nicht anzuzeigen…! (Zumal die Zeit bis zu einer möglichen Verhandlung bei einem Jahr liegt…)
Deshalb habe ich dafür Verständnis! Obwohl es natürlich gleichzeitig auch eine Katastrophe ist!!!
@Irene: ich verstehe Deine prinzipielle Wut darauf, dass der Täter ungestraft davongekommen ist. Aber ich kann auch nachvollziehen, wie schwer es für die Opfer ist, den Weg zu gehen. Vielleicht kann man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es in vielen Kliniken die Möglichkeit gibt, medizinische Beweise zu sichern, ohne dass daraus direkt eine Anzeige folgen muss.
Was mich noch umtreibt: warum hat die junge Frau sich so lange niemandem anvertraut, bis es sie schier umgebracht hat? Was können Eltern (oder andere potentielle Vertrauenspersonen) tun, um auch im Worst Case Fall Ansprechpartner zu sein?
Liebe Sarina, es ist furchtbar, was deiner Tochter passiert ist. Danke, dass du die Geschichte trotzdem mit uns geteilt hast. Alles Gute für deine Tochter und Euch alle.
Danke für Deinen Bericht. Fühlt Euch gedrückt. Das muss wirklich sehr schwer sein.