Ihr Lieben, ihr kennt Kati Bohnet vom helpers circle schon, zum Beispiel durch diesen Artikel zum Nervensystem. Nun hat sie das Buch Nervenstark verbunden geschrieben, in dem es ihr darum geht, die Selbstregulation von Kinder zu stärken. Für mehr Geborgenheit, Wachstum und einen entspannteren Familienalltag. Wir können wirklich alle nur von ihr lernen.
Kati wählt in ihrem Werk einen entlastender Ansatz für alle Eltern und klärt uns über das Erziehungsgeheimnis der Co-Regulation auf. Außerdem erklärt sie uns, wie uns die
Hirnforschung dabei hilft, unsere Kinder auch in herausfordernden Situationen besser zu verstehen. Danach verstehen wir ihr Verhalten besser und können es entspannter begleiten. Wir haben sie um ihre besten Tipps für uns gebeten. Wichtigste Essenz: Wir müssen als Eltern nicht perfekt sein, um unsere Kinder gut zu begleiten…
Liebe Kati, das Baby schreit, die Vierjährige wirft sich wütend auf den Boden, der Teenager zieht sich zurück. Was können Eltern tun, wenn sich Kinder nicht beruhigen lassen, einfach nicht kooperieren wollen oder sich verschließen?
Hier ist ja meist die Frage, was kann ich IN der Situation Konkretes tun? Und ich finde es aber auch wichtig zu schauen, was kann ich außerhalb der Akutsituationen tun, was Einfluss auf mein Verhalten in späteren Akutsituationen hat.
Denn das erste ist meistens: Auf sich selbst schauen. Was macht das Verhalten meines Kindes mit mir? Bin ich wütend, hilflos oder verzweifelt? In der Akutsituation hilft es als ersten Schritt, das zumindest zu bemerken – und erst einmal innezuhalten, tief durchzuatmen oder eine meiner S-O-S Übungen zu machen.
Manchmal ist es auch sinnvoll, eine andere Bezugsperson einzubeziehen, die gerade gelassener reagieren kann. Ich selbst habe mich früher oft kurz auf die Toilette zurückgezogen – meine „Klo-Regulation“ – um wieder bei mir anzukommen. Denn am hilfreichsten bin ich dann, wenn ich Signale von Sicherheit aussende. Das erleichtert Co-Regulation und entspannt die Situation. Ist jedoch manchmal einfacher gesagt als getan.
Außerhalb dieser Situationen kann ich dann natürlich den Themen nachgehen, die mich da vielleicht hindern, mein Kind liebevoll zu begleiten. Oft schwingen da nämlich auch eigene Kindheitserfahrungen mit. Wie durfte ich selbst Wut ausdrücken? Hat mich die Wut von Erwachsenen vielleicht sogar verängstigt? Solche unbewussten Themen können meine heutige Reaktion stark beeinflussen.
Das vierjährige Kind einer guten Freundin gerät immer wieder in solche Wut, dass es danach heiser ist. Was kann hinter diesen emotionalen Reaktionen stecken?
Wut entsteht, wenn unsere Werte oder Menschen, die uns wichtig sind, bedroht scheinen oder wir Frust nicht mehr halten können. Das kann durch eine reale Gefahr passieren – oder durch die innere Wahrnehmung, dass etwas Bedrohliches passiert. Unsere Gehirne arbeiten nach einem Vorhersagemodell, wie es die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett beschreibt:
Erlebnisse aus der Vergangenheit beeinflussen, wie wir Signale aus der Gegenwart deuten. Ein Kind kann also das Wegnehmen eines Spielzeugs als existenzielle Bedrohung erleben, weil es dieses Spielzeug mit Zugehörigkeit verbindet. Für Erwachsene ist es „nur ein Spielzeug“ – für das Kind ist es unter Umständen viel mehr.
Wie intensiv und lange die Wut anhält, hängt auch davon ab, ob sie in einem sicheren Rahmen ausgedrückt und begleitet werden kann. Ein Satz wie: „Ich sehe, dass du wütend bist. Du kannst das Spielzeug aber nicht mitnehmen, das gehört dem anderen Kind. Ich bleibe bei dir.“ sendet Sicherheit. Sprüche wie „Stell dich nicht so an.“ oder „Ach komm, ist doch gar nicht schlimm, Du hast Zuhause doch soo viel anderes Spielsachen.“ tun das Gegenteil – das Kind bleibt dann womöglich länger in seiner Wut stecken.
Bei traumatisierten oder neurodivergenten Kindern ist es oft noch herausfordernder. Da bleibt Eltern und Bezugspersonen manchmal nur, sich selbst gut zu regulieren und möglichst viele Signale von Sicherheit auszusenden und abzuwarten, bis das Kind sich beruhigt hat.
Du sagst, hinter einem solchen Verhalten steckt oft keine böse Absicht, sondern eine innere Not. Kannst du das genauer erklären?
Ja. Ein Wutanfall ist ja kein bewusster Angriff gegen uns Erwachsene, sondern Ausdruck von innerer Not. Wut entsteht, wenn wir uns, unsere Werte oder Menschen, die uns wichtig sind, bedroht scheinen. Wut zeigt uns an, dass wir uns mobilisieren können, um für die Wiederherstellung von mehr Sicherheit zu kämpfen. Das Nervensystem des Kindes schaltet in so einer Situation also in einen Alarmzustand, weil es sich bedroht oder unsicher fühlt – unabhängig davon, ob wir diese Bedrohung sehen. Hinter der Wut steckt also der Versuch, mit einer Notlage umzugehen.
Wenn wir das verstehen, fällt es uns oft leichter, empathisch und klar zu begleiten. Unsere Gefühle und unser soziales Verhalten werden von unserem Nervensystem maßgeblich beeinflusst. Bestimmte Zustände im Nervensystem unterstützen nur bestimmtes soziales Verhalten. Wenn ich zum Beispiel wütend bin, befinde ich mich in einem körperlichen Zustand, der uns nicht gut schlafen lässt oder auch nicht so gut empathisch kommunizieren lässt, selbst wenn wir uns das fest vorgenommen und gemeinsam vorher vereinbart haben. Doch unsere Physiologie ist hier oft viel mächtiger als unser Wille. Und je jünger ein Kind ist, desto mehr ist es auf Co-Regulation von uns Erwachsenen angewiesen.
Immer wieder sprichst du von Co-Regulation. Was genau meinst du damit?
Co-Regulation bedeutet, dass wir mit unserem eigenen regulierten Nervensystem dem Kind helfen können, aus einem hohen emotionalen Zustand wieder „runterzufahren“. Kinder können das noch nicht alleine, die neuronalen Bahnen sind noch nicht gut genug dafür entwickelt. Das Baby-Nervensystem bekommt Signale von Erwachsenen – Stimme, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Körperkontakt, Geruch, Gesten etc. und empfängt dadurch Signale von mehr Sicherheit.
So geht der innere Alarm beim Baby runter und es entstehen mit der Zeit neuronale Bahnen für das „Runterfahren“ aus hochgefahrenen Emotionen. Je häufiger diese neuronalen Bahnen gemeinsam genutzt werden, also je mehr Co-Regulation ein Baby / Kleinkind erfährt, desto stabiler werden diese Bahnen und können dann bei kleineren emotionalen Hügeln eventuell auch schon alleine reguliert werden.
Es braucht also genügend Co-Reulatoin, um eine gute Selbstregulation zu entwickeln. Wenn ich selbst innerlich ruhig bleibe, kann ich diese Ruhe weitergeben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir zuerst bei uns selbst schauen, was uns hilft, uns zu regulieren. Nur wenn wir gut stehen, können wir andere gut halten.
Wie kann uns die Hirnforschung dabei helfen, Kinder besser zu verstehen?
Hirnforschung zeigt uns, dass Gefühle nicht „einfach so“ entstehen, sondern eng mit unserer Wahrnehmung von Sicherheit verbunden sind. Die Polyvagaltheorie etwa erklärt, wie unser Nervensystem je nach Situation in Sicherheit, Alarm oder Überlebensmodus schaltet. Dieses Wissen macht verständlich, warum Kinder in bestimmten Momenten nicht „funktionieren“ können – und dass sie keine „kleinen Tyrannen“ sind, sondern schlicht physiologisch überfordert.
Und wenn wir genauer hinschauen, also so richtig die Nervensystembrille aufsetzen, dann können wir wahrscheinlich viele Situationen mit herausforderndem Verhalten ganz neu sehen und anders – viel passender – reagieren und unser Kind / unsere*n Partner*in / andere Menschen begleiten.
Kannst du uns unser Nervensystem in wenigen Worten beschreiben?
Vereinfacht gesagt ist unser Nervensystem ein Schutzsystem, dessen Aufgabe es ist, uns am Leben zu halten. Es prüft ständig: Bin ich sicher oder nicht? Und was braucht es, um am Leben zu bleiben? Wenn wir uns sicher genug fühlen, sind wir offen, neugierig und sozial. Fühlen wir Gefahr, gehen suchen wir Zuflucht, gehen in Abwehr, Wut oder Flucht. Bei Lebensgefahr kommt es zur sozialen Unterwerfung, Erstarrung oder Kollaps.
Diese Zustände sind nicht willentlich steuerbar – sie sind Überlebensimpulse. Diese körperlichen Zustände werden durch verschiedene Stränge des Nervensystems beeinflusst: Den dorsalen Vagusnerv (Immobilisierung), den Sympathikus (Mobilisierung) und den ventralen Vagusnerv (soziales Kontaktsystem). Diese drei Stränge sind die ganze Zeit aktiv, jedoch nicht zu gleichen Teilen.
Je nachdem, wer gerade mehr und wer weniger dominant ist, sind wir in einer anderen Physiologie, die bestimmtes Verhalten unterstützt und anderes eben nicht. Das enthebt uns nicht der Verantwortung für unser Verhalten, doch erklärt auch, warum es manchmal so schwer ist, sich so zu verhalten wie man es gerne möchte.
Und wenn wir unser Nervensystem besser kennen und verstehen, können wir unsere Kinder entspannter begleiten?
Ganz genau. Wenn ich weiß, dass mein Kind nicht „absichtlich schwierig“ ist, sondern gerade in Alarm oder Überlebensmodus steckt, verändert das meinen Blick. Ich kann klarer, liebevoller und regulierter reagieren – und mein Kind dadurch schneller wieder in Sicherheit begleiten. Wenn mein Kind schlafen soll und ich weiß, dass mein Kind im Kampf- und Verteidigungsmodus ist, dann kann ich 1. schauen, wie sehr mich das gerade stresst und mich dann darum kümmern, dass mich das weniger stresst, da Kinder auf unseren Stress eben reagieren und eher Signale von Gefahr erhalten.
Und ich kann schauen, was das Kind braucht, um sich wieder sicherer fühlen zu können. So kann das Kind automatisch aus diesem physiologischen Zustand wieder rauskommen oder ich kann anbieten, ob es gerade noch eine kleine Runde um den Block oder eine Hüpferei auf dem Trampolin / Sofa / Bett, machen möchte, um der Energie einen Ausdruck zu geben, die das Kind noch in sich trägt und es vom Schlafen abhält oder ob es etwas gegen seine Angst braucht.
Wie können wir uns selbst in stressigen Situationen helfen?
Es gibt die Akuthilfe und es gibt die langfristige und nachhaltige Hilfe: In der Situation selbst, können uns kleine Tools zur Selbstregulation helfen. Indem wir kleine Tools nutzen, die uns in den Körper zurückholen: bewusst atmen, die Füße spüren, kurz den Raum verlassen. Meine S-O-S Übungen sind dafür entwickelt worden – kurze, einfache Schritte, die auch im Familienalltag funktionieren. Und manchmal reicht es schon, sich bewusst zu machen: „Ich bin gerade im Stress – ich muss nicht sofort reagieren.“ In der nächsten Situation kann es aber sein, dass wir wieder genauso reagieren.
Mein Lieblingsort für solche kleinen Regulationsmomente ist ja das Klo. Manchmal der einzige Ort, wo ich als Alleinerziehende mal für einen Moment alleine sein konnte – wenn überhaupt! So ist die Klo-Regulation entstanden. Manchmal meine Rettung. Eine kleine Übung, ein kurzer Moment der Selbstfürsorge und ich konnte meinen Kindern wieder anders begegnen. Wieder mehr als die Mama, die ich eigentlich im Herzen bin. Liebevoll, zugewandt und empathisch.
Ist man an einer langfristigen und nachhaltigen Veränderung interessiert, kommt man wahrscheinlich nicht drum herum, sich intensiver mit den eigenen Verhaltensmustern zu beschäftigen und diese zu bearbeiten, wenn sie einem selbst oder dem Rest der Familie Schwierigkeiten machen. Hier empfehle ich besonders nervensystemorientierte Unterstützung. Gerade, wenn manche Muster immer wieder auftauchen und das eigene Verhalten gar nicht angemessen scheint und nicht willentlich veränderbar ist.
Wie können wir „nervenstark“ verbunden bleiben?
Indem wir lernen, uns selbst gut zu regulieren und unseren Kindern Signale von Sicherheit zu geben. Das stärkt die Verbundenheit auch in schwierigen Momenten. Genau darum geht es auch in meinem Buch Nervenstark verbunden: zu verstehen, wie unser Nervensystem funktioniert – und wie wir dadurch liebevolle Verbindung im Alltag leben können bzw. immer wieder zu ihr zurückfinden können.
An welchen Wutanfall in der Begleitung deiner eigenen Kinder erinnerst du dich noch heute?
Ich erinnere mich am meisten an Situationen, in denen ich selbst überfordert war und dann meine Kinder harsch angegangen bin. Manchmal bin ich tatsächlich einfach aufs Klo geflüchtet, um kurz Luft zu holen – das war meine persönliche Klo-Regulation. Später konnte ich mich dann entschuldigen und sagen, dass es gar nicht an ihnen gelegen hat und dass es nicht in Ordnung war, dass ich sie so angeschrien habe.
Dass ich mich darum kümmere, dass es nicht wieder vorkommt. Und ich habe mir angehört, was es mit ihnen gemacht hat. Manche Situationen klären wir jetzt gerade – viele Jahre später. Das ist für alle Seiten immer noch sehr heilsam. Rupture & Repair nennt man das. Auch darüber schreibe ich in Nervenstark verbunden.
Wie gut müssen wir als Eltern sein, um Kinder liebevoll zu begleiten?
Wir müssen nicht perfekt sein. Es reicht, „gut genug“ zu sein – präsent, ansprechbar und bereit, unsere Fehler auch wieder gutzumachen. Nach dem britischen Kinderarzt und -psychiater D.W. Winnicott genügt es, wenn wir uns in ca. einem Drittel der Zeit gut in das Baby / Kind einfühlen können. Das fand ich damals schon sehr entlastend! Das ist machbar.

