Ihr Lieben, kennt ihr das eigentlich, wenn ihr euch einfach mal Zeit für eure Traurigkeit nehmt? Wenn ihr einfach mal die Tränen laufen lasst über alles, was grad so los ist? Miriam ist Pädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Elternberaterin. In ihrer Praxis für Elterncoaching unterstützt sie Mütter dabei, zu der Mama zu werden, die sie sein wollen: In liebevoller Verbindung mit ihrem Kind und gleichzeitig klar und souverän in elterlicher Führung. Hier gibt sie uns Einblicke in ihren Umgang mit Tränen.
Der Traurigkeit begegnen
Es war eine der letzten milden Nächte kurz nach Herbstbeginn. Wie so oft lag ich auf meinem Balkon und schaute in den klaren Sternenhimmel. Eingehüllt in eine Decke begannen plötzlich meine Tränen zu fließen. Eine. Zwei. Drei. Warme Tränen, die mir über die Wangen liefen und auf den kühlen Steinboden tropften.
Und ich wusste nicht: Kam es daher, dass es gerade eine Zeit der Abschiede war? Eine Zeit, in der mein 93jähriger Vater nach seinem letzten Sturz noch schwächer geworden war. Eine Zeit, in der der Auszug meines 18jährigen Sohnes nicht mehr weit entfernt zu sein schien. Oder kam es von der Ehrfurcht vor dem gigantischen Sternenzelt über mir?
Was auch immer es war, das mir in diesem Moment so nahe ging – mein Herz war berührt und bewegt. So berührt, dass meine Tränen ins Fließen kommen konnten.
Bedingungen für Tränen
Tränen. Sie sind so wichtig! Und in manchen Phasen unseres Lebens so selten. Bei uns als Eltern. Bei unseren Kindern. Und sowieso bei unseren Jugendlichen. Tränen – sie sind die angemessene Reaktion auf Verlust, Enttäuschung, Sehnsucht, Vermissen und Schmerz. Und sie sind das Ventil schlechthin, um angesammelten Stress, Frust und Alarm zu entladen.
All diese Emotionen wollen gefühlt und ausgedrückt werden. Dann verwandeln sie sich. Dann mündet Sauer in Trauer. Doch damit diese Verwandlung geschieht und die Tränen der Traurigkeit sich zeigen, braucht es bestimmte Bedingungen.
Es braucht einen „Safe space“: Die Präsenz eines fürsorglichen Gegenübers. Die liebevolle Umarmung eines guten Freundes. Das Erleben des Eingebettet-Seins in die Natur – sei es unterm Sternenhimmel, beim Anlehnen an einen Baumstamm oder beim Lauschen der Brandung am Meer.
Vor allem braucht es aber ein Erleben von ausreichend Sicherheit. Geborgenheit und Schutz. All das ist Gold wert. Denn Tränen und Trauer – sie sind die verletzlichsten Emotionen, die wir als Menschen überhaupt haben. So verletzlich, dass sie schnell verloren gehen, wenn die Bedingungen nicht passen.
Leicht werden sie verdeckt von etwas weit weniger Verletzlichem: Wut und Aggression. Dann bleiben wir stecken in Sauer – und der Weg zur lösenden Trauer ist versperrt.
Die Wirkkraft von Tränen und Traurigkeit
Aber Tränen sind nicht nur eine angemessene Reaktion auf die unvermeidlichen Enttäuschungen des Lebens. Sie sind weitaus mehr. Die Tränen der Traurigkeit– sie tragen uns an einen anderen Ort. An einen Ort, an dem die Einsicht bei uns einsinkt, dass etwas vergeblich ist. So dass wir beginnen können, all das anzunehmen, was wir sowieso nicht ändern können.
So finden wir zurück zu unserer Resilienz. Schöpfen Hoffnung und werden kreativ in Anbetracht all dessen, was wir nicht ändern können. Die kostbare Wirkkraft von Traurigkeit und Tränen liegt aber auch darin, dass sie unser Herz immer wieder weich machen. Tränen sind der ultimative Weichspüler für unser Herz!
Ein Herz, aus dem Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit – und ja, Liebe fließen kann. Und ist es nicht das, was wir uns alle wünschen? Für uns selbst. Und für unsere Kinder und Jugendlichen.
Tränen und Traurigkeit einladen
Sobald wir verstanden haben, wie kostbar die Tränen der Traurigkeit sind, können wir beginnen, die Traurigkeit wie einen willkommenen Gast zu uns einzuladen. Wir können beginnen, mit der Traurigkeit ein wenig zu „flirten“. Mein Flirt mit der Traurigkeit sieht zum Beispiel so aus:
- Melancholische Musik hören (etwa „Adagio for Strings“ von Samuel Barber, „Gabriel’s Oboe“ von Ennio Morricone oder „Sad Lisa“ von Cat Stevens)
- 10 Minuten über Traurigkeit schreiben (beginnend mit „Ich vermisse…“, „Ich betrauere…“, „Meine Tränen…“)
- Mit einem guten Freund oder einer lieben Freundin reden. Mit einem Menschen, der mir zuhört und seine Präsenz schenkt, ohne Ratschläge zu geben.
- In die Natur gehen. An meinen Lieblingsbaum anlehnen, ins kühle Gras legen oder in den weiten Sternenhimmel schauen ✨
Ist dir aufgefallen, dass es für diesen Flirt mit der Traurigkeit jemanden oder etwas braucht, das uns hält? Jemanden oder etwas, bei dem wir uns sicher genug fühlen, um ein wenig loszulassen und uns einen Moment hinzugeben?
Unsere Kinder in ihrer Traurigkeit begleiten
Genau daran können wir uns erinnern, wenn wir unsere Kinder in ihrer Traurigkeit begleiten wollen. Dafür braucht es eher weniger Worte und mehr liebevolle Präsenz. Ein mitfühlendes „Mhmmmh“ , „Oh…“, „Ich weiß….“ oder das Summen einer melancholischen Melodie sind manchmal tröstlicher als viele Worte oder gar Fragen.
Geborgenheit spendet auch eine Kuschelrunde auf dem Sofa, ein leckerer Kakao oder ein warmes Bananenbrot. Heilsam ist alles, was Trost spendet und deinem Kind hilft, seine Traurigkeit einen Augenblick lang zu spüren.
Und vergiss nicht: Jedes Kind trauert anders. Während das eine Kind leicht zu seinen Tränen findet, werden die Tränen bei einem anderen Kind eher innerlich geweint. Gerade wenn dein Kind sehr empfindsam ist, kann es sich schwer tun mit seinen Tränen. Dann zeigt sich die Traurigkeit vielleicht eher an der Haltung, am Gesichtsausdruck oder der Stimme deines Kindes oder deines Jugendlichen.
Tränen und Traurigkeit sind nun mal schüchterne Gesellen, die nur dann auftauchen, wenn die Bedingungen auch wirklich stimmen. Nichts davon lässt sich erzwingen. Wir können nur die Bedingungen, nämlich ausreichend Sicherheit und Geborgenheit, bereitstellen und die Tür zur Traurigkeit damit öffnen. Hindurchgehen muss dein Kind aber selbst. Hier braucht es manchmal viel Geduld.
Das Tröstliche: Von alldem geht nichts verloren. Manchmal zeigt sich eine bislang verborgene Traurigkeit ganz unerwartet. Dann werden wir schätzen lernen, womit sie uns beschenkt: Ein Herz, das weit genug ist, um nicht nur tiefe Traurigkeit spüren zu können – sondern eben auch tiefe Freude ❤️
