Psychisch erkrankt: Und plötzlich sind alle Freunde weg…

Psychisch erkrankt

Foto :Pixabay

Ihr Lieben, immer wieder hören wir von Menschen, die einen Schicksalsschlag erleiden, dass zu Anfang die Anteilnahme groß ist. Doch umso länger und/oder auch komplizierter dieser Zustand ist, desto seltener werden die Nachfragen. Sonja ist psychisch erkrankt, nach und nach brach ihr Freundeskreis einfach weg. Wir haben mit ihr darüber gesprochen:

Liebe Sonja, kannst du erstmal ein bisschen was über dich erzählen?

Ich bin 40 Jahre alt, verheiratet, habe zwei ganz tolle Kinder und lebe in einem kleinen Ort in NRW.

Du bist vor einigen Jahren psychisch erkrankt. Wann fing es an und wie äußert sich die Erkrankung?

Es fing 2019 an und die Symptome waren Schwindel und Benommenheit. Ich wurde gründlich durchgecheckt, aber es gab keine körperlichen Erkrankungen. Die Symptome wurden immer schlimmer und aus Angst vor den Schwindel wollte ich gar nicht mehr rausgehen. Ich saß zu Hause, habe sehr in meinem Körper hineingehört, ob da noch mehr Symptome sind und mich so Stück für Stück immer mehr zurück gezogen.

Das heißt, du hast das Haus kaum noch verlassen?

Genau, ich hatte einfach zu große Angst, dass mir etwas passieren könnte. Ich hatte immer das Gefühl, umzukippen, wenn ich raus gehe. Und tatsächlich hat mich dann die mangelnde Bewegung immer wackeliger auf den Beinen werden lassen. Das war ein Teufelskreis und verstärkte meine Ängste immer mehr.

Und wenn du doch mal raus musstest?

Geplante Termine haben mir schon Tage vorher Angst und Unruhe gebracht und ich konnte sie meist nicht wahrnehmen. Manchmal konnte ich mich zu spontanen Ausflügen überreden lassen, aber das ging nur in die Natur, wo es wenig andere Menschen gab und das Auto durfte nicht zu weit entfernt stehen.

Hast du dir professionelle Hilfe gesucht?

Ja, mir wurde – nachdem klar war, dass es keine körperlichen Ursachen gab – geraten, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das habe ich auch getan, aber irgendwie hat mir das nicht so richtig viel gebracht.

Dann kam Corona und das war für mich tatsächlich gut. Auf einmal „musste“ ich nichts mehr machen, weil man ja nichts machen durfte. Es gab keine Verpflichtungen, sondern sehr viel Ruhe. Und das hat mir irgendwie Kraft gegeben. Ich habe mich Schritt für Schritt aufgerappelt und mir selbst immer wieder in den Hintern getreten, weil ich wusste, es sind „nur“ meine Gedanken und ich bin körperlich gesund.

Wie geht es dir heute?

Nachdem es in der Corona-Zeit besser wurde, wurde es danach noch mal schlechter. Die Ängste haben sich auch verändert. Ich fahre zum Beispiel kein Auto mehr, weil ich zu große Angst habe, etwas falsch zu machen. Generell habe ich große Angst, Dinge falsch zu machen, auch wenn ich weiß, dass ich gar nichts falsch machen kann.

Ich habe mir also, als es wieder schlimmer geworden ist, jede erdenkliche Art von Hilfe gesucht. Ich war beim Psychologen, habe Ratgeber gelesen und Online-Kurse gebucht. Am Ende half vermutlich die Mischung aus Therapie und Selbstmotivation, wieder auf die Beine zu kommen.

Heute geht es mir gut. Nicht perfekt, aber gut. Es ist zwar immer noch so, dass ich oft ein unruhiges und ungutes Gefühl habe, aber ich weiß mittlerweile, dass ich das nur etwa 30 Minuten aushalten muss, dann entspannt sich mein Körper und mein Nervensystem. Dann kann ich Ausflüge/ Aktivitäten mittlerweile auch genießen und bin stolz auf mich, wenn ich wieder etwas geschafft habe.

Wie ist deine Familie mit deiner Krankheit umgegangen?

Mein Mann hat mich unterstützt – auch beim hundertsten Online-Kurs und Hilfsangebot. Er war immer verständnisvoll, wenn wir einen Ausflug machen wollten, ich aber dann doch zB. doch nicht ins Schwimmbad reingehen konnte. Klar ist aber auch, dass niemand, der nicht selbst betroffen ist, wirklich verstehen kann, was da in einem vorgeht.

Und so gab und gibt es bei mir viele Familienmitglieder, die nicht besonders verständnisvoll waren. Ich hörte dann Sätze wie: „Sowas gibt es doch gar nicht!“ oder „Jetzt musst du langsam mal wieder fit sein“. Das hat mich sehr verletzt, denn ich habe mir diese Krankheit ja nicht ausgesucht. Ich wurde selten gefragt, wie es mir wirklich geht und ich hatte auch nie das Gefühl, dass es jemand wirklich wissen möchte wie es mir geht oder woher die Ängste vielleicht kommen könnten…

Du hast uns auch gesagt, dass sich doch einige Freunde auch abgewendet haben. Kannst du da mal mehr darüber erzählen?

Dass sich Freunde abgewendet haben, kam eher schleichend. In der ersten akuten Phase konnte ich ja kaum noch aus dem Haus, habe also auch an keinem Treffen teilgenommen, war nirgends dabei – und somit hat man mich wohl irgendwann vergessen.

Auch hier wurde ich eigentlich nie gefragt, wie es mir wirklich geht. Vielleicht hätte ich mehr erklären müssen oder auf meine Freunde zugehen müssen, aber das konnte ich damals nicht und mir fällt es auch eh schwer, nach Hilfe zu fragen.

Die zweite sehr schwere Phase haben dann viele schon gar nicht mehr mitbekommen, weil ja kaum noch Kontakt da. Heute ist es so, dass ich gar nicht mehr gefragt werde, ob ich etwas unternehmen möchte – ich gehe aber auch nicht so gerne in Bars oder Restaurants…

Was hat das mit dir gemacht, als du gemerkt hast, dass sich Menschen abwenden?

Anfangs fiel es mir gar nicht auf aber jetzt, weil die Ängste ja so stark waren und ich mit den Ängsten beschäftigt war. Mit etwas zeitlichen Abstand betrachtet, verletzt es mich doch sehr. Ich war das schwächste Glied in der Gruppe und das stößt man ab.

Dann denke ich aber auch, dass es wahrscheinlich aber gar nicht böse gemeint war. Es ist vermutlich sehr schwer zu verstehen, was jemand fühlt, der psychisch krank ist..

Was hätte dir von Freunden und Bekannten an schlechten Tagen gut getan?

Einfach ein offenes Ohr, eine nette Nachfrage. Und vielleicht sogar das ehrliche Interesse, wie es mir geht. Das würde ich mir heute auch noch wünschen. Die Allermeisten sprechen meine Situation nicht an, weil sie davon ausgehen, dass alles gut ist, weil ich meinen Alltag meist wieder gut schaffe. Dabei wäre es schön, wenn ich einfach erzählen könnte, wie es mir wirklich geht.

ba2a1059450544b4a370a392ccf720f7


11 comments

  1. Ich finde auch die Überschrift unnötig reisserisch und polarisierend. Passt auch nicht wirklich zum Inhalt des Interviews, in dem ganz klar formuliert wird, dass die Freunde nicht „plötzlich“ allle Freunde weg waren, sondern es ein Prozess war, der nach und nach stattfand. Und sicherlich sind nicht „alle“ weg

  2. @Luna Bitte Phrasendrescherei vermeiden. Hier hat niemand schuld. Aber wenn man nichts anspricht, kann man nichts klären znd bleibt auf seinen depressiven Grundannahmen hocken. Wir lesen hier immer nur eine Perspektive.

  3. Wenn Du gefragt werden möchtest, dann erzähle doch einfach von Dir. Niemand kann Dir in den Kopf schauen… Verstärke Deine Freunde, wenn sie Dich fragen. Aber generell, es ist nicht jeder Mensch gleich.Manche wollen nicht gerne über sich sprechen, wenn es ihnen nicht gut geht.

  4. Das ist ein wichtiges aber auch vielschichtiges Thema. Nachvollziehbar wie es Dir damit geht. Ich möchte aber auch um Verständnis für die Überforderung der Freunde bitten.
    Ich denke, es ist echt schwer, von außen die Stuation einzuschätzen. Das ist eben auch sehr individuell, manch einer möchte vielleicht auch nicht dauernd gefragt werden und genießt das Zusammensein mit Freunden umso mehr und möchte es nicht belasten. Vielleicht ähnlich wie ein krebserkrankter Mensch, der auch nicht andauernd über Diagnosen, Therapien, etc. sprechen möchte. Umgekehrt kann ich auch Menschen verstehen, die sich in Freundschaften eben auch mal eine gewisse Leichtigkeit wünschen. Natürlich geht das nicht durchgehend, sonst ist es ja keine Freundschaft, wenn man nicht Freud und Leid teilen kann. Aber es macht halt auch was mit dem Gegenüber, wenn immer alles mühselig und beladen ist. Das kann dann, neben Unsicherheit auch einfach eine gewisse Form des Selbstschutzes sein.

    1. Ja, zum Teil kann das distanzierte Verhalten auch etwas mit Selbstschutz zu tun haben. Und ich glaube, genau das ist für den anderen wiederum das Kränkende:
      man ist jetzt von einer Freundin zu einer Person, vor der man sich schützen muss, geworden.

      1. @Nikki, ja, da ist was dran. Aber man kann es auch so sehen, dass die Person nicht in die Co-Abhängigkeit geht (weiß nicht, wie man das bei einer psychischen Erkrankung korrekt nennt) und damit die Struktur nicht zementiert, sondern die Verantwortung zu Handeln bei der Betroffenen Person lässt. Auch das kann ein Freundschaftsdienst sein. Es gibt auch „Freunde“ die sich besser fühlen, wenn es dem anderen schlecht geht, sie vielleicht sogar gebraucht werden. Das ist nicht immer hilfreich

      2. Die eigenen Bedürfnisse sind wichtig, die will ich im Folgenden nicht kleinreden. Aber das eigene Selbstbild nicht ganz so wichtig zu nehmen könnte helfen.

      3. Ich empfinde die Kommentare als vielleicht sachlich richtig, sie klingen aber irgendwie nach Täter-Opfer-Umkehr. Sonja sagt selbst, sie hätte offener kommunizieren sollen. Freunde hätten ihre Gedanken ebenfalls mitteilen, mal ein Essen vorbeibringen, Treffen zu ihr nach Hause verlegen können – es hätte bestimmt einen Zwischenweg für alle gegeben.
        Liebe Sonja, alles Gute, kämpfe um deine Gesundheit und um gute, wechselseitige Freundschaften, bestimmt hast du etwas zu geben.

        1. @Luna: in dem Zusammenhang ein Täter-Opfer-Verhältnis hineinzuinterpretieren finde ich für alle Beteiligten unpassend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert