Seelische Erste-Hilfe für Väter: „Mit dem Baby wird mir alles zu viel“

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Ihr Lieben, auch Papas können Anpassungsschwierigkeiten haben, wenn ein Baby in die Familie kommt. Die „Seelische Erste-Hilfe“ für Väter kümmert sich um sie. Bislang gibt es noch nicht viele Anlaufstellen für Betroffene. Marcus del Monte hat eine gegründet.

Herr del Monte, Sie kümmern sich um die seelische Gesundheit von werdenden und frisch gebackenen Vätern, welche Probleme tauchen denn in dieser Phase vermehrt auf?

Viele Väter, die zu uns kommen, sind nicht vorbereitet auf ihr neues Leben als Familie mit Kind. Am liebsten würden sie weglaufen. Das jedoch verbietet ihnen ihre Moral, aber auch den mutmaßlichen Erwartungen an sie selbst und wissen nicht damit umzugehen.

Die Väter möchten doch der „perfekte“ Vater sein, sie haben doch ihren „Mann zu stehen“, in jeder Hinsicht: familiär, finanziell und gesellschaftlich, um nur einige der neuen Herausforderungen zu nennen. Somit sind sie teilweise komplett überfordert.

Die Überforderung geht soweit, dass die Betroffenen nicht einordnen können, was mit ihnen los ist. Diese Überforderung gepaart mit der Unsicherheit, was richtig ist und mit den damit verbundenen Erwartungen von allen Seiten erzeugt schließlich Angst.

Wo kommt das her?

Nun, das ist die entscheidende Frage, die sich auch die Väter stellen sollten. Sie müssen zunächst einmal schauen, ob ihre Probleme Symptom oder Ursache sind, denn sobald sie sich mit der Ursache auseinandersetzen, können sie das „Übel bei der Wurzel“ packen. Wer das für sich allerdings nicht geklärt hat, steckt in dieser nicht geklärten Situation fest.

Wir können uns das wie in einer Röhre vorstellen: Zurück geht es nicht. Nach vorn trauen sie sich mit all der Verantwortung für das neue Leben aber nicht so recht, weil ihnen das Bewusstsein für ihre aktuelle Situation fehlt. Also stecken sie fest. Es ist schlichtweg Angst, verbunden mit einer tiefen Unsicherheit was zu tun ist.

Daraus können sogar depressive Stimmungen entstehen, Vermeidung von sozialen Kontakten oder Gewichtsschwankungen und Schlaflosigkeit oder auch Schuldgefühle dem eigenen Kind gegenüber. Genau dann möchten wir helfen, die Väter mental vorzubereiten und ihnen die Angst nehmen, indem wir ihnen Werkzeuge an die Hand geben, um wieder handlungsfähig werden.

Seelische Erste-Hilfe
Marcus del Monte

Wie kamen Sie ursprünglich darauf, sich mit väterlichen Anpassungsstörungen zu beschäftigen und seelische Erste-Hilfe anzubieten?

Bei Kooperationsanfragen an Hebammen im Zusammenhang mit meiner psychotherapeutischen Praxis wurde ich mehrmals gefragt, ob die Hebammen mir auch die Väter schicken dürften. Daraufhin führte ich diverse Gespräche und stellte fest, dass da „ein Thema“ ist. Ein Thema das nicht unterschätzt werden sollte und mit dem die Väter ziemlich alleine gelassen werden.

Somit fing ich an zu recherchieren und stellte wiederum fest, dass es für diese Problematik so gut wie keinerlei Angebote gibt und wie bereits erwähnt, die betroffenen Väter komplett alleingelassen werden in ihrer Situation.

Sind die Herausforderungen des Vaterwerdens andere geworden oder haben sich einfach die Männer verändert, sodass auch sie sich mittlerweile Hilfe holen, wenn sie merken, dass sie an seelische Grenzen stoßen?

Ja und nein, es hat ein Prozess begonnen, ein gesellschaftlicher Wandel, in dem auch Männer Schwäche zeigen dürfen. Mentale Probleme sind mittlerweile gesellschaftsfähig geworden und es schwindet langsam die damit verbundene Scham. Dabei ist bedauerlicherweise noch nicht bei jedem angekommen, dass jeder Betroffene seinen eigenen Teil zu gesundheitlichem Wohlbefinden, zu mentaler Gesundheit und seelischer Balance beitragen sollte.

Wir als Therapeuten können die Route aufzeigen und begleiten, loslaufen müssen die Betroffenen selbst. Das ist teilweise harte Arbeit, die nicht immer angenehm ist und bei der der ein oder andere an seine Grenzen kommt, weil die Komfortzone verlassen werden muss.

Seelische

Was sind die Hauptthemen, wenn sie mit frischgebackenen Vätern zusammenarbeiten, was überfordert sie konkret? Die Beziehung? Die große Verantwortung?

Es ist wie schon erwähnt die Angst, verbunden mit der Überforderung in der aktuellen Situation. Das Leben der Väter ist nicht mehr das, was es war, zumindest in gewissen Teilen und Abschnitten. Da ist der Teil der bekannt ist, den die Väter glauben kontrollieren zu können und dann „das Neue“, das Unbekannte und da sind „die Jungs raus“, da fehlt die Kontrolle.

Die Väter stehen vor einen ganz neuen Abschnitt in ihrem Leben, auf den sie wenig Einfluss haben, so glauben sie jedenfalls. Sie sind verzweifelt, hin und her gerissen, soll heißen: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ wie es Goethe so schon beschrieb.

Die Väter sind noch in ihrem alten Leben verhaftet und in ihrem neuen Leben noch nicht vollständig angekommen. Die Situation verunsichert, die Kontrolle fehlt. Die „Krux“ an der ganzen Situation ist eigentlich nur, dass den Vätern das Ganze nicht bewusst wird und sie meist nicht wissen, was da gerade in ihrem Leben passiert und was das mit ihnen macht.

Und da kommen wir von SEELISCHE ERSTE HILFE ins Spiel, unsere Workshops setzen genau da an. Wir machen den Teilnehmenden bewusst, was sich gerade in ihrem Leben verändert und wie sie damit umgehen können.

Sie sagen, Scham sei auch ein großes Thema. Wie kommen Mütter oder Väter mit prä- oder postpartaler Depression da raus? Wie überwinden sie sie, um dann letztlich Hilfe zu organisieren?

Wenn jemand Scham empfindet hat das immer etwas mit „peinlich“ zu tun. Wir schämen uns, weil wir nicht den Erwartungen und Ansprüchen entsprechen, die mutmaßlich erwartet werden. Wir denken, wir sind „nicht genug“. Wir scheitern in aller Regel eigentlich nur an Erwartungen, an unseren eigenen, an denen von anderen und an den Erwartungen, die wir an das Schicksal, Universum, Gott oder an was auch immer wir glauben mögen haben.

Diese unerfüllten Erwartungen führen zu Enttäuschungen und somit zu Frust. Wir zeigen, dass niemand auf der Welt dafür zuständig ist, unsere Erwartungen zu erfüllen und wir wiederum nicht dafür da sind, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Also: Wenn wir keinerlei Erwartungen haben, kann niemand und nichts enttäuscht werden.

Zudem kommt immer die Frage, „ABER was ist denn die Alternative zu Erwartungen?“ und auch dafür haben wir ein Tool bereit zur Vorbereitung. Die meisten Teilnehmenden haben dann ein „AHA“ Erlebnis und der „Groschen“ ist gefallen und somit haben sie wieder Orientierung in ihrem Leben.

An wen können sich betroffene Väter in Deutschland wenden? Und wie ist das in anderen Ländern geregelt?

Wir haben bedauerlicherweise festgestellt, dass es in Deutschland wenige bis gar keine Angebote zur Prävention in diesem Zusammenhang gibt. Deswegen sind wir dann selbst tätig geworden. Andere Länder sind da schon viel weiter.

Sie bieten Workshops mit dem Titel „Hilfe, ich werde Papa“ an, wer meldet sich da an, was sind die Inhalte?

Dieser Workshop ist konzipiert für werdende Väter und Väter gleichzeitig ist das Thema aber auch interessant für Hebammen sowie alle Menschen, die in das Thema Schwangerschaft involviert sind. Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen, dass wir auch Einzelcoaching online via Zoom für Väter anbieten. Bei den 1-1 Coaching besteht die Möglichkeit individueller auf die persönliche Situation der Väter einzugehen.

Der 1-tägige Workshops umfasst Themen wie Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Perspektivwechsel. Welche Grenzen habe ich und wie kommuniziere ich diese? Die Workshops finden deutschlandweit in ausgesuchten Locations statt.

Mögen Sie uns noch vom letzten berührenden Moment berichten, den Sie in einer Väterbegleitung erlebt haben?

Da gab es diesen Vater, intelligent, beruflich erfolgreich, eine glückliche Partnerschaft. Doch, erzählte er mir: „Ich hatte Angst bei dem Gedanken, Zeit mit meinem Sohn verbringen zu müssen, ihn zu halten und bei ihm zu sein. Jedes Mal, wenn er in meinen Armen weinte, hatte ich das Gefühl, er sage mir, dass er mich hasst, dass er mich ablehnt. Während meine Frau sofort eine Bindung zum gemeinsamen Kind aufbaute, fühlte ich mich nutzlos.

Mehr noch: Ich fühlte mich unwürdig, Teil seiner Familie zu sein. Ich fühlte mich schuldig. Statt Freude spürte ich Leere, statt Nähe war da Distanz. Ich zog mich zurück, weinte viel, verbrachte ganze Tage im Bett oder warf mich bis zur völligen Erschöpfung in die Arbeit. Ich kam einfach nicht klar, und doch dachte ich nie daran, jemanden um Hilfe zu bitten, bis der Leidensdruck so hoch war, dass ich förmlich um Hilfe schrie.“

Was möchten Sie Vätern mit Auf den Weg geben?

Da halte ich es mit Prinz Hamlet an seinen Freund Horatio, nach Shakespeare: „Bereitschaft (bereit sein) ist alles“.

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