Unsichtbares Trauma nach der Geburt: Du bist nicht allein!

Unsichtbares Trauma

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Ihr Lieben, Dr. med. Ute Taschner ist Ärztin, Mutter von vier Kindern und Expertin für die Begleitung nach schwierigen oder traumatischen Geburten. Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie in der Medizin, unter anderem in der Geburtshilfe und durfte in dieser Zeit viele Frauen auf ihrem Weg nach einer belastenden Geburt begleiten. Hier erzählt sie von ihrer Freundin Franzi, die nach der Geburt ein unsichtbares Trauma entwickelte.

„Meine Freundin Franzi war perfekt vorbereitet. Fitnesstrainerin mit Fokus auf Beckenboden, sowie prä- und postnatales Training, beste Gesundheit, ausgewogene Ernährung, eine makellose Schwangerschaft – dazu Hypnobirthing und Meditation. Sie war bereit für die Geburt ihres Sohnes. Alles sollte funktionieren.

Und dann kam dieser eine Moment: Nach einer unauffälligen CTG-Untersuchung im Krankenhaus, wo sich Franzi einfand, weil sie die ersten Wehen spürte, fragte die Ärztin Franzi, ob sie bereits Fruchtwasser verloren habe. Genau in diesem Moment wurde es warm zwischen ihren Beinen. Franzi war überglücklich – jetzt geht’s los! Doch das war kein Fruchtwasser. Es war Blut. Viel Blut.

Krankenschwester
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Franzi sagte mir später: „In diesem Moment wusste ich: Ich muss jede Verantwortung über mein Leben und das Leben meines Kindes nun in andere Hände geben. Ich muss den Ärzten und dem Team vollständig vertrauen“. Innerhalb weniger Sekunden sank die Herzfrequenz ihres Babys von 130 auf 80 ab. Die Ärztin blickte sie an und sagte: „Frau K. Wir holen ihr Kind. JETZT.“

Was folgte, war ein Notkaiserschnitt. Franzis Sohn kam gesund zur Welt. Biologisch gesehen war alles gut. Doch psychisch begann für Franzi ein neues Kapitel in ihrem Leben, mit dem sie in dieser Intensität nicht gerechnet hätte…

Unsichtbares Trauma nach der Geburt

Geschichten wie diese kenne ich aus meiner langjährigen Arbeit mit Müttern leider viele, denn laut internationaler Studien erleben mindestens 20% aller Mütter die Geburt ihres Kindes als traumatisierend.

Wenn du etwas Ähnliches wie Franzi erlebt hast, weißt du jetzt: Du bist mit deiner Geschichte nicht allein! Viele Mütter erleben die Geburt als ein Ereignis, das sie zutiefst erschüttert. Egal, ob Kaiserschnitt oder natürliche Geburt – egal, ob alles medizinisch „gut ausgegangen“ ist. Denn: Es ist nicht egal, wie du deine Geburt erlebt hast. Es ist nicht egal, wie du dich dabei gefühlt hast. Es ist nicht egal, ob du verletzt oder übergangen wurdest.

Ein Geburstrauma entsteht nicht deshalb, weil du zu schwach warst oder weil du dich „nicht so anstellen“ solltest. Ein Geburtstrauma ist eine normale Reaktion deines Körpers und deiner Seele auf ein unnormales Ereignis. Es entsteht, wenn ein Ereignis unsere Schutzschicht verletzt und uns mit einem Gefühl der Überwältigung und Hilflosigkeit zurücklässt. Wenn es nach Peter Levine „zu viel, zu schnell, zu plötzlich“ war.

Mehr als ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes kämpft Franzi noch immer. Es gibt Momente, da übermannen sie die Tränen, wenn sie an die Geburt zurückdenkt. Ihre Kaiserschnitt-Narbe kann sie bis heute nicht berühren – ihr Körper speicherte die Erinnerung an diesen Tag in jeder Faser.

Die Zeichen eines Geburtstraumas erkennen

Vielleicht erkennst du dich selbst in einigen der folgenden Symptome wieder: Du kämpfst mit neu aufgetretenen Panikattacken. Du schläfst schlecht oder gar nicht. Dein Herz rast grundlos. Du reagierst schneller aggressiv. Du fühlst dich erstarrt oder hast das Bedürfnis, dich zurückzuziehen. Du weinst häufiger, besonders wenn du an die Geburt denkst. Du traust dich nicht, mit deinem Baby allein zu sein? Du fühlst dich wie eine gut geölte Maschine, deine Gefühle sind aber irgendwie abhandengekommen?

Oder Du wirst von sehr lebendigen Erinnerungen überwältigt – sogenannten Flashbacks – und erlebst die Geburt oder Teile davon plötzlich noch einmal, als wäre es jetzt?

Diese Symptome sind Zeichen dafür, dass Dein Nervensystem immer noch im Schockzustand ist. Die gute Nachricht: Es gibt Hilfe. Es gibt Wege, diesen Zustand zu verlassen.

Was du selbst tun kannst

Du musst nicht warten, bis alles von allein besser wird. Es gibt konkrete Schritte, die dir helfen können:

Sprich darüber. Ja, es tut weh. Ja, du hast vielleicht Angst, nicht verstanden zu werden oder zu hören: „Hauptsache, das Baby ist gesund!“ Aber deine Gefühle sind genauso wichtig wie die Gesundheit deines Kindes. Finde Menschen, die dir zuhören, ohne zu urteilen.

Schreib Deine Geschichte auf. Notiere die Details – nicht nur die medizinischen Fakten, sondern wie du dich gefühlt hast, was dir gefehlt hat, wer dich gut unterstützt hat. Diese schriftliche Verarbeitung kann unglaublich heilsam sein.

Nimm Dir Zeit für echtes Wochenbett. Ein Baby zu bekommen ist eine körperliche Höchstleistung. Lass dich bemuttern. Je besser du umsorgt wirst, desto besser können deine emotionalen und körperlichen Wunden heilen.

Wenn du mehr Hilfe brauchst

Wenn die Symptome noch Wochen später anhalten, wenn Flashbacks deinen Alltag bestimmen oder wenn du einfach nicht allein aus diesem Loch herauskommst – dann ist professionelle Hilfe nicht nur sinnvoll, sondern geboten. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern es ist ein notwendiger Akt der Selbstfürsorge.

Es gibt verschiedene Therapieformen, die bei Geburtstraumata besonders wirksam sind: EMDR, Somatic Experiencing, Kognitive Verhaltenstherapie. Wichtig ist, dass du eine Fachperson findest, der du vertraust und die versteht, dass Geburtserfahrungen traumatisch sein können. (Wenn du magst schau dich dazu auch mal bei mir auf der Seite um, ich biete zum Beispiel diesen Onlinekurs an: „Schritt für Schritt eine schwierige Geburt verarbeiten„)

Du bist nicht allein

Geburt
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Die Erinnerungen an deine Geburt werden nicht einfach verschwinden. Sie gehören zu deiner Geschichte. Aber sie können schwächer werden. Auch seelische Wunden können heilen, selbst dann, wenn körperliche Narben bleiben.

Franzi kann ihre Kaiserschnitt-Narbe immer noch nicht berühren. Sie gibt sich Zeit. Sie spricht über das, was geschah. Heilung ist kein linearer Prozess. Heilung ist manchmal ein Schritt vor, zwei Schritte zurück, und immer wieder neu anfangen. Aber es geht voran.

Das Wichtigste, das ich dir sagen möchte: Du bist nicht allein mit dem, was du durchgemacht hast. Du bist nicht zu empfindlich. Du stellst dich nicht „so an“. Du bist nicht undankbar, nur weil du ein gesundes Baby hast und trotzdem Tränen in die Augen treten, wenn du an die Geburt denkst.“

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1 comment

  1. Erstmal: Danke für den Text. Schwer zu verarbeitende Geburten gab es hier auch.

    Allerdings kann ein Online-Kurs nur ein kleiner Baustein bei der Verarbeitung sein und einen echten Menschen nicht ersetzen. Eine Person, die auf Grund ähnlicher Erfahrung oder therapeutischer Ausbildung Verständnis hat oder zeigt und das Thema bzw. die belastenden Gefühle aushält und ggf. co-regulieren kann.

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