Kaum Freunde: Lieber allein zu Hause als mit Gleichaltrigen unterwegs

Kaum Freunde

Ihr Lieben, neulich hatten wir ja den Bericht über Sveas Tochter, die Probleme hat, Freunde zu finden. Wir hatten über unseren Instagram-Kanal gefragt, wessen Kind sich ähnlich schwer tut und wahnsinnig viele Nachrichten dazu bekommen. Auch Beates Söhne sind lieber alleine zu Hause oder treffen sich nur online mit Bekannten als mit Gleichaltrigen im Freibad Spaß zu haben. Die Gründe dafür sind vielschichtig, erzählt uns Beate.

Liebe Beate, du hast zwei Söhne. Magst du uns ein bisschen mehr über die beiden erzählen?

Der Große ist 17 und der Kleine 11. Beide sind schlau, sehr vielseitig interessiert, musikbegeistert und diskutieren leidenschaftlich gesellschaftliche und politische Themen. Beide zocken natürlich auch gerne, beide helfen aber auch regelmäßig im Haushalt mit.

Beide Jungs haben ADHS. Der Kleine hat die Diagnose erst seit kurzem und wird noch medikamentös eingestellt. Diagnostik und Medikamente musste ich beim Familiengericht durchsetzen, weil der Vater der Jungs, von dem ich getrennt lebe, meint, ADHS gäbe es nicht und meine Erziehung sei nur verweichlicht.

Vom Wesen sind die Jungs sehr verschieden. Der Große geht mit mir sofort in die Konfrontation und der Kleine ist viel kooperativer und offener für Kompromisse. Zudem ist er recht anhänglich.

Du hast uns gesagt, dass die beiden keine oder wenige Freunde haben. Bei deinem Großen könnte der Grund in verschiedenen Diagnosen liegen, meinst du. Erzähl mal mehr.

Der Große hat seit Beginn der Grundschule Probleme mit größeren Gruppen. Er wurde ab Mitte der ersten Klasse gemobbt (auch körperlich) und bis zur vierten Klasse hatten er sieben verschiedene Klassenlehrer*innen, es gab also keinerlei Stabilität und Verlässlichkeit in der Schule. Daraufhin folgten massive Auffälligkeiten und Schulvermeidungstendenzen. 

Mit neun Jahren wurde eine Depression diagnostiziert, sowie Störung des Sozialverhaltens und er war das 1 Halbjahr. der 4. Klasse in einer Tagesklinik. Danach wechselte er die Schule und wir hofften auf einen Neuanfang. Es ging ihm dort auch besser‘ aber dann schlug die Pandemie voll zu und die paar neuen Freundschaften waren schwierig zu halten. 

Auf der weiterführenden Schule hat er lose Kontakte aber aufgrund der verschiedenen politischen Einstellungen (er ist links, viele Jungs aus seiner Klasse sind eher rechts bis stramm rechts..) ergab sich auch nie eine enge Freundschaft.

Tatsächlich hat er hauptsächlich Online-Freunde, mit denen er sich auch manchmal auf irgendwelchen Treffen trifft. Diese Kontakte spielen sich also primär auf Discord oder anderen Plattformen. ab.

Wie geht es dem Großen denn gesundheitlich – sowohl mental als auch körperlich?

Als er mit neun in der Tagesklinik war, ging die Beziehung zum Vater auseinander. Es folgte eine furchtbare und zermürbende Nachtrennungsphase, in die auch das Jugendamt eingeschaltet wurde. Der Große wollte nicht zum Vater, der aber bestand auf den Umgang. Das wiederum verstärkte die Depression und er entwickelte auch eine Adipositas. Seit dem 14. Geburtstag haben die beiden keinen Kontakt mehr.

Wie schon erwähnt, musste ich die Diagnostik und medikamentöse Unterstützung einklagen, denn der Vater wollte das alles nicht. Demnächst steht eine Autismus Diagnostik an und es passt wirklich wie die Faust auf’s Auge. Dem Großen geht es dank der medikamentösen Unterstützung heute deutlich besser.

Und wie ist das bei dem Kleineren?

Der Kleine (6. Klasse) ist ein kooperatives Kind. Allerdings hat die familiäre Gesamtsituation dazu geführt, dass er im Fragebogen, mit wem er am liebsten Zeit verbringt und wo er am liebsten ist, geantwortet: „Mit Mama zu Hause“. Er kommt gut mit seinen Klassenkameraden klar, möchte aber außerhalb der Schule keinen Kontakt. Aus der Grundschulzeit hat er noch zwei Freunde, mit denen er sich ab und zu trifft.

Gerade jetzt im Sommer, wo sich das Leben draußen abspielt , was machen deine Jungs da?

Der Große trifft selten Bekannte, manchmal geht er alleine zum Angeln. Ansonsten sitzt er viel in seinem Zimmer im Kontakt mit seinen Online-Freunden. 

Der Kleine geht mit seinen zwei Freunden manchmal ins Schwimmbad oder in einen Park. Er wird in den Ferien an einem Sportcamp teilnehmen (ohne Übernachtung) und bei einigen Ausflügen der offenen Jugendarbeit unserer Stadt. Ansonsten wird er viel zu Hause sein, bei und mit mir. Wir haben zum Glück einen Garten und einen Pool, so dass wir uns eine schöne Zeit machen werden.

Der Kleine hat seit einer Weile auch keinen Kontakt mehr zum Vater, daher werden die Sommerferien wahrscheinlich herausfordernd für mich werden….

Was würdest du dir für die Jungs wünschen?

Ich wünsche ihnen mehr Leichtigkeit, Abenteuer mit Freunden, auch Heimlichkeiten und elternfreie Räume – damit sie sich ausprobieren können, ohne Sorge vor direkter Regulation oder Begrenzung. 

Macht es dich manchmal traurig, dass deine Kinder keinen großen Freundeskreis haben? Und sind sie selbst darüber traurig?

Mich macht das definitiv traurig! Die Jungs sagen, sie vermissen nichts. Sie sind sehr gerne einfach zu Hause.

Wie war das bei dir selbst in der Jugend? Hattest du einen großen Freundeskreis? 

Ich hatte immer recht viele Bekannte und Freunde. Ich knüpfe sehr schnell Kontakte und Kommunikation fällt mir leicht. 

Als wir auf Instagram gefragt haben, wessen Kind wenige Freunde hat, haben sich ganz ganz viele gemeldet. Verwundert dich das?

Nein, das wundert mich gar nicht. Ich glaube, dass die Pandemie großen Schaden angerichtet hat, was die sozialen Kompetenzen und sozialen Kontakte angeht. Und oft fehlt den Jugendlichen erwachsenfreier Raum, in dem sie mit Gleichaltrigen zusammen können und auch lernen, sich von zu Hause abzugrenzen.

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11 comments

  1. Unsere Kids sind auch sehr unterschiedlich. Während wir als Eltern und unsere Kinder nr. 2 und 3 auch sehr gesellig sind und gern was mit anderen unternehmen, ist unser großer auch zurückgezogener und ist unter der Woche am Nachmittag am liebsten zuhause, malt und liest oder hört horbucher. Das ist schon sehr stark charaktersache!!

  2. Ich sehe es genauso wie die meisten hier, wir sind als Eltern gesellig, haben aktive Freundschaften, sind im Verein etc.
    Ich habe 4 Kinder und davon 2 die sich mit sozialen Kontakten schwer tun und wenige/nur halbherzige Freunde haben, mittags eigentlich so gut wie nie unterwegs sind.
    Beide sind neurodivergent in Richtung Hochbegabung/ADHS evtl auch Autismus.
    Ihnen reichen die sozialen Kontakte in der Schule einfach. Sie sind auch am liebsten daheim, vorm Computer, wenn sie dürfen.
    Mein großer Sohn möchte auch nicht mit, wenn wir uns treffen, der kleine schon eher (der geht auch aufs Stadtfest z.B. was unser großer Sohn ablehnt)
    Ich denke man muss akzeptieren, dass nicht jeder super gesellig ist und viele Menschen braucht. Wichtig ist, dass die Kinder zufrieden sind mit dem, wie es ist.

  3. Liebe Franzi,
    hast du selbst Kinder, die sich schwer tun mit Freundschaften und sozialen Kontakten? Es klingt ehrlich gesagt nicht so.
    Eins meiner 3 Kinder ist auch am liebsten zu Hause ud Eltern und Geschwister sind absolut ausreichend für ihn als soziale Kontakte. Ich selbst jnternehme aber total gerne was mit anderen zusammen, lade gerne andere ein etc. Mein Kind hingegen will zum Teil gar nicht mit, wenn er weiß, dass noch andere Leute dabei sind.
    Vorleben und Vorbild sein reicht also leider nicht immer aus.

  4. Liebe Franzi, deine Sichtweise erscheint mir leider sehr beschränkt. Mein Mann und ich sind sehr aktiv und unternehmen viel mit Freunden. Demnach müssten unsere Kinder total viel mit Freunden unterwegs sein – sind sie aber nicht. Ich witzel immer schon, dass unsere Kinder eigentlich nicht von uns sein können. Es gibt halt extrovertierte und introvertierte Menschen und wahrscheinlich sehr viele Abstufungen dazwischen. Das ist zu einem großen Teil angeboren. Vielleicht hat Corona auch einen Teil dazu beigetragen. Unsere Kinder sind jedenfalls auch lieber zu Hause, und daran wird sich auch nichts ändern, selbst wenn wir 24/7 die Hütte voll haben mit Freunden. Es wird sich nur ändern wenn sie selbst es möchten…

    1. Liebe C., wobei ich nicht finde, dass introvertiert bedeutet, weniger Freunde zu haben und Extrovertierte viele Freunde haben, das ist auch zu beschränkt gedacht, um beiDeinem Ausdruck zu bleiben. Vielleicht fällt es Extrovertierten leichter, auf Menschen zuzugehen, das ist aber auch schon alles. Das sagt aber wenig darüber aus, wieviel man in Freundschaften invertiert und wie beständig diese sind.Das Klischee sagt ja auch, dass Introvertierte Menschen tiefere Freundschaften haben. Meine Kinder sind eher introvertiert, haben aber alle gute Freunde.
      Es ist ja auch okay, wenn man sich ohne oder mit wenigen Freunden wohlfühlt, aber wenn es einen Leidensdruck gibt, und so hatte ich es bei Beate verstanden, sollte man halt versuchen, etwas daran zu ändern, oder nicht? Dass das nicht unbedingt leicht ist, ist mir bewusst.

      1. Ich sehe es wie Franzi. Im Ausgangsartikel stand ja nicht: meine Kinder haben nicht so viele Freunde, aber es geht ihnen gut damit, alles tutti.
        Zumindest die Mutter äußert für sich einen Leidensdruck, wobei man sich dann schon fragen kann, warum eigentlich, wenn die Söhne keinen haben?
        Sachlich haben viele Kommentare ja völlig Recht, ob viele oder wenige Freunde, je nach Charakter und Persönlichkeit sehr unterschiedlich, ist dann halt so. Aber das war für meine Begriffe nicht die Intention der Mutter und auch nicht von Franzi, die speziell dazu Stellung bezogen hat.

  5. Liebe Beate, ich kann es gut verstehen. Wie in meinem anderen Kommentar schon geschrieben: Neurodivergente Personen möchten oft nicht so viele soziale Kontakte. Aus Mamasicht kann ich verstehen dass einem das Herz weh tut – das tut es bei mir auch mit meinem älteren Kind. Rückblickend war es bei meiner Schwester auch so, sie wollte nachmittags nie oder selten was mit anderen ausmachen. Ihr reichte der Kontakt in der Schule. Es wurde nach der Schulzeit ein wenig besser, als man sich besser nach Gleichgesinnten orientieren konnte. Und ich hoffe und glaube fest daran dass dies bei unseren Kindern auch der Fall sein wird. <3

  6. Liebe Beate,

    mich würde interessieren, ob Du selbst Dich oft mit Freunden triffst, viel mit anderen Menschen unternimmst. Du schreibst, dass Du kommunikativ bist und schnell Kontakte knüpfst, aber lebst Du das auch? Oder dreht sich Dein Leben vor allem um die beiden Söhne?
    Ich denke, Kinder leben in den meisten Fällen das nach, was die Erwachsenen ihnen vorleben. Wenn es in einer Familie normal, ist, dass man sich verabredet, dass man am Wochenende Freunde trifft, gemeinsam Dinge unternimmt, dann ist das für die Kinder Normalität und auch für sie sind/werden soziale Kontakte wichtig. Kontraproduktiv ist es dagegen, denke ich mir, zu viel zu pathologisieren und die Schuld in äußeren Umständen zu suchen. Klar, der Mensch möchte Erklärungen, möchte verstehen, aber das hilft selten, Dinge zu ändern. Dazu muss man ins Tun kommen. Nicht darüber nachdenken, ob jetzt ADHS, Autismus oder Corona Schuld hat an der Situation, sondern einfach mal Leute einladen, einem Verein beitreten, rausgehen ins echte Leben. Nur das wird Veränderung bringen.

    1. Ftanzi, sorry, aber hast du Kinder, die es sich schwer tun mit Kontakten? klingt für mich ehrlich gesagt nicht so. Eins meiner 3 Kinder ist auch am liebsten zu Haue und wir Eltern + Geschwister sind offensichtlich als soziale Kontakte vollkommen ausreichend. Für mich hingegen gar nicht. Ich treffe mich gerne mit Freunden, Familie etc. Wohingegen mein Sohn häufig schon gar nicht mehr mit möchte, wenn er erfährt, dass noch andere Leute dabei sind…
      Also, vorleben allein reicht leider nicht immer…

    2. Liebe Franzi, das ist sehr engstirnig gedacht. Vor allem neurodivergente Personen sind schnell mit sozialen Kontakten überreizt, oft möchten sie auch einfach nicht mehr Kontakt als unbedingt nötig haben! Schule oder Kindergarten reichen da oft aus. Da kannst du als Eltern noch so viele Verabredungen, Playdates, Grillfeste anleiern. Wenn das Kind es nicht „fühlt“ dann ist das eben so! Meine Familie führt auch ein (für mich) normales Sozialleben, wir gehen aus, laden Leute ein, sind in verschiedenen Vereinen. Wir wohnen in einem 1200 Einwohner Dorf, es gibt hier jede Menge Kontakte. Trotzdem möchte mein größeres Kind nicht mit jedem Hinz und Kunz befreundet/bekannt sein. Er selektiert ganz genau und hat daher auch nur einen halbherzigen Freund. Diagnosen bei uns: Autismus und Adhs. Mein anderes, neurotypisches, Kind dagegen lädt 10 Kinder zum Kindergeburtstag ein und hat jede Woche mind. 2 Playdates. Beide sind gleich erzogen worden. Und wo genau haben wir als Eltern jetzt was falsch gemacht?!

      1. Dann ist es vielleicht auch besser so, wer möchte schon Hinz und Kunz sein. Ich war lange mit einer Mitschülerin
        „befreundet“ die aus heutiger Sicht neurodivergent war. Da ist viel unschönes passiert, Nähe Distanz „Spielchen“, vermutlich aus Überforderung, mal Abweisung, mal Kontakt, abgesagte Kindergeburtstage wegen 40 Grad Fieber aus dem Stand ohne Infekt (purer Stress). Was ich im Nachhinein schwierig fand war, dass die Eltern den „Freunden“ gegenüber auch eher die Haltung hatten „Hinz und Kunz“ sind gerade überflüssig/nicht gewollt.

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