Ihr Lieben, fragt ihr euch auch manchmal, wie wir raus aus der Jammerfalle kommen? Warum hierzulande so gern geklagt wird – und ob es Wege gibt, da wieder rauszukommen? Daniela Nagel und Heike Abidi widmen sich in ihrem Buch Achtsam jammern genau diesen Fragen. Hier beleuchten sie das Thema von allen Seiten und helfen uns, uns sowohl von eigenen Jammertiraden als auch von Klagesalven anderer abzugrenzen und dennoch in beide Richtungen empathisch zu bleiben.
Denn: Jammern gehört zwar zum Leben: Es ist ein Ventil, um Frust, Ärger und Stress loszuwerden und manchmal macht es sogar kurzfristig den Kopf frei. Doch wenn wir in der Jammerspirale gefangen bleiben, wenn negative Gedanken unser Denken und Fühlen bestimmen und wir uns selbst und andere immer tiefer in die Alles-ist-schlimm-Haltung hineinziehen, ja was dann?! Autorin Daniela Nagel hat uns einen Gastbeitrag zum Thema geschrieben. Hier kommt er:
Wenn du gerade völlig übermüdet versuchst, dein Baby zu stillen, während du mit dem Schulkind Hausaufgaben machst, die Viren aus der Kita Dauergäste sind, und du nicht einmal mehr die Energie hast, auch nur den Antrag für eine Mutter-Kind-Kur auszufüllen, geschweige denn einen Koffer dafür zu packen, dann hilft ein Spruch ganz bestimmt nicht:
„Genieße es, sie werden so schnell groß.“
Ganz ehrlich, manchmal bin ich wehmütig, wenn ich daran denke, dass keins meiner mittlerweile sehr großen Kinder mich nachts mehr aus dem Schlaf reißen und sich neben mich kuscheln wird (von der Party nach Hause kommen ist was anderes 😉), dass ich nicht mehr zum hundertsten Mal dasselbe Buch vorlesen muss oder jemand mich so schmerzlich vermisst, dass er oder sie sofort auf meinen Arm möchte, wenn ich die Tür aufschließe.
Und trotzdem kann ich mich sehr gut an das Gefühl erinnern, völlig fertig zu sein und nur noch jammern zu wollen. Über schlaflose Nächte, Überforderung, Chaos oder Ängste. Am liebsten mit Freundinnen, die gerade dasselbe durchmachen. Wenn nachweislich schon ein bewusstes Seufzen entlasten kann, wie toll ist es dann erst, gemeinsam zu jammern? Und zwar so richtig?
Wie lange ist geteiltes Leid, halbes Leid?
Zunächst fühlt sich geteiltes Leid wirklich wie halbes Leid an. Wir fühlen uns verstanden, können Druck loswerden und uns im besten Fall gegenseitig ermutigen und inspirieren. Problematisch wird es, wenn wir in unseren Gesprächen beim Jammern oder Vollgejammertwerden stehen bleiben. Ich erinnere mich an Situationen in (Mütter)gruppen die in einem Wettbewerb ausarten, wer am schlimmsten dran ist.
Spätestens, wenn in einer Gruppe der wichtigste gemeinsame Nenner das kollektive Beklagen ist, kommt es schnell zu einem Tunnelblick. Ein Grund, warum ich den Hashtag #authentische Mutterschaft nur verhalten feiere. Zumindest dann, wenn es nicht einfach ein ehrlicher Blick auf die Schattenseiten ist, sondern jede entspannte Mutter der Scheinheiligkeit oder der Naivität bezichtigt wird.
Wenn das Jammern dazu führt, dass unsere Aufmerksamkeit nur noch auf der Belastung liegt und wir das Schöne dabei verpassen, ist das genauso wenig hilfreich wie toxische Positivität. Alles schön zu reden, hilft nicht, alles schlecht zu reden, genauso wenig, frisst aber bei uns und unserem Gegenüber gleichzeitig auch noch Energie.
Und wie geht das achtsame Jammern als goldene Mitte?
Erst mal innehalten und sich selbst und anderen zuhören. Wie sehr konzentriere ich mich auf meine Jammergründe? Will ich überhaupt was ändern oder nur Dampf ablassen? Wie oft habe ich in Gesprächen das Gefühl, der Seelenmülleimer für mein Gegenüber zu sein? Lasse ich mich permanent zutexten? Wer kennt nicht die Leute, die einem eine halbe Stunde erzählen, wie schlecht es ihnen geht, die aber sofort einen dringenden Termin haben, sobald du deinen Kummer teilen möchtest?
Und wenn wir selbst gerade in einer Krise stecken, verlieren wir auch schnell mal das Maß. Ich habe mich jedenfalls öfter mal im Jammertunnel verloren und war dankbar für einen (freundlichen) Tritt in den Hintern, der mir geholfen hat, die Perspektive zu wechseln.
Nach den wahren Bedürfnissen schauen
Manchmal jammern wir tatsächlich übermäßig, weil wir es vielleicht einfach schon als Kind gelernt haben, immer das Haar in der Suppe zu suchen. Allein die eigene Sozialisierung zu hinterfragen, kann helfen. Auch, wenn wir zu denen gehören, die selbst mit dem Kopf unterm Arm noch behaupten, alles laufe entspannt.
Aber was will ich wirklich, wenn ich jammere? (Damit ist nicht gemeint, Missstände klar zu benennen.) Dazugehören? Wer in einer Krabbelgruppe erzählt, dass sein Kind zehn Stunden durchschläft, immer gut gelaunt ist und den selbstgemachten Pastinakenbrei verspeist, als wäre es Schokoladenpudding, läuft Gefahr ausgeschlossen oder zumindest skeptisch beäugt zu werden.
Besonders kurios ist in diesem Zusammenhang die Angewohnheit, zu jammern, um andere nicht neidisch zu machen. Dabei kann man noch so viel von der schwierigen Geburt, den wunden Brustwarzen oder der fehlenden Zweisamkeit erzählen, wer sich (vergeblich) ein Kind wünscht, wird bei allem Gejammer nicht denken, cool, das bleibt mir erspart. Aufrichtiges Zuhören und sich mit der Schilderung des eigenen Glücks etwas zurückzunehmen, kann der Beziehung in solchen Situationen guttun. Sich für den anderen mitfreuen, auch wenn einem selbst das Glück im selben Bereich versagt bleibt, ebenso.
Auch der Wunsch nach Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Hilfe kann uns zum Jammern bewegen, gerne in Form von Vorwürfen. „Immer mache ich alles alleine.“ „Niemand hat es so schwer wie ich.“ Meistens ändert das wenig und es ist mit Sicherheit nicht unser Job, unser (erwachsenes) Umfeld zu erziehen, aber eine klare Kommunikation liegt schon in unserer Verantwortung.
Wenn du das Gejammer nicht mehr hören kannst…
Bei mir hat ein Gespräch, in dem ich das Gefühl hatte, meine Gesprächspartner fokussiere sich auf ungesunde Weise auf die Probleme in seinem Leben, den Wunsch ausgelöst, dem Thema tiefer auf den Grund zu gehen. Schließlich bin ich auch nicht frei von Jammerlappenmomenten und gleichzeitig habe ich für mich schon lange erkannt, welche große Wirkung unser Denken und Sprechen auf unser Leben hat. Unser Gehirn versucht permanent, unsere (Vor)urteile zu bestätigen und weniger Drama im Denken und Sprechen sorgt automatisch für weniger Jammergründe.
Keine Sorge, ab und zu gepflegt auskotzen, kann heilsam sein, aber (gemeinsam) Jammergründe beseitigen und den Fokus auf das zu lenken, was gut läuft, macht das Leben schöner und ist effektiver. Und über Dinge zu jammern, die wir entweder nicht ändern können oder wollen, ist sowieso Zeitverschwendung.
Und wenn ich rückblickend auf die besonders herausfordernden Momente mit fünf Kindern in einer Spanne von elf Jahren schaue, hat das Jammern noch nie eine Situation wirklich verbessert, Humor, Gelassenheit, klare Kommunikation und erstmal durchatmen, dagegen schon. Nicht immer einfach, aber zum Glück habe ich erst gar nicht versucht, es perfekt hinzubekommen. Achtsam jammern reicht.
In diesem Sinne wünsche ich dir ganz viel Zuversicht, Gelassenheit, wo es nötig ist, Abgrenzung und möglichst wenig Jammergründe.
Deine Daniela
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Psychotest und Online-Jammerfasten
Falls du früher auch so gerne Psychotests in Zeitschriften ausgefüllt hast, hast du bestimmt Spaß am Jammertypentest. Und für noch mehr Input und Austausch gibt es ab dem 4. Mai 2026 das gemeinsame Online-Jammerfasten: Fünf knackige Zoomtermine von 45 Minuten mit den Autorinnen am:
4.5., 11.5., 25.5., 1.6. und 8.6. um 19.00 (immer montags), optional weiterer Austausch in geschlossener FB-Gruppe. Hier geht es zur Anmeldung (Bitte auch im Spamordner schauen oder Daniela direkt anschreiben autorin@danielanagel-marieadams.de, falls es nicht direkt klappt.)

4 comments
Danke für diese Sichtweise!
Manchmal könnte man als nicht jammernde Mama das Gefühl bekommen, das etwas schief läuft…
In Sachen Gelassenheit, Humor und Abwägung der Risiken (es muss nicht alles perfekt laufen) sollten wir uns wohl eine Scheibe vom den früheren Generationen abschneiden…
Ich sehe das auch eher so wie die andere S. Ich hatte auch mal zwei winzige Kinder im 2-Jahresabstand und das war nicht immer witzig und oft hätte ich heulen können, weil ich einfach nur meine Ruhe haben wollte!!! Und ja, man kann nicht immer alles vorher wissen und vorausplanen – aber zwei Kinder kriegen und dann hauptberuflich darüber jammern (oder reden) wie superanstrengend und fordernd und krass und übel das alles ist – das geht mir auch zunehmend auf die Nerven.
Vor allem, weil ich auch häufig wahrnehme, dass viele Probleme hausgemacht sind bzw. daraus resultieren, dass man die Kinder nicht abgeben will (die Oma darf das Baby im Krankenhaus nicht auf den Arm nehmen?!) oder denkt, man muss alles (inkl. ausgestochener Pausenbrote) für die Kinder tun. Ein bisschen mehr einfach Familie sein und zusammen vor sich hinwurschteln würde da meiner Meinung nach Wunder wirken 🙂
Und was auch hilft, ist sich eben bewusst machen, dass es ein riesiges, riesiges Glück ist, Kinder bekommen zu können und im 21. Jahrhundert in Deutschland zu leben. Das ist so ein 6er im Lotto, dass sich Jammern eigentlich schon von selbst verbietet.
Obwohl Lisa natürlich recht hat, ab und an ordentlich rumzujammern tut schon mal gut 🙂
P.S.: sorry für die verbuchselte Grammatik: das Zurschaustellen
Vielen Dank für den Artikel.
Ich nehme das schon lange so wahr und finde das Zurschaustellung dieses Müttermärtyrertums, das für meine Begriffe Opferrollen zementiert und in dieser Ausprägung den Fokus falsch setzt, auch gesamtgesellschaftlich schädlich für Frauen ist. Wer soll uns bei der Außenwahrnehmung denn ernst nehmen?