Ihr Lieben, was können wir als Eltern tun, wenn die Welt gefühlt immer chaotischer wird? Wie können Mütter und Väter Mut an die nächste Generation vermitteln? Natalie Klüver hat mit „Sei mutig, gerade jetzt“ einen kraftvollen Appell an Mütter geschrieben, die ihren Töchtern eine bessere Zukunft ermöglichen und führt auf, was Frauen in schwierigen Zeiten stärkt.
In elf emotionalen Briefen schreibt Nathalie Klüver an ihre, deine, unsere Töchter. Sie teilt, was viele Eltern empfinden: Angst und Wut angesichts der Krisen unserer Zeit – aber auch Hoffnung und Stärke. Ihr neues Buch übersetzt das Weltgeschehen ins Persönliche, verbindet Fakten mit gesellschaftlicher Analyse und gibt konkrete Impulse für den Alltag. Zum Beispiel, wie aus weiblicher Wut Zuversicht werden kann – und wie wir unseren Kindern eine starke Haltung mit auf den Weg geben.
Es ist keine Jammern über den Zustand der Welt, sondern ein Aufbruch, um zu zeigen, was wir unseren Töchtern an Mut mit auf den Weg geben können. Neben den Briefen an ihre Tochter, ordnen Klüver ein, ehrlich und emotional, aktuell und relevant. Mit Fakten, historischer Einordnungen, aktuellen psychologischen Studien und Umsetzungstipps. Inspirierend und stärkend für alle, die Zukunft schenken wollen. Wir dürfen an dieser Stelle ihren Mutter-Tochter-Brief zum Thema Wut veröffentlichen.
Sei mutig, gerade jetzt!
Meine liebe J.,
ich gebe es zu: Deine Wut stellt mich manchmal vor große Herausforderungen. Wenn sie aus dir rausplatzt, der große Zorn, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. An manchen Tagen ist sie fast wie ein Vulkan, ein Gefühlssturm, der auch mich emotional mitnimmt und mitunter hilflos werden lässt. Wenn du schreist und weinst, du all deine Gefühle rauslässt, dann muss ich bisweilen tief durchatmen, mich selbst sammeln. Dabei weiß ich, dass es gut ist, die Wut rauszulassen. Sie zu spüren, statt die Zähne zusammenzubeißen und die Aggressionen nach innen zu richten.
Daher hoffe ich, du kannst dir deine Wut bewahren. Ich hoffe, du erlaubst dir, auch wenn du größer bist, wütend zu sein und dieses Gefühl zuzulassen. Mach nicht den gleichen Fehler wie ich.
Ich habe nämlich gelernt, meine Wut zu unterdrücken. Sie in Traurigkeit umzuwandeln, oder in Wut auf mich selbst, die ich still in mich hineinfresse. Bis das Fass voll ist, und die Tränen rollen und nicht mehr aufhören. Oder aber ich werde zur passiv-aggressiven Zicke, die diese Masche so lange durchzieht, bis das Gegenüber (meist muss es dein Stiefpapa ausbaden) die Geduld verliert und auf mich wütend wird. Das Muster dahinter ist folgendes: Ich mache ihn so wütend, bis er mich wütend macht und ich endlich meine eigentlichen Gefühle rauslassen kann.
Hört sich kompliziert und furchtbar umständlich an? Ist es auch, das kannst du mir glauben. Es kostet unglaublich viel Kraft. Und die Nerven aller Beteiligten. Zum Nachahmen nicht empfohlen, soviel ist klar.
Du fragst dich, warum ich es mir nicht einfach direkt gestatte, wütend zu sein? Aus Angst, nicht zu gefallen oder mein Gegenüber zu verärgern. Das ist es doch nicht wert, dafür jetzt die gute Stimmung zu verderben, denke ich dann.
Oder ich habe die Befürchtung, die anderen könnten mich für zickig oder kompliziert halten. Und wer will schon zickig und kompliziert sein?! Also schlucke ich meine Gefühle runter. Aber Gefühle unterdrücken zu wollen, ist ziemlich sinnlos. Denn dann brechen sie sich irgendwann mit voller Wucht Bahn und lassen sich nicht mehr kontrollieren. Und schon gar nicht in konstruktive Bahnen lenken. Es ist wie beim Nudelkochen: Wenn du nicht ab und zu den Deckel anhebst und den Dampf ablässt, kocht alles über und du musst danach den ganzen Herd putzen.
Früher war ich nicht so. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in der fünften Klasse meinem nervigen Sitznachbarn im Biounterricht eine Ohrfeige gegeben habe, weil er einfach nicht aufhören wollte zu reden, und ich die Lehrerin nicht verstehen konnte. Die jedoch fand weder meine Begründung noch die Ohrfeige gut und gab mir eine Strafarbeit auf. Okay, das mit der Ohrfeige war vielleicht echt nicht in Ordnung. Doch das war eines der letzten Male, wo ich in der Öffentlichkeit meine Wut zum Ausdruck gebracht habe. Ich habe gelernt: Wütende Frauen gelten als zickig. Und zickig sein ist nichts Erstrebenswertes.
Das Ausflippen reserviere ich mir daher für die wirklich extremen Breakdowns – die dann manchmal auch von einer Nichtigkeit, dem berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ausgelöst werden. Dann drehe ich so richtig durch und es gibt kein Halten mehr.
Ausflippen kannst du auch echt gut. Das ist vielleicht das, woran wir beide noch arbeiten müssen: Unsere Wut stattdessen in etwas Produktives umzuwandeln, sie auf eine „sozial angemessene Art und Weise“ zum Ausdruck bringen. Aber ich bin optimistisch, dass wir das hinbekommen. Was ich jedoch auf keinen Fall möchte, ist, dass du deine Wut unterdrückst. Dass du sie ignorierst. Oder sie, so wie ich die meiste Zeit, in Traurigkeit umwandelst. Verlerne nie, deine Wut zu spüren und die Gründe für deine Wut anzusprechen.
Meine liebe J., du darfst wütend sein. Du darfst unbequem sein. Denn Wut zeigt dir, was wichtig für dich ist. Wut ist ein Signal, dass etwas schiefläuft. Dass es eine Ungerechtigkeit gibt. Oder dass eines deiner Bedürfnisse missachtet wird. Wut ist eine Art inneres Feuer: Wenn du lernst, damit umzugehen, kann dich dieses Feuer wärmen – und dir Energie geben, die Dinge zu ändern, über die du dich ärgerst.
Es gibt viele Gründe, wütend zu sein. Private Gründe, aber auch gesellschaftliche. Du kannst Grenzen ziehen, dazu werde ich dir an anderer Stelle noch mehr erzählen. Wenn du wütend bist über Ungerechtigkeiten oder Missstände in der Welt – und glaube mir, davon gibt es leider mehr als genug –, dann ist deine Wut der Motor für Veränderung. Es gibt keine Revolutionen ohne Wut. Den Frust, die Ungerechtigkeit in Worte zu fassen und die Wut darüber laut auszusprechen ist der erste Schritt, um die Dinge zu verändern.
Und weißt du was, meine liebe J.? Wut ist nicht nur ein Signal, sie kann auch eine Kraftquelle sein. Du kennst das selbst, diese Stärke, die du auf einmal in einem Wutanfall hast, oder? Wenn du mühelos Dinge durch die Gegend wirfst, die du sonst kaum hochheben könntest? Diese Energie kannst du statt zum Zerstören oder Herumwerfen dazu nutzen, deine Grenzen klar zu setzen, auf eine friedliche Art und Weise.
Aber du brauchst dabei nicht weniger wütend zu sein! Nur: sozial verträglich. (Die Ohrfeige für meinen Sitznachbarn in der fünften Klasse war das nicht unbedingt.) Wut kann uns helfen, klar zu sehen, was wirklich wichtig ist. Vorausgesetzt, wir sind nicht blind vor Wut. Wut, die gefühlt und gelebt wird, verliert ihre zerstörerische Kraft und öffnet den Weg für Neues.
Für dich, mein Schatz, heißt das zum Beispiel: Wenn du so in Rage bist, dass du Lust hast, etwas kaputt zu machen, dann halte kurz inne und atme ein und aus. Und dann boxe meinetwegen in ein Kissen, aber nicht in den Bauch deines Bruders. Überlege, wie du diese Kraft, die die Wut in dir auslöst, in etwas anderes umwandeln kannst. Vielleicht in ein Bild oder eine Geschichte? In ein Musikstück? Setz dich ans Klavier und haue richtig laut in die Tasten oder nimm deine Stifte und male wild drauf los. Lass die Wut raus, indem du sie in etwas Kreatives, Neues umformst.
Und lass dir nicht einreden, dass Frauen immer sanftmütig zu sein haben wie die Prinzessinnen in den Märchen, zum Beispiel wie Aschenputtel, das all die Demütigungen ihrer Stiefmutter und Schwestern klaglos erträgt. Ich habe diese Märchen nie gemocht, denn das, was sie einem übers Mädchensein erzählen, ist nicht das, was ich für mein Leben wollte. Die Rollenbilder dieser Märchen wollen uns weismachen, dass wir nicht aufbegehren dürfen, brav und bescheiden sein sollen und dass dann der Prinz kommt, der uns erwählt und glücklich macht.
Es sind alte Geschichten, die man uns Frauen seit Jahrhunderten erzählt, um uns klein zu halten. Meistens haben Männer sie sich ausgedacht. Es ist Zeit, mit diesen überkommenen Idealen aufzuräumen und selbstbewusst für unsere Bedürfnisse, unsere Rechte und Gerechtigkeit einzustehen. Auch wenn das bedeutet, dass wir mal so richtig doll wütend werden. Wir sind nicht dafür zuständig, dass es allen gut geht und schon gar nicht müssen wir immer lieb und nett sein. Denk dran: Nicht jede Wut muss explodieren, aber keine darf ersticken.
In Liebe,
deine Mama

1 comment
Natalie Klüver ist immer lesenswert!!! Der Brief spricht mich sehr an. Ich erinnere mich auch gern an ihren Blog zurück. Alles Gute für Dich, Natalie!