Hochsensibles Kind: Wie Bens großer Bruder alles veränderte

Hochsensibles Kind

Ihr Lieben, Yasmina Al Hahbare ist nicht nur vierfache Mutter, sondern auch Familienberaterin und Gründerin des Elterncoachings Lotus Principle (bei Insta findet ihr sie hier). In ihrer Arbeit begleitet sie Familien rund um emotionale Entwicklung, Hochsensibilität und Verbindung im Familienalltag. Uns hat sie eine persönliche Kolumne über ihr hochsensibles Kind, Schuld und bedingungslose Geschwisterliebe geschrieben.

„Es war wieder einer dieser Tage. Einer dieser Tage, an denen ich einfach nur noch erschöpft war. Wieder allein mit zwei kleinen Kindern, zwei und vier Jahre alt, hochschwanger und vollkommen am Limit. Dave kam nicht nach Hause, die Arbeit ließ ihn
nicht gehen, und ich saß da – an unserem Küchentisch, fix und fertig und innerlich längst zusammengebrochen.

Hochsensibles Kind: „Ich wusste das ja bislang nicht“!

Mein Sohn, damals zwei Jahre alt, ist hochsensibel. Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Ich wusste nur: Er war anders. Fordernd. Laut. Schnell überreizt. Nichts passte ihm. Kleidung störte ihn, Geräusche waren zu viel, Kleinigkeiten konnten ihn vollkommen aus der Bahn werfen. Er weinte viel, schrie viel und geriet unglaublich schnell in Rage. Oft verstand ich nicht einmal warum.

Und egal, wie viel Mühe ich mir gab — es schien nie richtig zu sein. Heute weiß ich: Er wusste selbst oft nicht, was ihm guttat. Aber damals stand ich monatelang vor einem Kind, das emotional permanent am Limit war, und versuchte irgendwie, es durch jeden Wutanfall, jede Trauerphase und jede Krise zu begleiten. Manchmal konnte das einen ganzen Tag füllen.

Der große Bruder wächst über sich hinaus

Hochsensibles Kind

Und dann war da noch mein großer Sohn. Vier Jahre alt. Voller Geduld und Mitgefühl. Einer, der viel zu oft körperlich einstecken musste, weil Ben nicht wusste, wohin mit all seinen Gefühlen. Matchboxautos flogen durch die Gegend, Türen knallten, Hände
schubsten. Und je mehr ich versuchte, dieses Verhalten zu unterbinden, desto deutlicher wurde mir eines: Ich konnte das nicht.

Es gab Momente, in denen ich wirklich dachte, ich schaffe das nicht. Und manchmal dachte ich sogar, dass ich mein eigenes Kind nicht mehr lieben kann. Nicht, weil ich es nicht wollte — sondern weil die Verbindung zwischen uns unter all den Kämpfen langsam verloren ging. Mit jeder Auseinandersetzung verschwand ein weiteres Stück davon. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher als genau diese Verbindung zurück.

Der Druck von außen wurde immer größer

Doch auch außerhalb unserer vier Wände wurde der Druck immer größer. Mit ihm durch die Stadt zu gehen, war ein Walk of Shame. Irgendwann kannte man uns. Seine lauten Wutanfälle. Mein verzweifeltes Versuchen, die Situation irgendwie zu halten.
Ich lief nur noch mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Familienmitglieder kritisierten meinen „Erziehungsstil“. Natürlich galt die Kritik immer mir. Egal, wo wir waren — das Leben schien für Ben einfach zu viel zu sein. Und ich war dafür einfach zu wenig.

Und dann kam dieser eine Tag.

Nachdem Ben wieder auf seinen großen Bruder losgegangen war und Matchboxautos nach ihm geworfen hatte, versorgte ich erst den Großen, sah dem Kleinen hinterher, wie er sich voller Scham in seinem Zimmer einschloss, und setzte mich schließlich an den Tisch. Ich vergrub meinen Kopf in meinen Händen und fing bitterlich an zu weinen.

Dann hörte ich mich plötzlich fragen: „Sam, wieso spielst du eigentlich immer wieder mit Ben? Wie schaffst du das?“ Kein Glanzmoment meiner Mama-Karriere. Sam saß einfach nur da, schaute mich mit seinen kleinen vier Jahren an und sagte mit
ruhiger Stimme: „Mama, Ben ist eben wie Ben ist.“

Ich hörte sofort auf zu weinen.

„Ich mag Ben“: Keine Bewertung, keine Wut, kein Augenrollen

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Keine Bewertung. Keine Wut. Kein genervtes Augenrollen. Kein Versuch, seinen Bruder verändern zu wollen. Einfach nur Akzeptanz. Er stand auf, ging Richtung Kinderzimmer und sagte noch: „Ich mag Ben.“ Kurz darauf hörte ich die beiden wieder spielen. Und plötzlich war da Ruhe. Nicht im Raum. Aber in meinem Kopf.

Bis heute glaube ich, dass das einer der wichtigsten Sätze meines gesamten Mamalebens war. Es fühlte sich an, als würde mit einem Schlag all der Druck verschwinden. All die Stimmen. All die Erwartungen. All die Schuld. Denn ja — der Weg mit einem hochsensiblen Kind ist nicht immer leicht. Aber wenn wir ehrlich sind: Welcher Weg mit Kindern ist das schon?

„Ben ist eben wie Ben ist.“

Jeder Mensch ist so individuell wie das Leben selbst. Und für Ben? War dieser Satz vermutlich eines der größten Liebesgeschenke seines Lebens — ohne dass er jemals wusste, wie viel er verändert hat. Denn ab diesem Moment kämpfte ich nicht mehr gegen mein Kind.

Ich marschierte Seite an Seite mit ihm im Gleichschritt durch die Front. Heute begegnen mir in meiner Arbeit als Familienberaterin viele Eltern, die genau an diesem Punkt stehen. Eltern, die müde sind. Überfordert. Die ihr Kind über alles lieben und trotzdem manchmal nicht mehr weiterwissen.

Und jedes Mal denke ich an diesen einen Satz zurück: „Ben ist eben wie Ben ist.““

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2 comments

  1. Wie findet Ben es denn so, solche Dinge über sich mit vollem Namen im Internet zu lesen?

    Was sein großer Bruder gesagt hat, ist toll, besonders für einen 4jährigen!
    Die Zweifel, Sorgen und Ängste der Mutter finde ich total nachvollziehbar. Allerdings frage ich mich, was es mit einem Kind macht, wenn es im Internet liest, dass seine Mutter in dieser Zeit ihre Liebe zu ihm in Frage gestellt hat. Seine Freunde und alle anderen können es auch lesen. Stelle ich mir nicht so erbaulich vor…

  2. Der Satz deines großen Sohnes hat auch mich sehr bewegt, zumal ich auch gerade etwas mit meinem einen Sohn hadere. Dankeschön dafür❤️

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