Selektiver Mutismus: Was sich hinter dem Schweigen unseres Kindes verbirgt

Selektiver Mutismus

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Ihr Lieben, wir oft gucken wir uns nur vor die Stirn? Ein Kind, das in der Öffentlichkeit nicht redet, wird schnell als bockig oder schüchtern eingestuft, dabei kann es sich dabei auch um etwas anderes handeln: Selektiver Mutismus ist etwa keine freiwillige Zurückhaltung eines Kindes, sondern viel eher eine Blockade. Das Kind würde gern sprechen, kann aber nicht. Unsere Leserin gibt uns wertvolle Einblicke.

Du Liebe, deine 15jährige Tochter wurde mit selektivem Mutismus diagnostiziert, ab wann habt ihr gemerkt, dass euer Kind vielleicht anders ist als die anderen?

Der selektive Mutismus wurde bei unserer Tochter im Alter von ca. 4,5 Jahren diagnostiziert. Damals machten uns die Erzieherinnen im Kindergarten darauf aufmerksam, dass sie gar nicht mit ihnen spreche. Das hat uns zu diesem Zeitpunkt sehr überrascht. Denn zuhause war sie gar nicht schweigsam und eher eine kleine Entertainerin.

Und auch mit ihren Kindergarten-Freunden war die Kommunikation kein Problem. Tatsächlich war sie als kleines Kind eher mutiger und aufgeschlossener als unsere ältere Tochter, die schon immer sehr zurückhaltend und schüchtern war, aber nicht selektiv mutistisch ist.

Wie lang habt ihr gebraucht bis zur Diagnose – und war das dann eine Erleichterung für euch? 

Kinderbetreuung
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Ich hatte mich nach dem Gespräch im Kindergarten zunächst mal im Internet informiert und bin dort erstmals auf den Begriff „Selektiver Mutismus“ gestoßen. Die Beschreibungen passten gut auf unsere Tochter. Wenig später wurde dann tatsächlich selektiver Mutismus diagnostiziert, woraufhin wir auch zeitnah eine Therapie bei einer auf das Themengebiet spezialisierten Logopädin starten konnten.

Eine Erleichterung war die Diagnose anfangs nicht, da das Störungsbild leider sehr unbekannt ist und man in vielen Situationen in Erklärungsnöte gerät. Häufig stößt man auf wenig Verständnis, weil das Schweigen fälschlicherweise als extreme Schüchternheit oder auch einfach als Sturheit, Unhöflichkeit oder Sprechverweigerung fehlinterpretiert wird.

Dennoch war die Diagnose insofern gut, als wir frühzeitig eine Therapie angehen konnten. Grundsätzlich gilt: Je früher man mit der Therapie beginnt, umso eher kann der selektive Mutismus überwunden werden.

Einige Betroffene erleben ja so eine Art Versteinern oder ein Einfrieren in überfordernden Situationen, antworten auf Fragen wie „Welche Sauce willst du auf die Pasta?“ mit „Egal“ oder haben Schwierigkeiten Konversationen zu initiieren (begrüßen, verabschieden etc.). Wie genau äußert sich der selektive Mutismus bei eurer Tochter?

Das sogenannte „Freezing“ gab es bei unserer Tochter eigentlich nie in der Form. In den letzten Jahren hat sie insgesamt auch große Fortschritte gemacht. Inzwischen ist sie so weit, dass sie in den meisten Situationen, auf Fragen antworten kann – wenn auch häufig eher kurz und knapp.

Was ihr immer noch große Probleme bereitet, ist tatsächlich das Treffen von Entscheidungen – vor allem bei offenen Fragestellungen, bei denen keine Antwortoptionen vorgegeben sind. Hier besteht dann immer große Unsicherheit, welche Art von Antwort das Gegenüber erwartet.

Deshalb sind geschlossene Fragen oder Auswahlfragen deutlich einfacher. Statt „Welche Sauce willst du auf die Pasta?“ würde ich also eher fragen: „Möchtest du Tomatensauce oder Spinatsauce auf die Pasta?“ – wobei ich schon weiß, dass meine Tochter Spinat gar nicht mag 😉

Höflichkeitsfloskeln zur Begrüßung und Verabschiedung, aber auch Worte wie „Bitte“ und „Danke“ sind für Mutisten mit einer hohen Erwartungshaltung bzw. starkem Sprechdruck verbunden. Das führt zu einem erhöhten Stresslevel und enormer innerer Anspannung, was das Sprechen dann oft unmöglich macht.

Das war bei unserer Tochter auch lange Zeit so, inzwischen es in den meisten Situationen aber besser. Das Initiieren und Aufrechterhalten von Konversation sowie der typische „Small Talk“ fiel und fällt ihr bis heute noch sehr schwer, da sie es jahrelang auch gar nicht üben konnte und ihr dadurch wichtige soziale Erfahrungen fehlen.

Selektiver Mutismus entsteht ja in den meisten Fällen in der Kindheit, konntet ihr ergründen, was die Auslöser bei eurer Tochter gewesen sein könnten?

Beim selektiven Mutismus gibt es sehr häufig eine genetische Komponente in Form von eher gehemmtem Temperament oder starker Schüchternheit, was bei uns tatsächlich auch in der Familie liegt.

Ich selbst war als Kind auch sehr zurückhaltend und eher schweigsam außerhalb des Familien- und Freundeskreises. Das gilt auch für unsere ältere Tochter. Es muss also nicht unbedingt einen „Auslöser“ im Sinne einer vielleicht traumatisierenden Situation geben, sondern es ist häufig eher eine Entwicklung von (teils genetisch beeinflussten) ungünstigen Verhaltensweisen, die sich durch aufrechterhaltende Faktoren verstärkt und verfestigt.

Hier wäre zum Beispiel das Vermeiden von vermeintlich schwierigen Situationen zu nennen oder auch das stellvertretende Sprechen für das Kind, was ich mir tatsächlich sehr mühevoll wieder abgewöhnen musste. 

Der selektive Mutismus ist ja bekannt dafür, dass die Betroffenen mit einzelnen Personen sprechen können, mit anderen aber nicht. Da fehlt nicht das Wollen, sondern es ist wie eine Blockade. Mit welchen Personen spricht euer Kind? 

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Das „Wollen“ war tatsächlich immer da. Unsere Tochter hat häufig den Wunsch geäußert, mit allen Menschen und in allen Situationen sprechen zu können. Lange Zeit hat sie nur mit Familienmitgliedern und mit ihren engeren Freunden gesprochen.

Zu Beginn der Corona-Zeit (damals war sie knapp 9 Jahre alt) gab es dann leider einen großen „Einbruch“ – nicht nur, was die Kommunikationsfähigkeit anging, sondern auch im Hinblick auf die allgemeine psychische Situation.

Hierfür war neben den fehlenden Sozialkontakten vor allem der plötzliche Wegfall ihrer geliebten sportlichen Aktivitäten ein entscheidender Faktor. Sie sprach eine Zeitlang nur noch mit uns Eltern und ihrer Schwester, aber nicht mehr mit Freunden oder den Großeltern.

Insgesamt war sie in dieser Zeit sehr zurückgezogen und antriebslos, wirkte sehr unglücklich und zeigte regelrecht depressive Tendenzen. Nach sorgfältigem Abwägen haben wir dann letztlich entschieden, sie mit Unterstützung eines angstlösenden Medikaments und begleitender Psychotherapie aus diesem psychischen Loch zu holen.

Wenige Wochen später sprach sie plötzlich wieder mit den Großeltern und fing sogar an, fremde Menschen auf der Straße zu grüßen. Den entscheidenden Durchbruch gab es dann kurz darauf durch eine vierwöchige Reha-Maßnahme in einer spezialisierten Klinik, in der sie an verschiedenen Einzel- und Gruppentherapien teilnahm. 

Wie klappt es mit deiner Tochter in der Schule? Sprecht ihr offen mit den Lehrkräften? Hat sie einen Freundeskreis? 

Schule war für unsere Tochter immer ein sehr schwieriges Feld. Gegenüber den Lehrkräften haben wir die Diagnose und die damit verbundenen Schwierigkeiten sehr offen und transparent angesprochen und haben hier bisher auch viel Unterstützung erfahren.

Gegen Ende der Grundschulzeit konnte sie ein wenig mit der Klassenlehrerin sprechen, allerdings nur vorher eingeübte Floskeln und auch nicht vor der ganzen Klasse. Auf der weiterführenden Schule hat sie nach der vierwöchigen Reha eigentlich gute Fortschritte gemacht und sogar einige Male etwas vor der Klasse sagen können.

In den letzten zwei Jahren ist das Schulumfeld, vermutlich auch durch den Eintritt in die Pubertätsphase bedingt, für sie aber wieder deutlich belastender geworden und das Sprechen in der Schule hat einfach gar nicht mehr geklappt.

Die größte Sorge unserer Tochter war immer die Reaktion der anderen auf ihr Sprechen: „Das ist doch komisch, wenn ich jetzt plötzlich anfange zu sprechen.“ Auf gar keinen Fall wollte sie dadurch auffallen oder in den Mittelpunkt gerückt werden. Auch hatte sie das Gefühl, dass ihre Stimme „komisch“ klingt. 

Generell ist es beim selektiven Mutismus häufig so, dass bestimmte Orte, Situationen oder Personen mit dem Schweigen assoziiert sind. Um aus dem Schweigen auszubrechen, hilft dann unter Umständen nur ein kompletter Neuanfang in unbelasteter Umgebung, den sie sowohl im Sportverein als nun auch in Sachen Schule gewählt hat.

Vor kurzem ist sie auf eigenen Wunsch auf eine andere Schule gewechselt, da die Situation an der bisherigen Schule einfach komplett festgefahren war und sie dort keine Chance gesehen hat, wieder zum Sprechen zu finden.

Den Neuanfang an der jetzigen Schule hat sie bisher gut gemeistert: Sie konnte von Anfang an mit den Mitschülern und auch mit den Lehrkräften sprechen. Sie kann auf Aufforderung auch vor der Klasse etwas sagen. Nur das selbstständige Melden im Unterricht fällt ihr noch sehr, sehr schwer. Aber in dieser Hinsicht konnte sie in den letzten Jahren einfach auch keinerlei Routine sammeln.

Einen Freundeskreis hat sie aktuell leider nicht. Sie hat Kontakte im Fußballverein, mit denen sie sich aber nicht außerhalb des Trainings trifft. Die fehlende Sprechroutine der letzten Jahre und die damit verbundene Unsicherheit macht sich natürlich auch beim Kontaktaufbau zu Gleichaltrigen deutlich bemerkbar. 

Wie geht es dir als Mutter damit, dass dein Kind so viel schweigt und dass ihm dadurch vielleicht auch Nachteile entstehen?

Bergisches Land

Es ist schwer mit anzusehen, wenn das eigene Kind nicht so kann, wie es gerne möchte, und ihm dadurch viele Gelegenheiten und schöne Erlebnisse entgehen. Natürlich wünscht man sich für sein Kind, dass es glücklich ist und sein volles Potential entfalten kann – und nicht hinter einer Mauer des Schweigens feststeckt.

Automatisch übernimmt man, gerade im jungen Altern, viele Dinge und häufig auch das Sprechen für das Kind, wodurch ihm aber auch wichtige Chancen und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit entgehen. Das musste ich mit den Jahren lernen, dass ich auch wieder Verantwortung an meine Tochter abgeben muss und nicht alles für sie regeln sollte. 

Du hattest gerade schon Therapien angedeutet, was bekommt eure Tochter da genau für Hilfen? 

Sie hat mehrere Jahre Logopädie gemacht (spezialisiert auf Mutismus) und war auch einige Jahre in psychotherapeutischer Behandlung. Die Kinder-Reha war auf jeden Fall sehr hilfreich – auch für mich als Mutter.

Als Begleitperson wurde man dort im Umgang mit dem Störungsbild eingehend geschult und hat hilfreiche Tipps erhalten, wie man sein Kind auf dem Weg zum Sprechen gut unterstützen kann.

Als unsere Tochter noch jünger war, hat sich der Einsatz von Belohnungsplänen als sehr wirkungsvoll herausgestellt, weil sie sich dadurch öfter an neue Herausforderungen herangetraut hat, die wir aber in Absprache mit der Therapeutin sehr kleinschrittig angebahnt haben.

Wenn der Wunsch größer wird als die Angst und durch kleine Erfolgserlebnisse immer mehr Mut wächst, können kleine, aber stetige Fortschritte erreicht werden. Aber dieser Weg ist auch von vielen Rückschlägen gepflastert, so dass es sehr wichtig ist, dem Kind immer wieder Zuversicht und Vertrauen zu vermitteln.

Aktuell macht sie keine Therapie mehr, wir halten aber weiterhin Kontakt zu ihrer ehemaligen Logopädin.

Außerhalb von ihrer Diagnose: Was ist deine Tochter für ein Mensch?

Bei uns zuhause ist sie ein sehr lustiger, in Anbetracht der kommunikativen Schwierigkeiten überraschend schlagfertiger und sprachgewandter Mensch, der uns schon immer zum Lachen und Staunen gebracht hat.

Ansonsten ist sie sportlich sehr talentiert und spielt leistungssportlich Fußball. Bewegung war für sie immer schon ein wichtiges Ausdruckselement, das ihr in vielen Situationen auch etwas mehr Lockerheit und Sicherheit gegeben hat.

Es ist einfach toll zu sehen, wie sie sich hier entfalten kann. Durch den Sport konnte sie trotz ihrer kommunikativen Schwierigkeiten Selbstvertrauen, mentale Stärke und Durchhaltevermögen aufbauen.

Sie ist jemand, der nicht unbedingt immer den leichten Weg geht, sondern auch Herausforderungen sucht, um sich weiterzuentwickeln. Daher trauen wir ihr auch absolut zu, dass es mit dem Sprechen bald noch besser klappt und sie auch ihren großen Traum verwirklichen kann, als Profifußballerin erfolgreich zu werden.

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3 comments

  1. Vielen, vielen Dank für den ehrlichen Beitrag!
    Unsere 10-jährige Tochter ist ebenfalls betroffen. Bei ihr ist das Thema Schule sehr schwierig, da der selektive Mutismus bei vielen Lehrkräften auf großes Unverständnis stößt und eine nonverbale Teilnahme am Unterricht nicht akzeptiert wird. Unsere Tochter spricht nicht mit Erwachsenen außerhalb der engen Familie. Mit Kindern jedoch schon und diese nutzt sie oft als „Sprachrohr“, um zum Beispiel Hilfe zu holen oder mitzuteilen, wenn sie etwas braucht. In welcher Reha-Klinik wart ihr? Von dieser Möglichkeit höre ich das erste Mal.

  2. Danke für den Artikel. Unsere Tochter ist 5 Jahre alt und das Diagnoseverfahren im
    SPZ läuft aktuell. Möglicherweise ist es auch selektiver Mutismus. Wir stehen schon seit einem Dreiviertel Jahr ohne großen Erfolg (2 Termine hatte sie jetzt arbeitet die Therapeutin dort nicht mehr) auf Wartelisten für Ergotherapie. Bis vor einem Monat wussten wir nicht, dass Logopädie das auch behandelt. Aber es ist ein unendlicher Kampf Hilfe zu bekommen und wir sind als Eltern oft ratlos. Und was das Schlimmste für mich ist, ist, dass das Kind oft nur als „Problemkind“ abgestempelt wird und gar nicht gesehen wird welche tollen Eigenschaften das Kind hat.

  3. Vielen Dank für den wertvollen Beitrag! Ich habe aktuell eine Schülerin mit der Diagnose in der Oberstufe, habe mich ein wenig eingelesen und freue mich über jeden noch so winzigen Erfolg. Zweimal hat sie es seit Schuljahresbeginn geschafft, sich mündlich zu beteiligen. Das erste Mal war eher ein „Versehen“, aber das zweite Mal sogar in einer kurzen Blitzlichtrunde. Sie war als letzte Schülerin an der Reihe und ich hatte bereits Sorge, dass das Setting für sie ausgesprochen ungünstig sein könnte. Nun erkenne ich aber durch die Ausführungen der Autorin, dass genau das evtl. hilfreich für sie war. Sie konnte die Schlagworte ihrer Mitschüler*innen hören und sich konkret überlegen, was sie sagen möchte. Außerdem schrieb sich mich zu Halbjahresbeginn mit einem eigenen Vorschlag an. Sie würde gerne eine Präsentation im Kurs halten. Zunächst war ich baff, aber als ich weiterlas verstand ich es: In Form eines Videos, das sie zuhause vorbereitet. Welch tolle Möglichkeit, die ich ihr natürlich ermöglichen möchte. 😃

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