Ihr Lieben, manchmal spült einem der Algorithmus etwas in die Timeline und man bleibt sofort darauf hängen. Genauso ging es mir mit Jonas (38), der als Papa mit Tics auf Instagram unterwegs ist. Papa mit Tics deshalb, weil Jonas zwei Söhne (2,5 Jahre und 8 Monate alt) und das Tourette Syndrom hat.
Was ich an Jonas Profil echt mega fand und finde, ist die Ehrlichkeit, mit der er über Müde Eltern, über Schlafmangel, Überforderung, Haushalts-Chaos und die fehlende ME-Time spricht. Alles keine ganz neuen Themen, aber Jonas bringt sie erfrischend und so authentisch rüber. „Kein Shame, nur support“ steht in seiner Instagram-Beschreibung. Toll, oder? Also folgt ihm unbedingt auf Instagram. Ich habe ihn per PN gefragt, ob er Lust auf ein Interview hätte – glücklicherweise hatte er das. Danke für das tolle Gespräch und gute Besserung (die ganze Family hat grad Corona…)!
Lieber Jonas, du hast zwei kleine Kinder, ihr seid gerade zwei sehr müde Eltern. Welche Umstellung war krasser: von 0 auf 1 oder von 1 auf 2?
Knifflige Frage, ich denke beide Umstellungen bringen völlig unterschiedliche Anforderungen mit sich. Bei der Geburt unseres ersten Kindes war es natürlich intensiver, weil so viel neues auf uns zukam. Der Wechsel von völliger Freiheit zu maximaler Verantwortung muss erstmal sortiert werden. Vor allem, weil wir weder eine Ahnung noch eine Vorstellung davon hatten, wie so ein Alltag mit Kind funktionieren soll.
Allerdings war ich schon nach der Geburt unseres ersten Kindes 2 Monate zuhause. Wir konnten unseren Alltag also gemeinsam auf null setzen und zusammen neu entwickeln. Wir waren Nachts mit dem Baby wach und haben tagsüber gemeinsam mit ihm Schlaf nachgeholt. Die Veränderung war zwar sehr groß, aber wir hatten auch viel Raum, uns darauf einzulassen.
Beim zweiten Kind waren die Voraussetzungen andere. Es gab zwar bereits einen strukturierten und etablierten Familienalltag, zu dem gehörte aber auch ein 1,9 Jahre altes Kind, das, entsprechend seiner altersgerechten Entwicklung, weder in der Lage war seine Bedürfnisse hinten anzustellen noch die immense Veränderung irgendwie zu kompensieren.
Da wir plötzlich zwei kleine Menschen hatten, die gleichzeitig lautstark Bedürfnisse geltend machten, war es unmöglich in der gleichen Intensität in die Babybubble abzutauchen wie nach der Geburt unseres ersten Kindes. Dadurch blieb kaum Zeit irgendwas in Ruhe zu verarbeiten oder sich auf die Veränderungen einzulassen. Ein Kind forderte unerbittlich seine gewohnte Struktur, während das andere genau diese permanent durcheinanderbrachte.
Wenn ich mich festlegen muss, würde ich sagen: Die Umstellung von 0 auf 1 war zwar größer, weil alles neu war, aber die Umstellung von 1 auf 2 war dafür deutlich intensiver, weil es kaum Auszeiten gab und ich viel mehr das Gefühl hatte, dass wir ständig nur versuchen nicht unterzugehen.
Was ist für dich die größte Überraschung im Bezug auf Elternschaft?
Die emotionale Achterbahn. Ich war schon immer eher der rationale Typ und in meinen Gefühlen eher gesettelt. Das konnte ich nun völlig über Board werfen. Das Pendeln zwischen Liebe, Angst, Überforderung, Müdigkeit, Wut und all den anderen Gefühlen in so kurzer Zeit brachte mich völlig aus meinem emotionalen Konzept. Ich hätte nie gedacht, dass meine Kinder mir am allermeisten zeigen werden, wo meine eigenen Unzulänglichkeiten liegen.
Wer sich zwischen Trotzphase, Schreianfällen und Schlafmangel so oft im Grenzbereich seiner Verfassung aufhält, wie Eltern von Kleinkindern, hat irgendwann nicht mehr ausreichend Kapazitäten seine eigenen baulichen Mängel zu kompensieren. Das hat für mich die Auseinandersetzung mit mir selbst auf ein gänzlich neues Niveau gehoben.
Dazu kommt, dass ich, wie man vom Namen meines Kanals ableiten kann, seit dem 11. Lebensjahr mit Tourette lebe. Einer neurologischen Erkrankung, die sich im Spektrum der Neurodivergenz bewegt und sensibel auf alles reagiert, was Einfluss auf mein Wohlbefinden hat. Ich habe in den Umgang mit meiner Erkrankung viel Arbeit gesteckt und es geschafft, mir dadurch viel Leidensdruck zu nehmen. Seit ich Kinder habe sind mein Stress- und Anforderungsniveau so hoch, dass meine Tics regelmäßig durch die Decke gehen.
Was sind gerade die Situationen im Alltag, die euch am meisten fordern?
Bei mir sind es ganz klar die Nächte. Tagsüber kann ich sehr viel kompensieren. Sei es auf emotionaler Ebene oder in Bezug auf Anforderungs- und Stressniveau. Aber sobald mein Kopf einmal das Kopfkissen berührt hat, fällt es mir wahnsinnig schwer, mich auf die Bedürfnisse der Kinder einzulassen. Nächtliche Wachphasen, unruhige Nächte und Schlafmangel sind für mich eine wahnsinnige Belastung.
Ich übernehme natürlich trotzdem auch nachts volle Verantwortung für unsere Kinder und schaffe es meistens auch angemessen zu reagieren, aber es kostet mich enorm viel Kraft und ich muss schon zugeben, dass meine Zündschnur nachts deutlich kürzer ist. Diese Situationen bespreche ich natürlich mit meinen Kindern und nutze sie, um zu erklären, dass auch Erwachsene manchmal überfordert sind. Ich finde es wichtig Kinder an diesen Prozessen teilhaben zu lassen, um ihnen eine gesunde Fehlerkultur mit auf den Weg zu geben.
Für meine Frau ist es aktuell am schwierigsten, dass so wenig Raum für sie selbst da ist. Bei unserem ersten Kind hat das Stillen nicht geklappt. Dadurch war ich viel näher dran. Durch die Stillbeziehung ist der Fokus unseres zweiten Kindes deutlich mehr auf ihr, auch wenn ich alles andere mit übernehme. Sie ist oft overtouched und möchte einfach mal wieder etwas anderes atmen als Mutterschaft. Der Wechsel unserer Elternzeit steht zum Glück kurz bevor, das wird ihr die Möglichkeit geben, wieder mehr sie selbst zu sein und mir nochmal mehr Raum mit unseren Kindern geben, worauf ich mich riesig freue!
Wie habt ihr euch die Care Arbeit im Alltag aufgeteilt?
Hinsichtlich der Elternzeit war ich nach beiden Geburten erstmal zwei Monate zuhause. Bei unserem ersten Kind war es meiner Frau sehr wichtig, zuhause zu bleiben, weshalb ich dann kürzer getreten bin und ihr das Gros an Elternzeit überlassen habe. Rückwirkend betrachtet war das für uns beide keine gute Entscheidung.
Meine Frau hat gemerkt, dass sie gerne früher wieder angefangen hätte zu arbeiten und mir hat die Zeit zuhause doch sehr gefehlt. Daher haben wir es diesmal anders geplant. Meine Frau war das erste halbe Jahr zuhause, ist aktuell mit wenigen Stunden in Elternzeit in Teilzeit und ab Januar gehe ich für 6 Monate in Elternzeit, worauf ich mich wirklich wahnsinnig freue!
Die Care Arbeit hatten wir schon immer 50/50 aufgeteilt. Ich kann nicht verstehen, wie sich immer noch so viele Väter ihrer Verantwortung entziehen können. Ich lese aus meiner Community so oft, dass sie sich mit billigen Ausreden wie „ich habe es nicht anders gelernt“ oder „du bist ja nach dem Stillen sowieso wach, dann kannst du auch die Windel wechseln“ aus der Affäre ziehen.
Für mich war schon immer klar, dass meine Frau mit Geburt und Stillbeziehung so viel auf sich nimmt, dass es meine Aufgabe ist, im Wochenbett alles andere zu übernehmen und im Nachgang daran eine gerechte Verteilung der einzig richtige Weg ist. Hierbei geht es übrigens nicht nur um Care Arbeit, sondern auch um die gerechte Verteilung von Mental Load. Sprich Arzttermine zu koordinieren, Geburtstage zu planen, Kleidung zu kaufen etc.
Gesellschaftlich sehen wir die Verantwortung immer noch viel zu viel bei den Müttern, was sich an den Anforderungen deutlich erkennen lässt. Um ein „guter Vater“ zu sein reicht es, das Kind im Kinderwagen zu schieben, in der Drogerie die Windel zu wechseln oder der Frau beim Stillen ein Glas Wasser zu reichen. Eine „gute Mutter“ hingegen muss mindestens nichts lieber tun als sich selbst völlig aufzugeben.
Du erzählst auf Insta ganz ehrlich auch von eurer Überforderung? Welches Feedback bekommst du darauf?
Das Feedback, das ich bekomme, ist größtenteils sehr positiv. Viele Eltern fühlen sich davon gesehen und verstanden. Social Media zeigt uns viel zu oft das perfekt inszenierte Leben der Anderen. Das führt dazu, dass wir uns schlecht, unzulänglich und der Aufgabe nicht gewachsen fühlen. Daher teile ich genau diese Momente der Überforderung und des Chaos, in der Hoffnung, Eltern mit einem unromantischen und authentischen Einblick in ein ehrliches Elternleben ein wenig Druck von den Schultern nehmen zu können.
Dem Feedback wohnt aber auch ein reflexives Momentum inne. Auch hier lässt sich erkennen, wie einfach es ist, als guter Vater angesehen zu werden. Wenn ich Videos teile, ich denen ich offen sage, dass ich gerade kein guter Vater war, weil ich beispielsweise bei der Einschlafbegleitung die Geduld verloren habe, bekomme ich viel Zuspruch. Die Menschen schreiben mir, dass allein die Tatsache, dass ich mir darüber Gedanken mache ,schon so viel über meine Verantwortung als Vater offenbart. Fast so, als müssten sie mich motivieren, nicht die Flinte ins Korn zu schmeißen.
Würde eine Mutter 1:1 meinen Content machen, bin ich mir sicher, dass sie deutlich mehr Kritik ausgesetzt wäre und genau daran müssen wir arbeiten!
Was würde euch als Familie sofort Entlastung bringen?
Engagierte Großeltern vor Ort. Alle sagen immer, dass es ein Kind braucht, um ein Dorf zu erziehen. Aber wer hat das heutzutage schon? Den meisten Eltern geht es wie uns, sie haben weder die Familie in der Nachbarschaft, noch ein Netzwerk, was anderweitig hilft, die Belastung zu tragen. Freunde, die keine Kinder haben, können oft die Anforderungen gar nicht nachvollziehen, was kein Vorwurf sein soll, mir wäre es da nicht anders ergangen.
Freunde, die Kinder haben, sind selbst meist in der Position, dass sie Entlastung brauchen, also auch nicht die richtige Anlaufstelle für Entlastung. Meine Mutter lebt leider 600km, die Eltern meiner Frau „nur“ 45 Autominuten entfernt. Ich denke, es ist natürlich in erster Linie unsere Aufgabe als Eltern den Alltag gewuppt zu kriegen, aber die Familienverhältnisse haben sich verändert, während die Anforderungen an Eltern gestiegen zu sein scheinen.
Das Kind ist so vielen vergleichenden Blicken ausgesetzt. Sei es bei der Krabbelgruppe oder in der Kita. Dein Kind zieht sich noch nicht hoch? Es hat noch eine Windel? Es spricht mit 3 noch kein Wirtschaftschinesisch?! Ich denke, es würde uns allen guttun, uns selbst ein wenig Druck zu nehmen. Darin liegt in jeder Überforderung immer eine gewisse Handlungsfähigkeit.
Nach was sehnst du dich gerade? Und nach was deine Frau?
Ich denke ich spreche für uns beide, wenn ich sage: Nach Zeit für uns selbst. Wir geben beide gerne dem anderen die Möglichkeit dazu, Me-Time für uns einzufordern fällt uns aber sehr schwer. Weil sie immer an das schlechte Gewissen gekoppelt, ist dem Anderen in seiner Überlastung noch mehr zur Last zu legen. Ich spreche auch nicht von besonderen Events oder einer Woche im All-Inclusive Hotel, ein ruhiges Wochenende allein zuhause wäre das Paradies auf Erden.
Wie anders lebt ihr als Familie als die Familie in der du aufgewachsen bist?
Das kommt auf die Perspektive an. Meine Eltern hatten eine sehr klassische Rollenverteilung. Mein Vater hat viel gearbeitet und am Wochenende war er oft unterwegs. Ich habe wenig Erinnerungen an ihn. Meine Mutter hat uns eine sorglose Kindheit beschert. Sie war immer für uns da und hat die Abwesenheit meines Vaters kompensiert. Seit ich eigene Kinder habe weiß ich, welche Opfer damit einhergehen.
Ich möchte für meine Kinder präsenter sein als mein Vater es für mich war. Ich möchte an ihrer Kindheit teilhaben und ich möchte, dass sie wissen, dass ich für sie da bin. Nicht als Versorger, sondern als Vater. Ich versuche also den sorglosen und behüteten Teil meiner Kindheit an meine Kinder weiterzugeben, während ich gleichzeitig meine Vaterrolle anders definiere. Immerhin ist es auch meine Verantwortung die nächste Generation Männer großzuziehen und da ist mein Anspruch ganz klar, ihnen vorzuleben, dass ein Mann Verantwortung in Punkto Care Arbeit übernimmt, emotional nahbar ist und zu seinen Schwächen steht.
Was war der letzte richtig richtig schöne Moment mit den Kids?
Ich versuche den Fokus nicht so sehr auf die großen Momente zu legen. Natürlich sind es die Sonderbonbons des Lebens, die uns in Erinnerung bleiben, aber genau deswegen möchte ich gerne versuchen, mir die kleinen Wunder vor Augen zu führen. Ich habe Bekannte, die lange in Kinderwunschbehandlung waren und es dann trotzdem nicht geklappt hat, ich sehe Menschen, denen der sehnliche Wunsch nach Kindern verwehrt bleibt.
Ich glaube, wir neigen dazu den großen Momenten zu viel Bedeutung beizumessen und gleichzeitig die kleinen Momente nicht ausreichend zu würdigen. Ein ehrliches Lachen meiner Kinder, wenn ich sie hochhebe, das Funkeln in den Augen, wenn wir die Weihnachtsbeleuchtung einschalten, das Staunen über die Geschichten in den Kinderbüchern, das ist für mich die Magie der Kindheit und diesen Zauber für meine Kinder zu gestalten und ihn durch sie nochmal miterleben zu dürfen, das ist für mich eine der größten Besonderheiten am Eltern sein.
Was wünschst du dir, was deine Kinder später mal über dich sagen?
Das ist eine sehr gute Frage, ich antworte aber lieber zuerst auf eine ganz andere. Nämlich welchen Blick ich mir für meinen Kinder, wenn sie groß sind, auf das Leben wünsche. Ich wünsche mir, dass sie ein Auge für Ungerechtigkeit haben, dass sie sich einsetzen für das, was ihnen wichtig erscheint und dass sie zu Menschen werden, die versuchen die Zukunft besser zu gestalten.
Die meisten Eltern setzen sich früher oder später mit der Frage auseinander, ob man bei all den Krisen überhaupt noch Kinder in die Welt setzen kann. Aber wann war die Menschheit schon ohne Krisen? Für mich sind Kinder Hoffnung. Hoffnung auf eine bessere Welt und um auf die ursprüngliche Frage zu antworten würde ich mir wünschen, dass sie später über mich sagen, dass ich ihnen Mut zur Hoffnung und Mut zur Veränderung gegeben habe. Und vielleicht, dass sie, wenn sie sich selbst dazu entscheiden Kinder zu haben, sich ihren eigenen Vater gerne zum Vorbild nehmen.

1 comment
wow, solche Väter braucht das Land! wenn er das wirklich alles so umsetzen kann wie er es sagt und schreibt dann würde ich mir den Mann am liebsten mal ausleihen!:))) Seine Frau kann froh sein über ihr Exemplar und ich nerke dass meine Kinder einfach schon eine Generation älter sind und sich in dieser Zeit zumindest bei Einigen schwinbar die Väterrolle zum positiven verändert hat. Das macht in der Tat Hoffnung!