Erziehung? Was wir wirklich darüber wissen müssen

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Tillmann Pruefer. Foto: Simon Gerlinger

Ihr Lieben, Tillmann Prüfer hat für uns geprüft, was wir wirklich über Erziehung wissen müssen. Was dabei herauskam, darf uns vor allem entlasten. Denn am Ende darf der Schlüssel zum Glück ein ganz einfacher sein. Für uns alle. So steht es jedenfalls in der letzten Antwort. Lest selbst.

Lieber Tillmann, du widmest dein neues Erziehungsbuch deinen Eltern. Was haben sie richtig gemacht mit dir?

Meine Eltern waren immer der Überzeugung, dass man Kinder ernst nehmen soll, dass man mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren muss. Für sie war und ist es wichtig, zu verstehen, wie Kinder die Welt sehen, und diese Perspektive einzubeziehen. Das hat mir als Kind gut gefallen. Man hatte eine Stimme – auch wenn die Eltern schließlich ihre Entscheidungen selbst getroffen haben. Ich glaube ja, wenn man sich tatsächlich für die kindliche Welt interessiert und keine Angst hat, sich auf sie einzulassen, hat man das Meiste schon richtig gemacht.

Du suchst Studien raus, um zu schauen, was wir wirklich über Erziehung wissen müssen. Welche waren deine drei eigenen Erleuchtungserlebnisse dabei?

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Was Sie wirklich über Erziehung wissen müssen

Zum einen war ich überrascht, dass die Idee, dass Kinder wertvoll und schützenswert sind, gar keine Erkenntnis der Neuzeit ist. Im 18. Jahrhundert schwärmten Erziehungsratgeber geradezu von Kindern und ihren großen Potenzialen. Man war damals sogar viel optimistischer, als Eltern ihre Kinder heute sehen. Heute haben Eltern oft Angst, durch eine falsche Behandlung ihren Kindern bleibenden Schaden zuzufügen. Damals sah man vor allem, welche Kräfte man durch den richtigen Umgang mit ihnen wecken kann.

Erstaunt war ich auch, wie viele scheinbare Erkenntnisse, von denen wir ausgehen, furchtbar schlecht belegt sind. Wir wissen, dass Liebe Kindern guttut, aber ob sie auch die harte elterliche Hand brauchen, ist weit weniger gut belegt. Wir reden selbstverständlich vom Bonding – aber wie es eigentlich funktioniert, ist fraglich. Und schließlich war ich überrascht, wie sehr sich Eltern heute mit der Erziehung Stress bereiten – und deswegen die Zeit mit ihren Kindern weit weniger genießen, als sie es könnten und sollten.

Du sagst: Erziehung bedeutet nicht, einen Menschen zu formen, sondern ihn zu entdecken. Wie meinst du das?

Dass Eltern ihre Kinder formen sollen, also die Aufgabe haben, aus ihnen etwas zu machen, ist eine Idee, die vor allem zum Ende des 19. Jahrhunderts populär wurde. Damals sah man Kinder als wilde, ungezähmte Wesen, die in schiefe Bahnen geraten, wenn man ihnen nicht mit Zucht und Ordnung beibringt, sich an die Gesellschaft anzupassen.

Heute würden wir das streng von uns weisen. Aber unser Bild vom Kind ist noch immer absolut elternzentriert. Wenn uns irgendetwas an einem Kind nicht passt, ist das die Verantwortung der Eltern – vor allem der Mutter –, die es nicht richtig erzogen haben.

Heute weiß man, dass sich etwa die Hälfte der Unterschiede in der Persönlichkeit zweier Menschen genetisch erklären lässt. Formen lässt sich also nur ein Teil einer Persönlichkeit. Und da teilen sich Eltern ihren Einfluss mit vielen anderen Faktoren, wie den wirtschaftlichen Umständen – und vor allem vielen anderen Menschen.

Das Kind ist auf unsere Liebe und Zugewandtheit angewiesen, aber vieles andere bringt es schon mit. Eltern würden sich ihr Leben mit ihren Kindern leichter machen, wenn sie von der Vorstellung abkommen würden, alles in diesem kleinen Wesen sei auf ihren Einfluss zurückzuführen. Es ist eher so, dass ein voller Mensch in ihr Leben eintritt. Und den sollte man eher neugierig erkunden, als ihn formen zu wollen. Wir würden uns ja auch von anderen Menschen wünschen, dass sie mit uns so umgehen.

Was sagen die Statistiken: Gibt es Geschlechterunterschiede bei Kindern oder sind sie anerzogen?

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Tillmann Pruefer. Foto: Simon Gerlinger

Das ist ein schwieriges Thema, schon weil es so emotional ist und unsere Gesellschaft nicht die gleichen Voraussetzungen für Frauen und Männer bereithält. Zunächst einmal muss festgehalten werden: Geschlechtlichkeit wird bei Kindern tief empfunden.

Eltern sollten ihre Kinder in dieser Hinsicht unbedingt ernst nehmen und nicht darauf setzen, dass sie ihnen ein Geschlechtsempfinden an- oder abtrainieren könnten. Auch geschlechtliche Eigenschaften sind kein reines Produkt von Erziehung oder sozialer Prägung. Bestimmte Eigenschaften von Jungen und Mädchen sind über verschiedene Kulturen und lange Zeitverläufe hinweg feststellbar. Das ist weder durch die Behandlung durch die Eltern noch durch kulturelle Prägung zu erklären.

Was sagen die Studien dazu, ab wann das Smartphone für Jugendliche zum Problem wird?

Man wird es wohl nie herausfinden können, welchen Einfluss Smartphones auf Kinder und Jugendliche wirklich haben. Schon allein, weil diese Geräte so viele Aspekte vereinen. Ein Smartphone kann etwa zur Kommunikation dienen oder dazu, Inhalte zu konsumieren; es kann auch einfach als Gerät eine Wirkung haben. Jede Funktion kann negative oder positive Wirkungen haben.

Also bringen Forschungen dazu stets allenfalls unscharfe Ergebnisse. Allerdings ergeben sie meistens eher leicht negative Effekte – und kein Smartphone zu besitzen, schadet der Psyche nicht. Angesichts dieser Befunde wundert es dann doch, wie bereitwillig Eltern tausende Euro ausgeben, um ihre Kinder sehr früh mit solchen Geräten auszustatten. Bei anderen potenziell schädlichen Gegenständen würden sie das nicht machen.

Wie steht es um Lob und Strafe in der Begleitung unserer Kinder? Lob gibt’s hier viel, Strafe nicht. Die Kids sind ziemlich nett geworden damit…

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Tillmann Pruefer. Foto: Simon Gerlinger

Lob und Strafe sind nicht leicht auseinanderzuhalten, denn wenn ich ein Kind gewohnheitsmäßig belohne, wird schon das Ausbleiben einer solchen Belohnung als Strafe begriffen. Es stellt sich dabei grundsätzlich die Frage, ob man versuchen soll, bestimmte Verhaltensweisen durch Anreize oder Strafen zu steuern.

Die Forschung legt eine einfache Faustregel nahe: Sachen, auf die Kinder keine Lust haben, können mit Belohnungen gefördert werden. Wenn aber ein Kind schon etwas intrinsisch gern macht, haben zusätzliche Belohnungen eher einen negativen Effekt. Und Strafandrohungen sowieso.

Welche Auswirkungen hat es, wenn sich Geschwister einfach nicht mögen?

Eltern haben die Wunschvorstellung, dass Geschwister einander sehr nah sein sollen. Dabei können Geschwister besser oder schlechter zueinander passen, wie alle anderen Menschen auch. Eltern tun gut daran, Geschwistern ihren selbstgewählten Abstand zueinander wählen zu lassen und darauf zu setzen, dass sie später einmal besser zueinander finden; sie haben dafür ja ein ganzes Leben lang Zeit. Eltern hingegen sollten bemüht sein, bei Konflikten vermittelnd aufzutreten und sich auf keine Seite zu stellen. Das kann sehr schädlich sein.

Was macht – statistisch gesehen – eine glückliche Kindheit aus?

Für eine glückliche Kindheit braucht es nicht viel. Wenn ein Kind nicht von notbringender Armut bedroht ist, ein bis zwei Freunde hat – und mindestens einen Sorgeberechtigten, das ihm Vertrauen und Halt gibt, reicht das schon fürs Erste. Aber Eltern sollten sich von der Vorstellung verabschieden, sie könnten für ihre Kinder den Weg zu einem glücklichen Leben bereiten. Den muss man selbst für sich finden. Das Beste, was Eltern tun können, ist, ein gutes Beispiel zu geben und selbst in Zufriedenheit zu leben. Das ist besser, als die Augen die ganze Zeit auf das Kind zu heften. Das macht im Zweifelsfall beide Seiten unglücklich.

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