Jobcenter-Mitarbeiterin: Die geplanten Kürzungen finde ich sinnvoll!

Jobcenter

Foto: Pixabay

Ihr Lieben, letzte Woche hat die Bundesregierung Reformen beim Bürgergeld beschlossen: Wer als Empfänger von Grundsicherung einen ersten Termin im Jobcenter versäumt, soll sofort zu einem zweiten Termin eingeladen werden. Wer diesen Termin ebenfalls nicht wahrnimmt, dem soll die monatliche Überweisung um 30 Prozent gekürzt werden. Bleibt auch ein dritter Termin ungenutzt, sollen die Geldleistungen komplett eingestellt werden.

Alle Leistungen inklusive der Unterstützung zur Unterkunft sollen gestrichen werden, wenn man auch im Monat darauf nicht erscheint. Was denken die Mitarbeiter des Jobcenters über die geplanten Reformen? Schließlich sind diese ganz nah an den Empfängern dran.

Unsere Leserin Verena arbeitet seit 16 Jahren im Jobcenter und hat uns erzählt: „Wann immer ich sage, dass ich in einem Jobcenter arbeite, ist die Reaktion die Gleiche: Oh, im Jobcenter? Das ist bestimmt furchtbar anstrengend und nicht einfach. Ja, es ist anstrengend und nicht immer einfach, aber ich mache diesen Job wirklich sehr gerne. Oft wird den Mitarbeitern unrecht getan, da die allgemeine Meinung herrscht: Die arbeiten ja eh nicht und alle sind unfreundlich.

Mag sein, dass es solche Kollegen gibt… Wie in jedem Job. Ich kann für mich und mein Team sagen, dass ich dort viele engagierte und hilfsbereite Kollegen sehe, die versuchen, den Menschen zu helfen!“ Danke, liebe Verena für den spannenden Einblick in deine Arbeit.

Liebe Verena, du arbeitest in einem Jobcenter in einer großen Stadt. Seit wann bist du da und was genau ist deine Aufgabe?

Ich arbeite seit 2009 im Jobcenter. Angefangen habe ich als Arbeitsvermittlerin. Mittlerweile nennt sich meine Berufsbezeichnung Integrationscoach über 25. Meine Aufgabe ist es, Bürger über 25 in Arbeit zu vermitteln. Sollte dies nicht möglich sein, ist es unsere Aufgabe, sie soweit zu unterstützen, dass sie wieder arbeitsfähig sind. Das bedeutet, sie in Maßnahmen zu vermitteln, wo ihnen geholfen wird, an ihren individuellen Problemlagen zu arbeiten.

Wir erarbeiten einen gemeinsamen Kooperationsplan. Wer keine Bewerbungsunterlagen hat, nimmt an einem Bewerbungscoaching teil. Manchmal ist ein Führerschein notwendig oder ein PKW. Auch hier können wir helfen. Einigen fehlt eine bestimmte Qualifiaktion, da schauen wir, ob eine Weiterbildung sinnvoll ist. Andere möchten eine Umschulung machen. Auch da unterstützen wir. Seit dem 1.1.2025 werden Bildungsgutscheine aber von der Agentur für Arbeit ausgestellt. Sollte ein Weiterbildungswunsch geäußert werden, übernehmen wir die Ersteinschätzung und schauen, ob die Vorraussetzungen vorhanden sind und leiten dann zur Agentur für Arbeit über. Die finale Entscheidung wird dann dort gefällt.

Da wir ein kommunaler Träger sind, machen wir alle administrativen Arbeiten selbst. Vom Versenden der Einladung, bis zur Eingabe von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Wir sind auch immer telefonisch erreichbar. Wir haben keine Hotline. Jeder meiner Bürger hat meine direkte Durchwahl und meine E-Mail-Adresse. Ich bearbeite keine Leistungen. Das macht ein anderes Team. 

Für wie viele Menschen bist du zuständig und kannst du ein bisschen mehr über die Situation der Menschen erzählen?

Ich arbeite in Teilzeit mit 28 Wochenstunden und betreue im Durchschnitt 200 Bürger. Die Situation der Menschen ist wirklich sehr vielfältig. In der Regel sind sie schon lange arbeitslos. Das sind dann die sogenannten Langzeitarbeitslosen. Einige betreue ich tatsäschlich schon seit Beginn meiner Arbeitszeit.

Überwiegend sind es Menschen ohne Berufsausbildung und mit gebrochenen Erwerbsbiografien. Helferjobs und Phasen der Arbeitslosigkeit wechseln sich ab. Diejenigen, die eine Berufsausbildung haben und lange in guten Jobs gearbeitet haben, sind oft aus gesundheitlichen Gründen im SGB II gelandet. Vermehrt kommen Depressionen hinzu. Langer Krankengeldbezug.

Dann haben wir noch die Aufstocker, bei denen das Gehalt für den Lebensunterhalt nicht ausreicht. Eine andere Gruppe sind Alleinerziehende mit kleinen Kindern und fehlender Betreuung. Dies sind in der Regel Frauen. Dann gibt es Menschen mit Suchtproblemen. Akademiker haben wir in unserem Jobcenter sehr wenige bis kaum.

Wieviel Prozent der Menschen erscheinen nicht zu den vereinbarten Terminen und gibt es dafür Begründungen?

Von meinen 200 Bürgern habe ich aktuell ca 12, die sich komplett entziehen. Hinzu kommen diejenigen, die unregelmäßig erscheinen. Es gibt Tage, da habe ich von 8 Uhr bis 12 Uhr sechs Bürger eingeladen und es erscheint keiner. Manchmal haben sie den Brief nicht erhalten, einen Arzttermin, das Kind ist krank, sie haben verschlafen oder sie sind krank, es ist zu früh… Entschuldigungen gibt es viele. Die Begründungen sind manchmal wirklich absurd.

Sind sie krank, verlange ich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, sonst gilt der Termin als unentschuldigt. Das steht auch so in der Einladung. Ist jemand neu im Bürgergeldbezug und erscheint zum 1. Mal nicht, lade ich immer einfach nochmal ein. Das bleibt bei mir folgenlos.

Wie motiviert erlebst du deine Klienten generell bei der Jobsuche?

Der Großteil ist eher genervt. Manche sind auch sehr aufgeregt beim Erstgespräch und haben Angst. Sie wissen nicht, was sie erwartet, einigen ist es peinlich. Diejenigen, die schon länger im Leistungsbezug sind, sind oft hoffnungslos und nicht mehr motiviert. Dann gibt es diejenigen, die sich über die Einladungen ärgern. Was wollen Sie schon wieder von mir?

Es gibt nun die „Vermittlungsoffensive 2025“. Durch Erlass des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales sind die kommunalen Träger des SGB II in NRW aufgefordert, eine Kundenkontaktdichte einzuführen. Das bedeutet, Vollzeitbeschäftigte müssen in der Woche 20 Gespräche führen + 5 telefonische Beratungsgespräche. Es werden aber nur tatsächlich durchgeführte Gespräche gezählt. Erscheint ein Bürger nicht, zählt es nicht. Das kann man ja nicht beeinflussen. 

Ich möchte aber auch betonen, dass es Bürger gibt, die wirklich sehr dankbar sind. Manchmal reicht einfach ein offenes Ohr. Oder sie merken: Oh, die im Amt sind ja gar nicht so blöd 🙂 Es gibt Menschen, die brauchen einfach nur Zeit, um sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Familiäre Probleme zu lösen. Diese Zeit bekommen sie von mir immer. 

Ich weiß noch sehr gut, was meine damalige Chefin an meinem 1. Arbeitstag zu mir gesagt hat: „Denk immer daran, jeder kann auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen.“ Das bedeutet, jeder kann in die Situation kommen, Hilfe zu benötigen. Das vergesse ich nie! Ich sehe die Menschen und ihre Probleme, versuche Ängste zu nehmen und ihnen die Zeit zu geben, die sie benötigen. Merke ich aber, dass jemand einfach keine Lust hat, sieht es natürlich anders aus. Das merke ich nach all den Jahren ziemlich schnell. 

Nun soll es Reformen geben. Wer mehrfach nicht zu Terminen erscheint, bekommt Leistungen gekürzt oder ganz gestrichen. Was denkst du darüber?

Naja… eigentlich ist es ja eine Rolle rückwärts. Die Sanktionen hat es früher, vor allem vor Corona, ja schon mal gegeben. Keiner meiner Kollegen konnte verstehen, warum die Regierung letztes Jahr das Bürgergeld in dieser Form eingeführt hat. Das war ein völlig falsches Zeichen. Bei Nichterscheinen 10% für 1 Monat, da lohnt sich der ganze Arbeitsaufwand ja nicht. Diejenigen, die eh keine Lust haben, zu arbeiten, sind fein raus. Das war zum Scheitern verurteilt. 

Ich finde es richtig, dass die Leistungen bei mehrmaligen Nichterscheinen entzogen werden. Das geht ja nicht von heute auf morgen. Das dauert seine Zeit. Von der 1. Sanktion bis zum Leistungsentzug vergehen ein paar Monate. Ich finde es ist absolut gerechtfertigt, dann zu prüfen, ob überhaupt noch eine Hilfebedürftigkeit besteht.

Menschen, die zu euch kommen, sind ja oft schon in Notsituationen – meinst du, dass solche Maßnahmen alles noch schlimmer machen? 

Das denke ich nicht. Die Leistungen werden ja bei Erscheinen umgehend wieder aufgenommen. Es ist das allerletzte Mittel, diese Menschen zu erreichen. Meine Erfahrung ist, dass der Großteil der Verweigerer einfach keine Lust hat. Und sie kommen ja so durch. Diejenigen, die wirklich aufgrund anderer Gründe nicht erscheinen, melden sich dann auch. Weil die Not dann groß ist und da können wir dann endlich anfangen zu helfen. Wir haben wirklich gute und hilfreiche Unterstützungsmöglichkeiten. 

Gab es mal ein Schicksal, was dich ganz besonders berührt hat?

Es gibt nicht das eine. Letzte Woche hatte ich ein Erstgespräch mit einer Frau, die ganz plötzlich von ihrem Mann verlassen wurde. Jetzt war sie mit den zwei Kindern alleine. Sie war verzweifelt und hat bitterlich geweint. Sie war mit der Situation völlig überfordert.

Oder der Mann aus Syrien, dessen 40-jährige Frau verstorben ist und der nun alleine mit den Kindern ist. Die Mutter, die herausgefunden hat, dass ihre Tochter auf der Geburtstagsfeier der Freundin sexuell missbraucht wurde. Das hat die Familie so sehr erschüttert, dass beide Eltern aktuell nicht arbeitsfähig sind. Und es gibt die ältere Dame, die sich jedes Mal auf das Gespräch mit mir freut, weil sie sonst keinen zum Reden hat.

Was meinst du, was müsste sich sofort ändern, damit eure Arbeit mehr Menschen in Jobs bringt? 

Ich fände es gut, wenn die Menschen, die nicht auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt arbeiten können, aber noch erwerbsfähig sind, dauerhaft eine gemeinnützige Arbeit machen könnten. Es gibt wirklich viele Menschen, die sich in diesem geschützten Rahmen sehr wohl fühlen. Aktuell dürfen sie das nicht dauerhaft. Sie sind so belastet, dass an eine reguläre Arbeit aber gar nicht zu denken ist. 

Die Herausforderungen bezogen auf die zu beratenden Menschen hat sich immer weiter vergrößert. Sie sind schlechter erreichbar, es gibt multiple und komplexe persönliche Probleme, psychische Erkrankungen und oft auch Auffälligkeiten in der Beratung. Die Agressivität in der Beratung hat deutlich zugenommen. 

Diejenigen die keine Lust habe, sollten engmaschiger betreut werden. Sie müssen merken, dass es keine Alternative ist, dauerhaft nicht zu arbeiten. Sie müssen aber auch merken, dass sie mit deutlichen Sanktionen rechnen müssen, wenn sie sich nicht an die Spielregeln halten. Manchmal haben sie unrealistische Vorstellungen vom Arbeitsmarkt. Wollen nicht für ein bestimmtes Gehalt arbeiten, weil es zu wenig ist. Der Leistungsbezug darf da keine dauerhafte Alternative sein. 

Es gibt auch noch die Zuwanderung aus Osteuropa. Diese Gruppe ist wirklich schwer greifbar und viele haben keinerlei Absichten zu arbeiten. Zumindest diejenigen, die sich im Bürgergeld befinden. Vielleicht funktioniert es ja mit der neuen Reform. Ich bin gespannt…

c211ef577fff4f168ccd7c85f5369227


9 comments

  1. Nachdem nun bekannt wurde, dass die Reform bei weitem nicht die in Aussicht gestellten Milliarden an Einsparungen bringen wird, immer noch so überzeugt?

  2. Ich frage mich, wie viele der LeistungsbezieherInnen FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) haben. Die Dunkelziffer wird in Deutschland auf 4 – 5 % geschätzt. Betroffene haben oft massive Probleme bei der Alltagsbewältigung z.B. Organisation, Konzentration, soziale Interaktion und Selbstständigkeit. Diese Menschen zu bestrafen, weil sie es nicht schaffen Termine wahrzunehmen, finde ich problematisch.

    1. Wie würdest du die Grenze ziehen zwischen Menschen, die zu Recht Unterstützung bekommen, und solchen, die zu faul sind zu arbeiten und noch über die Lachen, die so „dumm“ sind Geld durch Arbeit zu verdienen?

  3. Ich finde die Sanktionen sind en wichtiger Schritt.
    Ziel sollte ja sein, die Menschen wieder durch Hilfestellungen in den Arbeitsmarkt zu bekommen, insofern das möglich ist und nicht, die Leistungen einfach immer weiter zu zahlen, auch wenn es keinen Grund gibt, nicht arbeiten zu können.
    Wie auch Daniela geschrieben hat, die Sozialleistungen werden ja nicht vom Staat gezahlt, sondern letztlich von der arbeitenden Bevölkerung.

  4. Ich lese hier von einer Frau, die nicht „das Jobcenter“ ist, die ihren Beruf genauso mit Menschlichkeit erfüllt, wie eine Pädagogin oder Pflegekraft oder…
    Genau, es kann so unvorhergesehen kommen, dass man staatliche Unterstützung braucht. Meine Sachbearbeiterin war damals ebenfalls hilfreich und zugleich musste sie immer klare Worte haben, was die Termine schwer gemacht hat; trotzdem hat sie mich im Rahmen ihrer Möglichkeiten maximal unterstützt – mit gutem Erhebnis.

  5. Der Artikel hat mich nachdenklich gemacht. Bisher war ich strickt gegen die Bürgergeldreform. Ich ärgere mich auch nach wie vor darüber, dass so getan wird, als könnte man beim Bürgergeld wer weiß wie viel einsparen und Steuerhinterziehung, Diätenerhöhung und Co. erhalten nicht annähernd die mediale Empörumg, die sie meiner Meinung nach verdienen. Ganz zu schweigen von den Themen Bildung und Klima, die auch nicht in dem Maße bearbeitet werden, wie sie es verdienen. Gleichzeitig denke ich jetzt nach dem Lesen: Nun gut, vielleicht braucht es doch mehr Grenzen, um deutlich zu machen, dass es nicht „einfach so“ Geld gibt. Auch wenn es aus meiner Sicht deutlich drängendere Probleme gibt. Ich würde mich in einem Jahr über ein Update freuen, was aus Sicht der Interviewten die Reform gebracht hat.

  6. Hallo, ich finde es sehr sinnvoll, dass es keinen bedingungslosen Automatismus auf Leistungen gibt. Denn erstens: ist der Mensch nicht dafür gemacht nicht selbst wirksam zu sein. Zweitens soll bei den Terminen ja nicht gestraft, sondern geholfen werden. Und Drittens wird das Geld für solche bedingungslosen Leistungen ja nicht bedingungslos gedruckt, sondern umverteilt aus Einkommen, die aus Erwerbstätigkeiten erzielt werden. Das heißt, jeder, der jetzt ein Einkommen erzielt speist diese Leistungen… und wie soll das plausibel sein, dass jmd. am Morgen aufsteht, sich an Regeln hält und Lebenszeit investiert, sein Geld bedingungslos an Menschen geben soll, die sich dem System komplett verweigern. Die Leistungen werden ja nicht gekürzt, weil die Menschen, die gerade abhängig sind, von dieser Leistung, nicht irgendwelche absurden Forderungen des Amtes erfüllen, sondern weil sie nicht zu Terminen kommen, bei denen konkrete Hilfsangebote besprochen werden sollen.

  7. Pauschale Sanktionen sind ganz sicher nicht der richtige Weg. Vor allem nicht bei einer Behörde, bei der die Einladungen regelmäßig erst am Tag nach dem Termin ankommen! Oder was ist, wenn die Anreise mit der Bahn eine halbe Stunde länger dauert, aufgrund akuter psychischer Probleme gerade keine kurzfristige Absage möglich ist,… .
    Außerdem könnte das Gesetz sowieso noch als grundgesetzwidrig gekippt werden. Das ist ja Grundsicherung. Die Menschen haben keine Rücklagen und könnten in viele Fällen plötzlich nicht mehr genug Geld für Essen oder die Wohnung haben.
    Abgesehen davon sind „Totalverweigerer“ ein Tropfen auf den heißen Stein. Die muss sich ein Sozialstaat leisten können, vor allem wenn jährlich durch Steuergelder 1000x (was für eine Zahl!) mehr Geld betrogen wird. Warum wird dann nicht das so medial aufgebauscht oder die Steuererleichterungen für Superreiche, die übrigens zum Teil auch nicht arbeiten?!

  8. Find ich pauschal etwas schwierig. In dem Bericht wurde geschrieben, dass es viele Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt, die zu ihr kommen. Wenn also jemand mit einer Depression es nicht auf die Reihe bekommt, den Termin wahrzunehmen, bekommt die Person Geldkürzungen und evtl. irgendwann nichts mehr. Damit werden dann doch eher Schulden angehäuft und es entstehen noch mehr Probleme.
    Wir reden hier ja nicht von Geld für irgendwelche Luxusartikel, das Geld soll den Grundbedarf der Menschen in Deutschland decken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert