Schicksalsfreundinnen: Vereint im Vermissen und im neuen Glück

Schicksalsfreundinnen

Ann-Christin und Steffi Ewald

Ihr Lieben, ihr erinnert euch ja sicherlich alle an das Schicksal von Steffi Ewald, die ihren Sohn, ihren Mann und ihre Tochter verloren hat und über die wir hier immer wieder berichtet haben. Ann-Christin ist mittlerweile eine gute Freundin von ihr, denn auch sie hat ihren Mann und ihre Tochter verloren. Die beiden sind so etwas wie Schicksalsfreundinnen geworden. Die beiden wissen einfach, wie sich die andere fühlt, wie schmerzlich das Vermissen ist und wie schwierig, das neue Leben mit neuen Menschen mit dem Davor in Einklang zu bringen. So berührend!

Liebe Ann-Christin, du bist eng mit Steffi Ewald befreundet, ihr seid eine Art Schicksalsfreundinnen, wie habt ihr euch damals kennengelernt? 

Steffi und ich haben uns im Herbst 2014 in der Uniklinik Lübeck kennengelernt. Meine Tochter Lotta war schon einige Monate in onkologischer Behandlung, als bei Steffis Tochter Neele ebenfalls eine Krebsdiagnose gestellt wurde. Die Mädels waren im gleichen Alter und wir haben uns direkt gut verstanden und auch außerhalb der Klinik Zeit miteinander verbracht. 

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Wie genau lautete die Diagnose deiner Tochter? 

Lottas Erstdiagnose erfolgte 2014, als sie anderthalb Jahre alt war: beidseitiger Nierenkrebs. Es folgten zig Chemotherapien und große OPs, für die wir für einige Wochen nach München mussten. Zwei Jahre später sah es ganz gut aus und wir lebten ein eigentlich „normales“ Leben. 

Was hat die Situation mit euch als Familie gemacht?

Die Diagnose war natürlich ein Schock. „Wie schnell sich das Leben ändern kann!“, habe ich damals gedacht. Ich war mit Lotta zur Kontrolle beim Kinderarzt, da sie mit über einem Jahr noch nicht laufen konnte. Der Arzt wollte sie einfach mal anschauen, ihre Entwicklungskurve prüfen und sie untersuchen. Beim Ultraschall entdeckte er „ungewöhnliche Wucherungen“ im Bauchraum und überwies uns in die Uniklinik.

„Wahrscheinlich eine harmlose Zyste“, versuchte er mich zu beruhigen. Ich sagte Lottas Papa Bescheid und nur wenige Stunden später befanden wir uns in der Kinderonkologie. Das war alles so unwirklich und mir fiel es anfangs richtig schwer, das Wort Krebs auszusprechen. Ja, meine Tochter hatte Krebs. Als Familie hat uns das ganze zusammengeschweißt, wir haben das Schicksal angenommen und das Beste daraus gemacht.

Lotta war so unglaublich tapfer, hat ihre Fröhlichkeit nie verloren und alle in ihren Bann gezogen. Wir sind trotz allem – zwischen den Chemotherapien – mit unserem Bus nach Spanien gefahren, haben ein Haus gekauft und geheiratet. Bei all dem haben unsere Familien und Freunde uns unglaublich unterstützt.

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Lotta und Neele

Ganz besonders wichtig für Lotta war auch ihre (Halb-) Schwester Lola – die Tochter meines Mannes Olaf. Nachdem Lotta 2016 nierenerhaltend in München operiert wurde, kam sie in den Kindergarten und wir hatten drei unbeschwerte Jahre. Ich muss sagen, dass diese auch wirklich unbeschwert waren. Natürlich waren Kontrolluntersuchungen mit einem mulmigen Gefühl verbunden, aber ich habe fest daran geglaubt, dass alles gut ausgeht.

Im Sommer 2019, drei Jahre später, erhielt Lottas Papa dann die niederschmetternde Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Knapp ein Jahr später ist er an den Folgen gestorben. Im Herbst 2019, kurz nach der Einschulung und während Olaf sich in onkologischer Behandlung befand, wurde bei Lotta ein Rezidiv diagnostiziert. Sie plagte ein nerviger Husten und wir dachten an eine Lungenentzündung. Lungenkrebs, weit fortgeschritten – das war die Aussage.

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Lotta und Olaf

Aufzugeben kam für uns nicht infrage. Lotta hat etliche Therapien/Operationen mit sämtlichen Nebenwirkungen erneut tapfer über sich ergehen lassen und ihre Lebensfreude war ungetrübt und ansteckend. Unterricht auf der Intensivstation (auf ihren Wunsch), Musical-, Hotelbesuche und tolle Wochenenden mit ihrer Schwester und Freundinnen. Ihre Energie war grenzenlos. 

Einmal sagte sie zu mir: „Aber wir machen immer so fröhlich weiter wie bisher oder? Egal, was kommt…?“ „Das verspreche ich dir!“, antwortete ich! Im März 2022 ist Lotta dann eine Woche vor ihrem 9. Geburtstag an den Folgen ihrer Krankheit verstorben.

Wie bist du später mit Steffi in Kontakt geblieben? 

Wir hatten eigentlich all die Jahre immer Kontakt, meist schriftlich. Gesehen haben wir uns einige Male privat und bei Kontrollen in der Klinik. Während Corona haben wir uns dann nur noch geschrieben. Wirklich wieder gesehen haben wir uns im Jahr 2022, nachdem unsere Mädels gestorben waren. Seitdem sind wir in regelmäßigem Kontakt und sehen uns sehr oft. Wir wohnen auch nicht weit auseinander.

Wie tragt ihr euch gegenseitig? 

Die Freundschaft mit Steffi bedeutet mir unglaublich viel. Das gemeinsame Schicksal verbindet, und man fühlt sich wirklich verstanden. Es ist einfach etwas anderes, wenn jemand das Gleiche oder etwas Ähnliches erlebt hat. Bei aller Empathie meiner liebsten Freunde, ist sie die einzige, die wirklich weiß, wie ich mich fühle. Niemand sonst kann sich in die Lage versetzen. Ich konnte mir vorher auch nicht vorstellen, wie genau es sich wirklich anfühlt, wenn das eigene Kind stirbt. 

Es tut gut, mich mit Steffi auszutauschen. Wir unterhalten uns oft über das Erlebte, weinen zusammen und lachen aber auch unendlich viel gemeinsam. Ich denke, wir tragen uns gegenseitig und es gibt ein unausgesprochenes Verständnis. Herzmensch!

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Wann, wie und wo habt ihr euch einander zuletzt so richtig nah gefühlt?

Als ich das letzte Mal bei Steffi zum Frühstück war, haben wir über all die Veränderungen in unserem Leben gesprochen. Wir haben beide gemerkt, wie schnell sich alles verändert und wie viel Neues dazugekommen ist. Ihre Familiensituation hat sich verändert, und auch bei mir ist einiges passiert. In diesem Gespräch haben wir uns sehr nah gefühlt, weil wir beide festgestellt haben, dass es manchmal gar nicht so leicht ist, das neue Glück mit dem alten Leben und dem Verlust in Einklang zu bringen. Aber gerade dieses unausgesprochene Verständnis hat uns in dem Moment wirklich verbunden.

Wie ist die Situation in eurer Familie mittlerweile?

Seit Olafs und Lottas Tod lebe ich alleine in unserem Haus und bin gerade dabei, mich zu verkleinern. Zu Lottas Schwester Lola habe ich noch viel Kontakt und freue mich über das gute Verhältnis. Nach Lottas Tod habe ich mir einen Bus gekauft und bin diesen Sommer einige Monate unterwegs gewesen. Ziemlich spontan bin ich auch auf einen Campingplatz nahe Valencia gefahren, auf dem ich auch schon mit Lotta und Olaf war.

Hier habe ich jemanden aus Hamburg kennengelernt, der früher ebenfalls immer mit seiner Familie dort war. Ganz unverhofft hat er sich in mein Herz geschlichen, und ich hätte nie gedacht, mich noch einmal zu verlieben. Aber manchmal kommt es anders, als man denkt. Ich bin wirklich unglaublich glücklich, und er ist sehr einfühlsam. Für ihn ist meine ganze Situation sicher auch nicht immer leicht, und ich bin sehr dankbar, dass er in dieser neuen Lebensphase so an meiner Seite ist. 

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Gibt es etwas, das du Menschen in schwierigen Lagen gern noch mitteilen magst? Als kleiner Mutmacher vielleicht?

Ich möchte den Menschen gern mitgeben, dass es auch in schweren Zeiten kleine Momente der Hoffnung gibt. Lottas Fröhlichkeit hat mir gezeigt, dass wir trotz aller Traurigkeit auch wieder Schönes erleben können. So wie ich jetzt mit meinem neuen Partner wieder Glück gefunden habe, möchte ich einfach zeigen, dass es sich lohnt, weiterzumachen – und dass es immer wieder kleine Lichtblicke gibt. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass jeder Mensch anders mit Trauer umgeht und es keinen richtigen oder falschen Weg gibt. Ich hoffe einfach, dass ich ein bisschen Mut machen kann.

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1 comment

  1. Wenn ich von dem Schicksal der beiden Frauen lese, nur daran denke, wie vielen Menschen es so oder so ähnlich geht, wird mein Herz schwer.
    Um so schöner ist es, dass beide sich gefunden haben und jede für sich auch wieder glückliche Zeiten erlebt, auch wenn der Schmerz über die unfassbaren Verluste bleibt.

    Alles Gute für die Zukunft!!!!!!

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