Bindungsorientierte Erziehung als Team: Wie gelingt Eltern das?

Marga Bielesch

Ihr Lieben, Konflikte bewältigen und als Elternpaar gestärkt aus ihnen hervorgehen? Wie kann das gelingen? Das erklärt uns Marga Bielesch in ihrem Buch „Bindungsorientierte Erziehung als Team“ und heute hier im Interview eindrucksvoll. Sie ist Paartherapeutin; seit 2015 tätig in eigener Praxis.

Sie ist Inhaberin der Praxis SPRECHZEIT in Weimar, einer therapeutischen Praxis für Sprache, Bindung und Beziehung mit mehreren Mitarbeiterinnen. 2018 gründete sie die anerkannte private Bildungseinrichtung und Marke THEKLA®, die bindungsorientierte Ausbildungen, z.B. als Paar- und Familienberater:innen, bindungsstärkendes Spiel und bindungsorientierte Kurskonzepte umfasst. Mit ihrer Familie lebt sie in Weimar.

Liebe Marga, „Immer fällst du mir in den Rücken“, kennst du solche Sätze von Elternpaaren aus deinen Beratungen? Diese Vorhaltungen?

„Oh ja, die kenne ich. Genauso wie die Themen:

  • Mach ich – oder machst du?
  • Wegen dir ist das Kind so unmöglich.
  • Habe ich eigentlich drei Kinder?
  • Schrei unser Kind nicht so an.
  • Du sagst ja nie was!

Das sind Sätze, die ich sehr oft in der Paartherapie höre, wenn Elternpaare über die Kindererziehung streiten. Wenn Eltern ihre Kinder bindungsstärkend ins Leben begleiten wollen, entsteht häufig viel Struggle. Denn wir selbst hatten dafür oft keine Vorbilder. Unterschiedliche Sozialisationen, Kommunikationsprobleme und eigene Prägungen führen dazu, dass immer wieder Themen auftauchen, die knirschen und ausgehandelt werden müssen.

Eltern von heute, die gleichberechtigt und bindungsorientiert erziehen möchten, sind oft die Ersten in ihrer Familie, die es anders machen wollen – echte Cyclebreaker. Und das führt zwangsläufig zu Reibung.

Gleichzeitig gibt es aber auch viele Paarbeziehungen, in denen traditionelle Rollenbilder gelebt werden. Doch auch dort zeigt sich häufig eine Schieflage: Laut Studien tragen vermehrt Mütter den Mental Load und Emotional Load. Sie beschäftigen sich intensiver mit Erziehungsthemen, hören Podcasts, lesen Ratgeber und übernehmen die Fürsorgeverantwortung. Das kann sehr anstrengend und belastend sein – vor allem, wenn man sich damit allein verantwortlich fühlt.

Und dann gibt es Partnerschaften, in denen die Vorstellungen über Erziehung stark auseinandergehen. Wenn zum Beispiel eine Person sagt: „Ein Klaps auf den Po ist in Ordnung“ oder „Strafen gehören dazu“ oder „Kinder sind kleine Tyrannen, die müssen gehorchen – wir müssen mehr durchgreifen.“

Wenn die andere Person das Kind aber jetzt bindungsorientiert begleiten möchte, führt das natürlich zu massiven Beziehungskonflikten. Wenn beide bereit sind, sich ehrlich auseinanderzusetzen, lassen sich viele Themen lösen – aber nicht alle. Physische, psychische oder emotionale Gewalt ist nicht verhandelbar und indiskutabel!

Nun stehen da zwei Elternteile vor dir: Das eine sagt „Du bist viel zu streng zu den Kindern“ und das anderen „Naja, du bist halt viel zu weich“. Wie lässt sich da als Paar wieder rauskommen? 

Erziehungs-Entscheidungen
Foto: pixabay

Ja, das ist eine gute Frage. Ein erster wichtiger Schritt ist die Reflexion: Warum empfinde ich die andere Person als zu streng oder zu weich? Ist vielleicht jemand besonders streng, weil die andere Person sehr nachgiebig ist? Oder wirkt jemand weich, weil die andere Person sehr hart reagiert? Es lohnt sich, die eigenen Erziehungserfahrungen genauer anzuschauen: Wie bin ich selbst aufgewachsen? Was habe ich übernommen? Wogegen rebelliere ich vielleicht heute unbewusst?

Bindungsorientierte Erziehung braucht einen gemeinsamen Konsens beider Elternteile. Das bedeutet: Beide sagen bewusst „Ja, wir möchten unser Kind bindungsstärkend ins Leben begleiten“ – und teilen dabei eine gemeinsame Haltung. Viele Paare haben diesen Konsens jedoch nie ausdrücklich miteinander vereinbart. Sie sind eher stillschweigend hineingerutscht und haben unausgesprochen eine Art „Erziehungsvertrag“ miteinander geschlossen – oft mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen.

Deshalb ist es wichtig, sich noch einmal bewusst zusammenzusetzen und diesen „Erziehungsvertrag“ neu aufzusetzen. Darin kann festgehalten werden: Wir wollen unser Kind bindungsstärkend begleiten. Wir sind ein Team. Wir tragen gemeinsam Verantwortung.

Auf dieser Grundlage können dann Schritt für Schritt konkrete Themen geklärt werden: Was sind unsere gemeinsamen Familienwerte? Was geht für uns gar nicht? Wie reagieren wir in Situationen, die uns überfordern? Was ist unsere gemeinsame Erziehungshaltung? Entscheidend ist, dass beide Verantwortung übernehmen – nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander.

Du sagst, Mütter und Väter bräuchten auch eine gute Biographiearbeit, um zu verstehen, wie anders sie mit dem gemeinsamen Kind umgehen. Was genau meinst du damit? 

Ja, es macht einen großen Unterschied, ob ich selbst zugewandt und liebevoll aufgewachsen bin oder eben nicht. Unsere unterschiedlichen Biografien – also das, was wir als Kinder erlebt haben und wie unsere Eltern erzogen haben – übernehmen wir oft unbewusst in unsere eigene Elternschaft. Es sei denn, wir reflektieren uns bewusst.

Deshalb sind Biografie und Sozialisation von Müttern und Vätern so entscheidend. Sie brauchen Raum im Gespräch und ein Bewusstsein dafür, damit gegenseitiges Verständnis entstehen kann. Paare dürfen diese Unterschiede miteinander aushandeln – statt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen wie: „Du bist zu übergriffig.“

Hilfreicher wäre zum Beispiel zu sagen:

  • „So möchte ich das nicht.“
  • „Wir brauchen hier eine andere Strategie.“
  • „Ich würde gern einen anderen Weg mit dir gehen.“

Oder auch:

  • „Wie kann ich dich unterstützen, wenn du überfordert bist?“
  • „Was brauchst du, wenn es dir zu viel wird?“
  • „Wie können wir als Team handeln?“

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das „dyadische Coping“, sprich wie gut es Eltern gelingt, unter Stress zusammenzuarbeiten? Wie ist die Kommunikation? Bleiben sie zugewandt und unterstützend? Oder schreien sie sich an, machen sich Vorwürfe und arbeiten gegeneinander statt miteinander?

Gerade in herausfordernden Momenten zeigt sich, wie stark ein Paar wirklich als Team agiert. Je, besser das dyadische Coping um so weniger Erziehungskonflikte, sind die Ergebnisse aus der Studie Elterliche Kompetenzen und Erziehungskonflikte.

Das heißt, es braucht eine gute Kommunikation über Werte und Haltungen? Und über Dinge wie: Wie sind deine Eltern mit dir umgegangen und was davon hat sich gut oder nicht so gut angefühlt?

Ja, genau. Eltern sollten sich wirklich Zeit nehmen, sich zusammensetzen und ganz konkret miteinander besprechen: Was hast du früher erlebt? Welche Werte waren in deiner Familie entscheidend – zum Beispiel Zusammengehörigkeit, Offenheit, Respekt, vielleicht auch Gehorsam oder Disziplin? Welche Werte haben sich gut angefühlt – und welche eher nicht?

Und dann die zentrale Frage: Welche Familienwerte wollen wir in unserer eigenen Familie übernehmen?

In meinem Buch habe ich dazu eine gute Übung, mit der Elternpaare diese Fragen Schritt für Schritt miteinander besprechen können. Es geht darum zu klären: Welche Werte aus unseren Herkunftsfamilien möchten wir übernehmen? Und was sind unserer ergänzenden Werte, die uns wichtig sind?

Zum Beispiel:

  • Gefühle dürfen sein.
  • Wir begleiten unsere Kinder auf Augenhöhe.
  • Gemeinschaft und Zusammenhalt.
  • Ehrlichkeit und Vertrauen.
  • Zugewandtheit und Gleichwertigkeit.

Sich dafür bewusst Zeit zu nehmen, ist enorm wichtig. Denn genau an dieser Stelle entstehen häufig Erziehungskonflikte. Die meisten Paare – und das erlebe ich immer wieder in meiner Paartherapie – haben darüber aber noch nie gesprochen. Und genau deshalb wird es beim Thema Kindererziehung oft so schwierig.

Nun füllt eine Partnerperson ihren Liebesspeicher vor allem über gute Gespräche. Die andere aber über Umarmungen, Streicheln, Zärtlichkeiten. Kann das zu unüberbrückbaren Differenzen führen? 

Da bin ich ganz klar: Nein, das müssen keine unüberbrückbaren Differenzen sein. Das darf völlig unterschiedlich sein. Entscheidend ist etwas anderes: Konflikte müssen geklärt werden. Denn sind wir mal ehrlich – problematisch wird es doch dann, wenn Konflikte da sind, aber nicht angesprochen werden.

Wenn sie unterschwellig brodeln. Wenn man nicht ausspricht, was einen stört. Wenn man sich zum Beispiel wünscht, dass die Partnerperson anders mit dem eigenen Kind umgeht, als sie es tatsächlich tut. In solchen Momenten hat man verständlicherweise wenig Motivation, auf die Bedürfnisse der anderen Person einzugehen.

Und wenn ich ständig das Gefühl habe, mein Kind verteidigen zu müssen, weil ich sein Verhalten als ungerecht behandelt erlebe und Sorge habe, dass ihm das nicht guttut – dann werde ich kaum das Bedürfnis meiner Partnerperson nach Nähe und Zuneigung in den Vordergrund stellen können.

Um deine Frage also zu beantworten: Die Bedürfnisse, wie der „Liebesspeicher“ gefüllt wird, dürfen völlig verschieden sein. Das ist absolut legitim. Schwierig wird es dann, wenn Paare keine guten Konfliktlösestrategien haben.

Dein Plädoyer ist ja: Eltern sollten bei der Kindererziehung als Team handeln. Wir sollten nicht nur mit unseren Kindern bedürfnisorientiert umgehen, sondern auch mit unserer Partnerperson, damit dies auch gut klappt… wie geht das?

Nicola Schmidt
Foto: pixabay

Wenn Eltern im Kontext von Kindererziehung auch ihre Paarbeziehung im Blick behalten wollen, dann geht es natürlich ebenso um die Bedürfnisse der Partnerperson. Die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, ist großartig – das ist die Grundlage für eine zugewandte, liebevolle und bindungsstärkende Kindheit. Aber genauso wichtig ist es, auf die Partnerperson zu schauen: Wie geht es ihr? Und auch: Wie geht es mir selbst?

Eigene Bedürfnisse zu äußern, auf die Bedürfnisse der Partnerperson einzugehen und gemeinsam gute Lösungen zu finden – das ist essenziell. Beim Thema Kindererziehung geht es außerdem viel darum, gemeinsam Fürsorgeverantwortung zu tragen.

Zum Beispiel bei Fragen wie: Wie entschlüsseln wir das Verhalten unseres Kindes? Wie reagieren wir beim nächsten Wutanfall? Was tun wir, wenn Türen geknallt werden, wenn unser Kind nachts nicht zur Ruhe kommt oder Angst hat? Reagieren wir zugewandt und liebevoll – oder eher mit Härte im Sinne „alte Schule“?

Sich dazu zu informieren, Ratgeber zu lesen, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse einzubeziehen oder sich mit anderen auszutauschen, kann sehr hilfreich sein. Häufig liegt diese Informationsarbeit noch stärker bei den Müttern. Wenn hier Entlastung entsteht und Väter sich aktiver einbringen, ist das enorm beziehungsstärkend.

Dann geht es zum Beispiel um das Bedürfnis der Mutter, die Fürsorgeverantwortung nicht allein tragen zu müssen – weil es schlicht zu viel ist. Genauso braucht es die Bereitschaft in die andere Richtung: Vielleicht ist die Partnerperson manchmal unsicher, fragt nach, wie er besser reagieren kann. Auch das verdient Unterstützung.

Oder es gibt ganz andere Bedürfnisse: Wenn eine Person sehr ordnungsliebend ist, während für die andere vor allem die intensive Zeit mit den Kindern im Vordergrund steht, darf auch dieses Bedürfnis nicht ignoriert werden. Es hilft nicht, die Wohnung völlig zu vernachlässigen mit dem Argument: „Die Kinder sind wichtiger.“

Ja, Kinder sind sehr wichtig. Aber die Bedürfnisse der Partnerperson sind es auch. Hier sind die Erwachsenen in ihrer Haltung gefragt: Verantwortung zu übernehmen, füreinander einzustehen, zugewandt zu sein und sowohl die Kinder als auch die Paarbeziehung im Blick zu behalten.

Was hältst du von dem Ansatz des radikalen Gönnens: Ich GÖNNE ihm oder ihr das Wochenende mit dem Freundeskreis, ich GÖNNE ihm oder ihr die durchgeschlafene Nacht… das funktioniert, aber vermutlich nur, wenn beide das gleichermaßen durchziehen, oder?

Na, radikales Gönnen klingt super. Wie toll ist es denn, wenn ich meiner Partnerperson etwas gönne, mich auch einmal zurücknehmen kann und mich ehrlich für sie freue? Ich finde das großartig – aber es muss gleichberechtigt sein.

Was tun, wenn am Ende doch die meiste Gefühls-Arbeit bei einer Person liegt? Welche Worte gibt es dafür? Für dieses: Ich sorge für eine angenehme Atmosphäre, schaue nach dem emotionalen Gleichgewicht, spreche an, wenn ich Veränderungen beobachte, belese mich zu verschiedenen Themen… 

Emotional Load ist ein Riesenthema. Es beschreibt die unsichtbare emotionale Last, die in vielen Familien vor allem Mütter tragen. Dazu gehört die Fürsorgeverantwortung auf emotionaler Ebene: Wie geht es dem Kind? Warum ist es traurig? Wer moderiert den Geschwisterstreit? Wer erkennt Selbstzweifel – und spricht sie an?

Aber auch: Wer sorgt für eine gute familiäre Atmosphäre? Kümmert sich um die Gefühle der anderen? Und wer behält zusätzlich noch die Paarbeziehung im Blick? All das ist unsichtbare Arbeit. Emotionale Arbeit. Und damit auch emotionale Last.

In vielen Paarbeziehungen ist diese Last noch immer ungleich verteilt. Deshalb braucht es Transparenz: Was genau bedeutet Emotional Load eigentlich? Was umfasst er konkret im Alltag? Die Partnerperson sollte verstehen können, was damit gemeint ist. Und dann geht es um Entlastung. Das können kleine Schritte sein. Entscheidend ist, dass die Fürsorgeverantwortung geteilt wird.

Ich bin da ganz ehrlich: Das ist ein großes Thema. Mental Load und Emotional Load lassen sich nicht in einem einzigen Gespräch packen und noch weniger klären. Man kann nicht erwarten, dass nach einem Austausch plötzlich alles anders läuft und die unsichtbare Arbeit automatisch fair verteilt wird.

Es ist ein Prozess. Ein Thema, das über Monate hinweg besprochen, ausgehandelt und immer wieder nachjustiert werden muss. Dafür braucht es zunächst eine gute Kommunikationsbasis. Ein Paar muss miteinander sprechen können, offen und ehrlich.

Erst dann kann es im nächsten Schritt darum gehen, Mental Load und Emotional Load sichtbar zu machen – und anschließend faire Lösungen zu entwickeln.  Das braucht Zeit. Es braucht Beziehungsarbeit. Und es braucht die Bereitschaft, dranzubleiben. Nur so kann langfristig echte Entlastung entstehen.

Welchen Abschlussappell hast du für Paare mit Kindern, um beim Thema Kindererziehung glücklich zu bleiben?

Bindungsorientierte Erziehung als Team
Bindungsorientierte Erziehung als Team

Das ist eine schöne Frage. Paarbeziehungen – und das wird oft unterschätzt – wollen sich weiterentwickeln. Wenn alles für immer so bliebe wie am Anfang, würde es irgendwann langweilig werden. Und aus Langeweile entstehen nicht selten Distanz oder Trennungen.

Paarbeziehungen brauchen Entwicklung. Das bedeutet auch, dass sich beide Partnerpersonen weiterentwickeln. Und das ist etwas Schönes: Es stärkt, es belebt, es macht Freude.

Gerade beim Thema Kindererziehung – insbesondere bei bindungsorientierter Erziehung – braucht es diese Weiterentwicklung. Es braucht das Aushandeln, das gemeinsame Besprechen von Themen und das Lösen von Konflikten. Dafür sind gute Konfliktlösungsstrategien entscheidend – ebenso wie gemeinsame Werte. Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben, sich nichts vorzuhalten, sondern Dinge konstruktiv anzusprechen, um gute Lösungen zu finden.

Denn Gleichberechtigung – auch in der Kindererziehung – fühlt sich nicht nur fair, sondern auch verbindend an. Und sie macht langfristig zufriedener.

Mein Plädoyer an Eltern ist daher: Bleibt dran. Lasst euch nicht entmutigen. Viele Probleme und Themen lassen sich lösen – nicht alle, aber viele. Geht sie an. Kommt raus aus der Deckung. Holt euch Unterstützung, wenn ihr allein nicht weiterkommt.

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