Patchwork auf Augenhöhe: Die Ex und die Next.. wie kann´s klappen?

Die Ex & die Next

Ihr Lieben, Marita Strubelt ist Familiencoach und Expertin für Patchworkfamilien. Sie begleitet Mütter, Väter und Bonuseltern darin, ihre Familien klar, respektvoll und gelassen zu gestalten… für Patchwork auf Augenhöhe. Auf ihrem Blog Patchwork auf Augenhöhe und in ihren Büchern Patchwork-Power und Die Ex & die Next eilt sie praktische Tipps für ein gelingendes Patchworkleben. Immer wieder hört man von Spannungen zwischen Ex und Next. Wie aber kann das zwischen den beiden gut gelingen?

Liebe Marita, was darf ich beachten, wenn ich die Neue meines Ex zum ersten Mal treffe?

Das erste Kennenlernen kann sich überraschend beängstigend anfühlen. Vielleicht weißt du nicht, worüber ihr reden sollt, oder fürchtest, dass du zu viel erzählst. Genauso gut kann die Angst da sein, was du zu hören bekommst und wie du darauf reagierst.

Solche Gedanken sind völlig normal. Besonders in sensiblen Situationen wie dieser ist unser innerer Kritiker schnell aktiv. Wenn du merkst, dass deine Gedanken abschweifen, konzentriere dich darauf, was die andere sagt (und nicht darauf, was du über sie denkst.)

Je weniger du in Vorurteilen oder Bewertungen bleibst, desto offener wird das Gespräch. Und wenn du spürst, dass es dir zu viel wird, darfst du das Treffen jederzeit beenden. Lieber früher freundlich abbrechen, als später etwas zu sagen, was du bereust.

Und noch ein Gedanke: Auch die andere ist nervös. Ihr seid beide unsicher. Es geht nicht darum, zu glänzen oder zu überzeugen. Du bist hier nicht beim Bewerbungsgespräch, eher beim ersten Arbeitstag mit einer neuen Kollegin. Trinkt einfach einen Kaffee zusammen und findet heraus, wo die Zusammenarbeit leichtfällt und wo es vielleicht noch haken könnte. Ihr müsst keine Freundinnen werden, aber ihr arbeitet jetzt im selben Team.

Warum haben es die Ex und die Next so schwer miteinander?

Patchwork auf Augenhöhe
Die Ex & die Next

Ganz ehrlich: Niemand sucht sich Patchwork freiwillig aus. Die meisten von uns starten mit der Vorstellung von Vater, Mutter, Kind ins Erwachsenenleben. Und mit dem Wunsch, dass diese Beziehung für immer hält.

Ich habe als kleines Mädchen jedenfalls nicht davon geträumt, dass mein Prinz noch eine andere Prinzessin in einem anderen Turm hat, deren Kinder am Wochenende zu uns kommen. Und auch die andere Prinzessin hat sich das nicht so vorgestellt.

Früher gab es Stiefmütter nur, wenn die leibliche Mutter gestorben war. Heute entstehen Patchworkfamilien nach Trennung oder Scheidung, also mitten im Leben. Zwei Frauen begegnen sich, die sich nie füreinander entschieden haben, aber nun miteinander auskommen müssen. Kein Wunder, dass das schwerfällt.

Warum gehen so viele sofort in den Abgleich: Was hat sie, was ich nicht hab. Oder Was hab ich, was sie nicht hat?

Zwei Frauen sind eine zu viel. So könnte man das Patchwork-Dilemma pointiert beschreiben.

Rivalität unter Frauen ist leider ein weit verbreitetes Phänomen. Wir vergleichen uns ständig, mit Kolleginnen, Freundinnen, Nachbarinnen. Und natürlich auch mit der Ex oder der Neuen. Social Media verstärkt das: Wir scrollen durch Instagram, sehen Urlaubsfotos, Frisuren, Familienmomente, und schon beginnt das innere Rechnen.

  • „Sie hatte die unbeschwerte Zeit ohne Kinder.“
  • „Sie hat die Wochenenden, ich den Alltagsstress.“
  • „Sie hat geheiratet, ich musste loslassen.“
  • „Sie hat ein Kind mit dem Mann, den ich jetzt liebe.“
  • „Sie ist jünger, entspannter, erfolgreicher.“

All diese Vergleiche nähren das Gefühl von Ungerechtigkeit. Doch in Wahrheit geht es selten um die andere, sondern um das, was in uns selbst weh tut.

Eifersucht hat oft Wurzeln in der Kindheit: fehlendes Vertrauen, Angst, nicht genug zu sein, Angst, verlassen zu werden. Ein stabiler Selbstwert ist das beste Gegenmittel. Wenn du dich in dir selbst sicher fühlst, weißt du, dass die Neue dir nichts wegnimmt und die Erste dir nichts weggenommen hat.

Wenn die Vorstellung, mein Kind könnte von der Neuen ins Bett gebracht werden, mein Herz zerreißt, was kann ich tun?

Schlafendes Kind.
Schlafendes Kind im Bett. Foto: pixabay

Es ist völlig verständlich, dass dich der Gedanke belastet. Nähe, Grenzen und die exklusive Beziehung zu deinem Kind werden berührt. Viele Mütter empfinden es als übergriffig oder befremdlich, wenn eine „fremde“ Frau diese Intimität teilt.

Gleichzeitig ist es hilfreich, die Situation aus Sicht der neuen Partnerin zu sehen: Auch für sie ist es nicht leicht. Sie muss Nähe zeigen, obwohl das Kind nicht ihr eigenes ist, und sich gleichzeitig in eine bestehende Routine einfügen. Sie möchte sich einbringen, ohne Grenzen zu überschreiten, und muss Vertrauen aufbauen, während sie zugleich eigene Unsicherheiten spürt.

Genau um diesen Perspektivwechsel geht es in meinem Buch. Keine Angst, ich komme nicht mit erhobenem Zeigefinger daher. Stattdessen gucken wir zusammen in die Köpfe von verschiedenen Stiefmüttern und leiblichen Müttern. Ich möchte Mut machen, Verständnis wecken und zeigen, dass auch in komplexen Konstellationen echte Begegnung möglich ist.

Warum verändert das erste Wochenende mit den Kindern alles?

Für die leiblichen Eltern gibt es meist längst eine eingespielte Routine: feste Übergabezeiten, klare Abläufe oder flexible Lösungen. Wenn die neue Partnerin dazukommt, wird plötzlich alles durcheinandergewirbelt. Nicht, weil sie Chaos stiften will, sondern weil sie ein weiterer Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen ist, die berücksichtigt werden wollen.

Auch wichtig zu bedenken: Während werdende Mütter neun Monate Zeit haben, sich auf das Leben mit Kind vorzubereiten, bekommt eine Stiefmutter quasi über Nacht ein Baby, ein Schulkind oder gleich einen (oder mehrere) Teenager. Ohne Kurs, ohne Hebamme, ohne Anleitung. Das ist eine enorme Herausforderung und verdient Verständnis, nicht Bewertung.

Was ist zu tun, wenn die Kommunikation verweigert wird?

Ich plädiere sehr dafür, dass sich Ex und Next möglichst früh begegnen. Je länger ihr wartet, desto größer wird die Hürde. Ein erstes Treffen muss kein tiefes Gespräch sein. Ein kurzes „Hallo“ reicht oft schon, damit es später nicht komisch wird.

Sprich offen von deinem Wunsch nach einem Treffen, aber signalisiere auch Verständnis, wenn die andere (noch) nicht bereit ist. Es geht um Freiwilligkeit, nicht um Druck. Manchmal ergibt sich ein Kennenlernen ganz beiläufig bei der Türübergabe, beim Abholen der Kinder. Ein Satz wie „Magst du kurz reinkommen?“ oder „Wollen wir mal einen Kaffee trinken, wenn es passt?“ kann ein Anfang sein.

Wenn ein Nein kommt, nimm es als Momentaufnahme, nicht als persönliche Ablehnung. Sag einfach: „Kein Problem, vielleicht ein andermal. Ich würde mich freuen.“ Patchwork wächst nicht mit Druck, sondern mit Begegnung und manchmal eben erst im zweiten oder dritten Anlauf.

Warum braucht es so lange, bis alle ihren Platz finden?

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Foto: Pixabay

Patchwork ist ein komplexes System – neue Beziehungen müssen erst wachsen, und das geht nicht auf Knopfdruck. Die Rolle der neuen Partnerin ist schwer zu benennen – sie ist weder Ersatzmutter noch nur „die Freundin vom Papa“. Weder die getrennte Mutter noch die neue Partnerin mögen den Begriff Stiefmutter. Trotzdem prägen Worte unsere Realität. Ähnlich kritisch ist im Patchworkkontext der Begriff Alleinerziehend, denn es gibt ja noch andere Erwachsene, die sich kümmern.

Am besten gelingt das Einfinden, wenn alle anerkennen, dass  Kinder mehrere Bezugspersonen lieben können, ohne dass jemand etwas verliert. Mit der Zeit entsteht so ein stabiles, friedliches Miteinander.

Du hast Bausteine entwickelt, magst du uns ein paar davon verraten?

Keine Next liest ein Buch über „alleinerziehende Mütter“ – und kaum eine getrennte Mutter denkt darüber nach, wie es der neuen Partnerin als „Stiefmutter“ geht. Jede ist mit ihren eigenen Themen voll beschäftigt, so dass wenig Kapazität für die andere Position übrig bleibt. Höchste Zeit, das zu ändern!

Mein Buch zeigt typische Situationen aus beiden Perspektiven und gibt zehn praxisnahe Bausteine, um die Herausforderungen im Patchwork besser zu meistern und ein respektvolles Miteinander zu schaffen.

Es geht zum Beispiel darum, die Perspektive zu wechseln, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen oder den guten Grund im Verhalten der anderen zu sehen. So wird deutlich: Ich muss nicht alles gutheißen, um Frieden zu schließen.

Die Übungen dazu sind alltagstauglich und wirken trotzdem tief, vom „ABC der Gedanken“ über den „Batman-Effekt“ bis hin zur „Energiezielscheibe“. Schritt für Schritt entsteht so mehr Klarheit, innere Ruhe und Raum für echte Kooperation, auch da, wo es vorher unmöglich schien.

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