Ihr Lieben, wusstet ihr, dass ich einige Jahre auf einer reinen Mädchenschule war? Obwohl das in meiner Teenagerzeit war und ich Jungs durchaus interessant fand, habe ich Jungs im Unterricht nie vermisst. Tatsächlich fand ich die Atmosphäre in der Mädchenklasse sehr viel entspannter, weil einfach einige Themen komplett wegfielen, z.B. niemand den Jungs imponieren wollte.
Mia, die 13jährige Tochter unsere Leserin Anna geht ebenfalls auf eine reine Mädchenschule und wir wollten von Mutter und Tochter wissen, wie sie diese Schulform finden. Vielen Dank für das Gespräch!
Liebe Mia, was ist der größte Unterschied für dich zwischen einer reinen Mädchenschule und einer gemischten Schule?
Für mich ist auf jeden Fall der größte Unterschied der Klassenzusammenhalt. Wir haben eine tolle Gemeinschaft, in der jede so sein kann wie sie ist, niemand wir ausgelacht, wenn sie ein Referat hält – im Gegenteil, man wird angefeuert. Das Gleiche gilt auch, wenn man etwas Falsches sagt oder eine schlechte Note hat, auch da wird niemand ausgebuht.
Doch nicht nur in der Klasse, sondern die ganze Schule hat einen tollen Zusammenhalt. Die älteren Schülerinnen sind nicht abweisend, sondern helfen den Jüngeren. Am Tag der Offenen Tür wurde ich von älteren Schülerinnen herumgeführt, die super nett und offen waren und so ist es auch jetzt noch. Die Größeren geben den Jüngeren Nachhilfe und das kostenlos!
Wie anders fühlst du dich im Unterricht jetzt?
Sehr anders! In der Grundschule habe ich mich manchmal nicht getraut, mich zu melden, wenn ich mir nicht zu 100% sicher war, dass meine Antwort stimmt. Jetzt kann ich mich auch melden, wenn ich mir nicht ganz sicher bin und muss keine Angst haben etwas Falsches zu sagen. Alles ist freundschaftlich und vertraut, auch die Lehrerinnen sind toll (wir haben überwiegend Lehrerinnen, aber auch tolle Lehrer.)
Nur, weil unsere Schule eine Mädchenschule ist, darf man aber auch nicht denken, dass man die Noten umsonst kriegt. Nein, man muss genauso wie an jeder anderen Schule für seine Noten hart arbeiten, nur wird hier das ganze eben mit Spaß vermittelt.
Es gibt ja viele Vorurteile, dass das Gezicke in reinen Mädchenklassen viel größer sei. Wie siehst du das?
Ich persönlich sehe es überhaupt nicht so, in unserer Klasse sind alle nett und freundlich zueinander, eine bessere Klasse könnte ich mir nicht wünschen. Natürlich kann es sein, dass es in irgendeiner Klasse eine Zicke gibt, aber das ist ja überall so.
Insgesamt würde ich sagen, dass das Gezicke an einer Mädchenschule weniger ist als an einer gemischten Schule. In meiner alten Schule hat es schon gereicht, wenn man was „Falsches“ anhatte und schon wurde man gehänselt, das gibt es jetzt gar nicht mehr.
Neulich hatte ein Mädchen aus der Parallelklasse Geburtstag und obwohl wir alle gar nicht so gut kennen, haben alle in der Mensa auf einmal, nach Aufforderung ihrer 2 Freundinnen, Happy Birthday gesungen. Nicht nur Mädchen aus der Unterstufe, es waren Mädchen aus allen Jahrgangsstufen dabei. Sowas würde es an einer gemischten Schule wahrscheinlich nie geben.
Wie erlebst du Jungs in deinem Alter?
Dadurch, dass ich viel Zeit in der Schule verbringe, habe ich nicht so viel Kontakt zu Jungs in meinem Alter. Ich würde jedoch schon sagen, dass die Jungs in meinem Alter definitiv frecher und unruhiger sind. Klar, nicht alle, aber im Durchschnitt schon öfter.
Gibt es auch manchmal Situationen, in denen du die Jungs in der Klasse „vermisst?“
Tatsächlich nicht. Der Unterricht ist ruhiger, man kann sich besser konzentrieren und versteht Themen leichter. Deshalb darf man aber nicht denken, dass es bei uns streng, still und ohne Spaß zugeht. Im Gegenteil – auch bei uns gibt es Klassenclowns, Spaß und es wird auch mal Quatsch gemacht. Aber nicht auf Kosten anderer.
Was ist für dich das absolut Beste jetzt an einer reinen Mädchenschule?
Die Frage ist einfach. Auf jeden Fall die Gemeinschaft, man fühlt sich sicher, geborgen und gemocht, so dass man jeden Tag gerne kommt und sich auch traut, zu melden. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man beim Abschlussgottesdienst mit der ganzen Schule in einer Kirche ist und sich als Teil einer großen, vertrauten, respektvollen und lieben Gemeinschaft fühlt.
Liebe Anna, warum habt ihr euch bei eurer großen Tochter für eine reine Mädchenschule entschieden?
Mädchen aus der Nachbarschaft waren auf der Schule, das fanden wie interessant und so sind wir einfach zum Tag der offenen Tür gegangen. Wir waren sofort begeistert, wie warmherzig die Lehrerin mit den Schülerinnen sind und mit wieviel Selbstbewusstsein die Mädchen vor uns standen und uns ihre Schule gezeigt haben. Denn der Tag der offenen Tür – so wie viele Feste – werden mit viel Freude und Überzeugung von den Schülerinnen selbst angeleitet.
Unsere Erwartung war, dass das Lernumfeld ruhiger als in der gemischten Schule ist und das hat sich schnell bestätigt. Unsere Tochter war in der alten Klasse genervt davon, dass es oft „Gemeinschaftsstrafen“ gab, wenn die Klasse nicht ruhig war. Sie hatte einige sehr unruhige Jungs im Unterricht, die auch auf dem Schulhof gewalttätig waren – darunter hat sie echt gelitten.
Wichtig war uns auch, dass die Möglichkeiten und Fähigkeiten für Mädchen mit wissenschaftlichen Neigungen wie unserer Tochter und ihr Interesse an Technik deutlich mehr gefördert werden.
Wie waren die Reaktionen in eurem Umfeld auf die Entscheidung?
Sehr gemischt. Von normalem Interesse bis hin zu großen Vorurteilen („ah, ihr habt wohl was gegen Jungs). Wir haben auch oft gehört, dass die Mädchen von solchen Schulen sich dann später in der wirklichen Welt nicht gegenüber behaupten können. Ich glaube., das Gegenteil ist der Fall. Ich kenne keine Schule, in der Mädchen in ihrer individuellen Person und ihrem Selbstbewusstseins so toll gestärkt werden.
Die Mädchen, die an dieser Schule aufgenommen werden wollen, müssen das in einem Motivationsschreiben begründen. Es geht der Schule darum, dass die Kinder diese Schulform auch wirklich selber wollen. Unsere große Tochter wollte es unbedingt, ob die Kleine nachzieht, wissen wir noch nicht.
Wie erlebst du die Schülerinnen an der Schule?
Sehr vielfältig, ich finde es so toll zu sehen, dass es kein „typisches“ Mädchen gibt. Die Mädchen sind so vielfältig, so besonders – von ihren Begabungen, ihren Einstellungen, ihrem Style.
Toll ist auch, dass die Schule ab der 8. Klasse einen wirtschaftswissenschaftlichen Zweig anbietet, für den auch meine Tochter sich entschieden hat. Es gibt viele unterschiedliche AGs, die Mädchen werden in vielen Sportarten (auch Fußball!) gefördert.
Gibt es etwas, was dich schon total überrascht hat an der Schule und den Schülerinnen?
Für die Mädchen gibt es auf allen Toiletten kostenlose Hygiene-Produkte. Für Zeiten, in denen sie sich aus hormonellen Gründen nicht wohl fühlen, gibt es einen Ruheraum, in den sie sich zurückziehen können. Der Zyklus der Mädchen wird hier nicht versteckt, sondern akzeptiert und die Mädchen können sich dementsprechend verhalten. An den Schülerinnen überrascht mich, wie gerne und selbstverständlich sie ihre Schule besuchen, alle halten sich dort gerne auf.

11 comments
Ich finde es toll, dass es diese Möglichkeiten gibt. Fakt ist, dass Mädchen untereinander eine andere Dynamik entwickeln als wenn Jungs dabei sind. das durfte ich vor 30 Jahren selbst während des FSjs erleben… während eines seminars kam auf einmal ein junger Mann dazu, die Dynamik unter den Frauen war auf einmal ganz anders… auch in unserer REgion gibt es noch eine reine Mädchenschule. Mein Mann war erst absolut dagegen, er hat sich dann aber doch überreden lassen, sie sich wenigstens mal anzusehen. Resultat war dann, dass sowohl mein Mann als auch ich als auch unsere älteste hinterher diese Schule auf Platz 1 in der Rangliste gesehen haben (Wir haben uns mehrere Schulen angesehen). Bereut haben wir es nicht- Sie hat sich all die Jahre dort insgesamt wohl gefühlt und sich zu einer selbstbewussten jungen Frau entwickelt. Jungs hat sie nie vermisst. Gleichzeitig haben wir die ERfahrung gemacht, dass es Zicken, Klassenclowns etc. an jeder Schule gibt (- da unterscheidet sich eine Mädchenschule nicht von einer „gemischten“). Und wenn es ein reines Jungengymnasium gegeben hätte, hätten wir uns das für unseren Sohn sicher auch angesehen – wenn es vom Schwerpunkt der Schule gepasst hätte…. Warum auch nicht??? Denn Ob sich Schüler an einer Schule wohl fühlen, hängt meines Erachtens mehr vom Profil der Schule und der Leitung sowie dem Lehrerkollegium (und dessen Engagement und Einfühlungsvermögen ) ab als von den SchülerInnen und deren Geschlecht. Wichtig ist, dass Kind und Schule zusammenpassen! und was für KindA das richtige ist, muss für kind B /C/D nicht zwingend auch passen. Davon mal ganz abgesehen, dass eine Schulentscheidung zu Klasse 5 nicht bedeutet, dass das Kind dort zwingend bis zum Abschluss bleiben muss!
Wie schön das es hier so positiv erlebt wird. Ich (43 Jahre alt) war als Kind auf einer reinen Mädchenrealschule, weil es in der Region keine gemischten Realschulen gab. Ich selbst habe es tatsächlich gehasst und es war eine furchtbare Schulzeit für mich. Es gab unheimlich viel Gezicke, auch schon Mobbing (ich war zum Glück kein Opfer) und ich hatte glücklicherweise duech die Kirchenjugendgruppe Kontakt zu Jungs. Es gab aber auch genügend Mitschülerinnen, denen einfach der normale Umgang mit Jungs gefehlt hat und die dann sehr gehemmt waren im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Es kommt wohl auch stark auf die Schulleitung an. Bei mir damals war es eine katholische Schule mit teilweise noch Ordensschwestern als Lehrerinnen (ich selbst war eine der wenigen evangelischen Schülerinnen im katholischen Oberbayern), evtl. war das auch mit der Grund weswegen ich mich dort so unwohl gefühlt habe. Ich denke heute noch mit Grauen daran. Schön das es auch anders geht.
Ich versuche mir gerade einmal umgekehrt vorzustellen, der Artikel wäre von einer Jungs Mama in etwa so geschrieben worden:
„Mein Junge ist auf einer reinen Jungs-Schule. Kein Konkurrenzkampf, kein Posen, kein harter Kerl spielen mehr, um irgendeiner Klassenqueen zu gefallen, weil diese den Streber mit der Brille zwar gerne als besten Freund akzeptiert, der ihr den Schulranzen schleppt aber den ersten Kuss dann doch lieber vom Klassenmacho bekommt.
Endlich im Pausenhof toben und Rennen und sich im Klassenzimmer mit Papierkügelchen beschmeißen und dabei den größten Spaß haben, ohne dass sich irgendeine Dramaprinzessin hysterisch kreischend die Ohren zu hält, weil es ihr zu laut und zu wild ist.
Achja und endlich im Mathe Unterricht mal effektiv vorankommen, anstatt ewig auf die Mädels warten, die mal wieder eine extra Erklärung benötigen.“
Hach, es leben die Vorurteile und Klischees, nicht wahr? Schön, was wir unseren Kindern hier mitgeben!
Da bin ich dann doch froh, dass meine Kinder diese Erfahrung des Zusammenhalts, Gemeinschaftssinnes und effektiven Lernens auch in gemischten Klassen schon erleben durften. Ich bin nämlich auch der Meinung, dass das von etlichen anderen Faktoren abhängig ist und absolut nicht vom Geschlecht der SchülerInnen.
Wollen wir nun Vielfalt, Integration und eine bunte Gemeinschaft oder Geschlechter getrennte Schulklassen wie zu Uropas Zeiten?
Der Artikel hätte dann aber von dem Jungen, nicht der Mutter, geschrieben worden sein müssen. Das wäre doch okay, oder?
Apropos Klischee:
die schulischen Leistungen der Mädchen haben statistisch gesehen die der Jungs auf- und teils überholt.
Herrlich Ines deine Antwort. Genauso sehe ich es auch. Ich selbst finde den Artikel richtig Jungs-feindlich. Und ganz schlimm, dass es akzeptiert wird, so über Jungen zu schreiben und zu reden und andersrum wäre es ja ein völliges No-go!
Ich glaube das ist sehr verallgemeinert. Es kann in einer Mädchenklasse, einer Jungenklasse oder einer gemischten Klasse eine gute oder unangenehme Atmosphäre entstehen.
Ich war z.B. als einziges Mädchen in meiner Klasse im technischen Zweig und daher teilweise nur unter Jungs, was ich als sehr viel entspannter wahrgenommen habe. Ich hatte viel weniger Probleme nachzufragen, wenn mir etwas unklar war, weil da keiner gelacht hat.
Kommt also sehr stark auf die Umstände und die Persönlichkeit drauf an.
Das klingt einfach so schön!
Ich freue mich über die positive Beschreibung der Schule. Aber Mia ist erst in der 6., maximal 7. Klasse. Dorf funktioniert es häufig noch gut mit dem Zusammenhalt. Ich habe selbst ein Praktikum an einer Mädchenschule gemacht, es war eine wunderbare Erfahrung. Aber in den 9./10. Klassen war es so anstrengend. Kaum eine hat mitgearbeitet, sich gemeldet. Da war der Unterricht sehr zäh. Oft sind es in solchen Momenten Jungs, die sich trauen, etwas zu sagen, die gab es jedoch nicht.In den jüngeren Klassen aber war das Zuschauen und Unterrichten super, genau wie Mia beschreibt. Es ist gut, dass es unterschiedliche Schulen und Schularten gibt, do findet beinahe jedes Kind etwas passendes. Alles Gute euch!
Ich kann das gut nachvollziehen. Bin damals, als ich auf das Gymnasium kam, durch Zufall in einer reinen Mädchenklasse gelandet. Das lag daran, dass wir eine Sprachklasse waren, die Jungs aber alle in die naturwissenschaftlichen Klassen gegangen sind. Ich fand die Lernatmosphäre für mich sehr gut, ich habe mich vor allem in den MINT-Fächern entfalten können und bin heute selbst Lehrerin für Mathematik und Biologie. Habe mich auch schon gefragt, ob ich mich in einer Klasse mit Jungs auch so entwickelt hätte, ich werde es aber nie erfahren (:
Es gibt ja auch Studien, die genau das belegen: Mädchen entwickeln sich im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ohne die männliche Konkurrenz besser.
Trotzdem hat sich mein Widerspruchsgeist in einem Punkt geregt: einen schönen Klassenzusammenhalt ohne „Gezicke“ kann es natürlich in gemischten Klassen genauso geben, ebenso gleichgeschlechtliche Klassen mit schrecklicher Atmosphäre. Das liegt an den Lehrern, am Schulumfeld, am ganzen Miteinander und Vorbildern, nicht am Geschlecht. In meiner Mädchenklasse ging es damals doch manchmal recht herbe und unter der Gürtellinie zu, manchmal auch gehässig. Mädchen können sehr fies sein, dafür brauchen sie auch keine Jungs als Zuschauer. Schön, wenn es an Mias Schule anders gelebt wird, aber dass es nur unter Mädchen generell freundlicher zugeht, das glaube ich nicht.
Guten Morgen,
der Artikel ist sehr idealistisch geschrieben und geht an der Realität vorbei. Auch meine große Tochter ist in einer reinen Mädchenklasse. Hier wird in Schubladen gedacht: Es gibt die Zicken, Schlampen, Streber,Loser..
Neid und Missgunst sind an der Tagesordnung. Kinder werden grundsätzlich ausgeschlossen, wenn sie sich den klasseninternen Normen nicht beugen. Der Konkurrenzdruck ist hoch, die Lästereien geballt.
LG Sarah