Ausgewandert: Wir leben in Dänemark, damit mein Kind nicht in die Schule muss

ausgewandert

Ihr Lieben, wir haben hier immer wieder Berichte über Kinder, die im deutschen Schulsystem nicht zurechtkommen und/oder die Schule verweigern. Doreen hat drei Söhne, der Jüngste verweigerte erst die Kita, später auch die Schule. Seit 2020 lebt er nun schulfrei – damit das möglich ist, ist die Familie nach Dänemark ausgewandert. Hier erzählt Doreen die ganze Geschichte.

Liebe Doreen, heute geht es um dein Kind, das im deutschen Schulsystem Probleme hatte. Kannst du etwas mehr über dein Kind erzählen?

Mein Kind ist nun 13 Jahre alt und er war von Anfang an ein „High Need“ Kind. Neugierig und aufgeweckt wollte er unbeschwert die Welt entdecken, wie seine Geschwister auch. Es gab zwei Kita-Versuche, die scheiterten, weil man deutlich merkte, dass Kita ihm auf der einen Seite zu viel und auf der anderen Seite zu wenig ist.

Er konnte im Kita-Alltag seinen Interessen nicht nachgehen, keine Ruhe finden und dadurch war sein Nervensystem permanent in Unruhe oder im Ungleichgewicht. Uns wurde geraten, einen Begleiter zu beantragen, doch dieser wird in Kitas höchst selten bewilligt. Also blieb er mit mir zu Hause, was er sehr genoss.

Wie hast du das mit deinem Job vereinbaren können?

Ich habe zu der Zeit als Tagesmutter gearbeitet und ich habe das „Rockzipfel“ in meinem Ort geführt. ein Eltern-Kind-Büro für kitafreie Kinder. Eine Gemeinschaft, wo Eltern ihrem (Homeoffice-/Uni-)Job nachgehen und das Kind nebenan spielt. Das hat gut geklappt und mein Kind konnte sich weiter frei entwickeln. Er brauchte das so. Für uns war das unser Weg! Das heißt aber nicht, dass dieser Weg für jeden der richtige ist.

Doch dann wurde dein Sohn schulpflichtig….

Ja, und anfangs war mein Sohn auch richtig neugierig auf die Schule, er freute sich. Nach drei Monaten sagte er: „So, ich weiß jetzt, wie man Lesen, Schreiben und Rechnen lernt. Den Rest kann ich zu Hause machen.” Er sagte das nicht einfach so dahin, er meinte es wirklich so.

Ab diesem Zeitpunkt wurde es schwierig. Gemeinsam mit der Schule überlegten wir uns Strategien. Ich begleitete ihn zum Beispiel anfangs wieder, wir konnten in extra Räumen ankommen, bis er schließlich bereit war, in die Klasse zu gehen. Die Lehrkräfte gaben ihr Bestes, um ihn abzuholen.

Aber alle Bemühungen brachten uns nicht weiter, mein Sohn verweigerte sich immer mehr. Und er wollte lieber Dinge lernen, die aber einfach noch nicht dran waren. Es gab also Tage, an denen mein Sohn nur am Fenster saß und gar nicht mitmachte, es gab aber auch Situationen, in denen das Personal mit seiner Unzufriedenheit und daraus entstandenen Wut überfordert war – weil einfach Personal fehlt, um jedes einzelne Kind in seinem Sein, Tun und Denken zu verstehen und abzuholen. 

Ich wurde also immer öfter angerufen, um ihn abzuholen. Und er blieb öfter zu Hause. Jeder Tag war ein Kampf. Er stand morgens nicht auf, dann blieb er im Auto sitzen, dann wollte er nicht ins Klassenzimmer. Tag für Tag diese Tortur. Wir haben alles versucht.

Seine Wutanfälle wurden mehr. Er fragte mich, warum ich ihn in dieses Gefängnis stecke. Mir brach es das Herz. Ich bin jemand, der immer Ideen und Lösungsansätze hat, aber in diesem Fall wusste ich langsam nicht mehr weiter.

Wie ging es weiter?

Die Schule wusste auch nicht mehr, was wir machen könnten. Uns wurde geraten, dass wir einen Begleiter beantragen sollen. Für so einen Begleiter brauchten wir aber eine Diagnose. Ich hatte aber Bedenken, in eine Diagnostik zu gehen. Denn zu Hause und in den Ferien war mein Sohn ja glücklich und ohne Wutanfälle – in der Schule veränderte sich alles.

Ich schrieb 20 Psychologen an, 18 sagten gleich ab, sie hätten keinen Platz. Einer konnte mir ein Erstgespräch, aber keinen Platz anbieten, einen hab ich besucht. Dieser Psychologe hat mir nach kürzester Zeit gesagt, das Kind brauche Ritalin und ein Internat. Da bin ich aufgestanden und gegangen…

Ich versuchte dann, die Erlaubnis für Homeschooling zu bekommen. Das ist in Deutschland aber nur sehr schwer möglich, der Prozess dauert bis zu vier Jahren, das Kind muss etliche Therapien machen und verschiedene Schulsysteme ausprobieren. Mir war klar: Das alles würde mein Kind kaputt machen – also wurde das Thema Auswandern präsent.

Es folgte eine Zeit intensiver Recherche über verschiedene Länder und ihre Möglichkeiten. Zum Schluss blieb Dänemark und dann ging alles ganz schnell. Es war die beste Entscheidung ever.

Wie hast du die LehrerInnen in dieser Zeit erlebt, als dein Sohn noch in Deutschland auf der Schule war?

Ich gebe da niemanden die Schuld, nicht sein Bestes versucht zu haben. Obwohl man sicher auch den Anspruch haben könnte, zu erwarten, dass SozialpädagogInnen oder sogar HeilpädagogInnen wissen können, wie man herausfordernde Situationen meistert… Aber in einer Klasse sind einfach viele (wilde) Kinder und die Erwachsenen haben Vieles noch nebenbei zu tun.

Was hat diese Zeit in Deutschland mit euch als Familie gemacht?

Ich als Mutter habe schon immer viel in Frage gestellt. Für mich ist klar, dass ich immer auf der Seite der Kinder stehe. Die Erziehung empfinde ich als Beziehung auf Augenhöhe, als bedürfnisorientiert. Und in Zeiten des Wandels braucht es Kinder oder Menschen, die aufzeigen, dass das System vielleicht etwas neuen Schwung gebrauchen könnte. Die Zahl der Schulverweigerer, nichtbeschulbaren Kinder, Kinder mit Schulproblemen und Unzufriedenheit nimmt immer mehr zu. 

Die Zeit im Homeschooling hat uns tatsächlich wieder näher gebracht. Vorher hatten wir kaum noch Zeit als Familie. Der Tag an einer freien Schule ging von 8 bis 16 Uhr (Haustür zu Haustür) und dann wollen die Kids ihre wohlverdiente Pause. Für Hobbies oder Zusammensein ist da dann kaum noch Zeit.

Wenn man zu Hause lernt, können alle ihrem natürlichen Biorhythmus nachgehen. Und wenn ein Tag mal doof ist, dann ist das so. Lernen kann man nur, wenn man dem Lernen auch zugewandt ist. In der Schule quält man sich an doofen Tagen einfach durch den Tag, hängen bleibt da aber nichts. Und dann frage ich, ob so ein Tag dann überhaupt Sinn macht.  

Ihr seid schließlich nach Dänemark ausgewandert. Wann und warum habt ihr euch für Dänemark entschieden?

In Dänemark sind Kinder und ihr Wohlbefinden wichtig. Das spürt man wirklich, hier gibt es keinen Druck. Es geht um Motivation und Akzeptanz und etwas Gelassenheit. Wenn etwas noch nicht klappen will, dann klappt es halt später. Und wenn das Kind mal eine Auszeit/Pause braucht, dann ist das so. Sicher gibt es auch hier Ausnahmen. Aber das ist mein Eindruck, wie ich es hier erlebe.

Wie sieht nun die Beschulung deines Kindes genau aus?

Ich mag das Wort „Homeschooling“ nicht so gern. Es bedeutet ja „Schule zu Hause“ und das leben wir so nicht, weil dann hätte ich die gleichen Probleme wieder. Freilernen oder Lernen ohne Schule trifft es da eher.

Es ist ein sehr weites Thema, ich versuche es mal kurz. Für uns hat es sich als gut herausgestellt, dass wir etwas Struktur haben. Wir setzen uns ein- bis zweimal im Halbjahr zusammen und tauschen uns aus, was uns beiden wichtig ist. Er bringt seine Wünsche, Themen, Interessen und Methoden sowie gewünschte Materialien ein und ich meine Themen. Daraus entsteht dann ein Wochenplan. Manches macht er allein, manches geht nur zusammen.

Das Gute ist, dass sich Dinge wie Empathie, gewaltfreie Kommunikation, Achtsamkeit, Mindset, Philosophie, andere Sprachen, Finanzen, Biografien, Literatur, eigene Projekte hier super integrieren lassen. Ich persönlich finde diese Themen wichtig, damit die jungen Menschen gut und gestärkt in die Welt gehen können.

So bleibt Zeit für intensive Hobbies, was ja auch Lernen ist. Wir reisen und entdecken gern etwas Neues, treffen andere Menschen. Freunde finden sich schnell, Lernen ist überall. Es ist sehr schön zu sehen, was in jungen Menschen steckt, wenn man sie ein Stück einfach lässt.

Habt ihr irgendwelche Kontrollen von außen?

Ja, die Kommune kommt in regelmäßigen Abständen und schaut, was wir tun und wie wir vorankommen. Und natürlich kann er sich dann auch für einen Abschluss anmelden.

Wie hat sich dein Kind verändert, seitdem er nicht mehr in die Schule geht? 

Mein Kind hat mir gezeigt, dass das deutsche Schulsystem einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Deutschland ist das einzige Land im weiten Umkreis, was diese strenge Schulgebäudeanwesenheitspflicht hat. Sehr viele Länder halten es anders. Ich glaube auch, dass es zu schnell zu viele Diagnosen gibt. Mein Sohn hätte sicher auch schnell viele Diagnosen bekommen, aber ich glaube, dass wir nicht versuchen sollten, das Kind zu verändern, sondern das Umfeld an das Kind anzupassen.

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch gerne lernen möchte. Auch mein Sohn hat wieder Motivation und Neugier, möchte lernen. Wir haben Methoden gewählt, gemeinsam erarbeitet und immer wieder angepasst, die für ihn passend sind. Die Verhaltensauffälligkeiten sind deutlich zurückgegangen. 

Es gibt ja zwei Kritikpunkte, die dann häufig genannt werden. 1.: Hat dein Kind dann überhaupt genügend Kontakt mit Gleichaltrigen? und 2. Was macht ihr, wenn ihr den Stoff nicht mehr versteht, wie könnt ihr euer Kind dann noch beschulen? 

Ja, das sind beliebte Kritikpunkte oder viel mehr Klischees. Denn: Findet Soziales nur in der Schule statt? Und herrscht in der Schule immer das gute soziale Miteinander, das wir uns wünschen? Was lernt ein Kind über soziale Fähigkeiten, wenn es keine Freunde in der Schule hat oder gemobbt wird?

Meiner Meinung nach, findet Soziales überall statt. Bei Freunden, in Vereinen, beim Einkaufen, in der Familie, bei Nachbarn, auf Reisen… Im echten Leben lernen Kinder doch so viel mehr als in der „künstlichen Welt“ Kita oder Schule.

Und zum zweiten Punkt: Es gibt für manche Themen auch Online-Lehrer und es gibt Dokus, Apps, Bücher, Materialien zu eigentlich allen Themen – das ist also kein Problem!

Was ist euer größtes Learning aus der ganzen Geschichte? 

Think outside the box. Nichts ist wichtiger, als dass es allen Familienmitgliedern gut geht. Es gibt eine Lösung, die für DEINE Familie passt. Und für diese Lösung lohnt sich, mal außerhalb dessen zu schauen, was die Gesellschaft erwartet oder für richtig hält. Ich würde diesen Schritt immer wieder gehen, wenn es dazu beiträgt, dass es allen besser geht. Ich bin überzeugt, dass echtes Lernen nur so möglich ist. Wenn es nur Probleme gibt, liegt es nicht unbedingt am Kind. Jeder Mensch ist individuell und jeder braucht etwas anderes, um ausgeglichen und motiviert zu sein. Unser (deutsches) System ist dafür nicht gemacht oder vielleicht einfach noch nicht bereit.


Wer mehr über Doreen erfahren möchte: Doreen arbeitet als Beraterin für Familien, Paare und Frauen, für Hochsensible und Freilerner. Sie hilft Familien bei Fragen zu einem schulfreien Lernkonzept. Mehr Infos zu ihrer Arbeit findet ihr unter www.deinlebenunddu.de

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35 comments

  1. Hier wird erziehungsschwäche von Eltern legitimiert. Ich halte es für Wichtig, dass Kinder lernen, dass sie gewisse Pflichten haben, damit unsere Gesellschaft in Sicherheit und Freiheit leben kann. Dazu gehört auch die Schulpflicht, damit jeder Bürger mit einem bestimmten Grundwissen ausgestattet ist und einen Wertekanon (z.B. Demokratie, Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit) kennen gelernt hat. Die Aufgabe von Eltern Ihren Kindern zu vermitteln, dass es nicht immer Spaß macht seine Pflichten zu erfüllen, es aber unerlässlich ist. Dazu gehört es auch in den Konflikt zu gehen, wenn das Kind sagt, dass es nicht mehr in die Schule geht. Eltern müssen dann klare Grenzen setzen und erklären, dass das Kind das nicht entscheidet, sondern die Erwachsenen (Eltern, Staat etc.). Eltern die jeden Konflikt scheuen, keine Grenzen setzten und alle Entscheidungen dem Kind überlassen überfordern das Kind.

    1. Demokratie lebt von Mitbestimmung, Teilhabe und gegenseitiger Wertschätzung. Nicht von erzwungener Pflichterfüllung (Gehorsam). Es ist mir ein Rätsel, warum junge Menschen die Grundwerte von Demokratie ausgerechnet in einem Umfeld erlernen sollen, in dem sie so wenig Mitbestimmung haben, wie in der Schule. Populäre Wissenschaftler*innen äußern sich regelmäßig dazu, dass das deutsche Schulsystem sehr hierarchisch und autoritär organisiert ist – und deshalb nicht besonders geeignet für erlebte Demokratiebildung.

      Außerdem sind nicht alle jungen Menschen in der Schule frei und sicher. Einige erleben dort über Jahre emotionale Gewalt (z.B. Mobbing), der sie sich nicht entziehen können – mit z.T. schwerwiegenden Folgen. Die Statistiken und Berichte zu diesem Thema sind deutlich. Ihnen vorzuhalten, Schulbesuch sei ihre Bürgerpflicht für Freiheit und Sicherheit, das finde ich schon etwas zynisch.

      1. Du sagst es selbst: „Demokratie lebt von Mitbestimmung, Teilhabe und gegenseitiger Wertschätzung.“ Wie soll man mitbestimmen, wenn man sich der Gesellschaft entzieht? Wie soll man Teilhaben, wenn man ungebildet ist? Wie soll man sich gegenseitig Wertschätzen, wenn man nie mit großen Teilen der Gesellschaft in Kontakt kommt? Wie soll man es lernen sich in einer Gruppe (gleichaltriger) Konflikte auszutragen, wenn man nie mit ihnen in Kontakt kommt? Ich bin weiterhin absolut davon überzeugt, dass Kinder lernen müssen, dass man auch bestimmte Pflichten hat, dass nicht immer alles Spaß macht, dass man sich machmal einfach anstrengen muss und das nicht einfach ist. Es gibt leider eine zunehmende Zahl an Eltern, die genau das nicht mehr ihren Kindern vermitteln wollen. Wenn die Kinder morgends aufstehen und sagen, „Ich habe keine Lust auf die Schule“ antworten „dann bleib zu Hause.“ Kinder brauchen aber starke Eltern die sagen: „Schule ist deine Pflicht. Du gehst zur Schule. Das haben wir Erwachsene entschieden. Das ist nicht deine Entscheidung.“ Und wenn ein Kind dann seine Einflussmöglichkeiten nutzt, seine Unlust durchzusetzten (je nach Alter Schreien, Weinen, Diskutieren) ist es aus meiner Sich die Pflicht der Eltern eine gewisse Erziehungsstärke zu zeigen und in den Konflikt zu gehen und sich durchzusetzten. Leider gibt es den Trend die Kinder zu überfordern und sie alles selbst eintscheiden zu lassen, bis hin zum Auswandern nach Dänemark. Das Schulsystem ist leider nicht perfekt und muss dringend reformiert werden, aber die Kinder nicht in die Schule zu schicken ist mit Sicherheit noch schädlicher für die Kinder.

        1. Integrität, Würde, Vorbilder, Positivität, Augenhöhe, Respekt, Vertrauen, Empathie – lieber Bernd, wenn du dein fehlendes Verständnis hinterfragen und deine maßlose Selbstüberzeugung auf die Probe stellen möchtest, können dir die vorangestellten Schlagworte als Impulse für tiefgreifende Reflexion dienen. Deine Worte wirken auf mich sehr starr, verbittert und aus der Zeit gefallen – ich bin froh, dass immer mehr Menschen Kinder als vollwertig erkennen und Bedürfnisse nicht hinter Pflichten und Zwängen zurück bleiben. Orientierung mit Autorität, Schule mit Bildung oder Homeschooling mit nicht-aus-dem-Haus-gehen gleichzusetzen sind Fehlschlüsse.

          1. Danke Kati für deinen Kommentar. Es tut gut zu sehen, daß sich immer mehr Eltern gegen diese Form von Adultismus wehren und Erziehung als Begleitung betrachten.

          2. Deine Beleidigungen und Behauptungen („maßlose Selbstüberzeugung“, unreflektiert, „aus der Zeit gefallen“) lasse ich einfach mal unkommentiert stehen und nehme inhaltlich Stellung:
            Ich vertrete hier glücklicherweise den parlamentarischen Konsens unserer Demokratie, dass eine Schulpflicht sinnvoll ist, auch wenn das für dich „starr, verbittert und aus der Zeit gefallen“ wirkt. Glücklicherweise werden Kinder von den meisten Menschen nicht als „vollwertige“ Erwachsene betrachtet, sondern Kindgerecht behandelt. Daher haben sie auch noch nicht so viele Pflichten wie Erwachsene (z.B. für ihren Lebensunterhalt aufzukommen, Strafrechtliche Verantwortung, Geschäftsfähigkeit)
            Grundsätzlich gibt es Bedürfnisse des Einzelnen (Kindes, Menschen) und Bedürfnisse der Gruppe (Familie, Verein, Dorf, Stadt, Staat). Daraus entsteht manchmal ein Konflikt, weil die Bedürfnisse nicht immer miteinander vereinbar sind. Daher gibt es in jeder Gruppe ein bestimmtes Regelwerk, dass mit „Pflichten und Zwängen“ verbunden ist. In diesem Fall ist das die Schulpflicht, die der Gesellschaft wichtig ist, um Wohlstand und Sicherheit sowie die Vermittlung von Demokratie und Menschenrechten. Ich halte es für sehr egoistisch, den Kindern zu vermitteln, dass ihre eigenen gefühlten Bedürfnisse (zu Hause zu bleiben) über die Bedüfnisse der Gemeinschaft zu stellen.

      2. Danke Marlene.
        Kann das sein, daß ihr in Irland lebt? Da gibt es eine Marlene die einen ähnlichen schönen Stil hat wie du.

    2. wow, das ist eine Kommentar wie aus dem Politbuch der DDR.
      Es gibt nur noch wenige Länder der Welt mit einer solch regieren Schulpflicht, die auf einen Schulgebäudeanwesenheitszwang hinausläuft. In einem Land wo sich Richter schon trauen in Urteile reinzuschreiben „in der Schule geht es nicht darum ob Bildung stattfindet“. In einem Land wo gestern erst wieder in Erfurt ein junger Mensch aus der Familie gerissen wurde, obwohl der Richterin bekannt war, daß sie gar nicht zuständig ist, weil der Junge mit seinem Vater gar nicht in Deutschland angemeldet ist und seinen gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland hat. Und das ist leider kein Einzelfall. 200 Kinder, 24/7, 365 Tage im Jahr, Sonn und Feiertags, jeden Tag ein ganzes Flugzeug voll. Über 70.000 im Jahr, was sogar schon die UNO gerügt hat. Es ist zum kotzen.

  2. Ich halte die Schulpflicht heute für wichtiger denn je: ohne sie würden nicht nur Sektenmitglieder ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen, sondern auch eine recht hohe Menge an muslimischen Eltern, die es mit Argwohn sehen, dass ihre Tochter ab der Menarche noch eine koedukative Schulklasse besuchen muss. Zumindest spiegelt das meine Erfahrungen als Lehrerin.
    Mit der zu erwartenden Menge an Kindern und Jugendlichen wäre es auch nicht möglich, irgendwelche Kontrollen durchzuführen.
    Die Menschenrechte gelten auch für Kinder.
    Dass wir Schule verändern müssen, insbesondere kleinere Klassen in den Grundschulen brauchen bei zwei Lehrkräften, steht auf einem anderen Blatt.

    1. Gerade weil Menschenrechte für alle gelten, ist es fragwürdig, junge Menschen an einen Ort zu zwingen, an dem sie nicht sein wollen.
      Und natürlich wären Kontrollen bzw Lernbegleitungen möglich. Wenn diese Mengen an Familien tatsächlich die Schule verlassen (was eher unwahrscheinlich ist, allein schon weil die meisten Eltern arbeiten müssen) – dann würden an der Schule ja Lehrkräfte frei. Ich kenne viele Lehrer*innen, die lieber als Lernbegleitung für außerschulisch lernende Kinder arbeiten würden. Die könnten dann auch prüfen/sicherstellen, dass es ausreichend Bildungsangebot und Sozialkontakte gibt, bzw. die Familien dabei unterstützen.

      1. Ich glaube, es wäre einfach nur verhängnisvoll und falsch, wenn unsere Gesellschaft noch fragmentierter und vereinzelter wird, las sie es ohnehin leider schon ist. Wir sind doch schon solch eine Ego-Gesellschaft, wo die meisten nur um sich selbst und die Bedürfnisse ihrer „Liebsten“ (=Kernfamilie) kreiseln.
        Wenn dann auch noch die Schule als einer der letzten Orte echter Begegnung wegfällt, was bleibt dann noch?
        Nein, lasst uns Schule verbessern, innovativer machen, das gern, aber tretet diesem Rückzug ins Private und dieser überbordenden Individualisierung entgegen, in der alle irgendwann nur noch Einzelkämpfer mit Blick nur auf die eigenen Bedürfnisse sind.
        Was soll richtig daran sein, Mobbing zu bekämpfen, indem man die Kinder zuhause isoliert? Wie soll man Demokratie allein zuhause lernen? Und ja, auch wenn das für viele sehr unpopulär klingt, auch die Erfahrung zu machen, dass man im System funktionieren kann, auch wenn es nicht immer Spaß macht, kann sehr befriedigend sein! Lasst die Kinder diese Erfahrungen machen, an den Herausforderungen, in Gemeinschaft zu wachsen. Nichts wappnet einen besser fürs Leben (und ganz sicher nicht überbehütende, einen vor allen Widrigkeiten des Lebens abschirmende Eltern!

    2. Liebe Sannai – als Lehrerin an einer Schule erlebst du sicher regelmäßig grenzüberschreitendes Verhalten – von Kindern gegenüber Kindern, von Lehrkräften gegenüber Kindern, von Kindern gegenüber Lehrkräften und von Lehrkräften gegenüber Lehrkräften. Sicher sind auch mal Eltern, Sozialpädagogen, Küchenpersonal oder Schulpsychologen involviert, da der Ort Schule die Individualität eines jeden in seiner Struktur nicht achten kann. Immerhin muss man essen und spielen wollen, wenn Zeir dafür ist und sicher Mathe um 8 Uhr und nicht um 11 Uhr interessieren. Wie hältst du es dann mit dem Recht auf freie Entfaltung? Oder Sicherheit? Freie Beweglichkeit?

    3. Das mit den Muslimen läuft auch mit Schulpflicht. Ab 14 bekommen sie eine Schulungeeignetheit von Ärzten attestiert und sie werden verheiratet.
      Warum leben Familien in Irland oder Dänemark glücklicher? Sie haben eine Wahl! Und dadurch muss sich Schule anstrengen um den jungen Menschen was anzubieten, wo sie freiwillig hingehen. Dieser Umstand wiederum führt dazu, daß >98% in die Schule gehen. Und der Rest lernt unter staatlicher Aufsicht von zu Hause aus ganz entspannt und legal.

  3. Ein schöner Beitrag aber auch eine traurige Erkenntnis. Es kann doch nicht sein das alle das Land verlassen müssen nur weil Deutschland aus seinem System ein System der Wissenschaft und Kontrolle gemacht hat. Auch ich habe 2 Kinder, eines meiner Kinder kam ebenfalls mit den Strukturen der Schule und Überreizung nicht klar, hat dieses System des menschlichen Miteinanders nicht verstanden und war gnadenlos überfordert, weinte täglich. Ich habe meine Kind aus der Schule 2 Jahre nach der Grundschule genommen obwohl sie fürs Gymnasium geeignet war rausgenommen und es zu Hause lernen lassen, es liebte es sich Wissen anzueignen in ihrem geschützten Ramen. Jedoch aufgrund des Schulsystems und seiner Drohung zur Schulpflicht, wurde es irgendwann vom Ordnungsamt abgeholt und der Schule wieder zugeführt und mir eine horense Rechnung ausgestellt. Nur dank eines Artztes der ein Atest austellte zur Schulbefreiung und uns Zeit gab Dinge zu klären kamen wir halbwegs aus dem Strudel raus oder besser mussten den Strudel des Systems durchlaufen. Psychologen, Diagnosen,…wir bekamen einen Platz bei einem Verein für Schulverweigerer, so heißt das. Mein Kind hat nie die Schule oder das Lernen, Bildung verweigert, sondern war immer Neugierig, wissbegierig, kam nur in diesem vollgestopften System von Menschen nicht zurecht. Später wurde eine Autismus-Spektrum Störung diagnostiziert. Mein Kind hat unter all diesem Umgang und Prozedur auch der Stigmatisierung, sehr gelitten und das Vertrauen ins Leben verloren und vorallem das an Ihr etwas falsch sei, sie nicht in diese Welt passe. Sie hat wunderbare Talente und eine hohe Präzision und ist großartig so wie sie ist aber das System in Deutschland hat ihr seelisch Schaden zugefügt anstatt sie als Menschen so zu belassen wie sie ist und ihren eigenen Weg ernsthaft in ihrem Tempo gehen zu dürfen. Müssen alle ernsthaft dieses Land verlassen, nur weil Deutschland sich nicht ändern will, nur weil Deutschland Menschen nicht in seiner Vielfalt ernsthaft respektiert, nur in erster Linie über Diagnosen „Leben“ zulässt. Ich möchte dieses Land nicht verlassen, ich liebe es hier zu Leben und meinen Kindern würde es auch nicht gut gehen damit aber es kann doch nicht sein das sich Leben und Kultur nicht wandeln darf und alle ernsthaft mit ihrem sein Leben dürfen!? Und ja Deutschland zieht sich Schul- und Lernverweigerer heran, bürokratisiert Menschen anstatt ernsthaft was von Menschen und Leben, Entwicklung verstehen zu wollen!

  4. Ich fand nett, dass ie Berichtende tatsächlich wertschätzend auch weiterhin über Menschen gesprochen hat, die ihrem Sohn innerhalb des Systems versucht haben zu helfen und nicht alles schwarz und weiß war, wie in vielen solcher Berichte. Denn viele Lehrende geben eben auch täglich ihr Bestes (Schwarze kleine Herden von Schafen unbestritten).
    Schade fand ich auch, dass die Situation der anderen Kinder, sowie des Vaters nicht näher geschildert würden. Des einen Freud, des anderen Leid oder doch für alle gut, da die Situation in der Schule und auch Zuhause für alle Familienmitglieder schwierig war. Da wäre ich echt neugierig mehr und differenzierter es zu erfahren. Der Familie Alles Gute. Ein bisschen beneide ich euch, um euren Alltag ohne deutsches Schulsystem😉.

  5. ich schließe mich Steffis Frage an, die mich auch beim Lesen direkt umtrieb. was für eine schwierige Situation, wenn ein Kind kreuzunglücklich ist und die anderen dann aus auf ihrem Alltag gerissen werden (müssen?). da beneide ich keine Familie drum und stelle mir das sehr schwer vor.

    ich frage mich aber auch, ob manche Sachen nicht doch sein müssen, also auch von außen vorgegebene Alltagsstruktur wie eben Schule oder ab einem gewissen Alter auch Kita. als Erwachsener kann man ja auch nicht alles frei gestalten und muss sich ein wenig einfinden.

    Schön, wenn die Familie jetzt in Dänemark glücklich ist und ihr Ding machen kann.

  6. Dänemark kann eine gute Lösung sein, wenn schulfreies lernen für eine Familie machbar ist. Die Eltern von dänischen Schulverweigerern sehen das etwas differenzierter. Schulverweigerung ist dort nämlich auch ein riesiges Problem und weil keine Präsenzpflicht besteht, gibt es auch wenig bis gar keine Unterstützung für die betroffenen Familien – Therapien oder Ausgleich für Lohnausfall haben große Hürden bzw sehr lange Bearbeitungszeiten. Letzteres mit zum Teil dramatischen finanziellen Folgen für die Familien, bei denen ein Elternteil dauerhaft zu Hause bleiben muss, um das Kind zu betreuen/ beschulen.
    Schon irgendwie kurios, dass das, was dänische Eltern zur Verzweiflung bringt, hier der Grund für eine Auswanderung ist.
    Zu sehen unter „Skolens tabte børn“ (Dokuserie), auf drtv.

  7. Ich finde es traurig, dass es in Deutschland nicht möglich ist, Lösungen zu finden, wenn Kinder nicht „ins System passen“. Und ich finde es sehr mutig, was ihr gemacht habt, auch wenn ihr dafür vieles aufgeben musstet. Die Verzweiflung muss sehr groß gewesen sein. Für uns wäre es keine Option gewesen, das Land zu verlassen. Wir sind einfach zu verwurzelt an unserem Heimatort mit Familie und Freunden, das würde einen zu großen Verlust bedeuten. Und eine Arbeit in einem fremden Land zu finden, stelle ich mir auch nicht einfach vor. Eigentlich skandalös, dass ihr zu solch einem Schritt gezwungen wurdet, und es nicht möglich war eine andere Lösung zu finden. Ein weiteres Armutszeugnis für Deutschlands Schulsystem.

    1. Es gibt mittlerweile eine Menge Lösungen für Kinder, die nicht in die Schule gehen können. Da Beschulung Ländersache ist, ist das Angebot sehr unterschiedlich, zugegeben. Aber wenn die Eltern eben nicht willens sind, mit Fachleuten zu kooperieren, z. B. wie im Text beschrieben, keine Diagnosen möchte, dann ist der Weg schnell zuende. Es reicht zum Glück nicht, wenn Eltern sagen, mein Kind möchte nicht in die Schule. Ich möchte mir nicht ausmalen, welchem Missbrauch das Tür und Tor öffnen würde. und wenn ich solche Texte inklusive Kommentare lese, frage ich mich, wer es da eigentlich so super individuell braucht. Ich hoffe, der Junge bekommt geeignete Unterstützung.
      Die zwei älteren Kinder völlig aus ihrem Kontext zu reißen, finde ich schrecklich. Wo ist deren Recht auf Individualität?

      1. Zwischen der vergleichsweise sehr restriktiven Schulpflicht in Deutschland und alles zulassen „wenn Eltern sagen, mein Kind möchte nicht in die Schule“ gibt es viele Möglichkeiten. Der Missbrauch, den du dir nicht ausmalen willst bezieht sich auf das Gegenteil der jetzigen Situation, oder?

        1. Das habe ich jetzt nicht verstanden, was Du mit dem Gegenteil der jetzigen Situation meinst? ICH meinte, dass die Grundrechte von Kindern so schwer wiegen, dass deren Umsetzung nicht von Wünschen und Ansichten von ein bis zwei Erwachsenen alleine abhängen dürfen. Das Recht auf Bildung ist eine Errungenschaft, die durch die Schulpflicht gesichert wird. Während meine Mutter noch mit dem Baby der Schwester im Schlepptau die Schule besuchte und jederzeit für die Ernte frei gestellt wurde, dürfen Eltern heute legal so nicht mehr ihren Kindern Bildungsmöglichkeiten rauben. Das Beispiel hat mit Euch nichts zu tun, aber wird möglich, wenn Eltern alleine bestimmen, ob ihr Kind in die Schule „muss“. Ich finde es tragisch, wenn ein Kind nicht in die Schule kann. Etwas, was ich nach vielen Jahren in meinem Beruf noch nie als gute Lösung erlebt habe, sondern als Notlösung. Ich finde das soziale Lernen mit Gleichaltrigen kann nicht ersetzt werden. Mit Peers umzugehen, kann man nur mit Peers lernen. Im Laden einkaufen, vermittelt, wie man in diesem Setting sozial agiert. Das ist auch wichtig aber nicht austauschbar. Argumentativ finde ich bei Dir nur Beispiele (Mobbing), wo es in der Schule schief geht. Nun das gibt es fürs Homeschooling auch. Es ist Euer Rechr, nach Dänemark zu ziehen und so zu handeln, aber ich möchte diese „Möglichkeit“ in dem Land, in dem ich lebe, nicht haben.

          1. Erstmal: ich gehöre nicht zum Umfeld der Autorin. Nicht familiär/ freundschaftlich und auch nicht gedanklich, dass ich gern auswandern würde, um meinen Kids die Schule zu ersparen.

            Aber ein Recht auf Bildung ist erstmal nicht an eine physische Anwesenheitspflicht an einem Ort gebunden. Diese könnte man auch mit abgespeckten Vorschriften (Mindestens Hauptfächer sind meiner Meinung nach lebenswichtig. Ich finde es völlig absurd wenn Freilernerkinder nicht lesen und schreiben lernen) was zwingend zu Lernen ist und Hausbesuchen und regelmäßigen Tests nachprüfen.
            Der Punkt mit den Peers sehe ich zwiegespalten. Einerseits kann das Auskommen müssen mit zusammengewürfelten Menschen ein sehr wertvoller Lernprozess sein, vorallem auch die Konfrontation mit Menschen außerhalb der eigenen Blase, die man so an anderer Stelle umgehen kann. Andererseits ist Schule leider nicht für jeden ein sicherer Ort (sicher vor körperlicher und verbaler Gewalt)..

          2. Meines Wissens nach wurde der Heimunterricht in Deutschland erst 1938 abgeschafft bzw. verboten. Und ich meine, dass es dabei weniger um die Rechte der Kinder auf Bildung ging.
            Und Deutschland gehört zu eines der wenigen Länder, die Heimunterricht fast unmöglich machen.
            Ja mit sehr viel Mühe und Bürokratie gibt es vereinzelt Fälle, dass Kinder von zu Hause oder unterwegs lernen können. Aber teilweise ist das Lernziel für Kinder noch sehr am Ermessensspielraum der Schule abhängig. Da können plötzlich chronisch kranke Kinder nicht benotet und versetzt werden, weil sie nicht häufig genug in der Schule waren. Und trotz extra Aufgaben keine mündliche Note bekommen können. Weil Distanzunterricht bei Glätte möglich ist, aber sonst von Lehrkräften und Leitung abgelehnt werden kann. Man muss also einen echt langen Atem in Deutschland haben, um die Rechte seiner Kinder einzufordern. Und dabei hoffen, dass die Kinder nicht ihre Lust an Schule mit dem Bürokratie Dschungel total verlieren.
            Wenn es für die Betroffenen wenigstens nicht so schwer gemacht werden würde.
            Momentan ist die einzige Partei, die sich wieder für den Heimunterricht als freie Wahl der Eltern einsetzt, leider auch eine die nicht am Wohl der Kinder interessiert ist, wie schon 1938.

          3. @a Oh, irgendwie hatte ich diesen Eindruck. Naja, das ändert ja sonst nichts an den Argumenten.

            Gewalt und Ausgrenzung erleben viele Kinder auch in der Familie. Aus meiner Sicht ist es leider nicht vollständig vermeidbar. Der Vorteil der Anwesenheitspflicht ist, dass in beiden Fällen, egal ob zuhause oder in der Familie mehrere Erwachsene drauf gucken und damit die Chance größer ist, dass das Kind Hilfe bekommt.

            @AN Ich bin keine Lehrerin, aber soweit ich weiß, sind das genau die Regeln, die Ermessensspielraum der Lehrer oder der Klassenkonferenz liegen. Da wär sie nun die von vielen so vehement geforderte Flexibilität mit all ihren Nachteilen.
            Und was Deine Ausführung zur Anwesenheitspflicht seit 1938 betrifft: geschmacklos, irgendwie infam mir gegenüber und eigentlich nur eskalierend, denn inhaltlich hat das mit den anderen Argumenten nichts zu tun. Aber die Schulpflicht gab es schon früher. Die Möglichkeit zur Heimbeschulung ist übrigens nicht grundsätzlich abgeschafft.

          4. Der Bericht der Familie richtet sich nun mal nicht gegen die Schulpflicht, sondern gegen die Anwesenheitspflicht. Weil auch keiner gegen die Schulpflicht ist.

            Angeprangert wird, dass in Deutschland eine Heimbeschulung generell illegal ist.

            Und wann es illegal gemacht wurde, ist nun mal ein Interessanter Fakt, auch zu überlegen, warum es damals veranlasst wurde, welchen Einfluss es auf uns heute haben könnte. Vor allem, wenn man gegen eine allgemeingültige Einführung ist. Und seine persönliche Position gegeben falls kritisch hinterfragt.

            Zur Einordnung: In Deutschland gibt es jährlich ca. 1000 Kinder, die vorübergehend (ja zeitlich begrenzt und überprüft) keiner Anwesenheitspflicht, ggf. auch keiner allgemeinen Schulpflicht unterliegen (hauptsächlich wegen längerer schwerer Krankheit und Auslandsaufenthalt der Familie mit Onlineschule).

            Dagegen stehen aus dem Jahr 2023/2024 62.000!!! Schulabgänger ohne Abschluss (Grundrecht auf Bildung nicht erfüllt vom Staat). Und ca. 100.000 – 200.000 !!! regelmäßige Schulschwänzer, also Schulverweigerer. Aus diversen Gründen.

            Das sagt natürlich viel über das allgemeine Schulsystem aus. Schule ist nun mal eine Schablone, in die Kinder je nach Alter und Schulform bis zu 60% nicht reinpassen. Weil sie anders lernen, weil die Klassen zu groß sind, weil es Mobbing und Cybermobbing gibt. Die Gründe sind so vielfältig. Aber sie sollen sich ja anpassen, sie sollen sich verbiegen, sie sollen es aushalten lernen. Wie so kleine folgsame Lemminge überspitzt ausgedrückt.

            Sie werden für unsinniges bewertet. Sind sie in 20 Minuten fertig mit einer Aufgabe, zeigen Sie nicht genug Arbeitswillen, weil sie nicht noch ein Blatt bearbeiten. Wenn sie länger als 45 Minuten brauchen, dann sind sie falsch auf der Schulform (Konzentrationprobleme können auch vom Mobbing kommen). Wenn sie lieber in Bewegung lernen, dann ist das ganz falsch, weil sitzen ohne Geräusch ja das ah und oh ist.

            Und wenn die Kinder durch Ihre Art zu lernen, Ihre Art mit 30 anderen auszukommen, mit Angststörungen durch extreme Mobbing Erfahrung (bitte nicht abtun wie im anderen Kommentar von Ihnen), gerne eine Zeitlang von zu Hause lernen wollen würden, weil sie 2-3 Jahre auf einen Therapie Platz oder Diagnostik warten müssten, weil in 50 Km Umfang keine geeignete Schulform mehr ist. Dann sind sie plötzlich abhängig vom Ermessen des Lehrers, der Schulleistung, des Schulministeriums, des Arztes, der Jugendamtes. Und bei 1000 genehmigten Fällen im Jahr, würde ich behaupten das dieser nicht wirklich überprüft wird, ob es voll ausgeschöpft wird. Und warum? Kontrolle! Und Einhaltung von Regeln, weil das haben wir schon immer so gemacht. Weil dann könnte ja jeder kommen. Das unsagbare Unwohlsein unserer Gesellschaft anderen in Ihren Entscheidung zu Vertrauen, dass Sie für sich und ggf. Ihre Kinder ermessen können, was diese gerade brauchen. Weil das System ausgenutzt werden könnte. (Spoiler: wer will macht es auch jetzt schon)

            Ich bin nicht für eine allgemeine Wiedereinführung des Heimunterrichts. Aber für eine Legalisierung. Ob es das richtige für ein Kind ist, kann immer wieder überprüft werden, wie schon in einem anderen Kommentar erwähnt. Erstmal erlauben ohne Ermessen von Dritten und dann überprüfen. Ich glaube, dann würde sich auch an der jetzigen Schulstruktur viel schneller etwas bewegen, weil diese bei den Zahlen oben ja nun mal faktisch falsch ist für die Kinder von heute. Und für Kinder in der Zukunft.

            Und Kinder lernen wenig wie sie mit anderen Menschen zurechtkommen in der Schule. Wie denn in 20 Minuten Pause. Der Unterricht ist dafür da, um der Lehrkraft zu gefallen und sich an diese Anzupassen. Im Unterricht versuchen sie dann auch die Geräusche der anderen 30 auszublenden. Weil die Schüler maximal 2,5 qm Platz haben und auf irgendwelche Raumakustik Maßnahmen verzichtet werden kann. Soll sie das alles abhärten? Oder nur ihre Individualität abtöten? Ihre Gefühle stumpf werden lassen? (Extrem: Damit sie folgsam werden?)

          5. @AN Ihre Antwort ist für mich eine wilde Ansammlung von Zahlen, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen. Die Schlussfolgerungen sind für mich fragwürdig. Vermischt mit anekdotischen Einschüben oder Ihren eigenen Erfahrungen? Darauf kann und will ich nicht eingehen.
            Dann nervt mich die Unterstellung, ich würde Mobbing abtun. In meinen Antworten ist das hier nicht zu finden. Ich verabschiede mich, da fruchtlos.

        2. nicht die Eltern sagen das, der junge Mensch sagt das. Und die Eltern nehmen ihr im Grundgesetz zugesichertes natürliches Recht ernst. Art. 6 Abs. 2
          Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

    2. … und ehrlich gesagt, das Narrativ, dass Therapien ein Kind „kaputt“ machen? Woher kommt denn diese Erkenntnis?
      Das ist für mich eine undifferenzierte Abewertung viele Menschen, die sich redlich bemühen. Es ist ein Privileg, dass in unserer Gesellschaft leider nicht ausreichend zur Verfügung steht.Aber immerhin gibt es ein Angebot. Wer es superindividuell und vor allem so braucht, dass man sich selbst nicht hinterfragen muss, kann sich ja einen unüberprüften Coach leisten.

  8. Interessantes Interview, aber eine Frage fehlt mir: Was ist mit den anderen Kindern? Wie gehen die mit der Situation, der unterschiedlichen Behandlung und der Auswanderung um?
    Und der Vater?

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