Ihr Lieben, als wir neulich über ein Handyverbot für Jugendliche diskutierten, meldete sich auch Karin bei uns, die aus persönlicher Erfahrung für ein Social Media Verbot für unter 14Jährige einsteht. Denn über ihren Sohn wurde bereits in der 3. Klasse ein Diss-Track bei Youtube hochgeladen, also ein Video, das gezielt gegen eine Person stichelt.
Du Liebe, wie stehst du zu einem Social Media Verbot für unter 14Jährige?
Ich bin definitiv für ein Verbot. Das Problem sehe ich aber in der Umsetzung, viel mehr aber noch in der Kontrolle des Verbots. Wenn man es genau nimmt ist laut AGB vermutlich keine einzige gängige Social Media Plattform offiziell für 14-jährige erlaubt. Und dennoch haben inzwischen genug Kinder/Jugendliche Zugang zu TikTok, Instagram und sonstigen Plattformen. Letztendlich hat selbst WhatsApp eine Altersbeschränkung. Ist aber so als Kommunikations-App manifestiert, dass das gar nicht hinterfragt wird. Man stellt ggf. die Altersbeschränkung im Handy um und schon kann man die App trotzdem herunterladen.
Hat sich deine Einstellung zu dem Thema im Laufe der Jahre verändert? Wenn ja, inwiefern?
Ja, ich bin definitiv kritischer geworden. Social Media hat sich nicht zuletzt in den letzten Jahren an vielen Stellen auch zu – ich nenne es mal so – Unsocial Media entwickelt. Der Ton ist oft rau. Es wird schneller gehetzt als im realen Leben. Es werden Fehlinformationen verbreitet. Und Kinder sind auf den Plattformen ungeschützt Erwachsenen ausgeliefert. Möchte man das für sein Kind? Ich für meines nicht.
Welche Einschränkungen für Kinder fändst du sinnvoll?
Vor allem die Einschränkungen im Content. Dass es wirklich so eine Art Filter gibt, der nicht alles an Informationen an die Kinder preisgibt. Und auch die drastische Einschränkung der Kommunikation. Damit die Kinder nicht einfach von jedem angeschrieben werden können.
Meinst du denn, es würden sich Leute an Verbote oder Einschränkungen halten? Oder ginge es dir um die Signalwirkung: Eigentlich ist das noch nichts für Jüngere?
Ich denke, die Leute, die sich heute schon kritisch mit dem Thema auseinandersetzen und das Verbot auch begrüßen, würden sich sicherlich daran halten. Die Befürchtung ist eher, dass das nicht so viele Leute sind.
Im Moment geht es ja nur um ein Social Media Verbot, nicht um ein Internetverbot, die Kids können sich also weiter Gewalt- oder Sexvideos anschauen im Zweifel…
Grundsätzlich ist das Internet per se auch nicht nur schlecht. Wo ich früher in meiner Schulzeit noch die alte Lexikon-Reihe meiner Eltern für die ersten Referate bemüht habe, hat man heute Suchmaschinen und ein nahezu unendliches Wissensangebot. Ein komplettes Internetverbot ist vermutlich noch schwerer umsetzbar.
Hältst du das Medienverhalten der Jugend auch schwierig fürs Sozialleben?
Ja, auf jeden Fall. Wir waren am vergangenen Wochenende in der Schwimmhalle zum Wettkampf. Die Sportler hängen komplett alle an ihren Handys. Ich hab es selber aufgegeben, meinem Sohn Kartenspiele einzupacken. Es spielt eh keiner mit ihm und als am Ende hängt er dann bei den anderen mit über dem Handy. Aus einem anderen Verein saßen zwei Kinder mit ihren Lustigen Taschenbüchern neben uns auf der Tribüne. Ich fand es traurig, dass einem sowas schon auffällt, wenn es Kinder gibt, die sich auch mal anderweitig beschäftigen als nur mit dem Handy. Ja, so ein Tag in der Schwimmhalle ist lang, aber Beschäftigung funktioniert auch anders als nur über ein kleines Gerät.
Und nicht nur das, ihr habt auch noch etwas viel Heftigeres erlebt…
In der Schule hatten wir jetzt den Fall, dass ein Mitschüler vor einem Jahr einen „Diss-Track“ über unseren Sohn gemacht hat. Mit namentlicher Nennung. Hochgeladen ganz offiziell auf YouTube. Die Kinder waren zu der Zeit, als das Video hochgeladen wurde, in der 3. Klasse.
Wie habt ihr von dem Diss-Track mitbekommen, wie ging es deinem Sohn, wie ging es dir als Mutter damit?
Ehrlicherweise hat unser Sohn uns davon schon vor einem Jahr erzählt. Aufgrund des eben erwähnten Alters der Jungs haben mein Mann und ich das nicht ernstgenommen und meinten noch sinngemäß zu ihm, dass das nur Gequatsche seines Klassenkameraden wäre.
Dieser Junge hat aber tatsächlich einen YouTube-Kanal. Von diesem Kanal haben dann andere Mitschüler wohl vor kurzem erfahren, haben das Video gesehen und unseren Sohn damit geärgert. Da er selber kein YouTube hat, weil wir sein Handy mit Family Link stark eingeschränkt haben, hat er beim Training den ein bis zwei Jahre älteren Jungs in der Umkleide davon erzählt. Die haben sich das mit ihm angeschaut, fanden das Video ganz doof und haben sogar einen Daumen runter geschickt. Das hat er mir dann im Auto erzählt und ich fiel aus allen Wolken.
Gab es Konsequenzen? Ist heute alles wieder ausgeräumt?
Der erste Impuls war, dass ich der Mutter des Jungen den Link zu dem Video schickte und schrieb, dass das mein Sohn da namentlich genannt und beleidigt wird und das sofort zu entfernen ist. Ich habe dann noch über den Bildschirmrekorder des Handys sicherheitshalber eine Kopie gezogen.
Die Reaktion der Mutter war sinngemäß, ich solle mich nicht so anstellen, das Video ist schließlich schon ein Jahr online. Sie hätte es jetzt persönlich gelöscht, glaube aber nicht, dass der vollständige Name meines Kindes genannt worden wäre und es gäbe noch mehr Menschen mit seinem Vornamen. Da war ich echt fassungslos, dass sie das so relativiert hat und es sich nicht mal angesehen hat. Der Name wird zweimal genannt.
Was sagte die Schule?
Wir haben es dem Klassenlehrer und der Schulleitung gemeldet. Der Klassenlehrer hat dazu gleich am nächsten Tag ein Gespräch mit den Jungs gesucht. Die Schulleitung riet, wie eine befreundete Rechtsanwältin, zu einer Anzeige bei der Polizei bzw. dem Jugendamt. Wenn ein Kind in dem Alter so unkontrollierten Zugang z.B. zu YouTube hat, fällt das wohl durchaus schon unter die Verletzung der Aufsichtspflicht, da YouTube erst ab 16 erlaubt sei.
Auch die Trainer haben wir sicherheitshalber informiert. Kinder sind manchmal grausam und es hätte nun natürlich auch passieren können, dass die Jungs, denen er das erzählt hatte, das Video in einem Moment zwar doof finden und es im nächsten Moment dann nutzen, um ihn auch damit zu ärgern. Da gab es ebenfalls ein Gespräch mit den Kids, die aber ganz fürsorglich waren und sich sogar erkundigt haben, ob wir Eltern denn Bescheid wüssten.
Was wäre denn dein Appell als Mutter?
Es muss eine deutlich striktere Linie gefahren werden, was die Kontrolle betrifft. Wie kann ein damals 8Jähriger sowas hochladen und komplett alleine einen YouTube-Kanal mit weiteren Videos bedienen? Wir haben den Kanal gemeldet. Passiert ist seitens YouTube bisher leider nichts. Es gibt nicht mal den Meldegrund „Person ist minderjährig“.
Aber die großen Fragen sind natürlich: Wer soll das am Ende denn kontrollieren? Was sind die Konsequenzen für die Eltern, die sich nicht daran halten? Darauf hab ich auch keine Antwort.

2 comments
Auch von mir ein Danke, dass das Thema so viel Beachtung findet! Es muss sich dringend etwas ändern. Und zwar dahingehend, dass Kinder bis 14 keinen Zugang zu diesen Geräten haben. Einschränken funktioniert nicht. Und es ist nichts falsch daran, zu wissen, wie man ein Lexikon (und auch seinen eigenen Kopf) bedient. Eine gute Medienerziehung in der Grundschule heißt: Lesen lernen (mit Büchern!!!). In der weiterführenden Schule sollte es dann um die kritische Nutzung und das Hinterfragen dieser Technologien gehen. Medienkompetenz ist nicht über den Bildschirm wischen oder Roblox spielen!
Danke, dass ihr dem Thema „Gefährdung von Kindern durch Smartohone / Social Media“ derzeit viel Raum gebt.
Mir ist absolut unbegreiflich, wie Eltern ihre Kinder in diesem Bereich alleine lassen können.
Dabei ist das, was Karins Sohn passiert ist, weniger die Ausnahme denn die Regel. Gut, dass sich der Junge jemandem anvertraut hat! Und die Reaktion der Schule zeigt ebenfalls, dass dort verstanden wurde, wie heftig die Auswirkungen des Verhaltens des Täters sind.