Systemsprenger? Von Meltdowns, Unbeschulbarkeit und Hochbegabung

Systemsprenger

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Ihr Lieben, es ist immer so gut, sich die Seite derer anzuhören, die das Kind lieben, das von Außenstehenden als so besonders kompliziert, unbeschulbar oder gar als Systemsprenger eingestuft wird. Hier erzählen wir die Geschichte einer Familie, für die es am Ende doch noch ein Happy End gab.

Dein großes Kind wird bald 11. Mit 8 wurde es von der Schule als „nicht beschulbar“ eingestuft und ins Homeschooling geschickt. Was ging dem voraus?

Der Entscheidung ging ein sehr langer Leidensweg voraus – für unseren Sohn, aber auch für uns als Familie. Schon seit der Vorschule hat er sich in der Schule extrem angepasst. Sein natürliches Verhalten eckte oft an, deshalb versuchte er möglichst unauffällig zu sein. Für die Lehrkräfte war er dadurch ein ruhiges, pflegeleichtes Kind. Zu Hause sah es jedoch ganz anders aus: Dort hatte er regelmäßig starke Meltdowns und war oft sehr unglücklich.

Wir haben diese Probleme immer wieder beim Kinderarzt und in Elterngesprächen angesprochen, wurden aber nicht ernst genommen. Da er in der Schule so angepasst war, glaubte man uns nicht und erklärte uns eher, wir seien überfordert. Ich habe mich dann selber in Büchern, Internet und über Podcasts informiert und einen Weg gefunden, ihn zu Hause gut zu begleiten und zu unterstützen. Ohne persönliche fachliche Hilfe, sondern nach dem Mamabauchgefühl. 

Zu Beginn der dritten Klasse änderte sich sein Verhalten auch in der Schule. Wir bekamen plötzlich regelmäßig Nachrichten, er würde sich schlecht benehmen. Er selbst wusste oft gar nicht, was genau er falsch gemacht hatte. Nach einigen Monaten wurde er immer häufiger nach Hause geschickt.

Parallel versuchten wir eine psychologische Abklärung zu bekommen, was jedoch sehr schwierig war. Erst über die kantonale Erziehungsberatung bekamen wir relativ schnell einen Termin bei einer Kinderpsychologin. Sie bestätigte viele unserer Beobachtungen. Die Schule hätte lieber eine ADHS-Diagnose gesehen, was sich aber nicht bestätigte. Es wurde auch eine Autismus-Expertin hinzugezogen, da unser Sohn Merkmale zeigt, die im Grenzbereich des Spektrums liegen, aber bei Kindern mit zu hohem IQ sehr häufig vorkommen.

Trotzdem war die Schule kaum bereit, Anpassungen vorzunehmen. Eine Klassenassistenz wurde mehrfach abgelehnt. Stattdessen setzte man ihn häufig allein in einen Nebenraum, damit er dort arbeiten konnte. Für ihn bedeutete das soziale Isolation und es verstärkte sein Gefühl, „anders“ zu sein. Mit der Zeit durchschaute er, dass er nach Hause geschickt wurde, wenn er den Unterricht störte. Aus Verzweiflung begann er dieses Verhalten gezielt einzusetzen, weil er den Schulalltag kaum noch aushielt.

Kurz vor Weihnachten rief mich seine Lehrerin an und sagte, sie hätten keine Kraft mehr und könnten ihn nicht mehr ertragen. Man schickte ihn schließlich vorzeitig in die Ferien. Nach den Ferien dauerte es nur einen Tag, bis die Schule erklärte, er sei nicht mehr beschulbar und müsse vom Unterricht freigestellt werden.

Für uns war das ein riesiger Schock – auch organisatorisch, weil ich berufstätig war. Ironischerweise wurde uns nun sogar eine Unterstützungskraft zugesprochen, die jedoch nicht ihm half, sondern lediglich Wochenpläne für das Homeschooling vorbereitete.

Was genau wurde als Begründung für die Unbeschulbarkeit genannt?

Schulangst
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Am Ende hat er den Unterricht komplett verweigert. Er lag teilweise auf dem Boden, starrte an die Decke, krabbelte durch den Raum oder sprach in Babysprache. Er war schlicht völlig überfordert und wusste nicht mehr, was eigentlich von ihm erwartet wird. Gleichzeitig hatte er natürlich auch gelernt, dass er nach Hause durfte, wenn er stark störte. Sein Verhalten war also teilweise auch ein Versuch, dieser für ihn unerträglichen Situation zu entkommen.

Kann dein Sohn die Entscheidung nachvollziehen? Und du selbst?

Mein Sohn konnte das überhaupt nicht nachvollziehen. Er hat die gesamte Situation als seine Schuld gesehen. Einem Freund erklärte er sogar, er habe eine Behinderung und müsse deshalb auf eine Sonderschule. 

Später erzählte er mir, dass die Lehrerin ihm gedroht hatte, er müsse sonst auf eine weit entfernte Sonderschule oder in ein Heim. Für ihn war deshalb klar: Mit ihm stimmt etwas grundsätzlich nicht.

Ich kann nachvollziehen, dass sein Verhalten am Ende für die Schule schwer war. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, dass man so wenig versucht hat, ihm zu helfen. Hätte er eine klassische Lernschwäche gehabt, hätte er vermutlich Unterstützung bekommen. Da er den Stoff aber problemlos verstand, sah die Schule keinen Handlungsbedarf. Es wurde einfach erwartet, dass er sich zusammenreißt und „benimmt“.

Du sagst, er hatte mit 9 bereits depressive Züge. Wie äußerte sich das?

Er hatte schon früh große Selbstzweifel, aber in dieser Zeit wurde es extrem. Er weinte sehr häufig und jeden Abend, schlief schlecht und wünschte sich immer wieder, einfach „normal“ oder auf einem anderen Planeten zu sein, wo es Menschen wie ihn gäbe.

Besonders schwer war für mich zu sehen, dass er auch zu Hause begann, sich zu verändern. Früher hat er dort seine Fantasiewelt ausgelebt, laut erzählt und gespielt. Plötzlich hörte er damit auf und zog sich immer mehr zurück. Er las viel, lag oft im Bett und hatte kaum noch Freude an Dingen, die ihm früher Spaß gemacht hatten.

Einmal sagte er unter Tränen, er glaube, mit einem „Hirnschaden“ geboren zu sein und kein Mensch zu sein, den man mögen könne. Da war er gerade neun Jahre alt.

Ihr habt dann eine neue Schule für euren „Systemsprenger“ gefunden. Wie kam es dazu?

ADHS
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Wir sind schließlich über 600 Kilometer umgezogen und haben in meiner Heimat eine neue Schule gefunden. Sie arbeitet mit jahrgangsübergreifendem Lernen, kleinen Gruppen und individuellen Lernplänen. Schon im ersten Gespräch fühlten wir uns ernst genommen. Die Schulleiterin reagierte völlig unaufgeregt auf sein Verhalten und begegnete ihm ohne Bewertung. Für mich war das ein riesiger Unterschied.

Schon am ersten Tag bekam er eine Klassenassistenz. Nach wenigen Stunden sagte die Schule zu mir, dass sie die Berichte der alten Schule kaum nachvollziehen könne – das Kind, das sie vor sich sehen, passe überhaupt nicht zu den Berichten, die von der alten Schule vorlagen.

Für unseren Sohn war das ein kompletter Neuanfang. Er kam plötzlich fröhlich aus der Schule nach Hause und freute sich morgens auf den Unterricht. Die Schule schlug später sogar vor, dass er ein zusätzliches Jahr an der Grundschule bleibt, um sein Selbstbewusstsein aufzubauen und sich gut auf das Gymnasium vorzubereiten. Diese Entscheidung fanden wir eine Bereicherung und es hat ihm sehr gutgetan.

Es wird dort so toll und individuell gearbeitet, ich könnte noch ganz viele Dinge nennen. Vor allem geht man wertfrei und unaufgeregt auf alle individuell ein und nimmt die Kinder wie sie sind.

Hat er heute noch Ängste wegen dieser Erfahrungen?

Eine ganze Zeit lang hatte er sehr starke Verlustängste. Er hatte große Angst, von uns getrennt zu werden, weil ihm früher angedroht worden war, er müsse sonst in ein Heim oder eine weit entfernte Schule. Das führte dazu, dass er panisch wurde, wenn er mich nicht sofort fand. Inzwischen ist es aber deutlich besser geworden. Er geht wieder allein zur Bibliothek oder zum Schachunterricht und kann auch kurze Zeit alleine zu Hause bleiben.

Wirst du von deinem Umfeld mit deinen Sorgen ernst genommen?

Ich erzähle die ganze Geschichte inzwischen nur noch sehr ausgewählten Menschen. Oft fehlt das Verständnis. Viele glauben, ein Kind müsse da einfach „durch“. Auch über das Thema Hochbegabung spreche ich kaum noch. Es ist ein sehr missverstandenes Thema. Viele reagieren darauf mit Unverständnis oder vergleichen sofort ihre eigenen Kinder. Dabei bedeutet ein sehr hoher IQ nicht automatisch Vorteile – er kann genauso viele Herausforderungen mit sich bringen wie ein Defizit.

Du hast noch zwei weitere Kinder. Wie geht es ihnen mit der Situation?

Polyamor mit Kindern
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Für unseren mittleren Sohn war die Situation zeitweise schwierig, weil er viel Frust seines großen Bruders abbekommen hat. Dazu kommt, dass er sehr kontaktfreudig ist und überall schnell Freunde findet – etwas, das sich sein Bruder oft wünscht.

Wir haben deshalb bewusst begonnen, ihre Aktivitäten stärker zu trennen und jedem Kind eigene Räume zu geben. Das hat sehr geholfen. Unsere jüngste Tochter ist eher ruhig und angepasst. Da achten wir sehr darauf, dass sie sich nicht zu sehr zurücknimmt.

Mit welchen Gefühlen schaust du in die Zukunft?

Im Moment habe ich wieder viel Hoffnung. Unser Sohn darf endlich so sein, wie er ist, und erlebt Schule wieder positiv. Gleichzeitig bleibt eine gewisse Vorsicht, weil wir lange das Gefühl hatten, mit unseren Sorgen nicht ernst genommen zu werden. Deshalb haben wir vorsorglich Kontakt zu einer Familienberatung, und unser Sohn geht dort regelmäßig zu Gesprächen.

Was würdest du dir für dich und deine Kinder wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass unser Schulsystem insgesamt sensibler für unterschiedliche Kinder wird. Jedes Kind lernt anders, und eigentlich bräuchte es viel mehr Raum für individuelle Wege.

Für unseren Sohn wünsche ich mir vor allem, dass sein Übergang auf die weiterführende Schule gut gelingt – und dass er nie wieder das Gefühl haben muss, falsch zu sein. Im Moment geht es ihm wirklich gut, und ich hoffe sehr, dass dieser Weg so weitergeht.

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2 comments

  1. Hallo,
    mich würde interessieren, wo sich das so zugetragen hat. Einmal fiel der Begriff „kantonal“ – das klang nach Schweiz, oder waren es deutsche Bundesländer (dann würde mich interessieren welche)? Ja, der Blick auf das Kind ist von Region zu Region, aber auch von Schulform zu Schulform sehr unterschiedlich und teilweise noch hinterm Mond. Dass es sowas tatsächlich noch gibt, das von Lehrern gedroht wird, das Kind müsse ins Heim, unglaublich…

  2. Ich hatte Gänsehaut beim Lesen- danke für diesen Artikel! Es ist schön zu wissen, dass man nicht allein ist und ja- Probleme von (einigen) Hochbegabten werden vom Schulsystem viel zu oft nicht ernst genommen.

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