Linkshänder: Von Wut und Mut. Wie wir unsere Kids stärken

Linkshänder

Ihr Lieben, seit 13 Jahren gibt es Stadt Land Mama und es gibt immer noch Themen, die wir hier noch nie hatten. Zum Beispiel einen Text zum Thema Linkshänder! Martina Neumann-Ploschenz ist Lerntherapeutin, Linkshänderin – und Mama. Schon früh spürte sie, dass ihre linke Hand nicht in eine Welt passte, die für Rechtshänder gebaut ist. Sie hat uns dazu mehr erzählt:

Martina Neumann Plo

In meiner Schulzeit war mein Handrücken oft voller Tinte, die Blätter zerknittert und verschmiert. Immer wieder hörte ich die gleichen Vorwürfe: „Warum kannst du nicht ordentlicher schreiben? Pass doch besser auf, dass du nicht alles verwischst!“

In der ersten Klasse musste ich sogar mit der rechten Hand schreiben – „weil man das so macht“. Erst in der zweiten Klasse durfte ich, mit viel Dickkopf und einer wirklich schlechten Schrift, endlich mit der linken Hand schreiben. Ich suchte nach einer Haltung, mit der ich weniger verwischte, und landete bei der sogenannten Hakenhand. Doch auch das brachte neue Kommentare: „Wie kann man nur so schreiben?“ Die Grundschule war für mich ein holpriger Weg – voller Herausforderungen, die ich damals nicht verstand.

Heute weiß ich: Genau diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass das Thema Linkshändigkeit mein Herzensanliegen geworden ist. Meine Vision ist klar: Kein Kind soll mehr umgeschult werden – und jedes Kind soll die Chance bekommen, mit seiner dominanten Hand richtig gefördert zu werden.

Wenn Kinder scheinbar „grundlos“ wütend werden

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In meiner Arbeit als Lerncoach und Lerntherapeutin begegne ich vielen Eltern, deren Kinder schnell in Frust und Wut geraten. Ein Mädchen wirft nach fünf Minuten das Heft in die Ecke, weil alles verschmiert. Ein Junge tobt beim Schuhe binden, weil die Schleifen nicht so aussehen wie bei den anderen.

Eine niedrige Frustrationsgrenze und geringes Durchhaltevermögen können mit Linkshändigkeit zusammenhängen. Viele alltägliche Dinge sind schwieriger zu handhaben und führen schneller zu Frust. Für linkshändige Kinder ist das nichts Neues – sie kennen diese Erfahrung schon. Ihre Toleranzgrenze ist dadurch oft gering, und wenn die Gefühle hochkochen, fliegen schon mal Bauklötze durch den Raum.

Nicht die Kinder sind „schuld“ – sondern die rechtshändig genormte Welt

Dieses Scheitern liegt nicht am Kind, sondern an einer Welt, die auf Rechtshänder ausgerichtet ist. Stifte, Scheren, Schreibtische, Spielzeug – vieles ist so konstruiert, dass linkshändige Kinder benachteiligt sind. Was wie „Tolpatschigkeit“ aussieht, ist in Wahrheit eine Frage der Rahmenbedingungen.

Wenn ein rechtshändiges Kind die Kurbel am Kran mühelos nach rechts dreht, das linkshändige Kind aber in die „falsche“ Richtung kurbelt, versteht es die Welt nicht mehr. Solche Stolpersteine führen zu heftigen Ausbrüchen, die Erwachsene schnell als „übertrieben“ abtun. Aussagen wie „Das kann ich ja sowieso nicht“ tun dann doppelt weh – dem Kind, das sich unverstanden fühlt, und den Eltern, die hilflos zusehen.

Umgeschulte Linkshänder – wenn Nachahmung zur Falle wird

Das betrifft auch Kinder, die sich selbst umgeschult haben – meist durch Nachahmung. Eine Mutter erzählte mir, ihr vierjähriger Sohn hatte bisher den Stift immer in der linken Hand gehalten und plötzlich nahm er ihn in die rechte Hand. Was war der Grund? Sein bester Freund war Rechtshänder, und er wollte genauso sein wie er. Nach mehreren Gesprächen, viel Empathie und viel Ausprobieren verstand er, dass es für ihn leichter ist, seine linke Hand für viele feinmotorische Tätigkeiten im Alltag zu benutzen – und dass Unterschiedlichkeit ein Geschenk für alle ist.

Nachahmung ist einer der stärksten Lernmechanismen im frühen Kindesalter. Zwischen zwei und vier Jahren stellen manche Kinder ihre Händigkeit unbewusst um. Wenn dann im Kindergarten das Besteck immer rechts liegt oder Erzieher sagen „das wird sich schon finden“, verfestigen sich diese Muster. Eine umgeschulte Linkshändigkeit verstärkt die Frustration noch – Kinder kämpfen dann nicht gegen eine rechtshändige Welt, sondern gegen ihre eigene Veranlagung.

Kleine Veränderungen, große Wirkung

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Als Lerntherapeutin schaue ich bei allen Kindern genau hin und teste ihre Händigkeit, um sie passend begleiten zu können. Ein Sitzplatz, der das Licht von rechts kommen lässt, ein Tintenroller für Linkshänder, die richtige Handhaltung und Blattlage, ein bisschen Geduld beim Üben – kleine Dinge, die Großes bewirken.

Doch es geht nicht nur um praktische Hilfen, sondern auch um das Innere der Kinder. Ich erinnere mich an den Satz, der für mich alles verändert hat: „Es ist gut so, wie du bist.“ Lange Zeit hatte ich mich falsch gefühlt – ungeschickt, manchmal sogar zu dumm. Erst viele Jahre später konnte ich diesen blockierenden Glaubenssatz auflösen. Genau das wünsche ich allen linkshändigen Kindern: dass sie spüren, ihre Linkshändigkeit ist keine Schwäche, sondern eine Besonderheit.

Selbstwertgefühl bedeutet, sich wertvoll zu fühlen, unabhängig vom Gelingen. Selbstbewusstsein entsteht durch Erfahrungen, durch das Wissen: „Das kann ich gut.“ Beides zusammen gibt Kindern die Kraft, mutig Neues auszuprobieren und in schwierigen Momenten zu sich zu stehen. Eltern können das unterstützen, indem sie die Linkshändigkeit positiv benennen, kleine Erfolgserlebnisse ermöglichen und die Gefühle ihres Kindes ernst nehmen. Oft sind es diese scheinbar selbstverständlichen Gesten, die den größten Unterschied machen.

Entdecke die verborgenen Talente in der Linkshändigkeit

Darum habe ich mein Buch „Linke Hände, viele Talente“ geschrieben – als Ermutigung und Werkzeugkasten für Familien. Auf meinem Instagram-Kanal [@dielinkshaenderin] und auf meiner Website www.happy-linkshaender.de teile ich weitere Tipps, wie Eltern ihre linkshändigen Kinder stärken können.

Ich wünsche euch Mut, Geduld – und den liebevollen Blick auf eure Kinder. Denn hinter der Wut steckt oft einfach nur der Wunsch: „Sieh mich. Versteh mich.

Herzlich,
Martina Neumann-Ploschenz

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Martina Nuemann-Ploschenz: Linke Hände. Viele Talente.


2 comments

  1. Ich selbst bin Linkshänderin und hätte mir Unterstützung in der Schule sehr gewünscht. Schon alleine, welche Handhaltung gut wäre… Letztlich habe ich mir selbst eine Haltung angewöhnt (inklusive einer ganzen Verkrampfung meines linken Arms).

  2. Super, vielen Dank für den Text und die Verlinkungen. Unser zweiter Sohn ist Linkshänder – viel gutes Material habe ich im Netz noch nicht gefunden, um ihn schulisch zu unterstützen und die KL hatte (neu) bisher noch keine Erfahrung und musste sich selbst erst informieren. Aber alleine die Vorgabe von ihr, wie Buchstaben und Zahlen zu schreiben sind (übrigens auch in Lernheften) sind ausschließlich für Rechtshänder gedacht. Dann will es das lernwillige Kind aber auch unbedingt so machen, wie es die LK ihm beibringt. Schwierig. Ich werde direkt mal auf dem Kanal und der Seite stöbern.

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