Ihr Lieben, wir haben neulich bei Instagram den Post von Shari Dietz geteilt, in dem sie einfach mal auflistet, was sie mit derzeit 39 Jahren und so kurz vorm 40. Geburtstag einfach glücklich macht. Einige von euch schrieben „NEID!“, andere sagten, dass sie das leider nicht im Entferntesten so erleben und wieder andere freuten sich einfach mit.
Auch Ellen meldete sich, ihre Kinder sind 22, 20 und 17 Jahre alt. Sie formulierte folgenden Satz: „Gerade noch mit meinem Mann drüber gesprochen, wie schön diese Lebensphase gerade ist. Auch mit 45 ;-)“. Dazu wollten wir gern mehr wissen.
Liebe Ellen, was genau macht die Zeit grad so gut, dass du sagst, es sei die schönste Lebensphase?
Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: ALLES. Und damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Als ich vor ein paar Wochen im Kinderzimmer meiner Tochter stand und alles mit Kisten vollgestellt war, weil sie ihren Auszug vorbereitete, war mir schon sehr mulmig zumute. Die älteste Tochter ist bereits seit 3 Jahren aus dem Haus, aber noch sehr nah bei uns. Doch der Sprung jetzt erschien mir sehr groß. Schließlich ist die jüngste Tochter auch schon fast volljährig und dabei sehr selbstständig und viel unterwegs.
Mein Mann und ich sind beide im Homeoffice und das war und ist immer wieder eine Challenge. Mir kamen Gedanken wie: „Wie füllen wir die Lücke?“ „Was, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben?“ „Was soll ich denn nur tun?“ Doch diese Fragen ergaben sich im Alltag nicht. Wir waren früher, als die Kinder kleiner waren, sehr fremdgesteuert mit unserer Zeit. Elterntaxi zum Training, zu Freunden, gemeinsame Besorgungen für die Schule machen, Einkaufen usw. Ich glaube das kennen alle Eltern. Das ist nach und nach weggefallen.
Unsere Zeit wurde immer mehr frei verfügbar. Die Kinder haben vieles übernommen oder konnten es selbstständig tun. Dadurch ergab sich eine extrem große Freiheit, die ich nicht mehr missen möchte. Wir können ohne große Organisation zu Konzerten oder auch mal in die Oper gehen. Wir können einfach ein paar Tage oder wie auch im vergangenen Sommer einen mehrwöchigen Roadtrip (DANKE ortsunabhängiges Arbeiten) machen. Oder uns einfach auf die Räder schwingen und die Gegend erkunden.
Viele Eltern schauen ja mit etwas geducktem Kopf in Richtung Jugend und wie man das mit den größer werdenden Kids dann so macht, kannst du ihnen Mut machen?
Ich mag es nicht unbedingt, das zu pauschalisieren und kann ja auch immer nur für mich sprechen. Aber ja, ich kann euch Mut machen. Diese Phase, wo aus Kindern eigenständige Erwachsene werden, ist teilweise sehr herausfordernd. Wir müssen loslassen und auf das Leben und die richtigen Entscheidungen der Kinder vertrauen. Sie gehen zu lassen, ohne zu wissen, wo sie sind oder mit wem sie so zusammen sind, das ist nicht unbedingt so leicht. Doch meiner Meinung liegt genau da der Schlüssel zu einer guten Eltern-Kind-Beziehung.
Unsere Kinder teilen sehr viel mit uns. Wir haben schon immer viel gesprochen und auch unsere „Freizeit“ als Eltern angepasst, wenn die Kids kamen und Redebedarf hatten. Meistens passiert das in Momenten, in denen man gar nicht damit rechnet. Und wir geben diesen Momenten einen Raum. Das haben wir auch beibehalten, als die Kinder ausgezogen sind. Ein kurzer Anruf oder Facetime während des Essenkochens. Miteinander im Gespräch bleiben. Und sie gleichzeitig aber auch nicht bedrängen. Ich glaube, diese Mischung sorgt dafür, dass wir so ein gutes Verhältnis zu unseren Töchtern haben.
Die Zeiten verändern sich. Wo sie früher Anleitung brauchten oder vielleicht auch eine klare Grenze, ist man heute eher stiller Berater. Ich sage deshalb still, weil ich es wichtig finde, ihnen nicht ständig ungefragt die eigene Meinung unter die Nase zu reiben. Sie treffen Entscheidungen, die ich nicht unbedingt so gut finde. Doch es ist ihr Leben und nicht meins. Mich daran zurückzuerinnern, dass ich es auch überhaupt nicht mochte, wenn mir jemand gesagt hat, wie ich etwas zu tun und zu lassen habe, hilft da immens.
In ihrem Post erzählt Shari, dass sie mittlerweile dieselben Serien wie ihre Kinder feiert, gibt es bei euch auch Dinge, die ihr plötzlich zusammen genießt?
Sehr cooles Beispiel. Es ist schon ein paar Jahre her, da hatte mein Mann einen Sportunfall, als ich beruflich in Berlin war. Ich bin nach Hause gehetzt, zum Krankenhaus und dann nach Hause. Ich hatte nicht viel geschlafen, war echt fertig und saß dann ausgelaugt auf der Couch. Und meine mittlere Tochter meinte: „Mama, ich glaube du brauchst etwas Lustiges. Ich habe da eine Serien Idee.“ Sie schaltete „Modern Familiy“ an und ich habe mich schlapp gelacht. Bis heute liebe ich diese Serie und wie ich sie gefunden habe.
Früher waren Haushaltsaktivitäten anstrengend und mit viel Organisation verbunden. Heute lieben wir es, gemeinsam zu kochen oder zu backen. Wir mögen es, gemeinsam lange Spaziergänge zu machen oder auch einfach mal abzuhängen. Die Zeit miteinander ist knapper geworden. Aber auch viel bewusster. Unser Highlight ist tatsächlich, dass wir immer noch gemeinsam in den Urlaub fahren. Auch da hat sich viel geändert und wir gehen gerade diese Veränderung miteinander.
Shari erzählt auch, dass sie und ihr Mann eine ganz neue Art von Leidenschaft entdeckt haben, die sie mit 20 gar nicht kannten (die beiden haben 4 gemeinsame Kinder). Kannst du auch da andocken?
Hihihihihi…. Ich möchte hier keine schlüpfrigen Details verraten –, aber ja, es verändert die Partnerschaft. Es ist nicht unbedingt einfach gewesen, ein Paar zu sein, wenn 3 mehr oder weniger erwachsene Kinder im Haus sind und das Haus nicht gerade schall-isoliert ist. Wenn dann auf einmal mehr Freiheit, sprich weniger Menschen im Haus sind, auf die man sich konzentriert oder die auch ablenken, bringt das neuen Freiraum.
Man kann ihn nutzen, um das Haus zu renovieren oder sich vor den Fernseher zu setzen, man kann es aber auch für andere Dinge nutzen. Denn machen wir uns nichts vor: Wenn man sich den ganzen Tag um alle möglichen Belange kümmert und nicht um die eigenen, dann sind auch einfach die Kraft-Reserven aufgebraucht. Und wenn ich keine Kraft habe, wo soll denn dann die Lust herkommen?
Und wenn wir uns die Aufgaben hin- und herschieben und organisieren hat das auch nicht unbedingt so viel Sex Appeal. Wir fühlen uns ins dieser Lebensphase gerade sehr wohl. Es macht Spaß, sich auch wieder völlig neu zu entdecken. Wie bin ich, wie ist mein Partner, wenn wir uns um nichts, als um uns selbst kümmern müssen?
Zur Leidenschaft in einer Langzeitbeziehung, in der es auch Kinder zu versorgen gibt, kamen bei uns die meisten Nachrichten. Das scheint ein vulnerabler Punkt bei vielen zu sein. Etliche wünschen sich das, sind aber weit entfernt davon, was meinst du, wie Paare da rauskommen und wieder zueinanderfinden können?
Ich kenne dieses Gefühl, dass man an einem Punkt ist, wo man auch vieles in Frage stellt. Oder auch mehr möchte. Wir sind seit 30 Jahren ein Paar und ich dachte, wir kennen uns in- und auswendig. Doch diese neu gewonnene Zeit, die wir miteinander haben, hat uns viele Türen geöffnet. Der Dreh- und Angelpunkt ist, meiner Meinung nach, immer wieder KOMMUNIKATION. Sprecht miteinander.
Dieser Roadtrip, den wir im Sommer gemacht haben, ist entstanden, weil wir davor das Jahr schwimmen waren und ich so in Gedanken versunken war. Mein Mann fragte mich, was so in meinem Kopf vorgeht (eine so tolle Frage, die wir viel öfter stellen sollten). Und ich erzählte ihm, dass ich mir Gedanken mache, dass ich noch so viel von der Welt sehen möchte. Was meine Wünsche sind. Es kam einfach so.
Das war kein Setting mit Stuhlkreis und Redestein. Sondern im Hier und Jetzt, miteinander die Gedanken teilen. Und ich war sehr überrascht, dass mein Mann ähnliche Wünsche hat. Und wir haben uns dann zusammengesetzt und reell geschaut, was denn wirklich möglich ist. Was wir wirklich wollen. Daraus ist der beste Sommer aller Zeiten geworden. Ein Sommer, der uns beiden so viel Mut gemacht hat, für die Zeit die kommt. Die Zeit, wo wir weniger Eltern sind, sondern viel mehr „nur“ noch ein Paar sind.
Dieser Sommer trägt uns auch gerade durch die sonst recht trübe Winter Zeit. Wir haben viel mehr Lust, etwas zu unternehmen. Schauen, was wir bislang noch nicht gemacht haben. Besuchen Theater und Opern. Backen abends zusammen gemeinsam Plätzchen. Oder lassen den Fernseher aus und spielen etwas. Dadurch begegnen wir uns ganz anders. Berührungen, Küsse und Umarmungen sind dadurch viel mehr geworden. Ich glaube, dass diese Alltagswertschätzung und das Leben nahe der eigenen Werte ein großer Hebel in einer Beziehung sind.
Shari erzählt auch, dass sie ein neues Hobby gefunden hat, das sie erfüllt, dass sie sich nie so wohl in ihrem Körper fühlte, egal, ob drei Kilo mehr oder weniger, dass sie mittlerweile ihre psychische Gesundheit an die erste Stelle setzt und dass sie sich viel klarer, mutiger, wacher, liebevoller wahrnimmt als zuvor. Bei welchen Punkte kannst du andocken?
Ich gehe da ganz mit. Es ist so schön, wieder Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu haben. Wenn ich heute Mütter mit kleinen Kindern sehe, wie sie sich abhetzen und auch unter Druck setzen, was den eigenen Körper angeht, würde ich ihnen gerne zurufen: „Entspann dich – deine Zeit kommt.“
Lange Zeit habe ich immer schnell, schnell gemacht. Meine Bedürfnisse waren nicht so wichtig, wie ein geputztes Haus oder gewaschene Wäsche. Meinen Sport habe ich gerne hinten rüber fallen lassen, weil ich die Kinder gefahren habe. Das ist heute anders.
Ich liebe es, mir Zeit zu nehmen, mit dem Hund laufen zu gehen oder auch zum Sport ins Gym zu gehen. Wenn ich einen nicht so guten Tag habe, ist das okay. Ich muss hier keine Höchstleistung mehr abliefern. Und dennoch bin ich oft so produktiv wie nie. Gerade habe ich für alle drei Töchter einen Adventskalender gebastelt – einfach weil ich da große Lust zu hatte und nicht, weil das irgendjemand von mir erwartet hat.
Es hat mir so große Freude gemacht und die Mädels haben sich auch sehr gefreut. Darauf sagte eine andere Frau zu mir: „Du musst ja viel Langeweile haben.“ Über diesen bissigen Kommentar konnte ich nur lachen und bei mir denken: „Ach du Arme…“
Ja, natürlich tun sich hier zeitliche Lücken auf. Ich habe dieses Jahr lange überlegt, was ich für mein Leben wirklich möchte. Und für nächstes Jahr werde ich die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin absolvieren. Das ist neben meinem Beruf und weiteren Ehrenämtern, die ich habe, eine schöne Ergänzung, mit meiner Zeit auch etwas sehr Sinnvolles zu tun.
Gab es Zeiten bei euch, bei denen ihr euch die Phase jetzt so gar nicht vorstellen konntet?
Kann man sich wirklich vorstellen, wie Phasen sind, wenn man nicht drin steckt? Ich konnte mir bei einem Kind nicht vorstellen, wie der Alltag mit 3 Kindern sein wird. Oder als sie im Kindergarten waren, hatte ich keine Ahnung, was mich in der weiterführenden Schule erwartet oder wenn man 3 Kinder auf 3 unterschiedlichen Schulen hat. Wir wachsen alle in diese Phasen rein. Je offener wir damit umgehen und unsere Erwartungen loslassen (einfacher gesagt als getan, das ist mir bewusst) desto einfacher und schöner wird es.
Ich weiß noch, wo ich im Sommer, einer Bekannten von meinem mulmigen Gefühl, die die gepackten Kisten im Kinderzimmer meiner Tochter ausgelöst haben, erzählt habe. Sie hat mich angelächelt und gemeint: „Da wartet gerade eine ganz tolle Lebensphase auf dich. Freu dich drauf.“ Das hat wirklich gewirkt.
Natürlich trauere ich Phasen hinterher. Die ersten Schritte. Die Schnullerfee. Der erste Wackelzahn. Das gemeinsame Kekse backen oder basteln. Doch es hilft weder mir, noch meinen Kindern, wenn ich zu sehr daran festhalte. Wir hatten diese gemeinsame Zeit und wenn wir Glück haben, haben wir in Zukunft auch noch ganz viele gemeinsame Momente. Nur halt eben anders. Und darauf freue ich mich sehr.
Was möchtest du denen noch mitgeben, die vielleicht grad noch struggeln und sich fragen, ob die Fahrwasser bald wieder ruhiger und glücklicher werden?
Ich überlege gerade, was mir geholfen hätte, als die Fahrwasser ganz und gar nicht ruhig waren. Ein bisschen froh bin ich, dass es für mich zu der Zeit noch kein Instagram oder Ähnliches gab. Die Geschichten anderer Eltern oder Mütter hätten mich gestresst. Wir schauen viel zu sehr nach links und rechts, anstatt uns auf uns zu konzentrieren. Jeder kocht immer nur mit Wasser. Wir haben alle unsere Kämpfe zu kämpfen. Und das sieht keiner.
Sei da milde mit dir. Mit deiner Zeit. Ja, ich konnte jetzt für 3 erwachsene Kinder einen Adventskalender basteln. Aber es gab genug Jahre, wo es das nicht gab (ganz davon abgesehen, dass dieser Adventskalender-Wahnsinn kaum zu finanzieren ist…).
Je älter die Kinder werden, desto selbstständiger werden sie. Deine Zeit ist nur für einen gewissen Zeitraum fremdgesteuert. Du hast im Moment keine Zeit für Selfcare oder Yoga oder ein perfektes Haus in Vanille-Beige? Entspann dich. Das ist jetzt so. Aber nicht für immer.
Es ist mittlerweile erwiesen, dass Social Media sehr unglücklich bis krank macht. Wenn du also eh schon gestresst und gefordert bist, lass die Vergleiche mal eine Zeit lang sein, du weißt doch eh nicht, was da im Netz echt oder fake ist. Gib dir und deinen Kindern Momente mit, an die sie sich erinnern. Gemeinsames Abendessen auf dem Trampolin. Pyjama-Party und Kissenschlacht. Pfützenspringen und im Regen tanzen. Mach das, worauf ihr Bock habt. Ohne Druck, alles perfekt machen zu müssen.
Und sollte es einmal ganz arg sein: Deine Zeit kommt. Und sie wird großartig. Freu dich darauf.



3 comments
Auch beim älter werden ist es wichtig, auf sich zu achten und in Form zu bleiben. Viele Menschen haben ein mulmiges Gefühl beim Thema Alter. Wenn man sich gesund ernährt, soziale Kontake pflegt und hin und wieder Sport macht, kann man sich gut auf die nächste Lebensphase vorbereiten. Vielen Dank für den nützlichen Artikel!
Liebe Grüße
Laura
Toller Artikel. Danke!!
Wow, so schön geschrieben.
Ein Dank an die Autorin für die warmherzigen, echten Worte und dann so toll geschrieben. 🙂
Dankeschön und alles Gute für deinen weiteren spannenden Weg in eurem sich verändernden Familiensetting. Die eine Tür schließt sich, die nächste geht auf. 🙂