Späte Scheidung: Meine Eltern trennen sich nach 51 Ehejahren

Scheidung

Foto: Freepik

Ihr Lieben, die Scheidungsraten nach langjährigen Ehen, oft als „Spät-Scheidungen“ bezeichnet, haben in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zugenommen. Zwar scheitern die meisten Ehen statistisch gesehen früher (meist im 6. oder 7. Jahr), aber Berichten zufolge scheitert mittlerweile etwa jede sechste Ehe nach der Silberhochzeit. Bei etwa 55 Prozent der Scheidungen nach 20 oder mehr Ehejahren wird „Auseinanderleben“ als Hauptgrund angegeben.

Auch Anjas Mutter trennte sich mit 72 Jahren nach 51 Ehejahren von Anjas Vater – und so wird Anja mit knapp 49 Jahren zum „Scheidungskind“. Wie sich das anfühlt, erzählt sie hier.

Wie haben sich deine Eltern kennengelernt und wie hast du die Ehe deiner Eltern in deiner Kindheit erlebt?

Meine Eltern waren schon seit der frühen Jugend zusammen. Sie sind im gleichen Dorf aufgewachsen und hatten wohl beide nicht die Möglichkeit, mal über die „Dorfmauern“ hinauszuschauen. Sie haben früh geheiratet, wie es in dieser Zeit üblich war. Das muss natürlich nicht immer schlecht sein, sicher sind aus solchen Jugendlieben auch viele glückliche Ehen hervorgegangen. 

In meiner Erinnerung war es zu Hause selten wirklich harmonisch, das habe ich schon als Kind gespürt. Es gab sehr selten optisch irgendwelche Anzeichen, denen man hätte entnehmen können, dass meine Eltern glücklich miteinander sind. Das hat mich manchmal traurig gemacht, vor allem, wenn ich es im Bekanntenkreis bei anderen Eltern anders erlebt habe. 

Es gab tatsächlich schon ein- bis zweimal konkrete Auszugspläne meiner Mutter, die dann aber wieder verworfen wurden. Damals war ich natürlich froh darüber, rückblickend denke ich jedoch oft, dass es das Beste gewesen wäre. So hätte jeder noch die Möglichkeit auf ein „Leben danach“ gehabt, was jetzt im hohen Alter natürlich schwieriger ist. Im Großen und Ganzen habe ich versucht, das Thema in meiner Kindheit nicht groß an mich ranzulassen, was mir auch meistens gut gelungen ist. Mein jüngerer Bruder hat deutlich mehr unter der Situation gelitten. 

Sind deine Eltern recht ähnlich oder ticken sie komplett unterschiedlich?

Sie sind komplett verschieden. Meine Mutter ist ein richtiger Lebemensch, hat einen großen Freundeskreis, ist viel unterwegs. Sie ist eine leidenschaftliche Oma, zu jedem Spaß zu haben. Mein Vater fühlt sich zuhause in den eigenen vier Wänden am wohlsten. Er benötigt viel Struktur, ist weder spontan noch sonderlich flexibel. Abweichungen von seinem geregelten Tagesablauf setzen ihn unter Stress.

Die Sozialkontakte kamen überwiegend durch meine Mutter zustande und wurden durch sie auch über Jahre aufrechterhalten. Das macht die Situation für ihn nun natürlich sehr viel schwieriger, er weiß wenig mit sich anzufangen, tut sich schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. 

Was meinst du: Was haben deine Eltern am anderen am meisten vermisst? 

Meine Mutter an meinem Vater ganz sicher Unternehmens- und Lebensfreude. Er kann schon sehr griesgrämig sein, was auch das soziale Umfeld immer so wahrgenommen hat. Das hat sich natürlich zum Teil auch auf die gemeinsamen sozialen Kontakte ausgewirkt. Und sicher hätte sie sich auch mehr Wertschätzung gewünscht für das, was sie für die Familie über die vielen Jahre alles geleistet hat. Auch, wenn es kein Geld in die Kasse gespült hat. 

Mein Vater hat sich sicher oft in den Hintergrund gedrängt gefühlt durch das – für ihn – laute Auftreten meiner Mutter in der Öffentlichkeit und ihren großen Freundeskreis. Im Grunde genommen war sie dort glücklicher als in seiner Gegenwart – und das zu spüren, hat die Fronten noch weiter verhärtet.

Kam die Trennung überraschend für dich?

Nein, es war in den letzten Jahren immer wieder mal Thema, allerdings haben meine Eltern ein schönes Häuschen, das meine Mutter sehr geliebt, gehegt und gepflegt hat. Dass dies bei einer Trennung veräußert werden muss, war ihr klar. Daher hat sie immer wieder gehofft, dass die Situation sich bessert oder wenigstens für sie händelbar ist. Dies war zum Schluss dann leider wohl nicht mehr der Fall. 

Weißt du, was letztendlich nun das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Letztendlich war die häusliche Situation für meine Mutter nicht mehr tragbar. Ich denke, beide waren unzufrieden, meine Mutter hatte allerdings immer noch ein großes soziales Umfeld, in dem sie Ablenkung und Zuspruch fand. Diesen Ausgleich hatte mein Vater nicht, so dass er seine Unzufriedenheit im häuslichen Umfeld auslebte, was immer wieder für Streitigkeiten sorgte. 

Wie läuft die Trennung jetzt ganz praktisch ab? Wer zieht aus? Sehen die beiden sich noch? 

Meine Mutter hat sich eine Wohnung genommen, mein Vater lebt momentan noch im Haus, das jedoch nun verkauft werden muss. Ich bin im Moment auf der Suche nach einer Wohnung für ihn, was sich allerdings schwierig gestaltet. 

Er ist gesundheitlich schon etwas angeschlagen und da etwas Altersgerechtes zu finden, das bezahlbar ist, ist eine Herausforderung. Er ist sehr phlegmatisch und zurückgezogen, teilweise wie ein Kleinkind, das stetig angeleitet werden muss. Da ich selbst geschieden und alleinerziehend bin und 30 Stunden pro Woche arbeite, ist dies für mich oft sehr belastend. 

Meine Eltern haben Kontakt, jedoch ist meine Mutter auch verständlicherweise damit beschäftigt, ihr neues Leben zu organisieren. Und natürlich trennt man sich nicht ohne Grund und möchte dann auch nicht täglich oder regelmäßig Kontakt zu seinem Ex-Partner…

Wer von deinen Eltern meistert die Trennung besser?

Ganz klar meine Mutter. Ihre Lebenssituation hat sich durch die Trennung auf jeden Fall verbessert, das kommuniziert sie auch ganz offen und ehrlich. Das macht es für meinen Vater natürlich nicht unbedingt einfacher, im Gegenteil. 

Wie geht es dir als Tochter damit, dass sich deine Eltern nun trennen? 

Mit der Tatsache der Trennung kann ich relativ gut umgehen, der bisherige Zustand war ja für uns alle nicht wirklich tragbar. Belastend ist für mich die Sorge um meinen Vater. Viele Dinge, die erledigt und organisiert werden müssen und das stetig schlechte Gewissen, wenn ich mich ein paar Tage nicht gemeldet habe und weiß, dass er wahrscheinlich in dieser Zeit keinerlei soziale Kontakte hatte. 

Auch für meine Kinder tut mir die Tatsache, dass jetzt auch noch Oma und Opa getrennt sind, sehr leid. Das setzt mich zusätzlich unter Druck, ich möchte den Kindern doch gerne ein heiles Familienleben bieten, gute Voraussetzungen schaffen, dass sie später auch selbst mal ein glückliches Ehe- und Familienleben führen können. Oft frage ich mich, ob das für sie später im zwischenmenschlichen Bereich einmal negative Folgen haben wird, dass ihre Eltern und Großeltern sich getrennt haben.

Du sprichst deine eigene Ehe an. Du bist auch getrennt. Kannst du da Parallelen zu seinen Eltern sehen?

Ob mein eigenes Versagen – wenn man es so nennen kann – etwas mit meiner Herkunftsfamilie zu tun hat, kann ich abschließend nicht beantworten. Die Problematik in meiner Ehe war eine andere. 

Sicher gibt es auch Stimmen, die sagen, dass man sich in so einem hohen Alter wie das deiner Eltern doch nicht mehr trennen muss. Was sagst du dazu?

Das sehe ich nicht so. Wenn die schlechten Gefühle und Tage in einer Ehe über einen langen Zeitraum überwiegen, dann soll und darf jeder die Möglichkeit haben, einen Schlussstrich zu ziehen. Ob die Zeit, die einem dann noch verbleibt, bei fünf oder 25 Jahren liegt, ist irrelevant. Man hat ja nur das eine Leben, und jeder Mensch hat ein Recht auf Glück und seinen Seelenfrieden. 

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3 comments

  1. Moin moin,
    Es gibt eine sehenswerte Doku aus der Reihe „Menschen hautnah“ über späte Trennungen. Eine sehr betagte Frau, ich glaube ü80, trennt sich und blüht auf, und der Mann ist völlig lost. Bei diesem Mann und auch bei dem Vater aus dem Blogbeitrag rächt es sich, dass sie keine sozialen Beziehungen gepflegt haben und auch sonst unselbstständig sind. Ich freue mich für die Mutter aus dem Blog und für die Dame aus der Doku. Und, liebe Blogautorin, Du hast nicht versagt und Deine Mutter auch nicht, wenn Ihr Selbständigkeit und gute soziale Beziehungen vorlebt. Der Opa scheint nicht so ein gutes Vorbild zu sein, aber das kriegen die Kinder schon eingeordnet.
    Alles Gute für Euch!
    Sophie

  2. Danke für den Artikel!
    Mich würde wahnsinnig die Sicht deiner Mutter interessieren. Ich finde es so toll und mutig, diesen Schritt zu gehen (das ist er immer, aber in diesem Alter, in der Generation noch viel mehr).
    Meine liebe Oma hat diesen Schritt nie gewagt und ist mit 85 Jahren gestorben. Ich glaube, sie hat immer wieder mit sich gerungen.
    Also vielleicht wäre deine Mama bereit, mal einen Bericht zu ihrer Ehe und der Trennung zu schreiben?

    Viele Grüße

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