Ihr Lieben, wie schaffen wir es, in einer Langzeitbeziehung glücklich zu bleiben, welche Fragen kann ich meiner Beziehung stellen, um zu schauen, ob ich das alles noch so will… oder vielleicht auch nicht mehr? Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet helfen uns in ihrem Buch „Should I stay or should I go“, diese Gedanken zu sortieren und uns eine mögliche Entscheidung zu erleichtern. Sie haben zwanzig Fragen ausformuliert, die wir unserer Beziehung stellen können, um zu schauen, ob wir gehen oder bleiben. Auch hier im Interview geben sie schon gute und handfeste Tipps.
Ihr Lieben, ihr beratet als Langzeitpaar andere Langzeitpaare als Paarcoaches, wieviel nehmt ihr aus den Beratungen auch für eure eigene Beziehung mit?
Jedes Paarleben ist so individuell, dass man Erfahrungen aus anderen Beziehungen nicht eins zu eins auf das eigene übertragen kann. Und das tun wir auch nicht. Aber durch die intensive Beschäftigung mit Paarthemen sind wir sehr wachsam für das, was bei uns passiert. Das bedeutet nicht, dass wir nicht streiten oder keine Konflikte haben. Die gibt es auch bei uns. Der Unterschied ist eher: Unsere inneren Warnsysteme schlagen früher an. Wir erkennen Muster schneller – und finden meist auch schneller wieder raus. Unsere Beratung sensibilisiert uns also für typische, problematische Muster.
Viele Paare kommen nach einer Affäre – oder wie ihr sagt: Außenbeziehung – zu euch, weil sich das doch dann für alle Beteiligten wuchtig anfühlt. Wie könnt ihr da konkret helfen?
Eine aufgeflogene Affäre ist eine massive Erschütterung für eine Partnerschaft. Sie reißt den Boden unter den Füßen weg – beiden Seiten, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Plötzlich sind da Verletzung, Verrat, Wut, Scham, Schuld, Angst vor dem Verlust. Das alles auszuhalten ist für viele Paare ohne Unterstützung kaum möglich.
Unsere erste Aufgabe ist es deshalb, Paaren dabei zu helfen, dieses emotionale Chaos zu sortieren. Die Verletzung muss gesehen werden, bevor Heilung möglich ist. Erst später geht es darum, zu verstehen, warum es passiert ist, ob ein neuer Anfang möglich ist und wie Vertrauen wieder entstehen kann.
Euer Buch heißt „Should I stay or should I go“, weil ihr sagt, dass sich das viele in der Lebensmitte fragen. Wie kommt es dazu?
Should I stay or should I go? – diese Frage stellen sich sehr viele Menschen in einer langen Beziehung. Oft unausgesprochen, leise, manchmal jahrelang. Sie entsteht meist nicht aus einem einzelnen Ereignis heraus, sondern aus einer inneren Erschöpfung. Wenn Gespräche sich im Kreis drehen, wenn Nähe verloren geht, wenn sich Verletzungen aufstauen. Gerade in der Lebensmitte kommen oft mehrere Dinge zusammen.
Viele äußere Bedingungen, die eine Beziehung lange getragen haben, verändern sich oder fallen weg. Kinder werden selbstständig, berufliche Rollen sind etabliert. Dann entsteht Raum für Fragen, die vorher kaum Platz hatten. „War es das jetzt – oder kommt da noch was?“ Man schaut anders auf das eigene Leben, auf Nähe, verpasste Wünsche. Es geht gar nicht darum, dass eine Beziehung schlecht ist. Sondern darum, dass sie sich nicht mehr weiterentwickelt. Aber wie eine Weiterentwicklung aussehen könnte, ist unklar.
Ihr kennt sicherlich das Bild vom Frosch, der sofort aus dem Topf springt, wenn das Wasser sehr heiß ist, der aber drin bleibt, wenn sich das Wasser nur langsam erwärmt – er schafft dann den Absprung nicht und stirbt allmählich…
Paare, die zu uns in die Beratung kommen, sind ja in der Regel Paare, die nicht einfach passiv im Topf sitzen bleiben. Es sind Paare, die etwas verändern wollen und die spüren, dass sie so nicht weitermachen wollen. Aber ganz bestimmt gibt es auch viele Paare, die gar nicht wirklich merken, dass sie sich in ihrer Beziehung langsam, aber stetig voneinander entfernen.
Nähe geht langsam verloren, Unzufriedenheit wächst. Viele Paare richten sich erstaunlich bequem in einem Zustand ein, der eigentlich unglücklich macht. Dieses Unglück ist dann irgendwann vertraut. Und dann geht es der Beziehung möglicherweise auch so wie dem armen Frosch. Deshalb sind ehrliche Fragen so wichtig. An den Partner, die Partnerin. Aber auch an sich selbst: Bist du eigentlich noch zufrieden? Aushalten ist kein tragfähiges Beziehungskonzept.
Wenn keine Gewalt in der Langzeitbeziehung vorkommt und es einfach nur irgendwie langweilig geworden ist, man mehr als WG zusammenlebt als als Liebespaar. Wie lässt sich da das Feuer wieder entfachen?
Es geht weniger darum, wieder ein großes Feuer zu entfachen, sondern darum, kleine Funken zu schlagen. Gute Gespräche, bewusste Nähe, Aufmerksamkeit, Leichtigkeit wiederzufinden. Eine Dauerverliebtheit ist nämlich kein realistisches Ziel. Aber Lebendigkeit, Verbundenheit und auch Lust können immer wieder neu entstehen.
Um das zu erreichen, braucht man Mut, eingefahrene Muster zu verlassen und mal etwas Neues auszuprobieren. Zum Beispiel Wünsche auszusprechen, Unsicherheiten zu teilen und Mut, sich vom anderen überraschen zu lassen. Und schließlich geht es um Neugier. Nicht davon auszugehen, dass man schon alles über den anderen wisse nach den vielen Jahren, die man zusammen ist. Lust und Lebendigkeit entstehen dort, wo man den Partner, die Partnerin einfach mal aus einer neuen Perspektive entdecken kann.
Ihr lasst euch gern von Paaren erzählen, in was sie sich beim Anderen zu Beginn verliebt haben. Und sagt, wenn sich jemand daran nicht erinnern kann, ist das schon ein Zeichen, dass es vielleicht zu Ende geht, oder?
Hinter der Frage nach dem Beginn einer Beziehung steckt vor allem die Idee, dass das Paar sich an diese Verliebtheitsphase erinnert. Und sich nochmal bewusst macht, warum sie sich damals füreinander begeistert haben. Viele Paare, mit denen wir arbeiten, können sich bei dieser Frage spontan miteinander verbinden, und das entspannt ein oft angestrengtes Gespräch. Beim Umkehrschluss gehen wir aber nicht mit: Wer sich nicht erinnert, hätte demnach eine schlechte Prognose. Die Arbeit mit dem Paar ist dann sicherlich nicht leichter, aber nicht ohne Perspektive.
Ab wann sagt ihr, es lohnt sich, für die Beziehung zu kämpfen? Und wann sagt ihr eher: Eine Trennung wäre angebracht?
Mit dem Begriff „kämpfen“ tun wir uns schwer. Denn „kämpfen“ suggeriert, dass eine oder einer von beiden alleine etwas retten könnte. Es geht eher darum, Fragen zu stellen: Was fehlt mir in meiner Beziehung? Was kann ich selbst tun, um das zu ändern und zu verbessern? Was verbindet uns noch? Welche Gründe gibt es, zusammen zu bleiben? Wovon hätte ich gerne mehr, wovon weniger?
In unserer Beratung merken wir oft, dass Trennungsgedanken und Trennungsdrohungen solche Fragen überdecken und sich destruktiv auswirken auf eine ohnehin gestresste Beziehung. Wir sagen übrigens einem Paar nicht: Eine Trennung wäre angebracht. Sie wird allerdings wahrscheinlicher, wenn eine:r von beiden aussteigt aus dem Gespräch und keine Veränderung möchte. Wenn er oder sie also lieber in einem festgefahrenen Zustand verharren möchte.
Welche Frage darf ich an meine Beziehung stellen, wenn ich grad denke: Eigentlich toller Partner/tolle Partnerin, aber ich schau grad neidvoll auf alle Frischverliebten in meinem Umfeld, die in der „zweiten Runde“ nochmal so viel Feuer im Neubeginn erleben und auf Händen getragen werden?
Eine gute Frage könnte sein: Was wünsche ich mir denn für meine eigene Beziehung, womit bin ich vielleicht unzufrieden, empfinde ich eher eine Stagnation? Frisch verliebt zu sein ist sicher ein Kick und immer eine wunderschöne Beziehungsphase. Aber dann kommen andere Phasen, die ein Paar vor die Herausforderung stellen, ihre Beziehung lebendig zu halten. Verliebtsein geht von selbst. Aber für die Liebe muss man die Beziehung im Blick behalten und jeden Tag gestalten.
Warum bleiben so viele in Beziehungen, die ihnen nicht guttun?
Das ist ein Phänomen, das wir aus unserer Beratung in vielen Ausprägungen kennen. Oft hören wir: „Wir haben uns auseinandergelebt“. Aber wie kann ein Paar das ändern? Veränderung kostet Kraft. Da scheint es einfacher und bequemer, dass man alles so weiterlaufen lässt, nörgelt und sich zurückzieht. Viele Paare finden sich damit ab, dass es nicht mehr gut läuft und meinen vielleicht, dass eine Langzeitbeziehung nach und nach wie von selbst auseinanderfällt.
In der Beratung geht es dann darum, zu fragen, welche Gemeinsamkeiten beide wiederentdecken und was sie dafür tun möchten. Viele kommen aber auch ziemlich ratlos zu uns, weil sie nicht wissen, wie sie aus ihren ständigen Streitereien aussteigen können. Und wie sie wieder besser miteinander reden können. Sie kommen zu uns, weil sie sich dafür Unterstützung versprechen.
Warum gibt es aber gleichzeitig auch so viele Trennungen wie nie zuvor und die Leute heiraten trotzdem noch reihenweise? Wollen wir einfach an das ewige Glück mit der EINEN Person glauben?
Ja, das stimmt so für viele. Die romantische Liebesbeziehung ist immer noch ein Ideal, das in unserer Gesellschaft und in unserer Kultur stark verankert ist. Das ewige Glück mit genau diesem oder dieser Auserwählten ist ja auch eine schöne Aussicht. In unserer sehr krisenanfälligen Zeit ist sie besonders verlockend, glauben wir – denn eine Paarbeziehung verspricht nicht nur Leichtigkeit und Lebendigkeit, sondern auch Stabilität und Kontrolle über die eigenen Lebensumstände.



1 comment
Ein gutes Thema und ich stimme den Fragen der beiden auch zu. Allerdings ist das Interview sehr oberflächlich, mir fehlen z.B. Informationen zu deren Hintergrund. Was macht die beiden denn zu Experten in Beziehungsfragen, außer die eigene Langzeitbeziehung?